„Ich bin dick und werde deshalb oft unterschätzt"

„Du hast das Wochenende ja gar nicht genascht,“ stellte meine Freundin fest. Ich überlegte kurz und nickte dann zustimmend. „Und mehr gegessen als ich hast du ja auch nicht,“ fasste sie weiter zusammen. Ich guckte von von meiner Kaffeetasse hoch und fragte mich kurz selber, was sie mir mit diesen zwei Feststellungen mitteilen wollte. Tina war das Wochenende zu Besuch bei mir. Wir kannten uns vom Studium und da sie mit ihrem Mann in eine andere Stadt gezogen war, sahen wir uns nicht all zu oft. Dieses Wochenende verbrachte sie aber bei mir.

„Was willst du mir damit sagen?“, fragte ich sie dann doch.
„Ich versteh einfach nicht, warum du dann so dick bist, wenn du doch genauso isst wie ich,“ antwortete sie mir kindlich ungeschickt, „und Sport machst du ja auch.“
Ich kannte sie und ihre Art schon länger, also wusste ich, dass es sich bei ihrer Ausführung um echtes Erstaunen in ungeschickter Formulierung handelte und nicht böse gemeint war.
„Ich dachte immer, dass dicke Menschen halt mehr essen oder sich nicht so regelmäßig bewegen. Aber du bist ja richtig normal. Ich hab dich ja beim Handball erlebt und kenne ja auch deine Yoga Bilder, so beweglich wie du, bin ich ja nicht mal!"

Ich werde oft unterschätzt. Oft ärgert es mich, wenn es um die Arbeit geht, oft wundere ich mich, wenn es um Alltägliches geht. So wie jetzt. Eine Freundin von mir und ihre Vorurteile zu Dicken. „Warst du schon immer dick?“, fragte sie mich dann um sich weiter einen Reim machen zu können. Ich bejahte ihre Frage und bot ihr an, sich Fotos von mir aus meiner Vergangenheit anzugucken. „Also sooo dick finde ich dich nun nicht,“ sagte sie als sie ein Foto von mir bei meiner Einschulung sah. Ich betrachtete das Foto von der kleinen Jana mit großer Schultüte, bunten Kleid und funkelnden Augen: „Ich war einfach nur größer als alle anderen in meinem Alter"

Schon mit 6 Jahren überragte ich die anderen Kinder um mindestens einen Kopf. Meine Mutter ließ deswegen meine Handknochen röntgen, um feststellen zu lassen, dass ich ja nicht zu groß werden würde. Heute denke ich, was sie dann hätte ändern hätte können. Man kann ein Kind ja nicht vor dem Wachsen hindern. Die Ärzte sagten meiner Mutter, dass ich zu dick bin: „Das Kind muss abnehmen. Dicke Kinder werden sonst dicke Erwachsene."

Dieser ärztliche Rat führte dazu, dass ich schon in jungen Jahren an einer Studie zu der Entwicklung von dicken Kindern teilnahm. Die Studie von dem medizinischen Zweig der hiesigen Universität locke mit 20 DM und wollte dafür Daten zu meiner Ernährung und meiner Bewegung haben. Also schrieb meine Mutter täglich alle Informationen auf und am Ende durfte der Studie, nach Erhalt der 20 DM, bekam ich dann ein Eis und durfte mir diverse Kassetten aussuchen.

Meine Mitschüler mobbten mich und meine Lehrerinnen bevorzugten die niedlichen Kinder

Ich war ein schüchternes und ruhiges Kind. Meine Grundschulzeit war daher nicht die beste Zeit.
Oft habe ich zu Hause nach der Schule geweint. Oft wollte ich einfach jemand anders sein. Und noch öfter wollte ich einfach nur dünn sein und dass die Mädchen aus meiner Klasse mich mögen. Die vier Jahre in der Grundschule waren die Hölle für mich und in dieser Zeit wurde Essen sowohl Trost als auch Belohnung für mich. In dieser Zeit fing ich an, heimlich zu essen. Ich plünderte die Schokoladenvorräte meiner Eltern und Großeltern. Das Verpackungspapier versteckte ich unter einem losen Brett meines Regals. Ich wollte nicht, dass sie wussten, dass ich die Schokolade genommen und gegessen hatte. Ich wollte nicht, dass die wussten, wie viel es war.

Als Kind wusste ich nicht, warum ich so viel aß. Den Begriff Binge Eating Disorder gab es noch nicht. Nach den vier Jahren Grundschule hatte ich das Glück auf die Realschule zu kommen. Dort kam ich in eine Klasse mit all meinen Freundinnen vom Handball. Die neue Schule mit dem Klassenverband in Kombination mit dem Handball gab mir das soziale Selbstbewusstsein und die Anerkennung, die mir davor verwehrt gewesen war. Meine Essstörung blieb, aber das Mobbing bezüglich meines Gewichtes verschwand so gut wie aus meinem Leben.

Neulich fiel mehr eher nebenbei auf, dass ich nun jetzt fast zwei Jahren keine Fressanfälle mehr gehabt habe. Sie sind einfach durch die Weiterentwicklungen in meinem Leben verschwunden. Mein Gewicht, was sich in all den Jahren mit der Essstörung angesammelt hat, ist natürlich nicht, wie von Zauberhand verschwunden. Aber ich habe mein Gewicht gehalten und habe gelernt mich zu akzeptieren und mich selber zu lieben. Vorbei sind für mich die Zeiten, in denen ich auf ein schlankeres Leben warte und mein Leben dementsprechend nur mit angezogener Handbremse lebe.

Für einige Menschen ist es daher erstaunlich, dass ich doch „richtig normal“ bin. Weil ich ihnen nie den Eindruck vermittelt habe, dass ich unter einer Essstörung leide oder eben mich in irgendeiner Art einschränken lasse. Ich lasse mich nicht hängen und ich lasse mich nicht gehen. Ich mache Sport und bin viel unterwegs. Ich schäme mich nicht mehr. Ich entspreche damit nicht dem klassischen Bild einer Person, die unter Adipositas leidet. Ich bin richtig normal. Was auch immer dieses Wort „normal“ bedeuten soll...
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