Berührende Fotos einer schwangeren Frau mit Magersucht (NSFW)

Vielleicht kennst du die Arbeiten der Fotografin Sophie Harris-Taylor, deren Projekt Epidermis – eine Serie von Porträts, die die Schönheit häufiger Hautkrankheiten in den Mittelpunkt stellt und feiert – auf Instagram und im Internet allgemein viral ging. Möglicherweise ist sie dir auch von ihrer neueren Fotoserie bekannt, die die mangelnde Unterstützung thematisiert, die Männer in der Übergangsphase zur Vaterschaft erhalten. Und dann ist da noch das Projekt Milk, das die Welt des Stillens erkundet. Diese intimen, persönlichen und einfühlsamen Bilder sind immer von Sophies eigenem Leben inspiriert: von ihrem Umgang mit Hautproblemen, von der Tatsache, dass ihr Partner Vater wurde, und von ihren eigenen Erfahrungen mit dem Stillen. Aber es kommt selten vor, dass sie die Kamera auf sich selbst richtet. Dann aber wurde sie aber zum zweiten Mal schwanger und das änderte sich.
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Foto: Sophie Harris-Taylor.
Foto: Sophie Harris-Taylor.
Als jemand, die ihr ganzes Erwachsenenleben lang mit unterschiedlichem Erfolg gegen eine Essstörung angekämpft hat (in ihren Worten: „Seit 15 Jahren bin ich nun auf dem Wege der Genesung. Ich weiß aber bis heute nicht wirklich, wie Genesung aussieht“), wusste Sophie, dass der Umgang mit ihrer psychischen Erkrankung während der Schwangerschaft eine entscheidende Rolle spielen würde. Während ihrer ersten Schwangerschaft erzählte sie R29: „Ich wusste, dass ich mich dafür glücklich schätzen konnte, schwanger zu sein, und dass ich mit Ärzt:innen und Spezialist:innen für Essstörungen zusammenarbeiten musste, um ein gesundes Baby zur Welt bringen zu können.“ Da die Schwangerschaft mit ihrem ersten Sohn zwar nicht einfach, dafür aber aufregend gewesen war, dachte sich Sophie, dass sie das Ganze auch ein zweites Mal hinbekommen würde.
Aber sie musste feststellen, dass das Schwangersein mit mehr Übung nicht einfacher wurde. „Im Gegenteil“, erzählt sie, „das zweite Mal war viel schwieriger. Bei einer Essstörung geht es vor allem um Kontrolle. Wenn du schwanger bist, gerät der Körper völlig außer Kontrolle: Er verändert sich rasant, und all die Dinge, vor denen ich schon immer Angst hatte, sind passiert.“ Und im Gegensatz zu Sophies erster Schwangerschaft, bei der sie die ganze Zeit über unterstützt wurde, hatte sie dieses Mal keine Unterstützung von Fachleuten für Essstörungen.
„Um ehrlich zu sein, dachte ich, ich würde eigentlich keine Hilfe mehr bei der zweiten Schwangerschaft brauchen.“ Als Sophie mit ihrer Hebamme über eine Überweisung für eine Fachkraft sprach, wurde sie sofort auf eine Warteliste gesetzt. Leider blieb sie den größten Teil ihrer Schwangerschaft auf der Warteliste und hatte keine Expert:innen um sich, die sich mit Magersucht auskannten. „Erst ganz am Ende meiner Schwangerschaft wurde mir ein Team, das sich auf Essstörungen spezialisiert, zugewiesen“, sagt sie.
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Foto: Sophie Harris-Taylor.
Deshalb musste Sophie ohne fachliche Unterstützung mit ihrem inneren Dilemma zurechtkommen. Auf der einen Seite waren ihre tief verwurzelten Gedanken und Verhaltensweisen und auf der anderen ihr Wunsch danach, dass ihr Kind gesund und glücklich sein würde.
„Dass ich schwanger wurde, war kein Zufall“, erklärt sie. „Ich wollte unbedingt noch ein Kind, aber nur nicht die ganze Schwangerschaft durchmachen. Als Mutter willst du natürlich das Beste für dein Kind. Ich wollte sichergehen, dass mein Baby wirklich gesund sein würde. Deshalb tat ich auch alles, was ich konnte, um dafür zu sorgen. Gleichzeitig hatte ich aber diese unglaublichen Schuldgefühle, die damit zusammenhingen, dass ich meinen Körper auf gesunde Weise ernähren wollte.“
„Ich wusste, dass ich das tun musste, weil ich ein gesundes Baby wollte, aber gleichzeitig fühlte sich der essgestörte Teil von mir schuldig und fast so, als würde ich versagen. Ich hatte ständig das Gefühl, dass ich gegen mich selbst kämpfte.“
Foto: Sophie Harris-Taylor.
Foto: Sophie Harris-Taylor.
Inmitten dieses Gefühlschaos begann sie, sich und ihre Gedanken zu dokumentieren.
