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Ich verdiene mehr Geld als mein Partner. Sollte ich deswegen mehr zahlen?

Lieber Paco,
mein Partner und ich denken darüber nach, endlich zusammenzuziehen. Das ist eine aufregende Entscheidung – aber ich zerbreche mir den Kopf darüber, was für die Finanzierung unseres geteilten Lebens „fair“ wäre. Damit meine ich zum Beispiel fixe Ausgaben oder die Wahl unserer Wohnung. Ich verdiene über 40.000 Euro mehr als er und habe den Eindruck, er drängt uns ein bisschen zu einem teureren Apartment. Er meint, das könnten wir uns ja mit unseren beiden Gehältern leisten; gleichzeitig scheint er aber auch davon auszugehen, dass ich mehr Miete zahlen sollte, weil ich mehr verdiene. Ich persönlich würde lieber in einer weniger schicken Wohnung wohnen und dafür mehr Geld sparen, und ich finde, ich bezahle ohnehin schon viel mehr für uns beide. 
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Ich weiß nicht, warum mich das so stört. Ehrlich gesagt würde seine Lebensqualität deutlich abnehmen, wenn er mich nicht hätte. Weil sein Lifestyle jetzt schon ziemlich nett ist, habe ich außerdem das Gefühl, er ist nicht so motiviert, für eine Beförderung zu arbeiten oder einen besser bezahlten Job anzunehmen. Sollte ich automatisch mehr für uns beide zahlen müssen, bloß weil ich mehr verdiene? Wie gehe ich mit meinen Gefühlen und meiner Einstellung zur Fairness zwischen uns beiden um, ohne langfristig einen Groll zu entwickeln? Ist es knauserig, mir so viele Gedanken darüber zu machen, wie viel jede:r von uns in diese Beziehung „investiert“?
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Liebe:r Mehrverdiener:in,
herzlichen Glückwunsch zu euer aufregenden neuen Beziehungsphase. Das Zusammenleben ermöglicht euch viele neue, schöne Erfahrungen, bedeutet aber auch viel neues Alltägliches – wie die Aufteilung von Haushaltsaufgaben und -rechnungen. Eure Ausgaben zu teilen, ist wirtschaftlich vernünftig und demnach eine tolle Sache; aber wenn ihr nicht gleich viel verdient, erfordert das schwierige Gespräche, die ihr vorher vielleicht noch nie führen musstet.
Ich finde, im Umgang mit Beziehungs- und Geldfragen ist es am wichtigsten, eure Gefühle, Ängste und Probleme offen anzusprechen und einander verständnisvoll zuzuhören. Nicht jede:r hat dabei dieselben Gedanken und Sorgen. Wenn ihr euch Mühe gebt, euch ineinander hineinzuversetzen, wird es euch leichter fallen, einen fairen Umgang mit euren geteilten Kosten zu finden.
Bevor ihr im selben Team spielt, findet erstmal dieselbe Wellenlänge
Ich finde es nicht knauserig, dass du nicht automatisch mehr Kosten übernehmen willst. Vielleicht habt ihr einfach unterschiedliche Vorstellungen davon, was fair wäre; du und dein Partner betrachtet eine gemeinsame Erfahrung aus unterschiedlichen Perspektiven. Für dich wäre vielleicht ein 50/50-Split fair – er wiederum fände es womöglich gerechter, die Kosten euren jeweiligen Gehältern entsprechend zu teilen.
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Sprich mit deinem Partner über deine Gefühle und versuch, dich in ihn hineinzuversetzen. Wie würde es ihm gehen, wenn die Situation umgekehrt wäre? Wo habt ihr dieselben Vorstellungen von Fairness? Wie könntet ihr eure Ausgaben so aufteilen, dass beide sich gerecht behandelt fühlen? Ab welcher finanziellen Schwelle seid ihr euch beide einig, dass der:die Mehrverdiener:in den Lifestyle des:der anderen mitfinanzieren sollte?
Und dann geht’s an die Aufteilung
Für die finanzielle Organisation in einer Partnerschaft gibt es nicht die eine Komplettlösung. Ich habe schon mit Paaren zusammengearbeitet, die in über 15 Ehejahren völlig voneinander unabhängige finanzielle Leben führten; andere Paare wiederum warfen ihre Finanzen schon sehr früh zusammen. Wie ihr diese Entscheidung möglichst pragmatisch treffen könnt, erkläre ich jetzt.
– Zuallererst einigt euch darauf, welche Ausgaben ihr euch teilen wollt und welche ihr weiterhin getrennt zahlt. Einige Paare teilen nur die Ausgaben, die wirklich geteilt sind – sprich: Miete, Lebensmittel, Nebenkosten, Internet, und so weiter. Andere Paare entscheiden sich auch dafür, alle festen Rechnungen zu teilen, wie zum Beispiel Handyverträge oder Ausgaben fürs Haustier – obwohl der Hund vielleicht ursprünglich nur einem:einer Partner:in gehörte.
– Eine 50/50-Trennung kann bei Paaren funktionieren, die gerade erst damit anfangen, ihre Leben zusammenzuführen. Als meine Frau und ich erstmals unsere Ausgaben teilten, einigten wir uns auf 50/50, obwohl sie mehr verdiente als ich. Wenn ihr euch für 50/50 entscheidet, geht ihr dadurch vielleicht lockerer mit gemeinsamen Spaß-Ausgaben um, weil ihr nicht mehr die Erwartung habt, einander auch mal was ausgeben zu müssen; stattdessen kommt das Geld dafür eben von vornherein aus eurer gemeinsamen Kasse und ihr habt beide etwas davon. Andererseits funktioniert ein 50/50-Split eventuell nicht, wenn eine Hälfte deutlich mehr verdient. Dadurch wird die weniger verdienende Person womöglich unter finanziellen Druck gesetzt, wenn sie dadurch nicht mehr genug ansparen kann.
