Ich kann mir weniger leisten als meine Freund:innen & sie grenzen mich aus

Foto: Paola Vivas.
„Ich habe momentan das Gefühl, in Sachen Geld nicht mit meinen Freund:innen mithalten zu können“, erzählt die 26-jährige Emilie. „Ich habe zwar das Glück, auch während der Pandemie meinen Job behalten zu haben. Weil ich aber seit ein paar Jahren nicht befördert wurde und auch keine Gehaltserhöhung bekommen habe, habe ich weiterhin dasselbe Einkommen wie früher, wohingegen meine Freund:innen inzwischen so viel verdienen, dass sie einen ganz anderen Lifestyle ausprobieren können. Durch die Kombi aus Miete, Rechnungen und Inflation kann ich mir einfach kein überteuertes Abendessen oder eine teure Partynacht leisten – sie aber schon.“ 
Emilie fühlt sich dadurch von ihren Freund:innen ausgeschlossen. „Wie kann ich mit ihnen darüber sprechen? Ich sage inzwischen manche Treffen deswegen sogar ab, fühle mich dann aber zu Hause beschissen und einsam. Ich weiß aber einfach nicht, wie ich das Thema ansprechen soll, ohne dass sich dabei alle unwohl und verurteilt fühlen.“
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Dr. Sheri Jacobson, eine pensionierte Psychotherapeutin mit über 17 Jahren Berufserfahrung, kann hier weiterhelfen.
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Dr. Sheri Jacobson: Mit diesem Problem bist du überhaupt nicht allein. Die meisten Therapeut:innen, mit denen ich zusammenarbeite, erzählen mir, dass sich die gestiegenen Lebenshaltungskosten negativ auf das Leben ihrer Patient:innen auswirken. Trotzdem ist es schwierig, sich nicht in irgendeiner Form dafür zu schämen, finanziell nicht „mithalten“ zu können.
Dieser Wunsch nach dem „Mithalten“ entspringt meistens unserem Bedürfnis, reinpassen zu wollen – niemand sieht sich gern in der Außenseiter:innen-Rolle. Wir wollen den Normen einer Gruppe entsprechen können. Wenn du also das Gefühl hast, ein vorheriges Maß an finanziellen Ausgaben nicht länger halten zu können, weil sich deine Umstände verändert haben, machst du dich dafür schnell selbst verantwortlich. Diese innere Schuldzuweisung lässt aber völlig außer Acht, dass du deine Umstände häufig gar nicht selbst beeinflussen kannst. In anderen Worten: Dieser Glaube, nicht „gut genug“ zu sein, ist oft der stärkste Treiber dieser Schamgefühle.
Um dieses Empfinden der eigenen Unzulänglichkeit zu bewältigen, empfehle ich dir, dir auch mal die Umstände deines Umfelds genauer anzusehen. Du wirst dabei vermutlich erkennen, dass du nicht die einzige Person bist, die Schwierigkeiten damit hat, finanziellen Verpflichtungen oder anderen Ausgaben nachzukommen. Daher ist es immer eine gute Idee, ein Gespräch anzustoßen, das euch über solche Probleme reden lässt. Das kannst du auch auf humorvolle Art angehen, zum Beispiel so: „Alles kostet heute so viel mehr. Ich fühle mich total alt, weil ich mich noch an Zeiten erinnern kann, zu denen die Preise niedriger waren.“ Solche Sprüche laden zu Solidarität ein – und die Chancen stehen gut, dass deine Freund:innen eigentlich im selben Boot sitzen wie du.
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Gespräche über Geld mit deinen Freund:innen lassen sich auch dadurch erleichtern, indem du ganz offen anerkennst, wie schwer dir dieses Thema fällt. Geld ist in Beziehungen oft eines der empfindlichsten Themen, weil es eben so selten angesprochen wird. Es wird daher beinahe genauso stigmatisiert wie Sex: Es gilt als private, persönliche Angelegenheit, und es fühlt sich für uns nicht natürlich an, mit anderen Menschen offen darüber zu reden. Dein erste Schritt sollte daher sein, anzuerkennen, dass es ein unangenehmes Thema ist. Genau deswegen ist es aber so wichtig, darüber zu sprechen: Wenn du dich nämlich stattdessen davor drückst und so tust, als sei Geld für dich kein Thema, kann das dazu führen, dass du überkompensierst und mehr ausgibst, als du solltest. Das wiederum sorgt für einen Teufelskreis aus Reue und Wiederholung – und vielleicht sogar für Schulden. Diesem Teufelskreis entkommt man nur mit großer Mühe.
Wie gesagt: Viele Leute machen gerade genau dieselben Schwierigkeiten durch wie du. Offen darüber zu sprechen, hilft generell nicht nur dir, sondern womöglich auch deinen Freund:innen. Ein solches Gespräch kannst du ganz verschieden angehen. Du kannst beispielsweise ganz direkt sein und etwas sagen wie: „Okay, hör zu, ich mache mir Sorgen wegen Geld.“ Du kannst auch ankündigen, dass du über ein sensibles Thema sprechen möchtest: „Ich möchte gern mit dir über etwas reden, über das ich mir momentan oft den Kopf zerbreche.“ Du kannst unter vier Augen mit jemandem darüber reden, der oder die dir besonders nah steht, oder das Thema in der Gruppe anschneiden. Kurz gesagt: Du hast ganz viele Optionen, dieses Gespräch zu führen. Es geht einfach darum, eine gemeinsame Herausforderung zu besprechen – und vielleicht sogar eine gemeinsame Lösung zu finden.
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Das ist vor allem rund um die Weihnachtszeit sehr wichtig. Die Feiertage werden so heftig kommerzialisiert, und immer schwingt die Erwartungshaltung mit, ausgegebenes Geld sei ein Liebesbeweis. Wenn du kannst, solltest du aber stattdessen ganz offen darüber reden, dass du gerade ein bisschen zurückhaltender mit deinem Geld umgehen musst. Du kannst beispielsweise vorschlagen, materielle Geschenke dieses Jahr gegen gemeinsam verbrachte Zeit zu ersetzen. Und dafür musst du auch gar nicht viel Geld ausgeben: Einige der schönsten Erlebnisse, in denen man sich einander besonders nah fühlt, kosten keinen Cent.
Wann immer du merkst, dass du dich gerade mal wieder für deinen Kontostand fertig machst, kämpfe dagegen an. Übe dich in Selbstnachsicht und behandle dich so rücksichtsvoll, wie du auch mit Freund:innen umgehen würdest. Du bist mit dieser Situation überhaupt nicht allein. Viele Leute stehen gerade vor denselben Problemen, und wir sollten unbedingt anerkennen, dass wir uns derzeit in einer schwierigen Lage befinden. Wir sind leider oft unsere stärksten Kritiker:innen – daher kann diese innere Arbeit viel Mühe erfordern.
Wenn du hingegen das Gefühl hast, dass dich deine Freund:innen tatsächlich für deine finanzielle Situation verurteilen, wenn du mit ihnen darüber sprichst, solltest du dich vielleicht fragen, wie viel „Freundschaft“ wirklich in eurer Beziehung steckt, wenn diese Leute nicht mal gewillt sind, deine veränderte Lage zu akzeptieren – geschweige denn dir unter die Arme zu greifen.
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