Darum feiert Y2K-Mode gerade ihr großes Comeback

Foto: Steve Grayson/WireImage
Die Gerüchte sind wahr: Y2K-Trends – darunter tief sitzende Jeans, sichtbar getragene Tangas und Korsetts – sind zurück, sowohl auf den Laufstegen als auch in den sozialen Medien. Das mag Millennials, die sie am eigenen Leib mit- und überlebt haben, um darüber berichten zu können, vielleicht nicht so sehr begeistern wie die Gen Z. Diese Generation lässt sich in Sachen Fashion im Moment nämlich stark von den vergangenen Jahrzehnten inspirieren.
Derzeit durchleben wir die frühen Nullerjahre noch einmal. Ein Beispiel dafür: Anfang des Jahres, als Ben Affleck das Armband trug, das Jennifer Lopez ihm während ihrer öffentlichkeitswirksamen Romanze in den frühen 2000er Jahren gekauft hatte, trendete #Bennifer. Zendaya rief uns Beyoncés legendären Auftritt bei den BET Awards 2003 mit einem alten Versace-Kleid wieder ins Gedächtnis. Außerdem erstellte Avril Lavigne einen Account auf TikTok und zeigte sich auf der Plattform mit Hosenträgern und Krawatte – ein Look, der uns in ihre „Sk8er Boi“-Ära zurückversetzte.
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Aus heutiger Sicht ist die Jahrtausendwende, die einst als Ära des Umbruchs in der Popkultur und des Internet-Booms galt, nun ein Kapitel, das alt genug ist, um als Vintage zu gelten. Laut Dawnn Karen, einer führenden Modepsychologin und Autorin von Dress Your Best Life: How to Use Fashion Psychology to Take Your Look – and Your Life – to the Next Level, deuten diese Fashion-Momente auf unseren Wunsch hin, nicht an unsere gegenwärtigen Umstände erinnert zu werden. Die Pandemie, der Klimawandel, Wirtschaftskrisen und außergewöhnliche politische und soziologische Turbulenzen haben eine Nostalgie nach den mutmaßlich besseren, guten alten Zeiten in uns geweckt.
„Im Moment versuchen wir, uns in ein beliebiges Jahrzehnt zurückzuversetzen“, sagt Karen. „Angesichts dessen, was wir alles global und zur gleichen Zeit durchgemacht haben, versuchen wir jetzt verständlicherweise, auf eine gesunde Weise vor der Realität zu fliehen.“
Seit letztem Jahr erfreut sich Y2K-Fashion zunehmender Beliebtheit in den sozialen Medien. Die Quarantäne veranlasste die Gen Z nämlich dazu, auf TikTok zurückzugreifen, wo Vintage-Mode und Popkultur florieren. „Das Comeback der Y2K-Mode verdanken wir einerseits dieser Generation und andererseits einem Gefühl von Nostalgie für die Jugendkultur und -mode der frühen 2000er Jahre“, sagt Marian Park, ein Strategin bei WGSN, einer Agentur für globale Trendprognosen. Sie fügt hinzu, dass Prognostiker:innen bereits vor etwa fünf Jahren eine Rückkehr der Ästhetik der frühen 2000er Jahre erkennen konnten.
Die Hollywood-Party-Szene der frühen 2000er bot eine zuckersüße Kulisse für viele Modemomente, die zum Synonym für ein jüngeres Kapitel der Geschichte geworden sind. Paris Hiltons Trainingsanzüge aus Velours von Juicy Couture und Kim Kardashians Miroir-Tote-Bag von Louis Vuitton sind im kollektiven Gedächtnis dieser Zeit verankert. Letztes Jahr hat Kim Kardashians SKIMS aus diesen Erinnerungen Kapital geschlagen, indem sie die Kombi aus Trainingsanzug und Tasche mit der Veröffentlichung ihrer Velours-Linie im Oktober zurückbrachte. Die Zahlen beweisen, dass Kardashian und Hilton mit ihrer Nostalgie nicht alleine sind: Laut Lyst, einer globalen Mode-Suchmaschine, sind die Suchanfragen nach Juicy Couture in diesem Jahr um 179 Prozent gegenüber dem Vorjahr gestiegen.
