Schuldgefühle, Impostor-Syndrom & Co.: So ist es, mit Freund:innen zu arbeiten

Illustration: Abbe Winters
Die Freundschaften, die im Feuer des Kapitalismus geschmiedet wurden, gehören zu denjenigen, an die ich am liebsten zurückdenke. Als Teenie arbeitete ich in einem großen Spielwarengeschäft, wo ich während meiner Schicht all die Gerüchte, die in unseren örtlichen Schulen so kursierten, und alles über das Liebesleben meiner Kolleg:innen im Einzelhandel erfuhr. Das änderte sich nicht besonders, als ich dann den Job wechselte und in einem Büro zu arbeiten begann. Hinzu kam bloß die nervige Aufgabe, scheinbar unaufhörlich Copy-und-Paste-E-Mails zu verfassen. Die Beziehungen, die am Arbeitsplatz entstehen, können sich erheblich von den anderen Freundschaften unterscheiden, und das ist etwas, das wir gutheißen sollten.
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Es gibt einen Grund, warum wir für gewöhnlich nur ungern Freundschaftsgruppen mischen. Bei seltenen Gelegenheiten, wenn Freund:innen aus der Kindheit, Familienfreund:innen, Kolleg:innen, Schulkamerad:innen und sogar Internet-Bekanntschaften aufeinandertreffen, kann sich das wie ein Blip im Raum-Zeit-Kontinuum anfühlen. Bewusst oder unbewusst passen wir unsere Persönlichkeit nämlich daran an, mit wem wir zu einem bestimmten Zeitpunkt zusammen sind. Wenn also mehrere Welten aufeinanderprallen, kann es sich überwältigend anfühlen, unsere unterschiedlichen Rollen unter einen Hut zu bringen.
Im Folgenden berichten fünf Personen über ihre Erfahrungen damit, mit Freund:innen zu arbeiten. Während dir jetzt vielleicht Bilder von Champagnergläsern im Kleiderschrank à la The Bold Type – Der Weg nach oben in den Sinn kommen, kann die Realität manchmal etwas anders aussehen.
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Es ist eine Sache, in der Unternehmenshierarchie auf einer ähnlichen Ebene zu arbeiten, aber der:die Vorgesetzte deines besten Freundes oder deiner besten Freundin zu werden, ist eine andere Geschichte. Emily* erging es so, als eine gute Freundin einen Job in der Firma, für die sie tätig war, an Land zog und im selben Team wie sie zu arbeiten begann. Während viele von uns einen gewissen Abstand zu unseren Freund:innen bei der Arbeit zu schätzen wissen, war Emily dieser Luxus nicht vergönnt, als sie die direkte Vorgesetzte ihrer Freundin wurde.

Sie wusste, wie hoch mein Gehalt war, und ich wusste, wie viel sie verdiente. Das war schwierig… Ich hatte deswegen echte Schuldgefühle.

Emily
„Ich versuche, ihr alles zu geben, was sie braucht, um wachsen und sich [in diesem neuen Job] wohlfühlen zu können. Ich bemühe mich aber auch darum, ihr genügend Raum zu geben, um Dinge selbst herauszufinden, und sie dabei nicht zu erdrücken", erklärt Emily. Ich mache mir auch Sorgen darüber, wie ich rüberkomme. Ich glaube, wir beide kommunizieren am besten übers Telefon [und von Angesicht zu Angesicht]“, fährt sie fort und erklärt, dass der Ton in E-Mails und schriftlichen Nachrichten nämlich zu Missverständnissen führen kann.
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Das Schwierigste daran, die Managerin ihrer besten Freundin zu sein, sei laut Emily die Gehaltsdiskrepanz zwischen den beiden. „Als sie [den Job] antrat, wusste sie, wie hoch mein Gehalt war, und ich wusste, wie viel sie verdiente. Das war schwierig… Ich hatte deswegen echte Schuldgefühle“, sagt sie.
Eine Grenze, die Emily gesetzt hat, ist, dass ihre Freundin trotz ihrer persönlichen Beziehung keine Sonderbehandlung bekommt. „Du brauchst deinen Freund:innen nicht zu erzählen, was auf einer höheren Ebene des Unternehmens passiert, nur weil du mit ihnen befreundet bist.“
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Für eine wachsende Zahl von Unternehmer:innen und Freiberufler:innen kann Freundschaft tatsächlich ein entscheidender Faktor für den Erfolg eines Unternehmens sein. Die besten Freundinnen, Podcasterinnen, Autorinnen und Geschäftspartnerinnen Grace O'Neill und Isabelle Truman sind ein Beweis dafür. Ihr Popkultur-Podcast After Work Drinks ist ein Mix aus ihrer offenen Kameradschaft und ihren witzigen Kommentaren.
Die beiden lernten sich 2016 kennen, als sie beide bei Harper's BAZAAR arbeiteten. Im Jahr 2017 starteten sie ihren gemeinsamen Podcast und konnten bereits im ersten Monat Geld daraus schlagen. „Das ist einer der besten Jobs, die ich mir vorstellen kann. Ich werde dafür bezahlt, mit meiner besten Freundin eine Flasche Wein zu trinken und über all die Dinge zu reden, über die ich sowieso mit ihr reden würde“, sagt Grace.
„Außerdem sind wir immer füreinander da. Wenn also eine von uns eine schlechte Woche hat, steuert die andere mehr bei und umgekehrt… Ich glaube nicht, dass es unseren Podcast gäbe, wenn wir uns nicht so nahe stehen würden und uns dieses Projekt nicht so viel bedeuten würde“, fügt Isabelle hinzu.
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Es fühlt sich seltsam an, deine Freundschaft zu kommerzialisieren. Plötzlich wirst du selbst zum „Produkt“, und das schafft einen gewissen Druck auf die Freundschaft.

