„Thin is in“: Warum reden wir 2022 immer noch über „Trend-Figuren“?

Foto: Kevin Tachman/Getty Images.
2014 erklärte die Vogue pralle Pos in einem Artikel für „offiziell allgegenwärtig“ und die „Ära des Big Booty“ damitfür eingeläutet. (Wenig überraschenderweise existiert der kontroverse Artikel nicht mehr auf der Vogue-Website.) Seitdem sind acht Jahren vergangen – und diverse Medien prophezeien die Wiederkehr der 2000er-Ästhetik. Der sogenannte „heroin chic“ (cringe!) feiert in der Modewelt angeblich sein großes Revival, und einige Leute lassen genau deswegen ihre Beauty-OPs und -Eingriffe rückgängig machen, um Filler, Implantate und Co. loszuwerden und der dünnen Trend-Silhouette wieder näher zu kommen.
Wenn es um den Körper der modernen Frau geht – und die gesellschaftliche Vorstellung von dessen Idealform –, haben wir im letzten Jahrzehnt immer wieder beobachten können, wie das Trend-Pendel (mal wieder) von „Sanduhr“ zu „unterernährt“ geschwungen ist. Dieses Hin und Her scheint kein Ende zu nehmen, wirft aber auch eine Frage auf: Was heißt es eigentlich, „begehrenswert“ zu sein? Und wer entscheidet das überhaupt?
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„Schönheit war schon immer ein Synonym für Güte“, erklärt Dr. Xine Yao, Dozentin für amerikanische Literatur am University College London. „Das galt schon im alten Griechenland, wo die Schönheit einer Person mit ihrem moralischen Wert verknüpft wurde. Das Ganze ist seitdem nur noch komplizierter geworden, weil darin jetzt auch noch Faktoren wie Be_hinderung, Hautfarbe, soziale Schicht und Gender-Normen mitschwingen.“
Maya, eine 28-jährige Schwarzen Frau aus Miami in den USA, bemerkte das zum ersten Mal, als sie nach Europa zog und sich bewusst wurde, wie anders sie dort aufgrund ihrer Hautfarbe empfunden wurde. Die kulturelle Kluft – die sie besonders beim Dating zu spüren bekam – und die Art, wie sie von anderen behandelt wurden, war erstmal nur ungewohnt, wurde ihr aber mit der Zeit richtig unangenehm. Als Schwarze Frau war sie bei sich zu Hause in den USA „das Gegenteil von dem, was die Leute attraktiv fanden“, hatte sich jetzt aber in Europa scheinbar in einen Menschen verwandelt, der „Leute daten konnte, die aussahen wie die, die in Miami nie was von mir wissen wollten“. Als Schwarze Amerikanerin in Europa fühlte sie sich wie eine Art „exotischer Vogel“, wie eine nicht-indigene Spezies, deren neuentdeckte „Exotik“ „ausgenutzt und gegen mich verwendet“ werden konnte. Wie eine Frau, die in ein neues, unbekanntes, weit entferntes Land gezogen war, nur um dort festzustellen, dass sie „rücksichtslos behandelt werden durfte oder es verdiente, missachtet zu werden“. 
Obwohl es natürlich sein kann, dass noch viele andere Faktoren darin eine Rolle gespielt haben könnten, dass sich Maya so exotisiert fühlte, lässt sich kaum leugnen, dass ihre Hautfarbe dabei sicher entscheidend war. Schließlich war sie ja dieselbe Person, egal, in welchem Land sie sich gerade befand – und doch unterschied sich ihr Eindruck auf andere Leute und die Art, wie sie von denen behandelt wurde. Genau dieses Missverhältnis zeigt, wie enorm wichtig es ist, unsere Vorstellung von „Begehrlichkeit“ und „Schönheit“ zu hinterfragen. Wer begehrt denn hier, und wer wird begehrt? Geht es beim Begehrtsein darum, mich selbst für mich begehrlich zu machen – oder darum, wie ich von anderen begehrt werden möchte und dafür bestehende Schönheitsideale nutze?
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Genau diese Ideale nutzen auch die Mode- und Beautybranchen aus. Wenn Firmen Werbekampagnen entwickeln, verlassen sie sich dazu auf ihr kulturelles Verständnis von „Schönheit“. Dabei wird oft ein einziger Look an ganz viele verschiedene Menschen verkauft. Begehrlichkeit und Schönheit spielen also nicht nur in zwischenmenschlichen Beziehungen eine Rolle, sondern müssen auch im Kontext von nationaler Identität und globaler Märkte verstanden werden.
