Beauty Innovators

Die Anti-Retinol-Bewegung ist da – aber ist da wirklich was dran?

Dr. Barbara Sturm wurde durch ihre innovative Creme mit dem Eigenblut ihrer Patient:innen in der Beauty-Branche weltberühmt. Seit 2002 lassen sich die Kund:innen der ehemaligen orthopädischen Chirurgin daher Blut abnehmen, das daraufhin in einer Zentrifuge in rote Blutkörperchen und Thrombozytenkonzentrat aufgeteilt wird, aus dem Dr. Sturm das Plasma extrahiert und zu einer Formel namens „MC1“ hinzugibt (umgangssprachlich als „Blutcreme“ bekannt). Dafür, dass bis zu 15 Prozent aller Menschen beim Anblick von Blut in Ohnmacht fallen, ist es erstaunlich, dass so viele Leute bereit dazu sind, für diese Blutcreme über 1.000 Dollar zu bezahlen. 
Obwohl sich nicht viele in der Beauty-Industrie trauen, körpereigene Flüssigkeiten zu verwenden, gibt es doch einen Wirkstoff, vor dem selbst die Promi-Ärztin zurückschreckt: Retinol. Für viele Dermatolog:innen und Ästhetiker:innen sind das Vitamin A und daraus abgeleitete Unterformen die Geheimwaffe für reinere, strahlendere, jünger aussehende Haut. Für Dr. Sturm hingegen ist Retinol bzw. Vitamin A aber ein No-Go – und ihre Begründung dafür simpel. 
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„Meine ganze Methode beruht auf entzündungshemmenden Stoffen; Retinol und Retinoide lösen hingegen Entzündungen aus“, sagt sie. „Ich glaube nicht daran, die Haut jedes Mal anzugreifen und sie zur Heilung und Reparatur zu zwingen, und ich finde nicht, dass Retinol frei erhältlich sein sollte. Bei meiner Herangehensweise wird die Haut als größtes Organ mit so vielen wichtigen Funktionen respektiert – auch für unser Immunsystem. Daher verzichte ich auf aggressive Wirkstoffe.“
Tatsächlich ermutigen Retinol und Retinoide die Haut zu einer schnelleren Zellerneuerung, um die neue Haut darunter an die Oberfläche zu bringen, indem die obere Hautschicht gepeelt und im Inneren die Kollagenproduktion angeregt wird. Dadurch wird die Haut elastischer, und Talgansammlungen in den Poren werden herausbefördert. Obwohl diese positiven Effekte wissenschaftlich erwiesen sind, ist der ganze Prozess aber auch nicht nicht aggressiv – und die ersten Anwendungswochen sind meist von trockener, roter, schuppiger Haut geprägt. Korrekt angewendet ist Retinol aber durchaus sicher – auch das ist erwiesen –, und Dr. Sturm räumt ein, dass Dermatolog:innen schon wissen, was sie tun, wenn sie es ihren Patient:innen verschreiben. Verwendest du das Retinol allerdings zu hoch dosiert oder zu oft, kann die Haut daraufhin so beschädigt werden, dass es Wochen oder gar Monate dauert, bis sie sich davon erholt hat. Das Potential für Hautreizungen, kombiniert mit dem noch größeren Potential für falsche Anwendungen, hat dazu geführt, dass immer mehr Brands wie auch Dr. Sturm inzwischen auf Retinol verzichten. 
Obwohl Irene Forte, Gründerin der gleichnamigen Skincare-Marke, zwar nicht ganz so radikal gegen Retinol ist wie Dr. Sturm, zögert auch sie davor, Vitamin A in ihren Produkten zu verwenden. „Vitamin A ist ein wichtiger Anti-Aging-Stoff mit hautklärender Wirkung; über einem gewissen Wirkstoff-Prozentgrad sind die Produkte aber fast schon Arzneimittel mit aggressivem Peeling-Effekt“, meint Forte, deren Philosophie gründliche Forschung und Entwicklung mit dem italienisch-mediterranen natürlichen Mindset verbindet. „Bei unserem Ethos dreht sich alles um die Hautbalance. Unsere Produkte sind nachweislich effektiv, dabei aber sanft zur Haut. Daher passen ‚traditionelle‘ Retinoide da nicht unbedingt rein.“ Forte verwendet stattdessen geringe Mengen der Vitamin-A-Abwandlung Retinylpalmitat als Antioxidans und natürliches Konservierungsmittel in ihren Produkten. Sie glaubt an das Potential von Vitamin-A-Formen für empfindlichere Haut.
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„Retinoide sind vermutlich meine liebsten Hautwirkstoffe, weil sie gründlich erforscht und sicher sind – und eben funktionieren“, meint Charlotte Palermino, CEO von Dieux Skincare. „Allerdings kann nicht jede:r sie verwenden. Viele Leute reagieren empfindlich und gereizt darauf – nicht alle, und das heißt auch nicht, dass der Wirkstoff schädlich ist. Nein, aber Retinoide wirken eben hauterneuernd.“
Zu Beginn von Dieux’ Hautforschung fiel Palermino und ihrer Mitbegründerin Joyce de Lemos auf, dass viele Leute Hautpflegeprodukte falsch verwendeten und demnach nicht die besten Ergebnisse erzielten. „Wer sich mit Skincare nicht so auskennt, sich die Anwendungsbeschreibung nicht gründlich durchliest oder den Rat von Dermatolog:innen ignoriert, kann sich damit quasi das Gesicht wegbrennen“, erzählt sie. „Wir sahen damals auf dem Markt sehr viele hauterneuernde Wirkstoffe und wollten ein Serum herstellen, das gut mit anderen Produkten zusammenarbeitet, ohne dabei der Haut zu schaden.“