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Während SKIMS vielleicht einen Nutzen aus der Vergangenheit seiner Gründerin Kapital zieht, um neue Produkte zu verkaufen, suchen viele Modefans nach den Originalen. Das Händchen der Generation Z fürs Trödeln, Upcycling und Wiederverkaufen ist ohne Frage zumindest zum Teil für die Rückkehr der Styles der frühen 2000er verantwortlich. Laut Tradesy, einem Online-Marktplatz für Wiederverkauf, haben die Suchanfragen nach Y2K-bezogenen Themen im letzten Jahr zugenommen (bei Low-Rise-Hosen gab es einen Anstieg von 50, bei Baby-T-Shirts einen von 2.000 und bei Cargohosen einen von 28 Prozent). Die Website profitiert auch vom Vintage-Wiederverkaufsmarkt mit einem Umsatzanstieg beim Verkauf der Nylon-Tasche von Prada und der Baguette-Tasche von Fendi, die in den letzten vier Jahren ein Umsatzwachstum von 30 bzw. 16 Prozent im Vergleich zum Vorjahr verbucht haben.
„Der Appetit der Gen Z auf cleveres Trödeln und upgecycelte Mode treibt auch den Aufstieg des 2000er-Jahre-Looks voran, da vieles, das auf Resell-Plattformen angeboten und in Secondhand-Läden gesucht wird, aus dieser Zeit stammt“, sagt Park.
Mode, die bis zur Jahrtausendwende zurückreicht, feiert gerade eindeutig auch bei den Promis ihr Comeback: Bella Hadid zum Beispiel entstaubte ein altes Jean-Paul-Gaultier-Couture-Kleid aus dem Jahr 2002, um damit auf den Filmfestspielen von Cannes 2021 alle Köpfe zu verdrehen. Rihanna wurde mit einem alten Slipdress von Dior aus der 2002-Kollektion auf den Straßen Londons gesichtet. Auf TikTok ist Y2K-Fashion viral: Mit dem Hashtag #ArchivalFashion analysieren User Styles aus den frühen 2000er Jahren, wie die Designs der damaligen Dior-Kollektionen unter John Galliano und Looks aus Serien wie Sex and the City und Gossip Girl, von denen es jetzt auch Revivals auf HBO Max zu sehen gibt.
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„Die 2000er-Ästhetik hat sich von einem Nischen- zu einem Mega-Trend entwickelt“, sagt Bridget Mills-Powell, Content Director bei Lyst. Sie fügt hinzu, dass die Suchanfragen auf der Plattform, die sich auf das Jahr 2000 beziehen, seit dem letzten Jahr um 450 Prozent gestiegen sind. Das ist ein Phänomen, das sie auf die Unmengen an Promis zurückführt, die auf dem roten Teppich Mode aus dem Jahr 2000 tragen.
In den frühen 2000er Jahren steckte das Internet noch in den Kinderschuhen. Facebook, Twitter und Instagram waren damals noch Fremdwörter für uns (wie viel länger unsere Aufmerksamkeitsspannen doch waren!). Blogs und Chat-Foren beherrschten das Internet, das in seinen Anfängen noch zweitrangig gegenüber allem war, was in der realen Welt existierte. Es war eine Bastion für alles, was Marktlücken füllte und experimentell war. Es dauerte Jahre, bis Belästigungen, Body Shaming und allgemeine Gemeinheiten zur Gewohnheit wurden, was heute den Online-Diskurs auszeichnet. Mittlerweile ist Trolling schließlich zu einem normalen Bestandteil des Lebens geworden und Desinformation und Extremismus grassieren im World Wide Web. Da wirkt es tröstlich, dass im Moment nach Begriffen wie „Kate Moss Slipdress“ und „Paris Hilton Bungalow 8“ gesucht wird.
Das Internet von heute verschafft auch Storylines ein zweites Leben, die wir einst mit den frühen 2000er Jahren in Verbindung brachten. Der Kampf um die Vormundschaft von Britney Spears und der Wiederanlauf der Beziehung zwischen Ben Affleck und Jennifer Lopez sind zwei Beispiele, die unser kollektives Gewissen dazu gebracht haben, über die Ereignisse nachzudenken, die uns dahin gebracht haben, wo wir heute sind. Laut Park hat das zu einer neuen Welle von Fandasein geführt, von #Bennifer-Stans bis hin zur #FreeBritney-Bewegung, da die Gen Z sich gerade mit den Zeiten von damals vertraut macht und sich wie damals kleidet.
Mode war immer schon zyklisch und wird es wahrscheinlich auch bleiben (es ist noch nicht lange her, als Lady Gaga Schulterpolster und den Glamour der 80er zurückbrachte). Das Comeback der frühen 2000er ist aber eine klare Manifestation dessen, wie die sozialen und kulturellen Kräfte unserer Welt in unsere Kleiderschränke und unsere Psyche eindringen und Millennials und Gen Z dazu zwingen, inmitten einer weltweiten Krise tief in den Y2K-Tresor zu tauchen. Dennoch ist es wichtig, uns daran zu erinnern, dass diese nostalgische Realitätsflucht bloß eine Fantasie ist.

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