Kosmische Liebe: Meine Erfahrungen mit dem Sternzeichen-Dating

„Also, ich hätte da mal eine Frage an dich…“ Der Mann, der mir gegenüber saß, rührte mit seinem Zeigefinger in seinem Gin Tonic, bevor er sich lautstark den Finger ableckte. Dann, endlich, nahm er einen Schluck von seinem Drink. Diese ganze Performance hatte etwas Obszönes – wie er seinen Finger zwischen seinen feuchten Lippen verschwinden ließ, wie er ihn absaugte… und mir dabei die ganze Zeit in die Augen sah.
„Lass hören“, antwortete ich.
Squirtest du?“ In der Bar war es brechend voll und viel zu heiß. Wir hatten einen der letzten Tische ergattert – direkt neben einer glühenden Heizung und umringt von Leuten, die uns den Rücken zukehrten.
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Ich seufzte.
Einst hätte ich in dieser Situation wohl gelacht, vielleicht etwas gefragt wie: „Haha, WTF, was bist du denn für einer?“ Doch ich war an diesem nasskalten Freitagabend mittlerweile 31 Jahre alt, und mir wurde plötzlich schmerzlich bewusst, dass meine Freund*innen gerade ebenfalls irgendwo unterwegs waren. Ich stellte mir vor, wie sie dicht zusammengedrängt in der Raucherecke einer Bar standen oder Chips futternd und Witze reißend irgendwo auf einem Sofa saßen. Was wollte ich hier eigentlich?
Scheiß drauf, dachte ich mir und antwortete: „Ich weiß nicht, ob ich die Frage angemessen finde…? Wir kennen uns erst seit 20 Minuten.“
„Ach, komm schon!“ Er schob sich mit seinem immer noch feuchten Zeigefinger die Brille die Nase hoch. „Ich will ja bloß den trockenen Smalltalk überspringen.“
„Mit Betonung auf trocken?“ Ich hob die Augenbrauen.
„Genau!“ Er schlug mit der Faust auf den Tisch und lachte, bevor er sich den nächsten Schluck Gin Tonic in den Rachen kippte.
Okay, ich geb’s ja zu: Ich war selbst schuld. Schließlich hatte mich Michele vor einem Skorpion gewarnt. „Das könnte anstrengend werden“, hatte sie gesagt, „und ganz schön abenteuerlich.“
Michele Knight arbeitet als Astrologin bei Bumble. Die Dating-App führte Ende 2018 den Astro-Filter ein, der es User*innen erlaubt, potentielle Matches anhand ihrer Sternzeichen zu filtern. Alle Horoskop-Hater dürften jetzt zynische Witze reißen: „Haha, was für Deppen, die an Sternzeichen glauben – das ist nicht mal eine echte Wissenschaft!“ Als wäre es bekloppter, sich beim Dating auf astrologische Kompatibilität anstatt auf drei sorgsam ausgewählte Fotos und eine Bio aus Emojis zu verlassen.
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Zugegeben: Viele Studien, wie diese der Cambridge University, sind sich einig: Astrologie ist weder eine genaue noch eine fundierte Wissenschaft. Und eine deutsch-dänische Studie ergab keinerlei Zusammenhang zwischen dem Sternzeichen und dem Charakter eines Menschen. Und trotzdem: Vor ein paar Monaten war ich nach einer brutalen Trennung von einem Jungfrau-Geborenen plötzlich wieder Single und auf der verzweifelten Suche nach einer Erklärung dafür, warum es mit uns nicht geklappt hatte (abgesehen davon, dass ich ein furchtbarer Mensch bin und keine Liebe verdiene). Ich habe mich schon immer genug für Horoskope interessiert, um zu wissen, welche Sternzeichen mein eigenes – Löwe – vermeintlich gut ergänzen. Meine beste Schulfreundin war Wassermann, also angeblich das absolute Gegenteil von mir. Stundenlang recherchierten wir in Zeitschriften, was das für unsere Freundschaft bedeutete. Als Löwe bekam ich folgende Diagnose: stürmisch, flirty, geltungssüchtig, aber auch absolut loyal. Aus dieser Zeit wusste ich noch ganz vage, dass Jungfrau und Löwe kein gutes Match waren. Und trotzdem landete irgendwann in einer Beziehung mit genau diesem Sternzeichen.
