Ich habe Vaginismus & hörte jahrelang, ich würde mir die Schmerzen einbilden

Wie viele gute Geschichten beginnt auch diese mit einem One-Night-Stand. Ich war sehr, sehr betrunken und mit einem Typen zu ihm nach Hause gefahren. Als er versuchte, seinen Penis in mich zu drücken, fühlte es sich an, als sei meine Vagina versiegelt. In dieser Nacht machte ich dafür den Alkohol verantwortlich – doch es passierte wieder und wieder. Als ich ein paar Monate darauf in einer frischen Beziehung steckte, tat meine Vagina jedes Mal weh, wenn wir penetrativen Sex versuchten. Das fühlte sich dabei nicht wie der Schmerz an, den du bei einem Kratzer oder einer Hautreizung empfindest, sondern wie ein furchtbares Brennen, als würde ich eine Wunde aufreißen oder von innen mit einer Glasscherbe geschnitten. Penetration war für mich ungefähr so angenehm, als würde ich meine Hand auf eine heiße Herdplatte drücken und versuchen, sie dort so lange wie möglich liegen zu lassen. Irgendwann hatte ich sogar schon Angst, es überhaupt zu versuchen.
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Was ich damals durchlebte, nennt sich Vaginismus oder Scheidenkrampf – obwohl ich das erst über ein Jahr später herausfand. Das ist ein psychosexuelles Leiden, das durch die automatische Körperreaktion auf die Angst vor der Penetration entsteht. Etwas in deinem Hirn sorgt dafür, dass sich die Muskeln der Vagina zusammenziehen; manchmal sogar so stark, dass das Loch nicht mal mehr zu sehen ist. Den Vaginismus gibt es in zwei Formen: Vom primären Vaginismus bist du schon betroffen, bevor du überhaupt Sex hast. Der sekundäre Vaginismus hingegen wird erst später im Leben ausgelöst, zum Beispiel durch eine schmerzhafte Infektion oder sexuellen Missbrauch.

Penetration war für mich ungefähr so angenehm, als würde ich meine Hand auf eine heiße Herdplatte drücken und versuchen, sie dort so lange wie möglich liegen zu lassen.

Nachdem das Brennen anfing, machte ich einen Arzttermin aus. Ich rechnete damit, dort Antibiotika in die Hand gedrückt zu bekommen und einen peinlichen Anruf tätigen zu müssen – kein großes Drama also. Im Sexualkunde-Unterricht hatten wir damals eigentlich bloß furchteinflößende Fotos von Genitalien gezeigt bekommen, die von diversen Geschlechtskrankheiten gezeichnet waren. Niemand hatte mir damals erklärt, dass Frauen beim Sex aus ganz verschiedenen Gründen Schmerzen haben können, und von Vaginismus hatte ich noch nie etwas gehört.
In den darauffolgenden Wochen und Monaten wurde ich von einer Praxis zur nächsten weitergereicht. Das Ergebnis war nach jedem Besuch quasi dasselbe: Nach ein paar verwirrten Blicken bekam ich meistens zu hören, mit mir sei „körperlich alles in Ordnung“. Weil ich gezwungen war, so vielen Leuten von meinen Problemen zu erzählen, die sich die selbst nicht erklären konnten, schämte ich mich immer mehr – als sei ich schuld daran, oder als würde ich mir das alles nur ausdenken. Vor allem, weil ich bei jedem Termin erstmal einen Chlamydientest machen musste. Da fragte ich mich jedes Mal: Ich kann keinen Sex haben, geschweige denn mir eine Geschlechtskrankheit holen. Glaubt ihr mir nicht?
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Durch all das hinterfragte ich immer stärker meine Realität. Habe ich wirklich ein Problem? Ist das meine Schuld? Stelle ich mich nur dumm an? Sollte ich einfach damit leben? Ich fühlte mich langsam sehr allein und befürchtete, nie eine Lösung finden zu können.
Mein Limit war aber erreicht, als ich bei einem Gynäkologen war, der sich weigerte, die wissenschaftlichen Begriffe für Genitalien zu verwenden – er nannte die Harnröhre das „Pipiloch“ –, und scheinbar überhaupt nicht verstand, warum es für mich so ein großes Problem war, keinen Sex haben zu können. Ich brach in seinem Büro in Tränen aus, und er fragte bloß: „Warum weinen Sie jetzt?“
Das Problem mit Vaginismus: Je länger er unbehandelt ist, desto schlimmer wird er – sowohl körperlich als auch geistig. Körperlich landest du irgendwann in diesem Teufelskreis, in dem du dich immer mehr vor dem Schmerz fürchtest, wodurch sich deine Muskeln immer stärker zusammenziehen und der Sex umso schwerer möglich ist. Außerdem schwappt die Angst vor dem Sex nach und nach auch in andere Lebensbereiche über. Wenn ich mich zum Beispiel mit meinem Freund zum Filmgucken verabredete, dachte ich dabei nur: Wird das jetzt zum Sex führen? Werde ich gleich wieder Schmerzen haben? Muss ich mich gleich wieder schuldig fühlen, wenn ich es gar nicht erst versuche und ihn enttäusche?
Meine Besessenheit nach einer Antwort für mein Problem wuchs und wuchs. Weil mir die angeblichen Expert:innen nicht glaubten, stürzte ich mich in die Untiefen der Selbstdiagnose, scrollte mich nachts stundenlang durch Facebook-Gruppen zu Schmerzen beim Sex, las wissenschaftliche Arbeiten und durchforstete Online-Foren. Konnte es ein wiederkehrender Pilz sein? Eine Allergie? Eine chronische Blasenentzündung? Irgendwann gab ich mehr als 100 Euro im Monat für Produkte aus, die das Internet als vermeintlich hilfreich angepriesen hatte: vaginale Feuchtigkeitscremes und Menopausen-Supplements, Probiotika, D-Mannose-Pillen, die bei Blasenentzündungen helfen sollen, latexfreie Kondome, silikonfreies Gleitgel, organische Tampons. Ich hörte auf, Alkohol zu trinken und achtete penibel auf eine gesunde Ernährung.
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Körperlich landest du irgendwann in diesem Teufelskreis, in dem du dich immer mehr vor dem Schmerz fürchtest, wodurch sich deine Muskeln immer stärker zusammenziehen und der Sex umso schwerer möglich ist.

