Wie du dich dieses Jahr vom Druck löst, abnehmen zu „müssen“

Foto: Leia Morrison.
„Genau wie jedes Jahr haben meine Klamotten im Dezember aufgehört, mir richtig zu passen“, erzählt die 25-jährige Luci. „Meine Mutter redet schon seit Wochen über ihre Diät-Pläne für Januar und erwartet, dass ich da mitmache. Mein Gewicht schwankt andauernd, und ich gebe mir viel Mühe, das zu akzeptieren, anstatt es ändern zu wollen – denn nach Diäten fühle ich mich immer schlechter, nicht besser. Es ist aber so schwierig, diese Einstellung nach den Feiertagen beizubehalten, weil alle von ‚Neues Jahr, neues Ich!‘ reden. Wie kann ich verhindern, dass ich dem Druck nachgebe, unbedingt abnehmen zu müssen?“
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Dr. Sheri Jacobson, eine pensionierte Psychotherapeutin mit über 17 Jahren Berufserfahrung, kann hier weiterhelfen.
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Dr. Sheri Jacobson: Prinzipiell ist es wichtig, einen positiven Fokus zu finden, anstatt dich an einem negativen Fokus festzuklammern. In diesem Kontext heißt das: Es sollte dir nicht darum gehen, Gewicht zu verlieren, sondern dein körperliches und psychologisches Wohlbefinden zu verbessern. Dadurch verschiebt sich der Fokus vom Aussehen auf die Gesundheit. So lässt sich eine bessere Beziehung zum eigenen Körper aufbauen. Das kann zum Beispiel bedeuten, dass du über Essen in Zukunft eher darüber nachdenkst, was es dir Gutes tun kann: wie es dir Energie schenken kann, wie es deinen Organen hilft, wie du dich deswegen innerlich fühlst. Dadurch nimmst du dir den psychologischen Druck, dich auf negative Art auf dein Gewicht und deine Figur zu fixieren.
Es stimmt, dass das neue Jahr für viele Leute oft der Startschuss für Veränderungen ist. Es lässt sich gut als fixen Punkt im Kalendar nutzen, um Ziele in die Wege zu leiten; das kann manchen Leuten enorm helfen. Problematisch wird das womöglich, wenn diese Ziele negativ sind, nicht positiv, und wenn sie kurzfristige, unrealistische Wünsche sind, nicht langsam fortschreitende, langzeitige Lifestyle-Veränderungen. In anderen Worten: „Ich will x Kilo abnehmen“ oder „Ich will dünn sein“. Solche Ziele sind deutlich schwieriger zu erreichen und zu erhalten, wenn nicht gar unmöglich. In der kognitiven Verhaltenstherapie gibt es daher das Konzept der sogenannten „SMART-Ziele“: Wenn du etwas erreichen möchtest, sollte es spezifisch, messbar, ausführbar, realistisch und terminiert sein – und viele Diäten passen nicht in diese Kategorien.
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In meiner klinischen Arbeit habe ich außerdem festgestellt, dass meine Patient:innen nur selten Erfolg mit einer Diät haben. Wie du selbst sagst, sorgen sie häufig dafür, dass sich die Leute schlimmer statt besser fühlen. Die positiven Veränderungen, die sich aus einem Neujahrsvorsatz tatsächlich umsetzen lassen, sind meist lifestyle-bezogen – und das sind manchmal klitzekleine Veränderungen. Von dort aus können sie aber lawinenartig anschwellen. Oft beginnen diese Veränderungen innerlich und sorgen als Konsequenz auch für externe Veränderungen; das sollte aber letztlich gar nicht das Ziel sein. Vorrangig sollte es dabei um die Gesundheit und das emotionale Wohlbefinden gehen.
Es erfordert Übung, den Menschen gegenüber Grenzen zu ziehen, die dich in verschiedene Richtungen zu drängen versuchen. Am besten lassen sich diese Grenzen etablieren, indem du ganz direkt vorgehst. Zum Beispiel so: „Ja, danke, ich hab das schon im Griff“, oder: „Ich weiß deine Sorge zu schätzen, will aber schauen, was ich alleine hinbekomme“, oder: „Ich bin daran momentan nicht interessiert“. Für eine solche Situation überlegst du dir am besten eine Wortwahl, die dir am besten passt, um zu zeigen, dass du dich selbst drum kümmerst, dich nicht den Plänen anderer anschließen möchtest und diese Kommentare generell ablehnst.
Es kann schwer sein, mit Kommentaren umzugehen, die dich für deine Figur beschämen wollen oder eine negative Meinung zu deinem Körper ausdrücken. Solche Sprüche würden dir gar nicht wehtun, wenn du ihnen nicht selbst so viel Bedeutung zumessen würdest; es ist aber wahnsinnig schwierig, das nicht zu tun. Das erfordert die stetige Mühe, das Gesagte aus dem Blickwinkels des Gegenübers zu betrachten und zu erkennen, dass diese Person womöglich eigene Sorgen und Probleme auf dich projiziert. Vielleicht ist das Körpergewicht für sie ein sehr empfindliches Thema, das sie daraufhin an dir auslässt, ohne dass das wirklich etwas mit dir zu tun hat.
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Das ist aber nicht immer der Fall. Wenn diese Person ihre Kommentare wirklich ernst meint, solltest du einsehen, dass es dir nicht hilft, sie dir zu Herzen zu nehmen. Umso leichter fällt es dir dann, solche Sprüche an dir abprallen zu lassen. Dadurch stellst du klar: „Ich lasse mich davon nicht belasten. Es hilft mir nicht, mir darüber den Kopf zu zerbrechen.“ Dazu kommt, dass die Scham, die wir uns selbst einreden, oft viel schlimmer ist als die, die wir durch andere erfahren. Wenn du also ein Gefühl der Selbstakzeptanz gegenüber deiner Situation entwickeln kannst und lernst, dich selbst zu nehmen, wie du bist, kann dich das wiederum ein bisschen widerstandsfähiger gegenüber der Kommentare anderer Leute machen.
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