Gaslighting unter Freund:innen: Wie du toxische Freundschaften erkennst

Foto: Ashley Armitage
„Gaslighting“ war eines der „Worte des Jahres“ der Oxford Dictionaries 2018. Seitdem ist der Begriff zu einem Buzzword der politisch aufgeladenen Ära geworden, in der wir leben – und gerade nach #MeToo und #TimesUp brauchen wir solche Worte, um den unzähligen Formen psychologischer Manipulation einen konkreten Namen geben zu können, die uns Tag für Tag an uns selbst zweifeln lassen. 
Aber wo kommt dieser Begriff „Gaslighting“ überhaupt her? Tatsächlich stammt er aus dem fast gleichnamigen Theaterstück Gaslight von Patrick Hamilton aus dem Jahr 1938, in dem ein Mann die Gaslampen dimmt und seine Frau davon überzeugt, dass sie sich das nur einbildet. Heutzutage sprechen wir von Gaslighting meistens in einem romantischen Kontext; ein Buch der Psychotherapeutin Dr. Stephanie Sarkis beleuchtet das manipulative Verhalten aber auch in anderen Zusammenhängen, wie beispielsweise im Familienleben, bei der Arbeit, in der Politik – und in Freundschaften.
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Letzterem widmet Dr. Sarkis in ihrem Buch sogar ein ganzes Kapitel. „Dabei denkst du vielleicht erstmal an das Wort ‚frenemy‘, also die Kombination aus Freund:in und Feind:in“, schreibt sie. „Klingt das nicht genau wie eine Freundschaft mit einem oder einer Gaslighter:in? Das Verhalten dieser Person stört dich enorm – aber du bleibst trotzdem mit ihr befreundet, obwohl dir die Freundschaft überhaupt nichts bringt. Das kann daran liegen, dass du schon früh in deinem Leben von anderen Gaslighting erfahren hast und es deswegen für normal hältst. Womöglich fragst du dich sogar: ‚Was würde ich ohne diese:n Freund:in nur tun?‘ Naja, zuallererst hättest du auf jeden Fall ein angenehmeres Leben!“ Woran du Gaslighting in deinen Freundschaften erkennst und was du dagegen tun kannst, erklärt dir Dr. Sarkis hier.
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Die Symptome

1. Gossip, Gossip, Gossip
„Gaslighter:innen lieben es, zu lästern. Es macht ihnen Spaß, peinliche Details über die Leben anderer zu erfahren und sie mit anderen zu teilen“, erklärt Dr. Sarkis, „weil sie dadurch das Gefühl der Macht und Kontrolle über andere bekommen.“ Fühlst du dich jetzt selbst schuldig, weil du gerne mal lästerst? Da gibt es einen Unterschied: Wer gerne tratscht, „gibt bloß Informationen weiter (wenn vielleicht auch auf unangebrachte Weise). Ein:e Gaslighter:in benutzt diese Informationen aber als Waffe.“ Achte darauf, wie er oder sie mit dir über andere Menschen spricht: „Ist das nur Tratsch, oder scheint die Person sich am Unglück anderer zu erfreuen? Das ist ein sicheres Anzeichen für Gaslighting – und ich garantiere dir, dass diese Person genauso auch mit anderen über dich spricht.“ Deswegen empfiehlt Dr. Sarkis, genau aufzupassen, welche persönlichen Informationen du mit dieser Person teilst, und sie darauf anzusprechen, wenn sie auf boshafte Art über andere lästert. Das kann zum Beispiel ein Spruch sein wie: „Ich weiß nicht, ob er oder sie das gern hätte, dass du mir das jetzt erzählst“, gefolgt von einem Themenwechsel oder einem Beenden des Gesprächs.
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2. Der Lügen-Köder
Gaslighting-Freund:innen „schauen sich gerne einen guten Streit an, den sie auch selbst provozieren“, meint Dr. Sarkis. Zu diesem Zweck tischen sie dir gern Lügen darüber auf, was andere angeblich über dich gesagt haben sollen. „Wenn dir ein:e Gaslighter:in verrät, jemand habe dies oder jenes über dich gesagt, solltest du das automatisch erstmal anzweifeln. Gaslighter:innen haben kein Problem damit, andere anzulügen – vor allem, wenn es ihnen mehr Macht einbringt. Wenn ihnen also mal der Gossip ausgeht, denken sie ihn sich eben einfach selbst aus.“ Auf diesen „Köder“ solltest du aber nicht reinfallen. Reagiere dann einfach mit einem „Oh“ oder „Okay“, empfiehlt Dr. Sarkis. Denn diese:r „Freund:in“ versucht nicht nur, einen Streit loszutreten, sondern auch, dich von anderen zu isolieren. „Gaslighter:innen hätten es unheimlich gerne, wenn du sie als deine:n einzige:n Freund:in betrachten würdest.“
3. Verdächtige Freundschaft
„Gaslighter:innen mühen sich gerne mal ab, um sich mit deinem Partner bzw. deiner Partnerin anzufreunden. Das solltest du mit Vorsicht genießen“, warnt Dr. Sarkis. „Sie wissen genau, was viele Partner:innen in Langzeitbeziehungen hören möchten. Dabei ist es völlig egal, ob du in einer gesunden, intakten Beziehung bist. Schließlich haben wir alle gern das Gefühl, verstanden zu werden.“ Dr. Sarkis glaubt, Gaslighting-Freund:innen solltest du im Kontext deiner Beziehung nicht vertrauen, weil sie dir deine:n Partner:in „stehlen“ könnten – „vor allem, wenn du der Person vorher schon verraten hast, dass es in deiner Beziehung kriselt.“ Dr. Sarkis rät dazu, deine:n Partner:in vor diesem toxischen Einfluss zu warnen. „Der bzw. die Gaslighter:in sieht das Ganze als Spiel: Kann er oder sie deine:n Partner:in für sich gewinnen? Du, deine bessere Hälfte oder deine Beziehung sind dieser Person dabei völlig egal, genauso wie deine Gefühle.“
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Was du tun kannst