Zu Beginn der Beziehung machte ich mich online auf astrologische Recherche. Ich fand heraus, dass Jungfrauen als kurzsichtig, detailversessen und organisiert gelten. Sie lieben Ordnung und neigen dazu, andere schnell zu verurteilen. Mein damaliger Freund saß zu dem Zeitpunkt gerade neben mir im Bett und las irgendein schlaues Buch über Finanzen, und ich glaubte, es könnte ja ganz lustig sein, ihm von meinen Forschungsergebnissen zu erzählen. “Lustig“ in einem eher düsteren Sinn, denn laut einer Website lag unsere emotionale Kompatibilität bei einem Prozent. EINEM PROZENT. Er reagierte genervt darauf, dass ich mir sowas überhaupt durchlas, und meinte, das sei „alles Bullshit“.
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Ich zuckte mit den Schultern. „Ja, vielleicht.“

Vielleicht waren wir kosmisch einfach nicht füreinander bestimmt gewesen. Würde das nicht alles erklären?

Zwei Jahre später, als ich an der Trauer über unsere Trennung zu ersticken drohte – ich hatte gerade zwischen meinen Pyjamas eines seiner T-Shirts gefunden und spürte jetzt eine gähnende Leere in der Brust –, fragte ich mich unweigerlich, ob es vielleicht doch nicht „alles Bullshit“ war. Vielleicht waren wir kosmisch einfach nicht füreinander bestimmt gewesen. Würde das nicht alles erklären? Hatte ich nicht so oft den Eindruck gehabt, wir redeten aneinander vorbei? Mich hatte seine kritische Art immer genervt; er hatte mich hingegen als viel zu fordernd, chaotisch, sprunghaft und unkonzentriert empfunden. Meine Albernheit störte ihn, meinen Missmut fand er unerträglich.
„Eine Jungfrau oder ein Stier würden dich jetzt viel zu sehr einschränken“, teilte Michele mir direkt mit, als ich sie vor ein paar Monaten am Telefon fragte, ob die Sterne an meiner Trennung schuld sein könnten. Ich erzählte ihr, mein Ex sei Jungfrau, Aszendent Stier. Sie musste lachen. „Na, das ist ja interessant… Ich würde sagen, ihr habt einfach nicht zusammengepasst. Er hat sicher vieles an dir bewundert, aber war dir bestimmt viel zu kritisch.“ Ich schwieg. „Aber ich wette, du hast dich bei ihm auch sehr sicher gefühlt. Diese bodenständige Energie hat dich geerdet.“ Ja, sagte ich, das stimmte.
Sie riet mir dazu, es stattdessen mit einem Schützen („Der ist abenteuerlich, ein bisschen exzentrisch und hat immer was Interessantes zu erzählen“) zu versuchen. Oder mit einem Zwilling („Ein möglicher Seelenverwandter für dich; Zwillinge sind gute Gesprächspartner und sehr unterhaltsam“). Oder einem Widder („Widdermänner sind ein bisschen schwierig – du könntest mit ihnen aber eine heiße, leidenschaftliche Beziehung haben. Sowas könnte gut als Affäre funktionieren“). Sie sagte, auch ein Krebs könnte klappen (dazu gleich mehr), riet mir aber vom Skorpion ab. „Das sind starke Persönlichkeiten; Skorpione sind sexuell sehr offen, vielleicht sogar ein bisschen zu abenteuerlich“, erklärte sie. „Aber dein Mond steht momentan im Skorpion, daher hast du davon auch ein bisschen was und würdest dich vermutlich dazu hingezogen fühlen. Ich denke aber nicht, dass das jetzt eine gute Energie für dich wäre. Sehr intensiv…“
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Also aktivierte ich bei Bumble den Astro-Filter. Ich nahm alle Sternzeichen mit rein, die Michele erwähnt hatte – sogar die, von denen sie sich nicht allzu viel versprach. Ich wollte schließlich Vergleichsmöglichkeiten haben. Ich fing ich an zu swipen und sofort wurde mir wieder bewusst, wie schräg dieses ganze Dating-App-Sache eigentlich ist. Vor allem überraschten mich die zahlreichen passiv-aggressiven Profiltexte. Zu meinen Favoriten zählten: „Sei bitte kein Psycho“, „Ich suche nach jemandem, der mit mir mithalten kann“, und (der machte mich sprachlos): „Du solltest mindestens eine 2 im Mathe-Abi haben“. Ich stolperte über das Foto von einem Schützen, das ihn mit einem fetten Joint zeigte. Ich swipte nach rechts, obwohl ich selbst nicht kiffe, weil mich das Bild zum Lachen brachte. Es war wie ein Mittelfinger an all die Gym-Selfies, Fußball-Fotos und Bilder mit ausgeborgten Hundewelpen.
