Warum ich Freund:innen in Sachen Geld nicht mehr anlüge

Illustration: Kieran Boswell
Ich fühle mich meinen Freund:innen immer dann am nächsten, wenn ich bemerke, dass sie sich wohl genug in meiner Gegenwart fühlen, um mir anzuvertrauen, dass sie gerade etwas knapp bei Kasse sind. Als wir zum Beispiel vor Ausbruch der Pandemie über Flüge und Unterkünfte für eine Gruppenreise sprachen, gab eine Freundin zu, dass sie mit dem Kauf ihrer Tickets länger warten wollte, weil ihr die Preise zu diesem Zeitpunkt zu hoch waren. Eine andere fand meine Auswahl an Airbnbs gut, weil alle innerhalb ihres Budgets waren.
Du kannst dir zur Zeit nicht alles leisten oder solltest gerade lieber gar keine Kohle ausgeben? Ich will mehr davon hören! Offene Gespräche über Geld sind wie Musik in meinen Ohren.
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Zu wissen, dass meine Freund:innen mir genug vertrauen, um ehrlich über Geldprobleme reden zu können, macht jedes Gefühl von Enttäuschung, dass wir nicht zusammen abhängen können, wieder wett. Über Finanzielles zu sprechen, ist immerhin nicht gerade einfach. Ich möchte bloß, dass die Personen in meinem Freundeskreis offen zugeben können, dass sie gerade zu pleite für etwas Bestimmtes sind, anstatt mich aus Verlegenheit oder aus Angst, dass ich sie verurteilen könnte, zu meiden. Ich finde es besser, wenn sie Pläne auf einen Zeitpunkt, wenn es ihnen finanziell wieder besser geht, verschieben, als Geld auszugeben, das sie gerade echt lieber zur Seite legen sollten. So können sie unsere gemeinsamen Momente ja gar nicht vollständig genießen und negative Konsequenzen werden auch nicht auf sich warten lassen.
Solange ich darauf vertrauen kann, dass ein „Nein“ oder „Das ist im Moment leider nicht möglich“ von Freund:innen nicht eine Strategie ist, um unsere Freundschaft zu beenden, ohne es explizit sagen zu wollen, ist für mich alles völlig in Ordnung. Knapp bei Kasse zu sein, ist mir ja schließlich auch nicht fremd und ich weiß, dass ich genauso ehrlich sein kann, wenn ich es bin, die Pläne verschieben oder einfach mal aussetzen muss.
Mir ist schon klar, dass es nicht die einfachste Sache der Welt ist, in Freundschaften ehrlich über Finanzielles zu sprechen. Ob Geld ein heikles Thema ist oder nicht, hängt aber größtenteils von den ungeschriebenen Spielregeln innerhalb des jeweiligen Freundeskreises ab und davon, wie leicht oder schwer es Freund:innen (mit knappen Mitteln) fällt, über Geld zu sprechen. Vieles davon rührt auch von Gewohnheiten innerhalb der Familie und sozialen Erfahrungen her. Meine eigenen Familienmitglieder sprachen (und stritten) immer offen über Kohle, als ich aufwuchs. Meine Bereitschaft, auf transparente Weise über dieses Thema zu sprechen, entwickelte sich, als ich älter wurde. Ich hatte nämlich die Nase voll davon, zu lügen oder vorübergehend pleite zu sein, wenn das mithilfe eines „Neins“ doch völlig vermeidbar wäre. Mit der Zeit erkannte ich, dass ich zwar nichts verpasse, wenn ich impulsiv mit meinen eigenen finanziellen Mitteln umgehe, dieses Verhalten aber auch dazu führte, dass ich mich später schuldig und unverantwortlich fühlte und meine Geldsorgen nur noch mehr verheimlichen wollte. Außerdem konnte ich mir durch dieses unvernünftige Benehmen später wiederum andere Dinge nicht mehr leisten.
