Warum müssen sich Frauen auf Dates eigentlich so krass „vorbereiten“?

Foto: Jessica Garcia.
Im Großen und Ganzen würde ich meine Herangehensweise ans Dating eigentlich eher als „lässig“ bezeichnen. Ich trage mir meistens eine zweite Schicht Mascara auf und greife zu einem kurzen Rock, der gerade irgendwo rumliegt. Meine mittelmäßige Mühe passt ganz gut zu meinem mittelmäßigen Enthusiasmus – und sorgt dafür, dass mir die spontane „Sorry, mir ist was dazwischen gekommen“-Nachricht von meinem Date dann nicht ganz so weh tut.
Eine Handvoll Enttäuschungen hat meine lockere, lässige Einstellung aber in letzter Zeit ein bisschen ins Wanken gebracht. Ich störe mich normalerweise kaum an weniger „magischen“ Dates; vor Kurzem hatte ich aber eins, das mich zum Nachdenken brachte. Nach einem etwas stressigen Tag brauchte ich ein bisschen mehr „Vorbereitung“ für dieses Date – sprich: Alkohol. Also saß ich an einer Mini-Flasche Sauvignon Blanc nippend auf der Bordsteinkante vor unserem Treffpunkt, als der Typ überraschend etwas zu früh auftauchte (und ich mich dafür rechtfertigen musste, wieso ich schon vor unserem Date am Alkohol nuckelte). Weil dieses Date also eher chaotisch begonnen hatte, fragte ich mich: Was machen denn eigentlich andere Leute, um sich auf ein Date vorzubereiten?
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Bei einer Umfrage in meinem Bekanntenkreis tauchten einige Antworten immer wieder auf – und „Alkohol“ war tatsächlich die häufigste. Von „ein Riesenglas Rotwein“ bis hin zu „ein Wodka-Shot“: Für viele Menschen scheint ein Drink die zuverlässigste, wenn vielleicht auch nicht hilfreichste Vorbereitung auf ein Date zu sein. Direkt darauf folgt die Körperpflege. „Ich bade quasi in Selbstbräuner“, erzählte mir jemand; und der knackige Slogan „shit, shower and shave“ wurde sogar einige Male erwähnt. Einer meiner Freunde (ein richtiger Dating-Profi) verriet mir, dass er sich vor dem Date in seiner Notizen-App ein paar spannende Fragen notiert, „falls das Gespräch im Sand verläuft“.
Wenn ich mal über den Horizont meiner Instagram-Follower hinausblicke, wird es noch ein bisschen exotischer. Als 24-jährige Frau möchte ich behaupten, mich ganz gut in der Internet-Kultur auszukennen – trotzdem taucht hier und da immer mal wieder ein Trend auf, der mich an meinem Verstand zweifeln lässt. Mit inzwischen über 14 Millionen Views ist der TikTok-Hashtag #vabbingperfume definitiv das absurdeste Date-Vorbereitungs-Ritual, von dem ich bisher gehört habe. Das virale Phänomen des „vabbing“ haben wir Mandy Lee (@oldloserinbrooklyn) zu verdanken, die über 1,5 Millionen Views für ihr inzwischen gelöschtes Video dazu bekam. Um sie mal zu zitieren: „Das Portmanteau aus ‚vagina‘ und ‚dabbing‘ [z. Dt.: ‚tupfen‘) beschreibt das Auftragen deines Vaginalsekrets dort, wo du sonst Parfum aufsprühen würdest – also zum Beispiel hinter den Ohren, am Hals oder an den Handgelenken.“ Die TikTokerin @palesamoon fasst es kurz: „Ich benutze meinen coochie juice (z. Dt. etwa: ‚Muschi-Saft‘) quasi wie Parfum.“ Und wie zu erwarten war, hat das Internet dazu ein paar Meinungen. Unter den Videos finden sich zum Beispiel Kommentare wie: „Ich umarme nie wieder irgendwen“, oder: „Was stimmt nicht mit diesen Leuten?!
