Schönere Haut ohne Serum? Wieso Dermatolog:innen von Seren abraten

Foto: Anna Jay.
Die Zeiten, in denen eine schlichte „Reiniger, Toner und Feuchtigkeitscreme“-Routine für die Haut reichte, sind vorbei. Dank Social-Media-Trends, unzähliger Beauty-Brands und eines besseren Verständnisses unserer Haut haben wir heute eine größere Produktauswahl, als wir uns je hätten vorstellen können. Wenn du aber mal bei Dermatolog:innen nachfragst, welches dieser Produkte offenbar das beliebteste ist, sind sich viele einig: Serum.
Von Hyaluronsäure bis hin zu Niacinamid – es scheint, als käme jede Woche ein neues, gehyptes Serum auf den Markt. Kein Fan von Retinol? Dann versuch’s doch mit der pflanzlichen Alternative, Bakuchiol. Vitamin C reizt deine Haut? Nimm stattdessen Ascorbyl Glycoside. Und obwohl all diese Wirkstoffe zwar eigene Vorteile haben, ist eins klar: In Sachen Serum ist die Auswahl riesig. Natürlich ist das prinzipiell etwas Gutes – aber wie viel ist zu viel?
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Verlieren Seren langsam an Beliebtheit?

Auf TikTok hinterfragen immer mehr Beauty-Fans unsere Besessenheit von Seren. In einem viralen Videoformat erzählen TikToker:innen beispielsweise, welche Produkte sie aus ihrer Skincare-Routine gestrichen haben – und häufig geht es dabei um Seren, die ihnen zufolge für Rötungen, Unreinheiten und Irritationen gesorgt haben sollen. „Skincare I Regret Buying“ (z. Dt.: „Hautpflege, deren Kauf ich bereue“) ist ebenfalls ein beliebter Trend, bei dem es oft um dieselben Seren geht.
In fast allen dieser viralen Clips stehen Seren mit aktiven Wirkstoffen im Vordergrund. Diese aktiven Wirkstoffe („actives“) sollen bestimmte Hautprobleme beheben, und zu den bekanntesten zählen unter anderem Vitamin C, peelende Säuren (wie Glykol- und Salicylsäure zum Beispiel), Niacinamid und Retinol. Die Stärke dieser Wirkstoffe variiert von Produkt zu Produkt; in Seren kommen jedoch meist höhere Konzentrationen zum Einsatz als beispielsweise in Feuchtigkeitscremes oder Reinigungsprodukten, weil sie gezielt einzelne Probleme angehen sollen. Zahllose gehypte TikTok-Seren enthalten demnach sogar 30 Prozent Vitamin C oder 30 Prozent Glykolsäure.
Wie auch die TikToker:innen warnen jetzt viele Dermatolog:innen und Hautexpert:innen vor den Konsequenzen einer übermäßigen Verwendung aktiver Wirkstoffe. Sie berichten davon, Patient:innen mit selbstverschuldeten Hautverbrennungen und Ausschlägen behandeln zu müssen. Die kosmetische Ärztin und Hautpflegeexpertin Dr. Ana meint, dass sich die sozialen Medien in den letzten Jahren enorm auf das öffentliche Interesse an Hautpflege ausgewirkt haben. Viele ihrer Patient:innen erzählen ihr, sie kauften sich viele dieser Trendprodukte mit gehypten Aktivwirkstoffen aus FOMO („fear of missing out“ – die Angst, etwas zu verpassen). Die Dermatologin Dr. Anjali Mahto hat Ähnliches beobachtet. Ihr zufolge haben die Influencer-Kultur und das damit einhergehende Marketing für eine umso stärkere FOMO gesorgt.
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Einer der größten Seren-Fehler, den Skincare-Expert:innen in ihren Praxen immer häufiger sehen, ist aber das übertriebene Kombinieren mehrerer Produkte.

Schadet es der Haut, mehrere Seren übereinander aufzutragen?

