Manchmal müssen wir verlorene Freundschaften sterben lassen

Foto: JESSICA GARCIA.
Vor ein paar Jahren war eine gute Freundin für ein paar Monate im Ausland. Ich bin berüchtigt dafür, den Kontakt schleifen zu lassen, wenn jemand wegzieht – ich bin kein FaceTime-Fan, hasse Telefonieren und obwohl ich auf Instagram und Co. zwar gerne alles like und kommentiere, bricht der Kontakt irgendwann einfach ab, wenn die betreffende Person nicht viel postet.
Bei dieser Freundin dachte ich damals, unsere Funkstille sei nur vorübergehend. Wir standen uns schon seit Jahren ziemlich nah, und hatten selbst zur intensivsten Zeit unserer Freundschaft nicht dauernd Kontakt. Wir trafen uns vielleicht alle zwei Wochen und schickten uns ab und zu mal Nachrichten. Als sie dann also von ihrem Auslandsaufenthalt wiederkam, glaubte ich, wir würden einfach da weitermachen, wo wir aufgehört hatten.
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Ich irrte mich.
Ein paar Wochen nach ihrer Rückkehr meldete ich mich bei ihr. „Hey, du bist wieder da!“, schrieb ich ihr locker. „Lust auf Brunch ganz bald?“
Ich bekam keine Antwort. Ein paar Tage später versuchte ich es nochmal. „Wollen wir uns bald wiedersehen? Freue mich total, dass du wieder da bist!“
Mir ist klar, dass ich mich gerade wie eine ziemlich miese Freundin anhöre. Ich war quasi monatelang aus dem Leben dieser Person verschwunden und wollte mich jetzt einfach wieder mit ihr treffen, als sei nichts passiert. Für mich war aber auch nichts passiert. Ich hatte sie ja nicht geghostet; ich habe einfach Schwierigkeiten damit, den Kontakt über verschiedene Zeitzonen und unangenehme FaceTime-Anrufe aufrechtzuerhalten. Ich rufe meinen eigenen Freund ja kaum an, wenn ich ohne ihn verreise!
Ich kann verstehen, dass sie vielleicht ein bisschen angepisst war, weil ich einfach so in ihr Leben zurückkehren wollte. Aber war das Grund genug, um unsere Freundschaft zu beenden? Irgendwann meldete sie sich dann doch bei mir.
„Klingt gut!“, schrieb sie, schlug aber kein Datum vor. „Wie wär’s mit Samstag?“, fragte ich. Sie hatte Samstag keine Zeit, bot mir aber auch keine Alternative an. „Ah, okay, wie sieht’s mit übernächstem Sonntag aus?“, schrieb ich zurück. Da hatte sie Zeit. Nur sagte sie mir eine Woche später ab – und wieder ohne Alternativtermine vorzuschlagen.
Diesmal schickte ich ihr aber nicht direkt wieder ein neues Datum. Ich hatte schon genug Trennungen erlebt, um zu wissen, dass sich jemand schon ein bisschen Mühe gibt, wenn er oder sie dich wirklich sehen möchte. Das tat sie nicht – und unsere Freundschaft verlief im Sand.
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Das ist lange her, aber ich denke noch sehr oft an sie. Anfangs fehlte mir unsere Freundschaft enorm, doch war seit unserem letzten Treffen so viel Zeit vergangen, dass ich nicht das Gefühl hatte, einen Grund zu haben, um mich nochmal bei ihr zu melden.
Dann stolperte ich zufällig über ihren Namen. Im Urlaub kaufte ich mir eine Zeitschrift, für die sie gelegentlich schreibt. Ich blätterte mich so durch die Seiten und fand einen spannenden Artikel. Als ich die Autor:innenzeile checkte, stellte ich fest, dass sie ihn verfasst hatte. „Diese Story ist so gut geschrieben, meine Liebe“, schrieb ich ihr und schickte ein Foto eines Absatzes mit, der mir besonders gut gefiel. „Ich hoffe, dir geht’s gut! xx“
Sie las meine Nachricht fast sofort, und ich sah, dass sie anfing, mir zu antworten. In dem Moment war ich so nervös, als hätte ich einem toxischen Ex geschrieben; ich bereute es fast sofort. (Nicht, dass diese Freundin toxisch gewesen wäre! Ich hatte nur dieses selbe Gefühl von: „Oh nein, was hab ich damit jetzt angefangen?“) Ich hatte Schiss vor ihrer Antwort – und davor, ob ich damit würde umgehen können.
