The Single Files logo

Meine Eltern waren sexpositiv und polyamourös, bevor es cool war

Ich war in der dritten Klasse, als ich meine Eltern zum ersten Mal beim Sex hörte. Wir waren gerade umgezogen, und mein Zimmer lag auf der anderen Seite des kleinen Hauses. Ich konnte nicht schlafen, also legte ich mich manchmal nachts im Wohnzimmer auf unsere winzige Couch und schlief schließlich ein, nur um kurze Zeit später von animalischen Geräuschen aus dem Schlafzimmer meiner Eltern geweckt zu werden. Ich weiß nicht, woher ich wusste, was das für Geräusche waren, aber ich reagierte mit Abscheu, Faszination und ein wenig Scham. Das ging jahrelang so weiter.
Ich bin in einem sehr sexpositiven Haushalt aufgewachsen, und meine Eltern sprachen immer sehr nüchtern über Sex. Als ich fünf Jahre alt war, erzählte mir meine Mutter, wie Babys gemacht werden. Wir hatten ein Exemplar des Buches ‚Ein Kind entsteht‘, das ich mit ehrfürchtigem Interesse durchblätterte. Als mein Vater eine Vasektomie hatte, erzählte ich sofort mehreren Freund:innen, dass mein Vater sich operieren ließ, damit er Sex haben konnte, ohne jemanden zu schwängern.
Werbung
Ich war in der zweiten Klasse, als meine Eltern anfingen, polyamourös zu leben. Ich glaube nicht, dass sie sich jemals mit meinen Geschwistern und mir zusammengesetzt und uns erzählt haben, was sie taten, aber sie haben auch nicht verheimlicht, dass sie romantische Beziehungen mit anderen Menschen hatten. In der fünften Klasse hatte ich eine Freundin zu Besuch und meine Mutter hatte sehr lauten Sex mit einem ihrer Freunde. Als meine Freundin fragte, was das für ein Lärm sei, sagte ich ihr, dass jemand fernsehe, woraufhin sie antwortete: „Wow, das ist ein wirklich lauter Fernseher. Es hört sich an, als würde jemand weinen.“
Meine Freund:innen wussten alle, dass meine Familie seltsam war: Ein Freund sagte mir einmal, dass die Polyamorie meiner Eltern „schlimmer als Schwulsein“ sei, und dass man die Polizei auf sie ansetzen sollte. Von diesem Zeitpunkt an schwor ich mir, niemals so zu sein wie meine Eltern. Ich wollte den Weg zur Normalität einschlagen.
Foto: Natalia Mantini.
Als ich auf die High School kam, wollte ich unbedingt Sex haben. Es sah so aus, als ob alle coolen Kids es taten – und ich war kompetitiv. In der neunten Klasse ging ich zu einer Tanzveranstaltung, bei der eine meiner Freundinnen auf der Tanzfläche gefingert wurde und eine andere einem Jungen auf dem Rücksitz seines Autos einen Blowjob gab. Nur ein einziger Typ tanzte den ganzen Abend mit mir, sodass ich traurig und niedergeschlagen nach Hause ging. (Mir wurde erst nach Jahren klar, wie homosexuell ich war.)
Als ich 16 Jahre alt war, habe ich zum ersten Mal einem Jungen, er hieß Andrew, einen geblasen. Ich kicherte die ganzen 45 Minuten und benutzte ein Zimt-Gleitmittel, das bei Reibung heiß wurde – ich wollte nicht wissen, wie ein Penis schmeckt. Das Ergebnis war ein chemisches Brennen in meinem Mund und auf Andrews Schwanz, das mindestens eine Woche lang nicht mehr wegging. Er kam nicht – weder bei diesem Blowjob noch bei einem der folgenden (ohne Gleitmittel). Er sagte immer, das läge daran, dass er sich vorher einen runtergeholt hatte. Andrew beendete die Beziehung zu mir nach ein paar Wochen, weil er mich „wie eine Schwester“ sah und meinte, ich könne „Sex nicht ernst nehmen“.
Werbung
Mehrere Jahre lang hatte ich keine weiteren sexuellen Kontakte, bis ich schließlich an der Universität endlich meine „Jungfräulichkeit“ an einen Jungen „verlor“, der Wladimir Putin vage ähnlich sah und es ohne Kondom tun wollte, weil er sagte, das Kondom verursache unerträgliche Schmerzen. Bis zum Abschluss meines Studiums lebte ich noch ein paar Jahre in einer Sex-Dürre.
Foto: Lula Hyers.