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– Ihr könnt euch aber auch überlegen, wer welche Ausgaben übernimmt; manche Paare machen das so. Zum Beispiel kümmert sich eine:r von euch um die Miete, und der:die andere zahlt alles andere. Diese Methode kann bei ungleichmäßigem Einkommen funktionieren – kann sich ohne regelmäßige Gespräche und genaue Organisation aber auch ein bisschen chaotisch anfühlen. 
– Ebenfalls beliebt ist die Methode, bei der ihr einen proportionalen Anteil eurer Gehälter für geteilte Ausgaben festlegt – zum Beispiel 35 Prozent eures jeweiligen Netto-Lohns. Durch den proportionalen Split zahlt der:die Mehrverdiener:in zwar mehr, doch bezieht sich die Menge eben relativ auf die jeweilige Zahlungsfähigkeit. Wenn du zum Beispiel im Monat netto 5.000 Euro verdienst und dein Partner 3.000 Euro, und ihr euch beide auf 35 Prozent des Lohns für gemeinsame Ausgaben geeinigt habt, steuerst du 1.750 Euro, er 1.050 Euro bei. Solange die finanzielle Sicherheit deines Partners dabei nicht ins Wanken gerät, könnte euch diese Methode das Gefühl geben, gleichmäßig viel beizutragen. Gleichzeitig legt ihr dadurch eine Budget-Grenze für eure Wohnungssuche fest. 
Sprecht gemeinsam über diese Optionen und überlegt euch, durch welche Lösung ihr euren finanziellen Stress möglichst klein halten könnt.
Vereinbart feste Finanz-Dates
Ich bin überzeugter Anhänger von regelmäßigen Finanz-Treffen, bei denen ihr über eure Geldsituation sprecht. Für Paare sind diese Termine eine Möglichkeit, eurer finanziellen Organisation die nötige Aufmerksamkeit zu schenken und dafür zu sorgen, dass ihr euch regelmäßig darüber unterhaltet. 
Das hat zwei Vorteile. Zuallererst habt ihr dadurch einen fixen Termin, bis zu dem ihr euch genau überlegen könnt, was ihr ansprechen möchtet. Sagen wir, du willst einen 50/50-Split vorschlagen oder würdest gern ein gemeinsames Sparkonto einrichten. Vor eurem Termin kannst du also planen, wie du dieses Gespräch führen möchtest, nötige Informationen einholen und gegebenenfalls deine Argumente üben.
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Zweitens: Wenn ihr beide schon von vornherein wisst, dass es gleich um das ernste Thema Geld geht, könnt ihr euch darauf einstellen, ruhig und entspannt darüber zu reden – anstatt zum Beispiel nach einem stressigen Arbeitstag damit überrumpelt zu werden. 
Wenn ihr euch regelmäßig darüber unterhaltet, eure Gefühle offen kommuniziert und einander aufmerksam zuhört, schafft ihr das schon. Noch dazu wird es dadurch mit der Zeit immer einfacher, potentiell heikle Themen wie Karriereziele anzusprechen. Regelmäßige, ehrliche Gespräche über diesen geteilten Aspekt eures Lebens sorgt dafür, dass ihr euch gehört fühlt, eure Ziele erreicht und das Groll-Risiko drastisch reduziert. Legt euch anfangs auf einen monatlichen Termin fest und setzt euch danach, falls nötig, öfter zusammen.
Sprecht offen über Veränderungen
Obwohl meine Frau und ich jahrelang alles 50/50 teilten, verdienten wir zeitweise unterschiedlich viel Geld; während dieser Zeit übernahm der:die Mehrverdiener:in dann höhere Kosten. Um Ängste und Zweifel zu beseitigen, sprachen wir damals ganz offen darüber. In diesen Gesprächen kamen unsere jeweiligen Werte auf den Tisch – wir sprachen über Einkommensziele, Sparpläne oder Rückzahlungen. Besonders Letzteres ist wichtig, denn: Es kann sein, dass du dein Geld von deinem:deiner Partner:in nie „zurückbekommst“, wenn du zeitweise oder dauerhaft mehr Kosten übernimmst. Gerade dann ist es wichtig, ehrlich miteinander umzugehen. Nur so kann eine Beziehung wachsen, ohne dass die finanziellen Pläne entgleisen.
Außerdem solltet ihr bedenken, dass euer heutiges Arrangement vielleicht in ein paar Jahren nicht mehr sinnvoll sein könnte. Seid offen für Veränderungen. Wenn ihr euch heute auf 50/50 einigt, die Differenz zwischen euren jeweiligen Ausgaben aber immer größer wird, ist es wichtig, eure Herangehensweise eventuell in einiger Zeit zu überarbeiten, bevor sich der Groll immer weiter anstaut.
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Es wäre alles so viel einfacher, wenn es den richtigen Weg gäbe, die geteilten Ausgaben fair zu trennen. Den gibt es aber nicht. Uns bleibt daher nichts anderes übrig, als zu lernen, beim heiklen Geldthema auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen – und das ist wohl das einzig wahre #relationshipgoals. 
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Paco de Leon ist persönlicher Finanzberater.

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