Ask a therapist.

Ich habe während Corona zugenommen & es macht mich fertig

Foto: Ashley Armitage.
Die 28-jährige Charlie ist sich nicht ganz sicher, wie es dazu kam, dass sie während der Pandemie zunahm. Vielleicht, weil sie sich weniger bewegte und manche ihrer Gefühle ihren Appetit verstärkten – eine große Lebensveränderung hat sie jedenfalls nicht durchgemacht. „Das sollte eigentlich kein Problem sein, weil ich der Meinung bin, dass wir Körper aller Formen und Größen akzeptieren sollten. Ich weiß auch, dass ‚gesund‘ nicht automatisch ‚dünn‘ bedeuten muss. Es fällt mir aber trotzdem schwer, mich mit meiner neuen Figur abzufinden. Sie verunsichert mich. Meine Klamotten sehen jetzt alle anders aus, und ich habe den Eindruck, dass ich die Einzige bin, der das passiert ist“, sagt sie. Ein Teil von ihr fühlt sich dazu verpflichtet, Mühe zu investieren, um abzunehmen – obwohl sie sich noch immer genauso ernährt und sportlich betätigt wie vor der Gewichtszunahme. „Gewicht zu verlieren würde bedeuten, dass ich mir jetzt Verhaltensweisen angewöhnen müsste, die vielleicht nicht so gesund wären. Was soll ich tun?“ 
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Wir haben Charlies Frage an die pensionierte Psychotherapeutin Dr. Sheri Jacobson weitergeleitet. Dank 17 Jahren Berufserfahrung kann sie weiterhelfen.
Dr. Sheri Jacobson: Es gibt zwei Hauptgründe dafür, dass wir uns so schlecht fühlen, wenn sich unsere Körper verändern. Der eine bezieht sich darauf, wie wir uns im Bezug auf andere Leute fühlen – und der andere darauf, wie wir uns mit uns selbst fühlen. 
Als Menschen formen wir uns ganz eigene Schönheitsideale zu unserem Körper. Diese „Schönheit“ basiert auf Symmetrie und „gesunden“ Eigenschaften, dank der wir uns vermeintlich besser zur Fortpflanzung eignen; außerdem spielen hier auch gesellschaftlich konstruierte Ideale eine Rolle. Und ob wir es wollen oder nicht: Wir vergleichen uns mit anderen, insbesondere denen, die als „Ideale“ gelten.
Und obwohl sich diese akzeptierten Normen immer weiterentwickeln und neue Formen annehmen, gilt das Dünnsein früher wie heute als Standard, an dem wir uns selbstverständlich messen.
Aber auch auf individueller Ebene beschäftigt uns eine körperliche Veränderung – ganz unabhängig davon, wie alt wir sind. Ob Falten, Flecken oder eine verringerte Mobilität: Jede dieser Veränderungen kann als Verlust empfunden werden. Als Menschen mögen wir prinzipiell keine Veränderungen, sondern fühlen uns sicherer, wenn alles beim Alten bleibt. Das gilt vor allem in Hinsicht auf den Körper; körperliche Veränderungen können nämlich bedeuten, dass du nicht mehr so „funktionierst“ wie früher.
Bei alldem spielt natürlich Selbstakzeptanz eine große Rolle. Wenn du dich hier und jetzt mal selbst ansiehst, ist alles an deinem Aussehen und deiner Persönlichkeit deine jetzige Ausgangslage. Natürlich lässt sich an der auch etwas verändern; wenn du unglücklich mit dir selbst bist, bist du nicht unbedingt dazu gezwungen, tatenlos damit zu leben. Das Wichtige ist aber, deine Basis, dein Hier und Jetzt, zu akzeptieren und zu zelebrieren. Wenn dir nicht gefällt, dass deine Haut altert, kannst du immer noch dankbar dafür sein, dass sie dich vor schädlichen Umwelteinflüssen schützt. Wenn dir nicht gefällt, dass du ein bisschen zugenommen hast, kannst du immer noch dankbar dafür sein, dass du dich weiterhin so bewegen kannst wie vorher. Wir können lernen, diese Veränderungen zu akzeptieren, indem wir Facetten an uns selbst finden, für die wir dankbar sind – und uns all dessen bewusst machen, das wir sehr wohl haben, auch wenn wir es vielleicht nicht lieben.
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Klar, das hört sich jetzt deutlich einfacher an, als es vielleicht ist. Selbstakzeptanz erfordert dauernde Arbeit, die du am besten mit regelmäßigen, wiederholten Aktivitäten erbringst – wie Tagebuchschreiben, Therapie, dem Lesen von Selbsthilfebüchern oder Gesprächen mit Freund:innen, die Ähnliches durchmachen. Je mehr wir uns dieser Mühe verschreiben, desto mehr wird sie zur Gewohnheit. Natürlich sollten wir hierbei berücksichtigen, dass diese Arbeit manchen von uns leichter fällt als anderen; wenn du selbst schon negative Erfahrungen in Hinsicht auf dein Körpergewicht gemacht hast, ist die Akzeptanz deiner Figur vielleicht eine größere Hürde. 
Das Wichtigste dabei ist aber, immer im Hinterkopf zu behalten, dass deine Erfahrung etwas ganz Normales ist. Fast jede:r hat sich irgendwann schon mal den Kopf über das eigene Aussehen zerbrochen – manche sogar mehr als du. Das liegt zum Beispiel daran, dass uns von der Gesellschaft schon sehr früh eingetrichtert wird, was als „schön“ und „ideal“ gilt. Es ist deswegen völlig normal, dir Gedanken über dein Aussehen zu machen und dir zu wünschen, etwas verändern zu können. Gleichzeitig ist es sehr schwierig, dich heute zu akzeptieren, wie du bist. Mach dich also nicht dafür fertig, dass es dir schwer fällt. Meiner Meinung ist es aber genau richtig, dass du dir solche Gedanken darüber machst: Nur so kannst du Veränderungen in die Wege leiten. Ich finde aber, die sollten von Gesundheit und Wohlbefinden bestimmt werden – nicht ausschließlich davon, wie du auf andere wirkst.
Wir sollten uns alle darauf konzentrieren, uns gesund zu ernähren, genug Schlaf zu bekommen, uns regelmäßig und mit Spaß zu bewegen, und vor allem darauf, wie wir uns fühlen – nicht, wie wir aussehen und von anderen gesehen werden. Ich will damit nicht behaupten, das sei egal – schließlich beschäftigt uns das alle zwischendurch mal –, trotzdem spielen Gesundheit und Wohlbefinden dabei am besten die wichtigste Rolle. Und ironischerweise habe ich selbst schon Patient:innen gehabt, die sich genau darauf konzentriert haben und dann feststellten, dass sich das Körpergewicht plötzlich auch zum Besseren veränderte – ob nun in Form einer Zu- oder Abnahme.
Also versuche, dich in Dankbarkeit dafür und Akzeptanz dessen zu üben, was du gerade hast, und behandle dich selbst mit Mitgefühl und Einfühlsamkeit. Es ist nicht schlimm, wenn du dich vorübergehend außerhalb deiner eigenen Grenzen bewegst. Sage dir selbst: Es ist okay. Vielleicht entspreche ich gerade nicht meinem Ideal, aber es geht mir trotzdem gut. Denn genau diese Zufriedenheit hast du verdient. 

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