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Ich würde mich selbst als sexpositiv bezeichnen, und mich bringt in der Hinsicht auch nur sehr wenig aus der Fassung – und trotzdem muss ich zugeben, dass mich dieser Trend doch ein bisschen anekelt. Mir ist schon klar, dass das sicher auch mit Unsicherheiten mit meinem eigenen Körper zusammenhängt – das lässt sich kaum vermeiden in einer Welt, die Frauen ein tiefes Schamgefühl rund um ihre Körper einredet. Viele von uns sind in einer Gesellschaft aufgewachsen, in der es als normal gilt, Tampons auf dem Weg zum Klo im Ärmel zu verstecken und völlig normale Körperfunktionen als Tabuthema zu behandeln. Wer sich jetzt für vabbing einsetzt, beweist damit genau genommen Akzeptanz für den weiblichen Körper. Es ist demnach kaum überraschend, dass manche Leute (vor allem heterosexuelle Männer) darauf total empört reagieren. Sie sind es nicht gewöhnt, dass Frauen ihre weiblichen Körper zu ihrem eigenen Vorteil nutzen, anstatt sie als Waffe gegen sich richten zu lassen.
Von meinen persönlichen Vorbehalten mal ganz abgesehen werde ich aber das Gefühl nicht los, dass das hier nur ein weiteres Beispiel dafür sein könnte, dass von Frauen immer weiter enorme Anstrengungen erwartet werden. Wie Olivia Petter in The Independent schreibt: „Ein neuer Tag, eine neue bizarre Sache, die Frauen mit ihrer Vagina anstellen sollen.“ Petter erwähnt daraufhin zum Beispiel Jade-Eier à la Goop und „teure, unnötige Intimduschen“ – doch sind diese Hollywood-Trends ja nur eine Seite der Medaille. Wenn ich mich kurz durch TikToks #datenight scrolle, begegnen mir direkt Tausende von Ratschlägen dazu, wie wir uns vor einem Date glatter, weicher und heißer machen sollen. Jedes der „Get ready with me“-Videos liefert Tipps und Tricks für „Rehaugen“ oder „die perfekte Intimrasur“. Im Kontrast dazu steht Reddit, wo die Bros als Pre-Date-Routine „grundlegende Hygiene, nichts Ausgefallenes“ oder „30 Liegestützen direkt vor dem Treffen“ empfehlen. Einer schreibt: „Aufräumen ist superwichtig. Die Frauen sind komplett begeistert, wenn sie in deine saubere Bude kommen, und hüpfen dir dann quasi direkt ins Bett.“ Bei Männern scheint der Fokus also eindeutig auf körperlicher Fitness und gruseligen Taktiken zum Frauen-ins-Bett-Kriegen zu liegen, wohingegen uns ähnliche Foren für Frauen dazu ermutigen, uns kleiner und süßer erscheinen zu lassen. Wie ein Schmetterling sollst du dich also „in etwa zwei Stunden vom Troll zur Glam-Diva verwandeln“. 
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Das Dating selbst verlangt dann natürlich mehr als nur das Einhalten von Gender-Stereotypen, und jedes Machtverhältnis ist individuell anders – trotzdem fällt es mir schwer, beim Beobachten dieser müden Klischees nicht laut zu seufzen. Keine Frage, Dating ist hart, vor allem Online-Dating. Wir versuchen ja alle nur unser Glück. Vielleicht schenken uns die exzessive Haarentfernung und geführte Manifestation ja auch nur das Gefühl von Kontrolle und Klarheit in einem ansonsten ziemlich irrationalen und undurchsichtigen Prozess. Ich habe ja selbst so meine neurotischen Rituale vor jedem Treffen – auch schon mal vor einem Date die astrologische Kompatibilität gecheckt? Nee? Nur ich? Okay –, also werde ich sicher niemanden dafür verurteilen, das vabbing zumindest mal auszuprobieren. Es ist vielleicht nicht jedermanns (oder -fraus) Sache, aber wenn es dir mehr Selbstbewusstsein verleiht, dein Eau de Parfum gegen ein Eau de Vagina auszutauschen – warum dann eigentlich nicht?
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