Wieso du auf Leute stehst, die du echt nicht leiden kannst

Foto: Renell Medrano.
Ich war mal auf einem Date mit einem Typen von Bumble, und nach etwa einer Stunde wurde mir klar, dass ich ihn überhaupt nicht ausstehen konnte. Er war ein absoluter Narzisst, fiel mir andauernd ins Wort und war im Restaurant total unhöflich zu unserer Bedienung. Mein Hirn sagte mir klar und deutlich: Dieser Kerl ist nichts für dich, und mein Bauchgefühl bestätigte mir diesen Eindruck. Und trotzdem fühlte ich mich wahnsinnig zu ihm hingezogen. Ich wollte unbedingtherausfinden, was unter seinem zerknitterten T-Shirt steckte.
Am Ende des Abends sagte ich ihm also nicht, er solle mich nie wieder anrufen – sondern nahm ihn mit zu mir nach Hause. Auch danach verbrachten wir noch ein paar weitere Nächte gemeinsam, und jedes Mal versuchte ich mich selbst dazu zu bringen, ihn zu mögen. Auf sexueller Ebene sprühten hier eindeutig die Funken. Wenn wir aber nach dem Sex nebeneinander im Bett lagen und ein paar Worte wechselten, merkte ich, dass ich immer genervter von ihm war. Das alles verwirrte mich total. Mir war immer der Eindruck vermittelt worden, so richtig guter Sex könne (und sollte) nur mit jemandem möglich sein, den oder die du liebst – oder zumindest magst.
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Scheinbar ist meine Erfahrung aber überhaupt kein Einzelfall, sondern sogar ein ziemlich geläufiges Phänomen. Viele Leute stehen total auf Menschen, die sie eigentlich gar nicht leiden können. „Sex und Liebe sind zwei voneinander getrennte Erfahrungen und Prozesse“, erklärt mir Dr. Jessica O’Reilly, Sexologin und Moderatorin vom Podcast Sex with Dr. Jess. „Wir haben uns eine Kultur erschaffen, in der Sex und Liebe Hand in Hand gehen sollen und eines ohne das andere angeblich nicht existieren kann. Häufig stimmt das aber überhaupt nicht.“ In anderen Worten: Du musst nicht zwangsläufig in jemanden verliebt sein, um mit ihm oder ihr schlafen zu wollen. Du kannst sogar starke negative Gefühle für diese Person empfinden und trotzdem Sex mit ihr wollen. Oder auch gar keine Gefühle. Manchmal ist das einfach eine körperliche Sache.
„Anziehungskraft ist so etwas Hormonelles und Urinstinktives“, erklärt mir auch der Psychotherapeut Jesse Kahn vom Gender & Sexuality Therapy Collective. „Körperliche und emotionale Anziehungskraft gehen nicht immer Hand in Hand.“

Wir haben uns eine Kultur erschaffen, in der Sex und Liebe Hand in Hand gehen sollen und eines ohne das andere angeblich nicht existieren kann.

Dr. Jessica O'Reilly, sexologin
Noch dazu empfinden wir Menschen manchmal auch Dinge, die wir gar nicht mögen sollten, als wahnsinnig aufregend. Dieses Empfinden ist manchmal auch sexueller Natur. „Das sieht man zum Beispiel an der Fetisch- und BDSM-Kultur“, meint Kahn. „Manche Menschen in dieser Community erotisieren etwas, von dem uns eigentlich vermittelt wurde, es solle uns nicht gefallen – wie zum Beispiel Schmerz –, und entdecken tiefe Lust darin.“ Das Tabu, etwas Herausforderndes oder Verbotenes auszuleben, kann für manche eine hocherotische Vorstellung sein, weil sie uns eine Form der Fluchtmöglichkeit bietet. „Das kann ein Grund dafür sein, warum manche Menschen in Machtpositionen, zum Beispiel CEOs, beim Sex gern die unterwürfige Rolle übernehmen“, erklärt Dr. O’Reilly. Es heißt schließlich nicht umsonst sexuelle Fantasie.
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In manchen Fällen kann die Leidenschaft für Menschen, die du überhaupt nicht magst oder die vielleicht nicht einmal nett zu dir sind, auch auf zugrundeliegende Probleme hinweisen. „Es ist nicht ungewöhnlich, uns zu etwas hingezogen zu fühlen, das uns in der Vergangenheit geschadet hat“, meint Kahn. „Wenn du zum Beispiel als Kind eines sehr narzisstischen Vaters aufgewachsen bist und dich das schon als Kind stark beeinträchtigt hat, kann sich das auch auf deine Vorlieben als Erwachsene:r auswirken.“ O’Reilly ergänzt, dass die Hingezogenheit zu einem Menschen, den du nicht leiden kannst, etwas völlig anderes ist als das Eingehen einer Beziehung, die dir potenziell schaden könnte. 
Die gute Nachricht: Solange du dich dadurch nicht in eine gefährliche Situation begibst, kann Sex mit jemandem, den oder die du nicht magst, für alle Beteiligten tatsächlich eine tolle Sache sein. Wenn du dabei in die dominante Rolle schlüpfst und in diesem (einvernehmlichen und ethischen!) Kontext vielleicht sogar etwas aus deiner Vergangenheit bewältigst, kann das nicht nur sehr sexy sein, sondern sogar eine heilende Wirkung entfalten, meint Kahn. Sex kann dir viel darüber aufzeigen, was du magst (oder eben nicht) – und solange alle Beteiligten Lust darauf haben, spricht wohl nichts dagegen.
Mir und meinem Narzissten wurde jedenfalls schnell klar, dass wir unsere Gespräche auf das Minimum beschränken und nach dem Sex schnell wieder getrennte Wege gehen sollten. Und obwohl ich ihn wirklich nicht mochte, waren wir zumindest dahingehend total auf einer Wellenlänge.
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