Mundbeißen bei Stress –warum du’s ernst nehmen solltest

Foto: Jordan Tiberio
Ich habe viele Theorien über mein Leben, von denen ich glaube, dass sie wahr sind. Eine meiner am längsten gehegten Überzeugungen ist, dass ich heute eine viel reichere Frau wäre, wenn ich vor zehn Jahren Aktien von Mundisal gekauft hätte. Und warum? Weil ich das Mundpflegegel, seitdem ich denken kann, in großen Mengen gekauft habe, um es in jeder Handtasche, die ich besitze, parat zu haben. Das mag übertrieben klingen, aber meine unerbittliche und ärgerliche Anfälligkeit für Mundgeschwüre bedeutet, dass ein Großeinkauf dieses Produkts eine lästige Notwendigkeit für mich ist.
Ständige Mundgeschwüre können auf ein größeres Gesundheitsproblem hindeuten. Deshalb ist meine Neigung zu schmerzhaften Stellen im Mund schon lange ein Thema. Könnte das mit einem niedrigen Eisengehalt und der daraus folgenden Anämie zusammenhängen? Liegt es an einem Mangel an Vitamin A oder C? Liegt es einfach an einem schwachen Immunsystem? Ich habe mich mit all diesen Fragen beschäftigt und konnte keine schlüssigen Antworten finden. Eine Sache habe ich aber bisher ignoriert, die aber wahrscheinlich der Grund dafür sein könnte: meine Vorliebe fürs Mundbeißen.
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Ich kann nicht genau sagen, wann ich damit angefangen habe, mir geistesabwesend auf den Mund zu beißen, obwohl ich weiß, dass ich es schon lange tue. Da es sich um eine unbewusste Angewohnheit handelt, habe ich nie viel darüber nachgedacht, bis ich eine Infografik über häufige Angstsymptome sah. Ich begann zu bemerken, wann immer ich mir auf die Unterlippe oder die Innenseite meiner Wange biss, und es war keine Überraschung, dass das fast immer in Stresssituationen geschah. Obwohl Menschen sich oft auf den Mund beißen, weil sie beim Essen abgelenkt sind oder Probleme mit dem Kiefer haben, deuten Studien darauf hin, dass gewohnheitsmäßiges Mundbeißen häufig mit Angstzuständen zusammenhängt.
Nach Angaben der TLC Foundation ist Morsicatio buccarum (auch als chronisches Wangenbeißen bekannt) ein zwanghaftes Verhalten, das einer Dermatillomanie ähnelt, bei der sich Betroffene die Haare ausreißen oder an ihrer Haut zupfen. Die Angewohnheit wird als körperbezogenes, sich repetitives Verhalten eingestuft und tritt häufiger bei Menschen auf, die mit Stress oder Angst zu kämpfen haben. Dieser Vorgang wird oft „durch emotionale Zustände ausgelöst oder beeinflusst“. Obwohl nur 750 von 1 Million Menschen davon betroffen sind, soll Wangenbeißen häufiger bei Frauen vorkommen, was mit Daten übereinstimmt, die zeigen, dass Frauen doppelt so anfällig für Angststörungen sind wie Männer.
Jackie, 28, bestätigt den Zusammenhang zwischen Mundbeißen und Stress. „Diese Gewohnheit ist viel schlimmer, wenn ich ängstlich bin oder wenn ich mich auf meine Arbeit konzentriere. Ich habe ständig Mundgeschwüre, auf denen ich dann gerne herumbeiße, was alles nur noch mehr verschlimmert. Die Innenseite meiner Wangen fühlt sich oft ziemlich rau an, weil ich mir auch dort auf die Haut beiße“, erklärt sie. Jackie sagt, dass es ihr schwerfällt, ihre Angewohnheit zu kontrollieren, da sie unbewusst geschieht. „Ich beiße mir die ganze Zeit die Haut in meinem Mund auf. Ich ertappe mich dabei, wenn ich abends fernsehe, einkaufen gehe oder mich mit Freund:innen treffe. Vielleicht hat das damit zu tun, dass ich nur schwer abschalten kann und mir immer den Kopf über irgendetwas zerbreche.“
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Der Psychologe Philip Karahassan sagt, dass die unbewusste Natur dieser Angewohnheit oft Teil unserer Reaktion auf Stress ist. „Wir alle haben unsere eigene Art, mit unseren Problemen umzugehen. Wir alle suchen nach Wegen, diese Gefühle in den Griff zu kriegen, sowohl durch aktive Kontrolle als auch durch passive oder unbewusste Handlungen wie Dermatillomanie oder Wangenbeißen. Dieses unbewusste Verhalten kann so tief in uns verwurzelt sein, dass es zu einer automatischen Reaktion auf Stress und Druck werden kann, ohne dass wir uns dessen überhaupt bewusst sind.“ Das kann sich sogar darin äußern, dass Menschen sich im Schlaf in den Mund beißen.