Aber es gibt eben mehr als nur den einen Körpertyp, der gerade „im Trend“ ist. Genau da wird die Politik der Begehrlichkeit problematisch, meint Dr. Yao – weil „die Medien und die Beauty-Industrie, die von weißen, eurozentrischen Werten bestimmt sind, die Tatsache verschleiern, dass auch andere Körpertypen begehrt werden und begehrenswert sind.“ Maya sieht das nicht ganz so. „In der [Beauty-]Industrie hat sich doch einiges getan. Wir sehen immer mehr Schwarze und Braune Körper, die für ihre natürliche Form gefeiert werden“, meint sie. „Vor allem, seit Frauen wie Rihanna einen großen Einfluss auf den Zeitgeist haben.“

Was heißt es eigentlich, „begehrenswert“ zu sein? Und wer entscheidet das überhaupt?

Und das stimmt: In einem Zeitalter, in dem Firmen verzweifelt versuchen, möglichst inklusiv rüberzukommen, ist diese stärkere Diversität in Werbekampagnen definitiv zu spüren. Eine verstärkte Sichtbarkeit Schwarzer und Brauner Körper sorgt aber gleichzeitig auch für häufigere Vorfälle von kultureller Aneignung – und das immer öfter auch durch chirurgische und nicht-chirurgische Eingriffe. „Ich glaube zwar nicht, dass sich nicht-Schwarze Menschen absichtlich eine Ästhetik wünschen, die Schwarz wirken soll, denke aber doch, dass sich Leute solchen Eingriffen unterziehen, weil sie von dem beeinflusst werden, was ihre liebsten nicht-Schwarzen Influencer:innen oder Promis machen“, meint Maya. „Jede:r sollte die Freiheit haben, den eigenen Körper zu verändern, ohne dafür verurteilt zu werden. Ich habe aber sehr wohl ein Problem mit Leuten, die sich mit Schwarzer Kultur schmücken, als seien sie darin Tourist:innen.“
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Diese Diskussion ließe sich nur sehr schwer führen, ohne dabei die Kardashian-Jenners zu erwähnen – den kulturellen Meilenstein dieser Generation –, die enorm beeinflusst haben, wie viele von uns ihre eigenen Körper betrachten und was wir diesen Körpern antun. Von ihren (jetzt scheinbar schrumpfenden) voluminösen Pos bis hin zu ihrer Aneignung afrikanischer Frisuren: Die Familie wird immer wieder des „Blackfishing“ beschuldigt (das heißt, sie bedienen sich diverser Elemente Schwarzer Kultur, ohne selbst Schwarz zu sein), und der Fox-Eye-Trend, der oft Kendall Jenner zugeschrieben wird, wurde bereits von Asiat:innen als kulturelle Aneignung kritisiert.
Der Einfluss der Kardashian-Jenners ist bis heute enorm. Laut Google Trends nahm das durchschnittliche Interesse an Lippen-Fillern um 30 Prozent zu, nachdem Kylie Jenner verriet, dass sie sich Juvéderm-Filler hatte injizieren lassen. Kim hat quasi im Alleingang das Zeitalter des BBL (Brazilian Butt Lift, das Po-Lifting) eingeläutet; seit 2015 ist dessen Beliebtheit um 77,6 Prozent gestiegen. Und trotzdem gab sie Allure im Juli ein kontroverses Interview, in dem sie behauptete, sie habe „nie was machen lassen“. Keine Filler, keine OPs, keine Wimpern-Extensions, nichts. 
Wenn wir die sinnlosen Spekulationen rund um „Hat sie was machen lassen oder nicht?“ mal ignorieren, erkennen wir unter alldem die subtile, schädliche Message, dass eine Frau nur dann als besonders begehrenswert gelte, wenn sie „natürlich“ ist und aussieht. Dabei gilt das für immer weniger Frauen: Eine Umfrage der International Society of Aesthetic Plastic Surgery ergab, dass zwischen 2019 und 2020 die Zahl der Gesichts- und Kopfeingriffe um 13,5 Prozent anstieg, Augenlid-OPs zu einem der beliebtesten kosmetischen Eingriffe wurde und auch der Einsatz nicht-chirurgischer Injektionen um 8,6 Prozent zunahm.