Es wäre untertrieben zu sagen, dass ihre Antwort eher lauwarm ausfiel. „Danke!“, schrieb sie und ergänzte, dass sie immer überrascht ist, wenn Leute ihre Artikel wirklich lesen (das kenne ich). Sie sagte, es ginge ihr gut und dass sie hoffte, mir auch. Es war alles sehr final. Ihr Ton war freundlich, aber es fühlte sich doch so an, als hätte sie mir die Tür vor der Nase zugeknallt.
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Natürlich hätte ich hartnäckig sein und sie fragen können, ob sie nach all den Jahren mal wieder Lust auf ein Treffen hätte. Als ich mir ihre Antwort durchlas (und mich ein wenig gedemütigt fühlte), wusste ich, dass wir in einer Sackgasse angelangt waren. Aus welchem Grund auch immer schien sie nicht mehr das Bedürfnis zu haben, mich in ihrem Leben zu haben – und so sehr ich auch davon überzeugt bin, dass du dich um alles bemühen solltest, was du dir wirklich wünschst, finde ich nicht, dass das auch für Freundschaften gelten sollte, wenn du es mehrmals erfolglos versucht hast.
Hätte sie mich treffen wollen, wäre das ihre Chance gewesen. Die Tatsache, dass sie das Gespräch nicht weitergeführt hatte, war meine Antwort. Ich finde nicht, dass sie das zu einem schlechten Menschen macht. Ich war ihr vorher keine gute Freundin gewesen – und selbst wenn ich es gewesen wäre, war und ist sie nicht dazu verpflichtet, mich wieder in ihr Leben zu lassen. Meiner Meinung nach war das einfach das Anzeichen einer abgeschlossenen Freundschaft.
Aber obwohl ich all das wusste, tat es natürlich total weh. Genau wie damals, als unsere Freundschaft verebbt war, fühlte ich mich ganz klein und so, als hätte mir jemand einen Schlag in die Magengrube verpasst. Das war sicher nicht ihre Absicht – aber die Erwartungen, die ich in diese Nachricht gesteckt hatte, hatten sich nicht bestätigt, und ich fühlte mich wieder mal frisch abgewiesen.
Wir schauen auf gescheiterte Beziehungen und Freundschaften oft mit der rosaroten Brille der Nostalgie zurück. Wir erinnern uns an all die schönen Zeiten, als würden wir solche nie wieder erleben – und blenden dabei im schlimmsten Fall vielleicht sogar die schönen Zeiten aus, die wir jetzt gerade durchleben, nur eben mit anderen Menschen.
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Ich habe das Glück, wundervolle Freund:innen zu haben. Das heißt nicht, dass ich diese verlorene Freundschaft nicht doch irgendwie vermisse – es bedeutet aber sehr wohl, dass ich mich auf das besinnen sollte, was ich habe, nicht auf das, was ich nicht (mehr) habe. Ich würde nicht sagen, dass ich es bereue, mich nochmal bei dieser Person gemeldet zu haben; ich glaube aber nicht, dass es wirklich nötig war. Ich denke, auf die emotionale Abfuhr hätte ich gerne verzichten können, und wenn ich mental zerbrechlicher gewesen wäre, hätte mich das sicher zutiefst verletzt. Warum sollte ich mir sowas antun?
Klar ist es eine tolle Sache, sich auch mal verletzlich zu zeigen. Heutzutage drücken wir uns davor eher, obwohl wir uns ruhig auch mal darauf einlassen sollten. Trotzdem bleibt es riskant, sich angreifbar und den ersten Schritt zu machen – selbst für die Stärksten von uns. Dabei ist Vorsicht gefragt, denn wenn du dich dabei auf die Schnauze packst, ist das nicht unbedingt ein Push für dein Selbstwertgefühl.
Wenn du eine:n Freund:in vermisst, zu dem oder der du den Kontakt verloren hast, und bei dem oder der dich gerne melden möchtest, hast du meine volle Unterstützung. Ich finde bloß, dass du dich erstmal der ganzen tollen Menschen um dich herum bewusst machen solltest, die dich lieben, die dich gern in ihrem Leben haben – und dich fragen solltest, ob du nicht vielleicht schon sämtliche Mühen zum Wiederaufleben dieser Freundschaft erschöpft hast. Ich weiß, es ist nicht leicht, aber manchmal müssen wir andere Menschen einfach loslassen.
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