Wenn ich jetzt auf diese Zeit zurückblicke, weiß ich: Das war absolut ungesund. Mein Verhalten hatte manische Vibes à la Winona Ryder in Stranger Things. Währenddessen verwelkte auch meine tolle, frische Beziehung recht schnell. Ich war dauernd wütend und hielt mich mit Zärtlichkeiten zurück, weil ich Angst hätte, sie könnten zum Sex führen. An meinem Geburtstag fuhren wir weg, und ich motzte meinen Freund dafür an, dass er Sex mit mir haben wollte – nur um daraufhin in Tränen auszubrechen, weil ich das Gefühl hatte, ihn zu enttäuschen.
Wenn ich heute über die körperlichen Symptome des Vaginismus schreibe, ist mir das überhaupt nicht peinlich; davon zu erzählen, wie er sich auf meine geistige Gesundheit auswirkte, bringt aber die ganzen Schamgefühle wieder zurück. Das liegt daran, dass das Leiden enorm damit zusammenhängt, wie die Gesellschaft uns Frauen behandelt: Da wäre das Stigma, als „frigide“ oder „verklemmt“ gesehen zu werden; die Vorurteile, die dir begegnen, wenn du deine Ärzt:innen darum bittest, dein sexuelles Vergnügen ernst zu nehmen; die Tatsache, dass offene Gefühle schnell als „Hysterie“ abgestempelt werden. Ich weiß noch, dass ich zu meinem Freund scherzhaft meinte, dass ich das Gefühl hatte, verflucht zu sein.
Meine Geschichte hat aber ein Happy End. In einem Akt der Verzweiflung wandte ich mich an eine Klinik für sexuelle Gesundheit, um mich dort auf Geschlechtskrankheiten testen zu lassen – in der Hoffnung, dass alle Chlamydientests bisher einfach falsch gelegen hatten und ich eigentlich bloß ein paar Antibiotika brauchte. Die Medizinstudentin, die dort assistierte, schrieb zufällig gerade eine Hausarbeit über Vaginismus und meinte, ich könnte eventuell davon betroffen sein.
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Also bestellte ich mir online ein Dilator-Set; das sind quasi Plastik-Dildos in verschiedenen Größen, von der eines Tampons bis hin zum durchschnittlichen Penis, die du dir in die Vagina schiebst, um deinen Muskeln beizubringen, sich zu entspannen. Mein Freund und ich trennten uns kurz darauf, und plötzlich lockerte sich auch der Druck, den ich mir selbst aufgezwungen hatte. Ich konnte mich jetzt endlich nur auf mich selbst konzentrieren und mir die Zeit nehmen, die ich brauchte. In einer Therapie sprach ich viel darüber, wodurch meine Beziehung zum Sex vielleicht so zerstört worden war. Ein Jahr später wurde mir dann eine Vaginalmassage empfohlen, und die half ebenfalls.

Es ist schön, zu wissen, dass ich nicht allein bin – andererseits stellt sich mir auch die Frage: Wenn der Vaginismus doch so weit verbreitet ist, warum wird dann nur so wenig darüber gesprochen oder dazu geforscht?

Am hilfreichsten war es aber, mit anderen Betroffenen zu sprechen. Ich habe seitdem erfahren, dass Vaginismus total weit verbreitet und behandelbar ist – dass viele Leute aber sogar noch deutlich schlimmere Erfahrungen machen mussten, als sie sich Hilfe suchten. Sogar in meinem Umfeld waren einige betroffen; eine Freundin erzählte mir, ihr sei empfohlen worden, sich zu betrinken, damit sie „es nochmal mit dem Sex probieren“ könne. Im vergangenen Jahr habe ich mit Dutzenden Frauen gesprochen, die ähnliche Geschichten erzählen können. Einige von ihnen warteten ein Jahrzehnt lang auf eine Diagnose, oder bekamen Beruhigungsmittel verschrieben, die sie vor dem Sex ruhigstellten (und quasi bewusstlos machten), oder bekamen Sprüche wie „Manche Frauen können einfach keinen Sex haben“, „Es soll wehtun“ oder „Da wächst du schon noch raus“ zu hören.
Diese Geschichten sind für mich gleichzeitig tröstend und beunruhigend. Es ist schön, zu wissen, dass ich nicht allein bin – andererseits stellt sich mir auch die Frage: Wenn der Vaginismus doch so weit verbreitet ist, warum wird dann nur so wenig darüber gesprochen oder dazu geforscht? Genau deswegen habe ich diesen Artikel geschrieben. Nicht, weil ich glaube, meine Erfahrungen seien merkwürdig oder was Besonderes, sondern weil sie eben schockierend normal waren. Vaginismus ist ein Leiden, das dich mit Gefühlen von Scham und Einsamkeit überwältigt, die dich dazu zwingen, es für dich zu behalten. Das hier aufzuschreiben, ist für mich selbst – und alle, die das lesen – ein Zeichen: Hier muss überhaupt nichts verheimlicht werden. Je mehr von uns offen darüber sprechen, desto weniger lässt sich der Vaginismus ignorieren. 

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