Vielleicht hatte ich es mit dem Ehrgeiz, „mal was anderes“ zu finden, aber auch zu gut gemeint – denn kaum hatte der Schütze mit dem dicken Joint meine Nummer, schickte er mir ein GIF davon, wie er sich durch seine Boxershorts am Schwanz rumfummelte. Ich schrieb zurück: „Lol, das hast du extra als GIF gespeichert?“ – denn was hätte ich sonst antworten sollen? –, und blockierte ihn. Ich chattete dann noch mit zwei wenig enthusiastischen Zwillingen und einem Skorpion, der eine eher grenzwertige politische Anspielung machte. Das erste echte Date hatte ich dann mit einem Krebs.
„Venus, der Liebesplanet, steht bei dir gerade im siebten Haus für Beziehungen“, erzählte mir Michele. „Du fühlst dich also sehr zu Krebs-Geborenen hingezogen. Ich glaube, daraus könnte am Ende sogar was Ernstes werden. Der Krebs ist emotional, möchte viel über seine Gefühle sprechen und einfach seine Liebe ausleben. Wenn du dich auf einen einlässt, solltest du für eine Beziehung bereit sein.“
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Einen Versuch ist es wert, dachte ich mir, und mein Krebs wirkte ja auch wie ein netter Typ. Er war Anfang 30, Marketing Manager bei einem Tech-Start-up und sah in seinem dunkelblauen Anzug wirklich gut aus. Er erzählte mir von seiner folgenschweren Affäre mit einer verheirateten Frau im letzten Jahr. „Von ihrem Mann bekam sie null Aufmerksamkeit“, versuchte er sich zu rechtfertigen. „Sie war so clever“, ein vielsagender Blick in meine Richtung, „und man konnte mit ihr einfach Spaß haben.“ Er sah deprimiert aus, wie er so in dem Burgerladen saß, in dem wir nach der Bar gelandet waren. „Ich habe das alles so lange geheim gehalten. Es ist schön, mal mit jemandem drüber sprechen zu können“, sagte er. „Manchmal öffne ich den Chatverlauf mit ihr und überlege, was ich ihr schreiben könnte. Manchmal tippe ich sogar irgendwas, aber ich schicke es nie ab.“ Ich nickte. „Findest du das komisch?“, hakte er schnell nach.
Er hatte sich einen Burger bestellt – ohne Käse, ohne Sauce, ohne Grünzeug. Den Kellner hatte er gezwungen, seine Bestellung laut zu wiederholen, damit auch ja kein einziges Salatblatt auf seinem Teller landete. „Ich bin ziemlich pingelig“, erklärte er mir. Ich sagte ihm, dass ich die nicht verschickten Nachrichten an seine Ex weniger komisch fand als diese seltsame Burger-Bestellung. Er lachte – aber ich hatte das völlig ernst gemeint. „Das mit den Nachrichten mache ich auch manchmal“, sagte ich ihm. „Es ist eben schwer, so zu tun, als würde diese Person nicht existieren. Obwohl es vielleicht das Beste wäre.“ Er nickte. „Ja, genau das meine ich.“
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So schräg Online-Dating auch sein mag – einen Vorteil hat es: Es verkuppelt Fremde. Mein Leben hatte mit dem dieses Krebs-Typen keinerlei Überschneidungen. Wir hatten keine gemeinsamen Freund*innen, keine gemeinsamen Kolleg*innen. Diese Anonymität hat etwas Befreiendes. Wir verabschiedeten uns und chatteten daraufhin noch wochenlang miteinander. Am Anfang war das toll, aber dann irgendwann ganz plötzlich nicht mehr. Aber Halt. Dazu gleich mehr.

