Breadcrumbing für das Ego: Ist es ok, Freund*innen warmzuhalten?

Foto: Natalia Mantini
„Meine Liebe, wie geht’s dir? Wir haben uns jetzt schon wieder so lange nicht gesehen. Ich vermisse dich total, lass uns bald mal zusammen essen gehen, ja?“ Die meisten von uns bekommen wohl öfter solche oder so ähnliche Nachrichten von Freund*innen und Bekannten zugeschickt, von denen wir wissen, dass sie es in der nächsten Zeit definitiv nicht auf ein Abendessen mit uns schaffen werden. Im Onlinedating heißt dieses Phänomen Breadcrumbing.
Anstatt mit Brotkrümeln im wörtlichen Sinne wird man hierbei mit Nachrichten, Likes und Kommentaren auf Social Media bei der Stange gehalten. Das Gegenüber schreibt DMs, die darauf schließen lassen, sie oder er wäre ernsthaft interessiert, sich zu verabreden. Doch zu einem realen Treffen kommt es dann irgendwie doch nicht. Oftmals vergehen mehrere Wochen Funkstille, bis der Breadcrumber sich nach dem abgesagten Datingversuch wieder meldet und das Spiel von neuem losgeht. Was dahintersteckt? Diese Leute wollen sich alle Optionen offenhalten und genießen es, in anderen Menschen Hoffnungen zu wecken. Nur wirklich treffen wollen sie sich eben nicht. Dieses Verhalten ist nicht nur unhöflich und oftmals das Produkt eines geringen Selbstwertgefühls, sondern auch weiter verbreitet, als du denken würdest. Denn wie schon beschrieben, beschränkt es sich keinesfalls nur aufs Dating.
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Die 28 Jahre alte Ally gesteht: „Mit zwei Bekannten verhalte ich mich wie der totale Breadcrumber. Ich will sie wirklich öfter sehen, aber ich kriege es ja schon mit meinen engsten Freund*innen nicht regelmäßig hin. Mich mit ihnen zu treffen ist außerdem wesentlich einfacher: Egal ob ich schlecht gelaunt oder müde bin, sie lieben mich trotzdem. Bei Leuten, die ich nicht so gut kenne, muss ich immer noch extra Arbeit investieren, muss gut gelaunt und gestylt zu den Verabredungen erscheinen. Das ist leider einfach ein bisschen anstrengend.“
Jodie Cook ist Beraterin bei JC Social Media Marketing und sagt, dass wir zwar mittlerweile aufgrund von Social Media und zahlloser WhatsApp-Gruppen ständig mit anderen im Austausch sind, es aber unmöglich ist, mit all diesen Menschen wirklich verbunden zu sein. „Manche Freundschaften verlaufen im Sande, andere bleiben über die Zeit bestehen. Das ist total natürlich“, sagt sie. Dank den sozialen Medien werden wir nur konstant daran erinnert, dass wir manche Freund*innen auf der Strecke lassen. „Diese Leute tauchen weiterhin in unserem Newsfeed auf oder die ‚Erinnerungen’-Funktion bringt uns dazu, dass wir immer wieder an sie denken müssen. Das veranlasst uns dazu, mit diesen Menschen aus unserer Vergangenheit in Kontakt zu bleiben, auch wenn wir uns eigentlich beide weiterentwickelt haben.“
Die sozialen Medien haben unsere Bekanntenkreise also auf ein nicht mehr händelbares Level aufgebläht. Natürlich können wir nicht mit all den Menschen aus unserer Freundes- oder Followerliste in Kontakt bleiben. Wieso aber versuchen wir es dann? Wieso müssen wir sie mit Einladungen, die wir gar nicht so meinen, daran erinnern, dass wir noch existieren?
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In einer Podcastfolge von Aziz Ansari auf Freakonomics fand der Comedian heraus, dass beim Onlinedating die Menschen die häufigsten Dates bekamen, die einen spezifischen Tag und eine Uhrzeit für das Date vorschlugen. Mit dieser Erkenntnis im Sinn machte ich mich an mein eigenes, privates Experiment. Wenn mir jemand mal wieder per Textnachricht ein paar Brotkrumen hinwarf, antwortete ich darauf mit: „Klar, wie würde dir denn nächsten Dienstag um 17 Uhr in dem oder dem Restaurant passen?“ Und was passierte? In den meisten Fällen nichts. Ich bekam schlichtweg keine Antwort. Anstatt mich jedoch zu ärgern, musste ich einsehen, dass ich dieses Verhalten leider auch schon das ein oder andere Mal an den Tag gelegt habe.