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After Work Drinks begann als Hobby und hatte daher nicht die typische Struktur, auf die traditionelle Unternehmen angewiesen sind. „Wir haben alles Schritt für Schritt und mit- und voneinander gelernt“, sagt Grace. „In mancher Hinsicht ist das schwieriger als eine normale Arbeit, weil die Dinge, die eine berufliche Partnerschaft gut machen – wie z. B. Direktheit – in einer Freundschaft nicht so gut funktionieren.“
„Es hat lange gedauert, bis wir die richtige Balance zwischen Arbeit und Freizeit gefunden haben. Offene Gespräche darüber, was jede von uns braucht, haben uns wirklich geholfen, das Wichtigste am Leben zu erhalten, nämlich unsere Freundschaft“, sagt Isabelle und verweist auf die vielen Male, als sich die beiden nach besonders arbeitsintensiven Phasen in Kombination mit viel gemeinsam verbrachter Freizeit gegenseitig satthatten.
„Es fühlt sich seltsam an, deine Freundschaft zu kommerzialisieren. Plötzlich wirst du selbst zum ‚Produkt‘, und das schafft einen gewissen Druck auf die Freundschaft“, sagt Grace.
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Die Geschichte der Freund:innen Aaron und Dana erinnert tatsächlich an eine Folge von The Bold Type – Der Weg nach oben. Die beiden studierten berufsbegleitend Mode, was dazu führte, dass sie im selben Medienunternehmen zu arbeiten begannen, wo sie sich im Fahrstuhl kennenlernten. Die 25-jährige Dana, die jetzt eine Partnerships Managerin ist, fühlte sich von Beginn an von Aarons ausgefallenen Outfits angezogen.

Das Schwierigste für mich war die Angst, den Erwartungen des Teams, das mich bereits außerhalb der Arbeit kannte, nicht gerecht zu werden oder meine gute Freundin Dana zu enttäuschen.

Aaron
„Aaron trug immer diese verrückten Zorro-Umhänge und Cowboy-Oufits“, erzählt Dana. „Er hatte einfach so eine Ausstrahlung, dass ich dachte: ‚Wer ist dieser tolle Mensch und wie kann ich mich mit ihm anfreunden?‘ Eines Tages fasste ich meinen Mut zusammen und fragte ihn, ob er mit mir zu Mittag essen wolle. Von da an waren wir unzertrennlich.“
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„Da ich neu in der Stadt und dieser Branche war und deshalb niemanden kannte, fühlte ich mich wie ein Außenseiter. Da kam mir dieser Moment wie aus einem Film vor“, erinnert sich Aaron. Ein paar Jahre später schlug Dana ihn für einen Job in dem Medienunternehmen vor, in dem sie arbeitete. Seitdem arbeiten die beiden zusammen.
Der 29-jährige Aaron genießt es, eine gute Freundin zu haben, die versteht, was er beruflich tut. „Das ist so angenehm“, sagt er und verweist auf das Vertrauen, den gegenseitigen Respekt und die ähnliche Art von Energie, die er und Dana in ihre Jobs hineinstecken.
Der Onboarding-Prozess war jedoch nicht einfach, denn Aaron litt unter einem Impostor-Syndrom. „Das Schwierigste für mich war die Angst, den Erwartungen des Teams, das mich bereits außerhalb der Arbeit kannte, nicht gerecht zu werden oder meine gute Freundin Dana zu enttäuschen“, sagt er. „Später wurde mir klar, dass es sich bei diesen Sorgen um meine eigene Unsicherheit handelte und um eine Denkweise, die ich kontrollieren [und] ändern konnte.“

Ihre Arbeit von der Idee bis zur Ausführung zu sehen, macht mich nur noch stolzer auf sie.

Aaron
Für dieses Duo war die strikte Abgrenzung von Arbeit und Freundschaft entscheidend, um befreundet bleiben zu können. „Es ist fast so wie mit dem Daten: Wir sorgen dafür, dass wir in unserer Freizeit nur Spaß miteinander haben. Über die Arbeit reden wir außerhalb des Büros nicht“, sagt Dana.
Da die beiden in verschiedenen Städten leben, können sie sich nur selten zum Kaffeetrinken treffen. Dafür konnten sie sich gegenseitig dabei beobachten, wie sie sich individuell auf der beruflichen Ebene und in anderen Bereichen weiterentwickelten.
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„Das Beste an dem Ganzen war es, ihren brillanten Verstand in Aktion zu erleben und ihren Erfolg in Echtzeit zu sehen, nachdem ich jahrelang von ihrer Tätigkeit gehört hatte… Ihre Arbeit von der Idee bis zur Ausführung zu sehen, macht mich nur noch stolzer auf sie“, schwärmt Aaron.
„Ich wäre heute vielleicht nicht da, wo ich bin, wenn sie mich im Aufzug nie gegrüßt hätte.“
*Name wurde von der Redaktion geändert.

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