Als ich 23 Jahre alt wurde, legte ich dann endlich so richtig los. Ich fühlte mich wie eine Spätzünderin, weil ich mein ganzes Studium gebraucht hatte, um zu akzeptieren, dass ich lesbisch und nicht-binär bin und doch kein bisexuelles Mädchen, das „eigentlich nur an Männern interessiert“ war. Als ich mehr und mehr Sex mit Menschen hatte, zu denen ich mich tatsächlich hingezogen fühlte, wurde ich noch verwirrter. Ich mochte Sex – aber mehr als alles andere sehnte ich mich danach, romantisch geliebt zu werden. Meine Mutter war fast genauso besorgt wie ich. Manchmal scherzte ich mit ihr, dass es wahrscheinlich an meinem sehr ängstlichen Bindungsstil lag und daran, dass ich als Kind sehr offen mit dem Thema Sex konfrontiert wurde, was bei mir komischerweise Narben hinterlassen hat.
Trotz meiner lockeren Witze fühlte es sich an, als würde ich für immer im Singledasein feststecken. Ich hatte One-Night-Stands mit Tinder-Dates. Manchmal sahen wir uns wieder, aber meistens nicht. Ich hatte Angst davor, nüchtern Sex zu haben, also war ich es nur selten. Ich musste zumindest ein bisschen beschwipst sein, was für mich in Ordnung war, solange die andere Person genauso betrunken war wie ich selbst. Der Alkohol half mir, meine Angst zu dämpfen, indem er den Geruch des Atems der anderen Person, das Gefühl ihrer Haut und den Geschmack ihres Mundes übertünchte. Ich hatte selten mehr als ein paar Mal Sex mit ein und derselben Person.
Werbung
Foto: Savanna Ruedy.
Bis heute hatte ich noch nie eine ernsthafte, romantische Beziehung. Ich habe zwanglos gedatet, und ich war in sehr kompliziert-romantischen Beziehungen. Trotz der Missachtung, die ich in meiner Kindheit für Polyamorie empfand, sehe ich Polyamorie nicht mehr als etwas Schlechtes an. Es gab kein bestimmtes Ereignis, das meine Einstellung dazu änderte – ich musste wohl einfach ein bisschen erwachsen werden und Beziehungen kennenlernen, die anders sind als die meiner Eltern. Ich finde es wirklich cool, dass Polyamorie so viel verbreiteter geworden ist und dass es so viele neue Angebote für Menschen gibt, die sich dafür interessieren. Ich wünschte, meine Eltern hätten mehr Ressourcen zur Verfügung gehabt, als ich ein Kind war; das hätte die Dinge für alle Beteiligten wahrscheinlich viel einfacher gemacht.
Als ich meine Mutter fragte, was sie anders gemacht hätte, war ihre Antwort recht einfach: Sie sagte, sie wünschte, sie hätte sich eingehender damit beschäftigt, was es bedeutet, in einer polyamourösen Beziehung gemeinsam Eltern zu sein. Sie wünschte, sie hätte so viele Bücher über polyamouröse Elternschaft wie möglich gelesen und mit anderen Menschen gesprochen, die Kinder großziehen und gleichzeitig einen polyamourösen Lebensstil führen. Zu ihrer Verteidigung muss ich sagen, dass ich nicht weiß, ob es Bücher über polyamouröse Elternschaft gab, als ich aufgewachsen bin – und wenn es sie gab, vermute ich, dass sie in den frühen Achtzigern, als „Polyamorie“ für die meisten Menschen noch ein Fremdwort war, schwieriger zu bekommen waren.
Mit 28 bin ich immer noch Single. Ich glaube nicht, dass ich eine wirkliche Antwort auf die Frage habe, warum das so ist, aber ich komme jetzt viel besser damit klar als früher. Ich habe gesunde und erfüllende Beziehungen zu Freund:innen und Familienmitgliedern, von denen viele ebenfalls Dauer-Singles sind. Im Grunde genommen ist Sex für mich einfach nicht so wichtig. Wäre ich gerne in einer festen, romantischen Beziehung? Ja, und ich hoffe wirklich, dass das irgendwann für mich passiert. Und wenn nicht, ist das auch in Ordnung. Nach Jahren gescheiterter Nicht-Beziehungen habe ich festgestellt, dass ich mich nicht mehr so sehr nach romantischer Liebe sehne wie früher. Ich betrachte mich nicht als polyamourös – ich neige definitiv eher zu Monogamie als zu irgendetwas anderem –, aber wenn ich jemals in einer Beziehung bin, in der sich Polyamorie für mich und meinen Partner richtig anfühlt, bin ich offen für dieses Gespräch.
Werbung
DashDividers_1_500x100
Lust auf mehr? Lass dir die besten Storys von Refinery29 Deutschland jede Woche in deinen Posteingang liefern. Melde dich hier für unseren Newsletter an

More from Sex & Relationships

R29 Originals

Werbung