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Meine kleine Schwester ist verlobt & alle fragen mich, ob es mir „gut geht“

Foto: Megan Madden.
Ich sitze nach einem langen, anstrengenden Montag in einem türkischen Restaurant. Ich habe gerade einen brutalen Fitnesskurs mit einer der wenigen Freundinnen hinter mir, die mich freiwillig zu etwas namens „Cardio-Killer“ begleiten würde. Ich warte auf meine Halloumi-Salat-Box, die ich mir in meine Wohnung mitnehmen werde, wo ich sie dann allein esse, bevor ich in die Badewanne hüpfe (ebenfalls alleine, weil da inzwischen niemand mehr mit mir wohnt, der meine einst seltene Zeit für mich allein stören könnte).
Ich scrolle mich durch Spotify, kann mich für keinen Song entscheiden, und plötzlich ploppt das Gesicht meiner jüngeren Schwester auf dem Display auf. Sie ruft mich via FaceTime an.
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Wir sind drei Jahre auseinander: Sie ist 28, ich bin 31. Sie hat schon immer darüber Witze gemacht, dass sie es leicht hatte, weil ich alle Grenzen unserer Eltern ausgereizt und schließlich niedergerissen habe. Ich habe alles ausprobiert, bevor sie es nachmachte – meist in meinen Klamotten, die sie sich geborgt hatte, ohne mich zu fragen. Diese Reihenfolge zog sich durch unsere Jugend.
Meine abgelegten 10-Euro-Secondhand-Cowboystiefel trugen sie durch ihre Indie-Phase (sie war ein bisschen zu spät dran, um die wirklich guten Bands zu erwischen). Mein Ausweis brachte sie in einige der coolsten Clubs der Stadt – inklusive des Clubs, in den sie mit meinem verloren geglaubten Führerschein reingekommen war. Davon erfuhr ich, als da plötzlich ein Fingerabdruck-Scanner am Einlass verwendet wurde und mein Abdruck nicht zu meinem Namen oder Foto zu passen schien – und ich nicht reindurfte. Meine Fehler beeinflussten ihre Entscheidungen.
Und wann immer sie es nicht taten, lernte ich, mir auf die Zunge zu beißen. Ich widerstand dem Drang, mich wie ihre Mutter aufzuführen, und ließ sie selbst ihre Fehler einsehen, ohne ihr dann ein „Ich hab’s doch gesagt“ um die Ohren zu hauen, wenn sie früher oder später doch angekrochen kam und mich um Rat fragte.
Eine ältere Schwester zu sein, bedeutet gleichzeitig unendlichen Stolz und grenzenlose Genervtheit. Es bedeutet, so beschützerisch zu sein, dass du dich instinktiv in die Schussbahn von allem werfen würdest, was deiner Schwester wehtun könnte – dich gleichzeitig aber zurückzuhalten, weil du weißt, dass dein Eingreifen nie willkommen ist, sofern du nicht explizit darum gebeten wirst.
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„Ja…?“, sage ich, als ich ihren FaceTime-Anruf annehme und versuche, nicht daran zu denken, dass sie das ganze Wochenende über meine Nachrichten ignoriert hat.
„Guck!!!“, antwortet sie und hält ihre Hand vor die Kamera, an der ein Diamantenring an ihrem Mittelfinger glitzert. „Ich hatte keine Zeit für eine Maniküre und habe mir den ganzen Shellac abgekratzt“, lacht sie. Gleichzeitig nippt sie an einem Prosecco und weint.

Eine ältere Schwester zu sein, bedeutet gleichzeitig unendlichen Stolz und grenzenlose Genervtheit. Es bedeutet, so beschützerisch zu sein, dass du dich instinktiv in die Schussbahn von allem werfen würdest, was deiner Schwester wehtun könnte.