Diesen tranceartigen Zustand des Mundbeißens kann ich persönlich bestätigen. Ich erwische mich oft dabei, wie ich mir in den Mund beiße, während ich über Probleme nachdenke oder mich auf eine Aufgabe konzentriere. Auch Jackie sagt, dass sie völlig unbewusst zubeißt. „Ich merke meistens gar nicht, dass ich es tue – es sei denn, ich gehe zu weit und beginne, zu bluten. Dann versuche ich aufzuhören und ein wenig Mundisal auf die Wunden aufzutragen.“ Für manche Menschen kann das Ganze jedoch zu einer bewussten Handlung werden, weil sie die hinterlassenen Spuren „glätten“ wollen. Nach Angaben von TLC kann dieses wiederholte Verhalten Schuldgefühle, Scham und Hoffnungslosigkeit hervorrufen und die Betroffenen sogar dazu bringen, ihre sozialen Aktivitäten einzuschränken, weil sie befürchten, dass andere ihr Verhalten bemerken könnten.
Abgesehen von den emotionalen Auswirkungen verursacht dieser Zustand oft auch körperliche Schäden. Viele Zahnärzt:innen sehen regelmäßig die gesundheitlichen Auswirkungen von chronischem Wangenbeißen. „Dazu kommt es oft, wenn Patient:innen gestresst sind, und seit Beginn der Pandemie ist der Stresspegel natürlich erhöht“, sagt die kosmetische Zahnärztin Dr. Hanna Kinsella. Ihrer Erfahrung nach führt wiederholtes Beißen häufig zu einer Schädigung des Mundgewebes. „Wir sehen oft Läsionen des Gewebes in Form von Wunden und Geschwüren. Chronisches Wangenbeißen kann zu schmerzhaften, roten Wunden und Rissen in der Schleimhaut (der inneren Auskleidung des Mundes) führen.“
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In chronischen Fällen kann sich eine Linea alba (eine streifenförmige, weiße Alteration der Mundschleimhaut an den Wangeninnenseiten) an der Innenseite des Mundes bilden. „Das Beißen auf weiches Gewebe in der Wange oder um den Mund herum verursacht ein Trauma“, erklärt die kosmetische Zahnärztin Dr. Aneka Khaira. Die Haut bildet daraufhin eine verhornte Schicht, die als sichtbare weiße Linie entlang der Wangenschleimhaut im Mund zu sehen ist. In solchen Fällen empfiehlt Dr. Khaira das Tragen einer Schiene, ähnlich einer Zahnweißschiene, die als schützende Barriere dienen kann. Wenn bereits Läsionen vorhanden sind, empfiehlt sie, diese mit Schmerzmitteln wie Paracetamol oder Ibuprofen, warmen Salzwasserspülungen und rezeptfreien Salben zu behandeln, damit die wunden Stellen schnell abheilen können.
So wichtig es auch ist, die Symptome zu behandeln, betont Karahassan die Notwendigkeit, die emotionale Ursache des Mundbeißens herauszufinden, um damit aufzuhören zu können. „Wenn du die Beweggründe für dein Verhalten verstehst, kannst du nachvollziehen, warum du dir in die Wangen beißt. So kannst du Dinge ändern, um es in Zukunft nicht mehr zu tun“, erklärt er. Wenn du nicht weißt, wo du anfangen sollst, schlägt Karahassan vor, zunächst zu versuchen, dir bewusst zu machen, zu welchen Zeitpunkten du dir in den Mund beißt. Dann solltest du deine Auslöser identifizieren (die Umgebung, in der du dich befindest, die Menschen, mit denen du zusammen bist) und diese mit einer emotionalen Reaktion wie Stress oder Angst in Verbindung zu bringen. Zuletzt solltest du andere Bewältigungsmethoden für diese Gefühle finden.
Auch wenn es schwierig klingt, betont Dr. Kinsella, wie wichtig es ist, den Kreislauf zu durchbrechen. Sie empfiehlt Atemübungen und Meditation sowie das Führen eines Tagebuchs. „Atemübungen und Meditation können eine wirksame Behandlung sein, um das Wangenbeißen zu stoppen. Versuch, ein Tagebuch zu führen und zu dokumentieren, wann es zum Wangenbeißen kommt, und versuch, dieses Verhalten durch ein gesünderes zu ersetzen, zum Beispiel durch Kaugummikauen“, erklärt sie. Mit körperbezogenen repetitiven Verhaltensweisen gut fertigzuwerden, kann eine große Herausforderung sein, aber es könnte nicht wichtiger sein, Schritte zu unternehmen, um Wunden im Mund zu vermeiden und das psychische Wohlbefinden zu verbessern. Ob du nun einen Therapeuten oder eine Therapeutin aufsuchst oder mit deinem Zahnarzt oder deiner Zahnärztin über mögliche Hilfsmittel sprichst – ein Gespräch mit Fachleuten ist immer die beste Lösung.
Wenn du selbst an einer Angststörung leidest oder eine Person kennst, die Hilfe gebrauchen kann, kannst du die Hotline der TelefonSeelsorge unter 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222 anrufen oder den Chat der TelefonSeelsorge nutzen.

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