1. Geh auf Distanz – oder beende die Freundschaft
Dein Leben wieder in normale Bahnen zu lenken, ist eigentlich recht simpel, meint Dr. Sarkis. „Wenn der oder die Gaslighter:in für dich ein:e Freund:in ist, bist du am besten beraten, den Kontakt ganz abzubrechen. Nur so wirst du den toxischen Einfluss einer solchen Person wirklich los“, sagt sie. „Tust du das nicht, wird sie in deinem Leben weiterhin Chaos anrichten – versprochen. Ganz vielleicht lässt sie sich irgendwann von jemand anderem ablenken und dich daraufhin plötzlich fallen, aber bis dahin bringt dir diese ‚Freundschaft‘ nur Drama.“
2. Leih ihnen nichts aus – und andersrum
Das gilt insbesondere für Geld, sagt Dr. Sarkis. Leihst du der Person doch etwas, kannst du damit rechnen, dass du es nie wiedersiehst. Erspare dir den Ärger und vermeide sämtliche Leihgaben – auch aus der anderen Richtung.  Dasselbe gilt für Geschenke. „Wenn dir ein:e Gaslighter:in etwas ‚schenkt‘, solltest du dankend ablehnen oder, wenn das nicht geht, dich darauf einstellen, dass das Geschenk irgendeinen Haken hat. Gaslighter:innen sind dafür bekannt, das später als Diebstahl darzustellen.“ Die Motivation dahinter erklärt Dr. Sarkis folgendermaßen: „Sie brauchen das Gefühl, sich bei Leuten rächen zu können, von denen sie den Eindruck haben, betrogen worden zu sein.“
3. Vertraue ihnen nicht deine Haustiere oder Kinder an
Klingt radikal? Ist aber begründet: „Gaslighter:innen ist vieles egal. Wenn du ihnen die Verantwortung für deine Kinder oder Haustiere überlässt, sehen sie das als eine Art Vollmacht über die wertvollsten Dinge deines Lebens. Bitte überlege dir das gut; es muss noch bessere Alternativen fürs Tier- oder Babysitting geben.“
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4. Tu gelangweilt oder gleichgültig
Anstatt deine toxische Freundschaft abrupt zu beenden, lässt du sie am besten im Sand verlaufen, indem du dich selbst langweilig oder gleichgültig wirken lässt und die andere Person zuerst abhaut, schlägt Dr. Sarkis vor. „Gaslighter:innen provozieren gerne. Wenn du auf diese Kommentare mit ‚Vielleicht hast du Recht‘, ‚Okay‘ oder ‚Vielleicht‘ antwortest, wird es ihnen mit dir bald zu langweilig.“

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