Natürlich ist jede Haut einzigartig. Das hochkonzentrierte Säure-Serum, das die Aknenarben einer Influencerin beseitigt hat, sorgt bei dir vielleicht höchstens für Hautirritationen. Dasselbe gilt für Stoffe wie Retinol, das für seine aggressive Wirkung berüchtigt ist, wenn es falsch angewendet wird. Einer der größten Seren-Fehler, den Skincare-Expert:innen in ihren Praxen immer häufiger sehen, ist aber das übertriebene Kombinieren mehrerer Produkte.
Von Pigmentflecken bis hin zu einem fahlen Teint: Es sei dir absolut verziehen, dass du am liebsten all deine Hautprobleme auf einmal beheben möchtest. Das kann allerdings zum Problem werden. „Social Media haben für eine ‚Viel hilft viel‘-Einstellung gesorgt. Viele Influencer:innen tragen beispielsweise mehrere Produkte übereinander auf und fügen ihrer Skincare-Routine oft auch unnötige Schritte hinzu“, erzählt Dr. Mahto. „Ich habe schon Videos gesehen, in denen fünf oder sechs aktive Wirkstoffe an nur einem Abend verwendet wurden. Das ist gar nicht nötig.“

Welche Wirkstoffe vertragen sich nicht?

Bevor wir hier weitermachen, ein kleiner Disclaimer: Wir bei R29 schreiben oft über Skincare-Trends. Wenn ein neuer, vielversprechender Wirkstoff oder ein gehyptes Produkt auf dem Markt erscheint, teilen wir das mit dir. Aber natürlich hat jede Haut andere Bedürfnisse, und es lohnt sich immer, schon vor dem Kauf herauszufinden, ob sich dieses oder jenes Produkt denn für deine Haut eignet (indem du zum Beispiel bei Dermatolog:innen nachfragst, dir detaillierte Reviews durchliest oder die Inhaltsstoffe recherchierst). 
Dr. Ana erklärt, dass deine persönliche Toleranz auf die Kombination mehrerer aktiver Wirkstoffe in Form verschiedener Seren ganz von deinem individuellen Hauttyp abhängt. Manche Kombinationen sind aber bereits dafür bekannt, die Haut zu reizen – insbesondere, wenn schon die einzelnen Stoffe recht aggressiv sind. Daher rät Dr. Ana zum Beispiel davon ab, Retinoide mit AHAs (Alphahydroxysäuren, wie Glykolsäure) oder BHAs (Betahydroxysäuren, wie Salicylsäure) zu kombinieren. Weitere potenziell hautreizende Duos sind unter anderem: Vitamin C und die eben genannten Säuren; Benzoylperoxid und Vitamin C oder Säuren; Vitamin C und Retinoide; Benzoylperoxid und Retinoide.
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Ironischerweise hat es einen guten Grund, warum zahlreiche Cremes und Seren zur „Reparatur der Hautbarriere“ auf den Markt kommen: Unser Serum-Overload hat dazu geführt, dass viele von uns unsere Hautbarriere komplett zerschossen haben.

Der Dermatologe Dr. Derrick Phillips erklärt, das richtige Serum sei eine tolle Ergänzung jeder Skincare-Routine – vor allem, wenn du bestimmte Hautprobleme gezielt behandeln möchtest (wie zum Beispiel Pickel oder Pigmentflecken). Mehr als zwei oder drei Produkte übereinander aufzutragen, oder besonders dickflüssige Seren zu verwenden, kann die Poren verstopfen. Das ist natürlich insbesondere für Betroffene von Akne schlecht.
Dr. Mahto zufolge kann diese Art der übermäßigen Behandlung auch zu anderen Hautproblemen führen. Zu den häufigsten zählen Ekzeme und periorale Dermatitis (auch „Mundrose“ genannt; ein unangenehmer roter Ausschlag rund um den Mund). Letztere ist ein weit verbreitetes Problem: Der Hashtag #perioraldermatitis bringt es allein schon auf TikTok auf fast 70 Millionen Views. Dr. Ana sieht auch immer mehr Patient:innen mit einer angegriffenen Hautbarriere, die sich zum Beispiel durch Juckreiz, Schuppenbildung, Rötungen, Spannungen und Flecken äußert. Ironischerweise hat es demnach einen guten Grund, warum viele Skincare-Brands jetzt Cremes und Seren zur „Reparatur der Hautbarriere“ auf den Markt bringen: Unser Serum-Overload hat dazu geführt, dass viele von uns unsere Hautbarriere komplett zerschossen haben.

Aber brauchen wir Seren überhaupt?