„Ich verfiel in eine Depression. Ich schaffte es, Hilfe zu bekommen, aber gleichzeitig fing ich an, wahllos Fotos von mir zu machen und meine Gefühle niederzuschreiben. Wenn es dir so schlecht geht, denkst du, dass du verrückt wirst. Deshalb schrieb ich meine Gedanken auf und machte hie und da Bilder. So begann das Projekt.“
Die Erzählung, die sich aus diesen Bildern und Zitaten ergibt, die sie zu dem Projekt mit dem Titel Showing zusammengefasst hat, ist verletzlich und ungeschönt. In Sophies Selbstporträts treffen ihre Liebe zu ihrer Tochter auf ihr inneres Unbehagen. Zwischen Nahaufnahmen ihrer Haut und Silhouetten finden sich Sophies eigene Gedanken, die sie während ihrer Schwangerschaft notierte:
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Ich fühle Liebe, aber keine Aufregung. Ich fühle mich ausgelaugt, aber nicht herausgefordert. Ich fühle mich einsam, aber ich bin nicht allein, ich bin selten allein.
„Das ständige Zählen und all diese Zahlen bereiten mir Kopfschmerzen. Ein verzerrter Verstand, eine verzerrte Sichtweise.“
„Beide verletzlich.“
„Ich fühle mich schuldig, weil ich diese Momente nicht genieße.“
Foto: Sophie Harris-Taylor.
Die Schwangerschaft, Geburt und frühe Mutterschaft werden in dieser Fotoserie nicht beschönigt. Sophie hat versucht, Raum für jene Erfahrungen während der Schwangerschaft zu schaffen, die so oft durch Scham verdeckt werden: das Gefühl, nicht mit dem eigenen Körper verbunden zu sein, die Schwierigkeiten damit, den Erwartungen, die mit dem Schwangersein verbunden sind, gerecht zu werden, und die Komplikationen, die mit einer psychischen Erkrankung einhergehen.
„Ich denke, dass wir Schwangerschaften sehr verherrlichen“, sagt Sophie. „Wenn du jemandem erzählst, dass du schwanger bist, gratuliert dir die andere Person sofort. Viele Frauen fühlen sich zu dieser Zeit wohler in ihrem Körper, weil sie das Schwangersein als einen Segen empfinden. Ich glaube aber, dass es auch viele Frauen gibt, die das Gegenteil verspüren. Darüber wird aber nicht wirklich gesprochen und wenn doch, dann ist das Thema mit sehr viel Scham verbunden.“
Indem sie das ansprach, dokumentierte Sophie nicht nur ihre Erfahrungen, sondern schuf auch etwas, nach dem sie während dieser neun Monate selbst auf der Suche war.
Foto: Sophie Harris-Taylor.
„Es gab nur wenige Artikel, die sich auf Schwangerschaften und Essstörungen bezogen“, sagt sie, „und alle, die in der ersten Person geschrieben waren, las ich wieder und wieder. Ich fand sie wirklich hilfreich, weil sie mir das Gefühl gaben, dass ich mit meinen Erfahrungen nicht allein war.“
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„Deshalb bin ich jetzt an einem Punkt angelangt, an dem ich das Gefühl habe, dass ich einen Teil meiner Arbeit teilen sollte.“
Mutterschaft und das Leben mit einer Essstörung sind beides Existenzen, die mit Scham behaftet sind. Die Körper von schwangeren und frischgebackenen Müttern werden überwacht und an unmögliche Erwartungen gekoppelt, während ein Großteil der treibenden Kraft hinter Essstörungen eine gesellschaftlich geförderte Scham in Bezug auf unseren Körper ist. Anstatt diese komplizierten Gefühle zu beschönigen, schafft Showing Raum für sie. Das Ergebnis ist sowohl zutiefst persönlich als auch für jede Person nachvollziehbar, die sich schon einmal in zwei Richtungen gleichzeitig gezogen gefühlt hat.
Foto: Sophie Harris-Taylor.
Sophie geht es jetzt besser. Ihre Depression ist fast verschwunden und sie arbeitet mit einem auf Essstörungen spezialisierten Team zusammen.
„Ich bin jetzt schon ziemlich lange in Therapie. Ich weiß nicht, ob ich jemals vollständig genesen werde, aber ich möchte mich so gut wie möglich von meiner Essstörung erholen. Ich habe gerade eine Tochter bekommen – und die Vorstellung, dass ich mein Verhalten an sie weitergeben könnte…“
„Ich habe wahrscheinlich noch einen ziemlich langen Weg vor mir, aber ich tue mein Bestes. Ich habe jetzt ein wunderschönes kleines Mädchen. Da sie jetzt auch mehr schläft, fühle ich mich auch wieder ein bisschen mehr wie ich selbst.“
Wenn du mit einer Essstörung zu kämpfen hast und Unterstützung benötigst, findest du hier professionelle Hilfe.

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