Wie mir mein Bauchnabel-Piercing beibrachte, meinen Bauch zu lieben

Foto: via @louis.piercer/Instagram.
Als ich Teenagerin war, gab es nichts Cooleres, als sich den Bauchnabel piercen zu lassen.
Leider habe ich eine strenge sambische Mutter – und war demnach gezwungen, diese edgy Phase zu überspringen. Seitdem ist mehr als ein Jahrzehnt vergangen, und ich versuche immer weiter, die verlorene Zeit irgendwie „aufzuholen“. 
Nach ihrem ersten großen Höhepunkt in den 90ern bis hin in die 2000er und ihrem kurzen Revival vor fünf Jahren erleben die Bauchnabel-Piercings in der westlichen Popkultur gerade ihre dritte Welle. So überraschend ist das nicht: Schließlich tauchen gerade auch viele andere 2000er-Looks wieder auf, beispielsweise in Form von „Arschgeweihen“, Hüftjeans und Miniröcken. Eins ist klar: Der untere Oberkörper steht wieder mal im Fashion-Rampenlicht – und dagegen konnte auch ich mich nicht wehren. Letzten Monat habe ich mir spontan den Bauchnabel piercen lassen. Ich hatte aber nicht damit gerechnet, wie sehr sich das kleine, glitzernde Schmuckstück in kürzester Zeit auf meine Beziehung zu meinem Körper auswirken würde. 
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Als straight-sized Frau (soll heißen: eine Frau, die durchschnittliche Kleidergrößen trägt) habe ich das Privileg, mich selbst in Werbung, in Klamottenläden und auch immer häufiger auf den Catwalks der Modewelt wiederzuerkennen. (Für viele Leute ist das trotz der wachsenden Beliebtheit der Body-Positivity- oder Body-Neutrality-Bewegung leider immer noch nicht der Fall.) Wie vielen anderen Frauen fiel es aber auch mir immer schwer, meinen Bauch zu präsentieren. Deswegen habe ich ihn während des Großteils des letzten Jahrzehnts immer hinter High-Waisted-Jeans versteckt.
Als ich aber nach meinem spontanen Termin aus dem Piercing-Studio schlenderte, war der Reißverschluss meiner Jeans offen – und mein Bauch unverhüllt zu sehen. Es kam mir komisch und unangenehm vor, an einem Freitagnachmittag mit nacktem Bauch durch die Gegend zu rennen, und anhand der vielen verwirrten Blicke anderer Leute auf der Straße ging es wohl nicht nur mir so.
Meine Gefühle änderten sich aber, weil ich mich eigentlich nur an die üblichen Piercing-Regeln hielt – und auf enge oder kratzende Klamotten verzichtete, die das frische Piercing bestenfalls verschieben, schlimmstenfalls entzünden könnten. Ich ließ es während der Heilungszeit einfach an der frischen Luft atmen. 
Diese kritische Phase ist inzwischen vorbei, und doch greife ich immer öfter zu Röcken, die tief auf meiner Hüfte oder unterhalb meines Bauches sitzen, um mein Piercing in voller Pracht zu präsentieren. Zum ersten Mal in meinem Leben finde ich meinen Bauch und seine dazugehörenden Dehnungsstreifen, Haare und Röllchen sogar unheimlich süß.
Das glitzernde Piercing wirkt auf mich wie ein Kunstwerk – egal, ob ich gerade einen Blähbauch habe, mich hinsetze oder in der Öffentlichkeit bin. Ich ziehe nicht mehr meinen Bauch ein, wenn jemand ein Foto von mir macht, und empfinde meine weiche, kurvige Silhouette inzwischen immer mehr als wunderschön – eine Veränderung, die sicher auch das Piercing überleben wird.
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Viele der Trend-Comebacks, die wir gerade erleben, stellen unseren Fortschritt auf die Probe. Wie weit sind wir wirklich darin gekommen, verschiedene Körperformen, Gender und Sex Positivity zu feiern?
Natürlich wird es immer jede Menge Spaßverderber:innen geben, die Leute dafür verurteilen, nicht dem Standard zu entsprechen, weil sie mehr Haut zeigen. Oft hört man dann veraltete Behauptungen dazu, was dieses Piercing repräsentiert und für wen ich es mir eigentlich habe stechen lassen. Das ist mir aber egal. Ich finde, individuelle Repräsentation sollte uns wichtiger sein als alles andere, damit sich auch andere so toll fühlen können wie ich mich jetzt – ganz egal, wie sie aussehen oder sich selbst ausdrücken.
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