Foto: Natalia Mantini
Dr. Max Blumberg ist psychologischer Forscher an der Goldsmiths Universität in London und sieht das Ganze ziemlich kritisch. „Das ist Ausdruck eines schwachen Selbstwertgefühls. Der Gedanke dahinter ist: Ich brauche andere, um mein Selbstbewusstsein aufzupäppeln, indem ich mich vergewissere, dass ich begehrt bin.“ Das Problem ist jedoch, dass dieses Hin und Her und die leeren Versprechen dazu führen, dass eine der Parteien verletzt zurückbleibt. „Die Person mit dem geringeren Selbstbewusstsein wird sich irgendwann schlecht fühlen, wenn die andere Person sich nicht mehr bei ihr meldet. Denn sie braucht diese digitalen Streicheleinheiten, um sich davon überzeugen zu können, dass sie interessant genug und die Mühe wert ist.“
Wir leben in einer Welt, in der viele unserer Beziehungen immerhin zum Teil über Social Media stattfinden. Deswegen habe ich die Theorie aufgestellt, dass unser digitales Ich verändert hat, wie wir mit unseren Freund*innen umgehen, wenn wir nicht in echt mit ihnen Zeit verbringen. Dank Instagram und Co. haben wir die Möglichkeit, uns selbst und unsere „Marke“ zu promoten. Unsere etwas entfernteren Freund*innen sind deshalb nicht mehr nur bessere Bekannte, sondern gleichzeitig auch Networkingkontakte, die wir uns nicht entgehen lassen wollen. Diese Kontakte möchten wir mit unseren Nachrichten daran erinnern, dass wir existieren, dass wir Sachen unternehmen und relevant sind.
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Diese Theorie bestätigt mir auch die Social-Media-Beraterin Jodie Cook. „Vielleicht sehen wir als Insta-Süchtige unseren erweiterten Freundeskreis und unser Netzwerk in erster Linie als ein Mittel zum Zweck, um mehr Likes abzustauben. Wenn immer nur unsere fünf engsten Freund*innen unsere Posts liken würden, würden sie nicht gerade viral gehen. Deswegen haben wir das Gefühl, das Feuer anheizen und andere Leute weiterhin mit Häppchen füttern zu müssen. Indem wir so tun, als würden wir jemandem unsere Freundschaft anbieten, sichern wir in Wirklichkeit nur unsere eigenen, egoistischen Ziele ab.“ Okay, das sind extrem harte Worte.
Und was bedeutet das jetzt für uns? Um ehrlich zu sein, kennen die meisten von uns die Antwort bereits: Ein bisschen weniger Social Media und ein bisschen mehr Zeit, die wir im richtigen Leben mit den Menschen verbringen, die uns wirklich am Herzen liegen. Jodie Cook empfiehlt: „Höre auf, Informationen mit allen zu teilen und zu posten und hebe sie stattdessen für die Gelegenheiten auf, in denen du deine Freund*innen und Familie von Angesicht zu Angesicht siehst.“
Dieser Meinung ist auch Dr. Blumberg: „Finde Ergänzungen zu deinem Onlineleben. Ich sage bewusst nicht ‚Alternativen’, denn ich weiß, dass es für die meisten einfach keine Option ist, sich von Instagram und Facebook abzumelden.“ Stattdessen schlägt er vor, auf Onlineplattformen nach Leuten Ausschau zu halten, die ähnliche Interessen haben wie du und so deinen Freundeskreis im richtigen Leben zu erweitern, sollte es dir aktuell an Gleichgesinnten mangeln.
Mein Tipp ist, dass du dein eigenes Verhalten hinterfragst. Wenn dir bewusst wird, dass ein*e Bekannte*r dich mit seinen oder ihren Textnachrichten nur warmhält und du, wenn du jetzt mal ehrlich bist, auch nicht so viel Lust hast, dich zu treffen, hör vielleicht einfach mal auf, mit deinen halbgaren Antworten weiterhin zum Ping Pong beizutragen. Die Frage, die du dir stellen solltest, lautet: Willst du die Person echt treffen oder ist dieser Kontakt einfach nur ein weiterer Stressfaktor in deinem Leben? Wenn du in deinem tiefsten Inneren einfach nur allein zu Hause netflixen willst, statt dich zu treffen, dann hör, so brutal es sich anhören mag, einfach auf zu antworten und nutze deine Zeit für diejenigen, auf die es wirklich ankommt.
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