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Es gibt wirklich keine magische Anleitung, wie du am besten damit anfängst, das Thema Geld und finanzielle Probleme offen anzusprechen. Du musst es einfach tun – vielleicht in Form einer teils scherzhaften, aber eigentlich ernsten Nachricht an Freund:innen, in der du erklärst, was du dir gerade leisten kannst und was nicht, oder einer Frage, mit der du in Erfahrung bringen kannst, wie es anderen im Freundeskreis gelingt, sich finanziell über Wasser zu halten. Vielleicht kannst du das Thema Geldsorgen auch enttabuisieren, indem du auf eine sachliche Weise zugibst, dass eine Reise im Moment nicht infrage kommt, du aber auf jeden Fall dabei sein willst, sollte sich eine weitere in der nahen Zukunft ergeben. Am schwierigsten ist es, damit zu beginnen, ehrlich über deine Finanzen zu sprechen. Die gute Nachricht ist aber, dass es einfacher wird, je öfter du darüber redest.
Meinen Freund:innen fällt es unterschiedlich leicht oder schwer, Details zu ihrer Finanzlage preiszugeben. Zu Schulzeiten konnte ich anhand der Snacks, die jemand während der Pause kaufte, feststellen, ob jemand Taschengeld hatte oder nicht. Damals war es auch ein wenig unangenehm, über die finanzielle Situation unserer Familien zu sprechen, weil das verriet, wessen Familie auf staatliche Unterstützung angewiesen war – aber wir fanden unsere eigene Art und Weise. In den letzten fünf Jahren oder so haben wir damit angefangen, untereinander offen darüber zu reden, wie viel wir so verdienen, an Sozialleistungen erhalten und wie hoch unsere Gehaltserhöhungen bei der Arbeit sind. Je älter wir werden und seitdem wir uns alle ernsthafter mit unserer jeweiligen finanziellen Lage beschäftigen oder mehr Verantwortung für unsere älter werdenden Eltern übernehmen, sprechen wir in unserem Freundeskreis immer ungehemmter über Geld.
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Indem meine Freund:innen mich wissen lassen, dass sie aus finanziellen Gründen keine Zeit mit mir verbringen können, zeigen sie mir ihre verletzliche Seite. Das sehe ich nicht nur als nicht selbstverständlich an, sondern weiß es auch sehr zu schätzen. Damit zeigen sie auch die Prioritäten, die sie sich selbst kurz- oder langfristig gesetzt haben. Diese Ziele sind auch Dinge, über die wir uns austauschen können. Dadurch, dass wir unsere Geldsorgen nicht verschweigen müssen und Geld jetzt prinzipiell ein transparentes Thema bei uns ist, wächst unsere Beziehung im Falle eines „Neins“ zu gemeinsamen Aktivitäten genauso wie bei einem „Ja“.
Es gibt immer noch Momente, in denen es mir schwerfällt, offen zuzugeben, warum ich nicht an einer Aktivität teilnehmen kann (oder will). Das ist besonders bei Reisen und Geburtstagsfeiern der Fall. Ersteres ist für mich am schwierigsten: Selbst wenn ich weiß, dass ein Trip zu kurzfristig ist, mein Budget sprengt oder im Vergleich zu anderen Dingen, die ich vorhabe, keine Priorität hat, möchte ich immer teilnehmen. „Nein“ sagen zu einem Film (einfach), einem Konzert (eine zögerliche Absage) oder Drinks (mit einem „Ich sage Bescheid, ob ich kann!“, bis ich weiß, dass ich kein schlechtes Gewissen zu haben brauche, sollte ich mir einen zweiten oder dritten Cocktail holen wollen)? Kein Problem! Aber eine Reise? Ich finde immer einen Weg, um einen Trip rechtfertigen zu können und andere nicht enttäuschen zu müssen.
Sich dafür zu entscheiden, an schönen Momenten mit Freund:innen aus Geldgründen nicht teilzunehmen, ist alles andere als einfach und fällt mir bei jedem Mal immer noch megaschwer. Ich habe Personen in meinem Freundeskreis, die fast immer die nötigen finanziellen Mittel zur Verfügung haben, um verreisen zu können. In 99 Prozent der Fälle, als ich sagte, dass ich mir etwas nicht leisten könne – egal, ob prinzipiell oder in dem jeweiligen Augenblick –, war da aber ein anderer Freund oder eine andere Freundin, die im selben Boot saß. In diesen Momenten, in denen eine andere Person offen zugibt, dass sie ebenfalls keine Kohle hat, fühle ich mich erleichtert und nicht mehr so alleine mit meinen Geldsorgen – und ist das nicht wahre Freundschaft?

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