Ich sitze immer noch in dem Restaurant, umgeben von Halogenlicht und dem Geruch von gegrilltem Fleisch – aber auch ich fange an zu weinen.
„Oma hat sich Sorgen gemacht, wie du die Nachricht aufnehmen würdest“, sagt meine Schwester kurz vor Ende unseres Gesprächs. 
„Mach dir darüber mal keinen Kopf“, sage ich und lege auf. 
Zwei Monate zuvor hatte ich eine siebenjährige Beziehung mit der Person beendet, mit der ich vorher zusammenwohnte. Hatte ich gedacht, ich würde diesen Menschen heiraten? Ich schätze schon. Ich bin gerne auf den Hochzeiten anderer Leute, habe darüber aber selbst nie groß nachgedacht.
Meine Schwester war bereits mit ihrem Freund zusammengezogen, bevor ich überhaupt in einer halbwegs festen Beziehung war. Die beiden sind schon ewig zusammen, haben sich vor Jahren eine gemeinsame Wohnung gekauft und teilen sich schon genauso lange einen Hund. Ich bin schon immer davon ausgegangen, dass sie vor mir heiraten würde – falls ich überhaupt jemals heirate. Tatsächlich war diese Neuigkeit schon längst überfällig, würde ich sogar sagen. Ich wusste, dass sie gerne heiraten wollte, und genau deswegen wünschte ich es mir auch für sie. Sie hat immer meine komplette Unterstützung. 
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Am nächsten Tag saß ich auf dem Sofa einer Freundin und erzählte ihr davon – und es passierte wieder.
„Geht’s dir gut?“, war die unmittelbare Nachfrage.
Klar ging es mir gut. Ich war glücklich. Ich freute mich. Sollte ich nicht? Ich hatte nicht das Bedürfnis, die Verlobung meiner jüngeren Schwester auf mich zu beziehen – warum taten das also alle anderen? Sollte ich jetzt irgendwie die Nerven verlieren? Mein unmittelbares Umfeld schien überrascht zu sein, dass ich es nicht tat.
1976 waren beinahe alle Menschen vor ihrem dritten Jahrzehnt auf diesem Planeten verheiratet. Neun von zehn Frauen hatten einen Ehemann, bevor sie 30 waren. Heute sieht das komplett anders aus.
Der Anteil heterosexueller Frauen, die schon vor dem 30. Geburtstag verheiratet waren, fiel schon 2002 auf ungefähr die Hälfte zurück. Heute ist es nur noch ein Drittel: Nur jede dritte Frau heiratet schon in ihren 20ern.
Tatsächlich liegt das durchschnittliche Heiratsalter für heterosexuelle Männer bei 37,9 Jahren, für Frauen bei 35,5. Das hat viele Gründe – teils kultureller, teils wirtschaftlicher Natur. Die Ehe gilt heute weniger als zu erreichender Meilenstein in einer Welt, in der es sich so wenige junge Leute leisten können, Immobilien zu erwerben.
Mal ganz abgesehen davon, dass es eigentlich egal sein sollte, ob du vor oder nach einem bestimmten Alter heiratest (wenn überhaupt); schließlich haben wir alle unseren eigenen Rhythmus. Die Vorstellung, dass es eine „richtige“ oder „falsche“ Zeit für irgendwelche Lebensziele gäbe, hängt mit Meilensteinen zusammen, die gar nicht mehr realistisch sind – und das ist (vor allem für Frauen!) auch gut so. Dadurch können wir uns nämlich auf anderes konzentrieren und darüber nachdenken, was wir uns wirklich von einer Beziehung wünschen, anstatt sie nur als Weg zur Ehe zu betrachten.
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Ich wurde vor Kurzem an meine ehemalige Uni eingeladen, um das 40-jährige Jubiläum des Jahrestags zu feiern, an dem Frauen erstmals zum Studium zugelassen wurden. 40 Jahre – ja, das hast du schon richtig gelesen. Die Bildungschancen und wirtschaftlichen Möglichkeiten von Frauen sind ein ziemlich neues soziales Phänomen. Wir sind gerade mal dabei, unseren Platz in der Weltordnung zu etablieren – und trotzdem scheint unser Erfolg immer noch von unserem Beziehungsstatus abzuhängen. Viele glauben bis heute, eine Frau sollte bis zu einem gewissen Alter verheiratet sein und sich schämen, wenn sie das nicht „schafft“.

Habe ich der Version einer Zukunft hinterhergetrauert, zu der es nun nie mehr kommen wird? Natürlich. Aber mache ich mir Sorgen, weil meine jüngere Schwester vor mir verlobt ist und damit die vermeintliche „natürliche Reihenfolge“ durchbricht? Ach, bitte! 

Aus rationaler Sicht wissen wir natürlich, dass das Quatsch ist. Und trotzdem stellen wir unverheiratete Frauen immer noch als hysterisch dar und unterstellen ihnen, sie seien verzweifelt auf der Suche nach einem Ehemann. Wir betrachten sie gleichzeitig als zerbrechlich und gefährlich, obwohl doch so viele von ihnen – wie ich – einfach dankbar dafür sind, finanziell unabhängig zu sein und zu einer Zeit zu leben, in der anerkannt wird, dass es manchmal einfach besser ist, vorübergehend allein zu sein – anstatt in einer unglücklichen Beziehung festzusitzen, weil du Angst davor hast, was andere von dir denken könnten, wenn du Schluss machst. Und natürlich gelten all diese veralteten Stereotypen nicht für Single-Männer.
Meine Beziehung zerbrach in Zeitlupe. Als ich es endlich bemerkte, wurde mir klar, dass ich sie gar nicht retten wollte. Macht mich der Gedanke daran traurig, wenn ich betrunken oder verkatert bin? Ja. Sitze ich manchmal in der Badewanne und wünsche mir, es würde mal wieder jemand den Kopf zur Tür reinstecken und mit mir über den Tag quatschen? Manchmal. Habe ich der Version einer Zukunft hinterhergetrauert, zu der es nun nie mehr kommen wird? Natürlich.
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Aber mache ich mir Sorgen, weil meine jüngere Schwester vor mir verlobt ist und damit die vermeintliche „natürliche Reihenfolge“ durchbricht? Ach, bitte! Empfinde ich irgendetwas anderes außer Liebe für sie? Nope.
Also frag mich meinetwegen, wie ich mich bei alldem fühle – aber wenn ich jemals so rüberkomme, als würde ich mich nicht einfach nur total für meine Schwester freuen, ist es an der Zeit für eine Intervention. Vorausgesetzt, sie hat sich nicht gerade wieder ein hübsches Top von mir „geliehen“.
Es gibt kein „Standardleben“. Es gibt keine Schritt-für-Schritt-Anleitung für die „perfekte“ Beziehung oder Karriere. Perfektion gibt es nicht. Es ist egal, ob unsere Leben denselben Weg einschlagen oder ähnlich aussehen. Wichtig ist nur, dass wir einander dabei unterstützen.

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