Was du statt Retinol in vielen Seren und Cremes finden wirst, ist Bakuchiol, gewonnen aus der Babchi-Pflanze, die in traditioneller indischer und chinesischer Medizin verwendet wird. Eine klinische Studie von 2018 ergab, dass dieser pflanzliche Stoff eine ähnliche positive Hautwirkung erzielt wie Vitamin A – aber mit einem geringeren Irritationsrisiko. Diesen Fund schlachtete die Beauty-Branche voll aus, taufte Bakuchiol daraufhin das „natürliche Retinol“ und schwärmte von seiner starken, gleichzeitig sanften Wirkung gegen kleine Fältchen und Pigmentflecken, von der auch Schwangere profitieren können (im Gegensatz zu Vitamin A, das während der Schwangerschaft und Stillzeit nicht empfohlen wird). Diese vorläufigen Erkenntnisse hören sich toll an, sind aber eben genau das: vorläufig. „Ich denke, Bakuchiol ist eine tolle Option für alle, die unter Hauterkrankungen wie Rosacea, Ekzemen oder Dermatitis leiden und Retinol nicht vertragen“, meint die Dermatologin Dr. Elyse Love. „Es ist aber definitiv noch zu früh, um es als gleichwertige Alternative anzupreisen.“
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Fakt ist aber: Bakuchiol muss nicht gleichwertig zu Retinol sein, um als eigenständiger Wirkstoff geschätzt zu werden: Die Pflanze wurde auch schon vor ihrer ersten Beauty-Vermarktung als Bakuchiol 2007 in ayurvedischen Heilpraktiken verwendet. „Ich freue mich darüber, dass die Beauty-Industrie einen traditionellen ayurvedischen Wirkstoff für sich entdeckt hat. Ich finde, dass die Brands aber darauf verweisen sollten, dass Bakuchiol ursprünglich aus der ayurvedischen Lehre kommt, um südasiatische Beauty-Rituale bekannter zu machen“, meint Michelle Ranavat, eine Amerikanerin mit indischen Wurzeln, deren Skincare-Marke Ranavat moderne Technologien mit ayurvedischen Pflanzen verbindet. „Als wir sahen, dass immer mehr Bakuchiol-Seren auf den Markt kamen, wollten wir unsere traditionelle Version des Wirkstoffs anbieten – wir verwenden den gesamten Bakuchi-Samen. Anstatt daraus einen Extrakt zu gewinnen, verarbeiten wir den Samen nach ayurvedischer Tradition in eine reichhaltige Paste. So landen alle Nährstoffe in unserer Eternal Reign Renewing Bakuchi Crème (etwa 71,50 €).“
Wenn du dir die Produktbeschreibung zur Bakuchi Crème durchliest, fällt dir dabei vielleicht auf, dass sie mit keiner Silbe mit Retinol verglichen wird – weil es eben keine echte gleichwertige Alternative zu Retinol gibt. Dennoch ist die Verwirrung rund um Retinol und Retinoid groß, weil es unzählige verschiedene Produkte gibt, manche von ihnen frei erhältlich, manche verschreibungspflichtig. Retinol, Adapalen, Isotretinoin – wer soll da noch den Überblick behalten? „Der Markt der Retinole und Retinoide kann die Konsument:innen schnell überfordern, weil es inzwischen so viele verschiedene Formulierungen gibt“, sagt Dr. Love. „In Sachen Anti-Aging glauben viele, verschreibungspflichtige Retinoide und frei erhältliche Retinole seien gleichwertig effektiv; ich sehe das anders. Retinole sind prinzipiell deutlich sanfter als verschreibungspflichtige Retinoide und daher meist die erste Anlaufstelle für Leute, die keine ernsten Hautprobleme haben, aber die Kollagenproduktion anregen möchten, um kleine Fältchen zu verzögern.“
Palermino betont, dass Fehlinformationen rund um die Risiken und Gefahren von Retinol in der Beauty-Industrie weit verbreitet sind. Der beliebte Mythos, Retinol würde die Haut dünner machen, wurde inzwischen widerlegt; ironischerweise beweisen Studien, dass Retinol die Haut sogar dicker macht. „Retinol kann die Haut reizen. Das heißt aber nicht, dass es automatisch schlecht für dich ist“, erklärt sie. Aber lässt sich die Sicherheit von Retinol denn wirklich anzweifeln? Nein, meint Dr. Love. „Retinol sollte während der Schwangerschaft und Stillzeit nicht verwendet werden, ist ansonsten aber ein sehr sicherer, langfristig verwendbarer Wirkstoff.“
Und wer Retinol nicht verträgt, hat inzwischen auch andere Optionen – und sowohl die Natur als auch chemische Labore in aller Welt produzieren immer neue Wirkstoffe, die ohne retinoltypische Nebenwirkungen ähnliche Ergebnisse erzielen. Du liebst Retinol und möchtest nie wieder darauf verzichten? Dann gibt es auch keinen wissenschaftlichen Grund dafür, dass du es solltest. 

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