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Der Trend zur OP dürfte so schnell auch nicht wieder nachlassen – sogar eher im Gegenteil. Die globale Schönheits-OP-Industrie wurde 2021 auf 63,4 Millarden Dollar berechnet und soll Schätzungen zufolge bis 2030 sage und schreibe 145,7 Milliarden Dollar wert sein. Was steckt also dahinter? Warum verbreiten wir immer noch die Message „natürlich = schön“, wenn doch die Welt in Wahrheit immer weniger natürlich ist?
Lange versuchte die Beauty-Industrie, eine bestimmte Ästhetik so zu vermarkten, als sei sie noch halbwegs realistisch, aber immer einen Hauch außer Reichweite. Sie spielte mit der Fantasie des „Anderen“, ohne jemals wirklich anders zu sein. „Es geht dabei um das begehrenswerte ‚Andere‘, das es einer dominanten Gruppe erlaubt, mit diesem ‚Anderen‘ zu spielen – aber nicht auf eine Art, die wirklich zur [gesellschaftlichen] Veränderung führen könnte“, erklärt Dr. Yao.
Der Trend zu OPs, die auf künstliche Art die natürlichen Gesichts- und Körperformen einiger ethnischen Minderheiten nachzuahmen versuchen, sorgt dafür, dass diese Formen zu Schönheitsidealen werden – was wiederum dazu führt, dass sie vermarktet und finanziell ausgeschlachtet werden können. Die exponentiell wachsende Beliebtheit des Brazilian Butt Lift (BBL) ist dafür das perfekte Beispiel. Das gewünschte Resultat dieser OP – ein größerer, wohlgeformter Po – ist effektiv eine Fetischisierung brasilianischer Körper, die die gewalttätige Kolonialvergangenheit des Landes völlig ausblendet.
Denk nur mal an das Topmodel Gisele Bündchen. Kulturell gesehen ist sie Brasilianerin, wegen ihrer deutschen Wurzeln aber aus ethnischer Sicht Europäerin. Dr. Yao meint dazu: „Gisele ist eine weiße Frau, die eine Nähe zu einer Form von ethnischem ‚Anderssein‘ hat. Ihre Art einer ‚Brasilianerin‘ wird dem Rest der Welt verkauft, dient aber überhaupt nicht dazu, alle brasilianischen Frauen zu emanzipieren.“
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Manche Marken haben sich dankend auf die Vorstellung der trotzigen Selbstliebe gestürzt, um damit eine noch breitere Kundschaft zu erreichen. 

Bei dem Versuch, die Mechanismen hinter Begehrlichkeit zu hinterfragen, geht es oft lang und breit um unseren Medienkonsum und dessen Verbindung zu unserem Selbstwertgefühl – und irgendwann kommen wir zu dem Schluss, dass hinter alldem eben doch der Kapitalismus steckt. Kann es also schon reichen, die standardisierten Ideale von „Schönheit“ abzulehnen und uns stattdessen in radikaler Selbstliebe zu üben? Nein, nicht ganz. Die vermeintlich harmlose Demokratisierung der Schönheitsindustrie kann uns in der Hinsicht sogar schaden; manche Marken (wie Dove mit seiner „Be Real Beauty“-Kampagne) haben sich nämlich dankend auf diese Vorstellung der trotzigen Selbstliebe gestürzt, um damit eine noch breitere Kundschaft zu erreichen. 
Fakt ist leider auch: „Es ist ganz menschlich, dass wir nie mit dem zufrieden sind, was wir haben“, meint die Ästhetikerin und Schönheitschirurgin Dr. Lucy Glancey. „Wir Menschen sind enorm selbstkritisch und haben heutzutage viel Zeit, uns selbst zu analysieren.“ Noch dazu haben wir ja nie einen neutralen Blick auf uns selbst, weil uns schon so früh und so stark antrainiert wird, wie wir denken und uns selbst empfinden sollen.
Fakt ist jedenfalls: Wir sind noch sehr weit davon entfernt, unsere Gesellschaft aus der Bahn zu werfen und die Schönheitsideale zu stürzen, die uns in Sachen Begehrlichkeit auf ein beschränktes Sichtfeld reduzieren. Das heißt aber nicht, dass wir nicht trotzdem jeden Tag aufs Neue versuchen sollten, „schön“ und „attraktiv“ ganz für uns selbst zu definieren.
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