Das nächste Date hatte ich mit dem Skorpion, den brennendinteressierte, ob ich squirte. Wenig überraschend beendete ich das Date danachsehr schnell, obwohl er immerhin den Anstand besaß, schuldbewusst zu gucken undsich direkt zu entschuldigen, nachdem ich ihn anfuhr: „Das ist einfach eineverdammt dreiste Frage!“

Ihm folgte ein weiterer Skorpion, der drei Drinks brauchte, um nicht mehr völlig verklemmt und unglücklich auszusehen. Ich hatte Mitleid mit ihm, weil es so klang, als hätte er eine schwierige Zeit auf der Arbeit hinter sich gehabt (er machte irgendwas mit Banking). Während er wütend an seiner Krawatte zerrte, erklärte er mir, dass ihm irgendwie gar nichts mehr wirklich wichtig war. „Ja“, sagte ich, „das kenne ich.“ Wir quatschten ein bisschen über dies und das. Dann bekam er eine Nachricht und musste „kurz mal vor die Tür“. Ich blieb mit unseren Drinks sitzen. Kurz darauf kam er wieder, und seine Augen leuchteten plötzlich. „Hast du Bock auf Koks?“ Es war ein Dienstagabend. Ich lehnte ab. „Aber mach ruhig“, sagte ich. Wir unterhielten uns noch ein bisschen, bald danach ging ich nach Hause. Irgendwann schrieb er, er hätte Lust auf ein zweites Date. Ich antwortete, dass er sich vielleicht so schlecht fühlte, weil ihm zwischenzeitlich die Drogen fehlten. „Wahrscheinlich“, schrieb er zurück. „Hast du am Freitag Zeit?“
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Mit dem Krebs traf ich mich danach noch zweimal; unsere Dates waren entspannt, machten Spaß und waren nicht zu tiefgründig. Er wollte nicht nochmal ein Drama erleben wie im Jahr zuvor, sondern suchte nach etwas Lockerem. Er mochte mich und sagte mir das auch oft und ohne großes Trara. Er war einfach offen und direkt. Vielleicht hatte Michele Recht gehabt, dachte ich. Vielleicht war der Krebs genau das Richtige für mich. In meinem Hinterkopf spukte aber natürlich immer noch mein Ex herum, trotz der netten Ablenkung.
Zwei Wochen lang versuchte ich, meine Suche auf Schützen und Zwillinge zu fokussieren, wie Michele mir geraten hatte. Letztlich traf ich mich mit je einem davon. Der Schütze war sogar für meine Verhältnisse ziemlich wild: Er war Künstler, hatte ein lautes Lachen und große Hände. Bei unserem Date landeten wir irgendwann in einem Stripclub. Mehr möchte ich an dieser Stelle nicht sagen.
Der Zwilling war ein fröhlicher, lustiger, geselliger Börsenmakler mit einem niedlichen Lispeln (er bat mich, das hier zu erwähnen). Bei unserem zweiten Treffen schlenderten wir durch den Park, bis es zu regnen anfing und tranken dann in der Nähe noch einen Kaffee. „Ich kann gar nicht glauben, dass wir nüchtern sind“, sagte er irgendwann. „Normalerweise brauche ich bei einem Date ein paar Drinks.“ Ich stimmte ihm zu: Das war irgendwie nett.
Und dann betranken wir uns doch. Als ich endlich nach Hause ging, hatten wir uns sieben Stunden lang unterhalten. Es war ein tolles Date gewesen, mit viel Gelächter. Dennoch: Kaum war ich zu Hause angekommen, mit regennassen Haaren und weinbedingter innerer Unruhe, scrollte ich durch meine Nachrichten und suchte nach meinem Exfreund.
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Ich tippte etwas ein, löschte es, tippte etwas anderes. Ich landete schließlich bei: „Hast du mal Zeit für ein Treffen?“ Er antwortete wenig später, dass das vermutlich keine so gute Idee sei, aber vielleicht könnten wir ja in ein paar Wochen mal abends was essen gehen. Pragmatisch und vernünftig wie eh und je. Ich heulte zehn Minuten lang rum und verfluchte mich selbst: „Du armselige, gefühlsduselige Vollidiotin.“
Währenddessen hatte mir der Krebs weiterhin liebe Nachrichten geschrieben. Wir hatten uns erst vor einer Woche das letzte Mal gesehen, doch er war hartnäckig: Wann hätte ich denn mal Zeit für ihn? Warum teilte ich meine Gefühle nicht mit ihm? Er wolle gar nicht aufdringlich wirken, schrieb er; er habe halt einfach Lust, mich zu sehen. Ich bat ihn um etwas mehr Freiraum und sagte ihm deutlich, dass ich dieses Verhalten von jemandem, den ich erst seit zwei Wochen kannte, ein bisschen erdrückend fand.
Er reagierte genervt: Warum konnte ich mich denn nicht auf ihn einlassen? Ich entschuldigte mich wieder und wieder; es sei ja nicht seine Schuld, es läge alles am falschen Timing. Dann, als ich eines Abends auf dem Heimweg vom Sport war, schrieb er mir, er sei mit einer Flasche Wein unterwegs zu mir; schließlich sei es dumm, das mit uns zu beenden, bevor es überhaupt angefangen hatte. „Ich bin gerade nicht zu Hause und habe echt keine Lust, mich mit dir zu treffen“, antwortete ich. Aber er war schon da und wollte auf mich warten. Mit einem Gefühl von Scham und Furch bog ich 21:15 Uhr in meine Straße ab. Ich wollte ihn nicht verletzen; aber er krachte hier eben gerade mit aller Gewalt durch die Mauer, die ich um mein Zuhause und mich selbst, um meinen sicheren Raum, errichtet hatte. Als ich meine Haustür erreichte, kam er mir entgegen. „Hey“, begrüßte er mich lächelnd.