Hey, niemand verlangt jetzt von dir, dein Lieblingsserum wegzuwerfen. Abhängig von deinen Hautbeschwerden kann das richtige Produkt deinen Teint komplett verwandeln – und wenn es für dich funktioniert, ist das toll. Dr. Ana erklärt allerdings, dass Seren je nach deiner Zeit und deinem Budget nicht zwangsläufig nötig sind, verglichen mit Sonnenschutz und Reinigung, zum Beispiel. „Auf die sollte man meiner Meinung nach nie verzichten“, meint sie.
Und tatsächlich geht auch auf TikTok der Trend immer mehr zum Minimalismus. Eine kurze Suche nach „simple skincare routine“ liefert mir zahllose, unkomplizierte Hautpflege-Routinen mit nur drei Schritten, die komplett auf Seren verzichten. Stattdessen setzen TikToker:innen wie @stxph.h auf einen schlichten Cleanser, einen leichten Moisturizer und Sonnenschutz.
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Die Expert:innen sind sich darin einig, dass die Rückkehr zu den Basics die beste Option ist, um deine Haut glücklich zu machen. „Eine simple Skincare-Routine (ohne vieles übereinanderzuschichten oder diverse aktive Wirkstoffe miteinander zu kombinieren) lässt sich leichter einhalten“, erklärt Dr. Phillips. „Gleichzeitig sorgt sie mit geringerer Wahrscheinlichkeit für Hautunreinheiten, die durch Okklusion (Verstopfen) der Haut entsteht, oder für Rötungen und Irritationen durch eine Kombination aggressiver Wirkstoffe.“
@stxph.h sometimes simplicity is best! don’t be afraid to go back to the basics & figure out what your skin rly needs & what it doesn’t! saves me a whole lotta money on skincare now 😮‍💨 #fypシ #simpleskincareroutine #3stepskincare #morningskincareroutine ♬ original sound - stephhui

Wie verwende ich Seren effektiv & ohne meine Haut zu reizen?

Seren sind und bleiben beliebte Produkte, doch ist die DIY-Kombination aus diversen Produkten eine riskante Sache. Daher empfiehlt Dr. Mahto, nicht zu viele Produkte in einer Routine zu verwenden. Wenn du aber doch zwei oder mehr Seren in deine Routine einbauen möchtest, solltest du sie zumindest zeitlich auseinander halten. „Wenn du zum Beispiel Vitamin C und Vitamin A (Retinol) verwenden möchtest, trag das Vitamin C morgens [vor dem Sonnenschutz und Moisturizer], das Vitamin A abends [vor dem Moisturizer] auf“, rät Dr. Mahto.
Dr. Ana stimmt zu. „Wenn du keine spezifischen Hautprobleme hast und deine Haut vor Umweltschäden bewahren möchtest, empfehle ich eine schlichte ABC-Taktik.“ Das „A“ steht für Vitamin A (Retinol), das „C“ für Vitamin C und das „B“ für „sunblock“ – also Sonnenschutz. Vitamin A sollte abends, Vitamin C und Sonnenschutz tagsüber aufgetragen werden.
Heutzutage sind die Formulierungen von Hautpflegeprodukten Dr. Mahto zufolge so ausgeklügelt, dass Brands innerhalb eines Produkts mehrere aktive Wirkstoffe kombinieren, sodass sie miteinander harmonieren. „Marken, denen das meiner Meinung nach besonders gut gelingt, sind unter anderem Paula’s Choice, Medik8 und Omorovicza“, erzählt sie. Für die optimale Wirkung sollten die jeweiligen Wirkstoffe einander ergänzen, erklärt Dr. Phillips. „Die Kombination aus Retinol und Niacinamid funktioniert sehr gut, weil die entzündungshemmenden Eigenschaften vom Niacinamid die hautreizende Wirkung des peelenden Retinols besänftigen kann.“ Das Retinol B3 Serum Anti-Falten von La Roche-Posay (36,49 € via DocMorris) vereint beide miteinander, wie auch das Youth To The People Retinal and Niacinamide Youth Serum (66,67 € via Cult Beauty). 
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„Auch die Kombination aus Niacinamid und Vitamin C ist super“, meint Dr. Phillips, „vor allem, wenn es dir darum geht, deinen Teint auszugleichen.“ Wir lieben das Versed Stroke of Brilliance Brightening Serum (20,45 € via LookFantastic). Dr. Ana betont hierbei aber, dass diese hybriden Seren gemäß der Anleitung aufgetragen werden sollten, damit du Hautprobleme vermeidest.
Seren haben in der Hautpflege also definitiv ihre Daseinsberechtigung. Trotzdem sind sich Expert:innen und TikTok-Beauty-Fans darin einig, dass wir uns manchmal zu leicht dazu hinleiten lassen, alles auszuprobieren – und es dann übertreiben. Beobachte deine Haut einfach ganz genau und finde heraus, wie sie auf dieses oder jenes Serum reagiert. Wenn du es nicht gut verträgst oder es sich nicht zu lohnen scheint, setz es wieder ab. Dafür dankt dir dann nicht nur deine Haut, sondern langfristig auch dein Portemonnaie.
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