Hyperhidrose: Extrem schwitzende Frauen erklären, wie sie damit umgehen

Foto: Cottonbro.
Der Sommer hat offiziell begonnen – und obwohl sich viele von uns jetzt einfach bloß auf feucht-fröhliche Abende im Biergarten, langersehnte Strandurlaube und den Sprung ins kühle Nass freuen, sorgt die Sommerhitze bei einigen Menschen für Nervosität, weil sie unter einer starken Schweißproduktion leiden.
Die hat im Extremfall sogar einen konkreten Namen: Schätzungen zufolge sind rund 30 Prozent der Menschen von der sogenannten Hyperhidrose betroffen; in Deutschland hat etwa eine Million Menschen die offizielle Diagnose. Trotzdem gilt die Erkrankung als „peinlich“. Viele Betroffene reden daher nicht (gern) darüber, obwohl sich die Hyperhidrose enorm auf ihr Leben auswirkt und ihnen teilweise enorme Mühen abverlangt, um sie zu verbergen.
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Starke Schweißbildung und Probleme mit der körperlichen Temperaturregulierung sind aber nicht zwangsläufig Symptome einer Hyperhidrose, sondern können auch mit den Hormonen, der Menopause und manchen Erkrankungen zusammenhängen. Hier klären wir, was du gegen starke Schweißausbrüche unternehmen kannst.

Warum schwitze ich so stark?

Der Ästhetik-Pflegekraft Nina Prisk von Update Aesthetics zufolge ist starkes Schwitzen relativ weit verbreitet und betrifft häufig spezifische Körperstellen. „Obwohl es normal ist, beim Sport oder bei heißen Temperaturen zu schwitzen, schwitzt dein Körper womöglich exzessiv weiter, wenn er sich eigentlich gar nicht mehr abkühlen muss. Betroffene einer Hypohidrose stellen dann oft fest, dass sich das Schwitzen auf ihren Alltag auswirkt: Wenn sie frische Klamotten anziehen, sind die vielleicht schon nach wenigen Minuten klitschnass – und das nicht nur in den Achselhöhlen, sondern womöglich auch unterhalb der Brüste oder am Po. Auch die Hände sind manchmal betroffen. Das kann das Leben stark beeinträchtigen. Ich habe schon viele Betroffene mit Botox behandelt. Das hat ihr Leben total verändert.“
Abgesehen von Botox gibt es auch Produkte zum Auftragen, die die Schweißproduktion reduzieren können – zum Beispiel starke Roll-on-Antitranspirante mit Aluminiumchlorid, wie von Perspirex (10,80 € via Shop-Apotheke) oder Eucerin (9,79 € via Douglas). Die reagieren auf Wasser und Keratin innerhalb der Schweißdrüse und erschaffen dann einen vorübergehenden Gel-Pfropf, der dafür sorgt, dass der Schweiß die Hautoberfläche erreicht. Sie müssen regelmäßig aufgetragen werden, können aber auch die Haut reizen.

Was kann ich gegen starkes Schwitzen tun?

Die 35-jährige Clare nutzt diese Antitranspirante, um mit ihrem extremen Schwitzen klarzukommen; weil sie aber vor allem im Gesicht und auf der Kopfhaut schwitzt, sind diese Roll-ons nicht die Lösung all ihrer Probleme.
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„Ich schwitze am stärksten im Gesicht und an der Kopfhaut, obwohl auch mein Rücken und meine Achseln bei heißem Wetter stark schwitzen. Hohe Luftfeuchtigkeit ist für mich der absolute Horror. Die hält mich sogar davon ab, an manche Orte zu reisen, wo es besonders heiß und feucht ist.“
Was kann man also gegen starkes Schwitzen in empfindlicheren Körperzonen wie dem Gesicht unternehmen? Auch dafür gibt es spezielle Produkte, wie zum Beispiel das AHC Sensitive Antitranspirant (21,80 € via Shop-Apotheke), das regelmäßig (anfangs täglich, später mehrmals wöchentlich) in Tropfenform auf der Haut verteilt wird und sich auch für das Gesicht und die Kopfhaut eignet. 
Andere Betroffene verzichten lieber auf Cremes und Deodorants und holen sich medizinische Hilfe für die Bewältigung der Hyperhidrose im Alltag. Die 28-jährige Katya zum Beispiel wandte sich an eine dermatologische Privatpraxis, um ihre Optionen zu beleuchten und sich behandeln zu lassen, nachdem ihr von ihrer Hausärztin gesagt worden war, ihre Hyperhidrose sei nicht so „ernst“.
„Ich ging damit zu einem Privatdermatologen und bekam da eine ordentliche Diagnose. Er verschrieb mir ein Mittel namens Oxybutynin, das normalerweise bei Blasenproblemen eingesetzt wird. Mein Schwitzen hat dadurch quasi aufgehört, aber das Medikament sorgt bei mir für einen trockenen Mund. Das Mittel ist eigentlich nicht für extremes Schwitzen gedacht, deswegen musst du das mit deinen Ärzt:innen gründlich besprechen.“

Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es?