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„Was soll das alles?“, entgegnete ich ihm direkt. „Du kannst nicht einfach bei mir aufkreuze! Vor allem, nachdem ich dich um Abstand gebeten habe. Bitte geh jetzt einfach“. Mein Schlüssel steckte schon im Schloss. Mit einer kurzen Drehung schwang die Tür auf. Ich trat hinein und ließ sie schnell hinter mir zufallen. Alle anderen ausstehenden Dates sagte ich ab – denn selbst ohne dieses kleine Drama war mir klargeworden: Ich war eindeutig noch nicht bereit für etwas Neues. Ein paar Tage später schickte mir der Krebs eine Entschuldigung für sein Verhalten. „Das ging zu weit“, gab er zu und meldete sich dann ab: „Es waren ein paar schöne Wochen.“
Tatsächlich hatte ich die Skorpione als unberechenbar empfunden und mich am besten mit Zwillingen verstanden – genau, wie Michele vorhergesehen hatte. Auch mit dem, äh, emotionalen Krebs hatte sie Recht gehabt.

Ist es wirklich so viel willkürlicher, sich bei der potentiellen Partnerwahl eher auf Sternzeichen statt Fotos zu verlassen?

Aber okay, ich gebe es zu: Horoskope sind wirklich irgendwie albern. Doch trifft das nicht auch auf Online-Dating generell zu? Ist es nicht absurd, sich selbst zur Schau zu stellen, damit einen andere in irgendeine Richtung swipen können? Ist es wirklich so viel willkürlicher, sich bei der potentiellen Partnerwahl eher auf Sternzeichen statt Fotos zu verlassen? Das ganze oberflächliche Chatten, die Dick Pics, GIFs und Memes nehmen wahnsinnig viel Zeit in Anspruch und sagen doch am Ende recht wenig über uns als Menschen aus. Genau wie Horoskope.
In einer digitalisierten Welt, in der nichts mehr irgendetwas bedeutet und zwischenmenschliche Beziehungen sehr oberflächlich sein können, erscheint es mir total logisch, sich dem astrologischen Schicksal zu überlassen. Denn sind wir am Ende nicht alle auf der Suche nach dem großen kosmischen Masterplan, der diese ganze Mühe und Energie irgendwie rechtfertigt? Der Sprung ins kalte, womöglich schmerzhafte Wasser einer neuen Beziehung ist immer riskant. Es kann passieren, dass wir nach ein paar Dates – oder auch Jahren – feststellen, dass dieser Mensch doch nicht unser*e Seelenverwandte*r war. Wer könnte uns also den Wunsch verwehren, dieses Risiko mithilfe scheinbarer Banalitäten wie der Kompatibilität unserer Sternzeichen potentiell zu verringern?
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Ich habe das letzte Wochenende bei einem Freund verbracht. Wir saßen auf seinem Sofa, schauten uns Filme an, ich ignorierte mein Handy. Er ist ein Skorpion, dem gerade von einem anderen Skorpion das Herz gebrochen wurde. „Wir sind einfach beide sehr leidenschaftliche Menschen“, erzählte er mir zwischen zwei Bissen von seinem Sandwich. „Wir hätten als Paar entweder grandios funktionieren können oder überhaupt nicht.“
„Und in eurem Fall?“, fragte ich ihn. Er zuckte mit den Schultern. „Beides.“ Er biss nochmal ab. Auf dem Fernseher hatte Thanos in Avengers gerade die halbe Welt zerstört, und ich musste an meinen Jungfrau-Ex denken. Ganz egal, wie inkompatibel wir angeblich waren, er war immer, immer für mich da gewesen. Er hatte stets alles getan, um das Richtige zu sagen: etwas Lustiges, etwas Liebes, etwas Konstruktives.
„Wie läuft das Dating?“, fragte mein Freund.
Ich zuckte mit den Schultern. „Ich vermisse meinen Ex.“
Er lachte. „Obwohl eure Sternzeichen nicht zusammenpassen?“
„Ja“, antwortete ich. „Obwohl unsere Sternzeichen nicht zusammenpassen.“