Manche setzen auf injizierbare Substanzen, um gegen ihr extremes Schwitzen anzukämpfen. Dabei kommt beispielsweise Botox zum Einsatz, das den Nerv „blockiert“, der die Schweißdrüsen aktiviert. Dadurch wird die Ausschüttung eines Neurotransmitters namens Acetylcholin gestoppt. 
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Die 26-jährige Daisy schwört auf Botox gegen ihren Achselschweiß: „Ich weiß, dass wir alle schwitzen, aber ich war immer schon stärker betroffen. Selbst wenn mir kalt war, hatte ich nasse Achseln. Ich habe Verschiedenes ausprobiert, musste mich aber damit abfinden, dass nichts wirklich zu helfen schien. Ich war total unsicher deswegen.
„Nach gründlicher Recherche fand ich raus, dass Botox dagegen eingesetzt werden kann. Also buchte ich einen Termin. Das Ganze dauerte rund 30 bis 45 Minuten und kostete mich etwa 450 Euro. Meine Achseln wurden betäubt, damit ich nichts spürte. Nach fünf Tagen ließ das Schwitzen dann langsam nach, und ich konnte gar nicht glauben, wie gut das funktionierte. Ich finde, das hat mein Leben verändert. Das Ganze hält auch sehr lange an.“
Eine weitere Option ist die sogenannte Iontophorese. Dabei wird sanfter Strom durch Wasser in die Schweißdrüsen geleitet, die daraufhin vorübergehend deaktiviert werden. Das ist aber keine dauerhafte Lösung und erfordert regelmäßige Termine, damit die Wirkung erhalten bleibt.
Die 34-jährige Steff entschied sich im Lockdown zur Iontophorese, weil sie die Zeit und das Geld dazu hatte. Sie schwitzt am stärksten an den Händen, den Füßen und im Gesicht. „So viel zu schwitzen, ruiniert mir ehrlich gesagt das Leben – meiner Mutter geht es genauso. Es ist noch viel schlimmer, wenn ich zu einem Meeting oder Date oder so hetze. Wenn ich ankomme, ist mir so heiß und ich bin total verschwitzt. An heißen Tagen räume ich mir dann Extrazeit ein, um mich vor einem Treffen nochmal mit einem Ventilator oder Fächer hinzusetzen und mich abzukühlen. Das hört sich verrückt an, aber wenn mich Leute im kompletten Schwitz-Modus sehen, verstehen sie es sofort.
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„Die Iontophorese hat dafür gesorgt, dass meine Hände und Füße nicht mehr schwitzen, aber im Gesicht kann ich das nicht machen. Das Gerät war teuer, funktioniert für mich aber. Es nervt, dass sich das Problem dadurch nicht für immer lösen lässt. Aber wenigstens merke ich immer ganz gut, wenn die nächste Behandlung fällig ist.“

Die besten Anti-Schweiß-Accessoires

Manche Betroffene setzen lieber darauf, ihr Schwitzen zu kaschieren, anstatt es zu verhindern. Das kann beispielsweise bedeuten, immer einen tragbaren Ventilator dabei zu haben, Kleidung zu kaufen, die Schweißflecken verhindert, auf Make-up zu verzichten oder nur Frisuren zu tragen, die die Haare von Gesicht und Hals fernhalten.
Die 28-jährige Tarra trägt am liebsten Kleidung, die speziell entwickelt wurde, um Schweiß in ihren Achseln zu absorbieren, bevor sich sichtbare Schweißflecken bilden – ganz egal, wie heiß es draußen ist.
„Ich fing letztes Jahr damit an, T-Shirts mit vernähten schweißsicheren Pads zu tragen. Woanders schwitze ich nicht so stark, aber in den Achseln ist es so schlimm, dass ich echt vorsichtig sein muss, was ich anziehe. Ich glaube, ich habe seit zehn Jahren kein graues T-Shirt mehr getragen. Es käme mir aber ungesund vor, gar nicht mehr zu schwitzen – deswegen versuche ich stattdessen, den Schweiß nach der Produktion in den Griff zu bekommen. Ich habe ein bisschen Angst vor Körpergeruch, deswegen streiche ich mir regelmäßig mit Glykolsäure über die Achseln, trage viel Deodorant und habe immer ein Parfum dabei.
„Ich habe online schon Frauen gesehen, die mit Wasserflasche shoppen gehen, damit sie ‚testen‘ können, wie sich Feuchtigkeit auf einem Stoff zeigt, bevor sie die Klamotten kaufen. Das verstehe ich total. Ich suche mir meine Klamotten danach aus, wie gut sie meinen Schweiß kaschieren. Auf TikTok habe ich auch schon Frauen mit Periodenbinden unter den Achseln gesehen. Die schweißresistenten T-Shirts kommen mir da weniger extrem vor.“

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