Ich bin demisexuell – & das bedeutet das für mein Liebesleben

Photographed by Lula Hyers.
Ich bin demisexuell. Das sagt dir nichts? Ging mir auch so – bis letztes Jahr; ganze 13 Jahre nach dem ich das erste Mal Sex hatte.
Ich wusste schon immer, dass ich irgendwie anders bin in Sachen Beziehungen und Liebe. Richtig bewusst wurde es mir in meiner Schulzeit. Meine Freundinnen waren alle (fast schon übertrieben) besessen von diversen Boygroups. Sie schwänzten für Autogrammstunden die Schule und gaben ihr Essensgeld für Konzertkarten aus. Ihre Zimmer tapezierten sie mit Postern ihrer Lieblingssänger. Ich machte da nicht mit. Nicht, weil ich zu cool war für diese Boybands (was ich definitiv war) und auch nicht, weil ich Nick Carter nicht voll süß fand (was ich definitiv tat). Ich konnte mich einfach nicht in jemanden verknallen, den ich nie getroffen hatte.
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Hätten mich damals Justin Timberlake oder Robbie Williams höchstpersönlich auf die Bühne gezerrt und backstage mit mir rummachen wollen, hätte mir das vermutlich bloß ein müdes Gähnen entlockt. Wenn sie mir allerdings vorher wochenlang gesimst hätten, wie schwierig das Tourleben für sie sei … knutschen? Gerne, ja, bitte! Bist du demisexuell, ist dir das Aussehen nämlich ziemlich wurscht. Wie sieht “mein Typ“ aus? Keine Ahnung. Hauptsache, ich verstehe mich gut mit der Person.

Was genau bedeutet “demisexuell“?

Demisexuell heißt, ohne emotionale Bindung keine sexuelle Anziehung empfinden zu können. Daher verlieben sich Demis auch häufig in ihre Freund*innen und Kolleg*innen. In solchen Bekanntschaften gibt es nämlich schon eine persönliche Basis, aus der später Verknalltheit und alles Sexuelle entstehen kann.
Mit 27 fand ich dann heraus, dass ich mich als demisexuell identifiziere. Das habe ich Gesprächen mit meiner besten Freundin zu verdanken. Sie ist ebenfalls demi und hat ähnliche Schwierigkeiten beim Dating wie ich. Das hat alles für mich verändert. Seit ich es weiß, habe ich aufgehört, mich auf “heiße“ Typen einzulassen, mit denen ich überhaupt keine Connection habe. Ich habe es außerdem geschafft, Freundschaften zu erhalten, die ich sonst früher oder später durch aufgezwungene Romantik ruiniert hätte.
Demisexualität kann deine Geduld und Zurückhaltung echt auf die Probe stellen. Eine schnelle Nummer ist bei mir einfach nicht drin – denn ich fühle mich eben nicht so schnell sexuell zu anderen hingezogen wie die meisten. Tatsächlich kann ich die Leute, auf die ich bisher sofort “stand“, an einer Hand abzählen.
Genau deswegen verkraften Demisexuelle Trennungen auch relativ schwer. Nach einer Beziehung brauchte ich drei Jahre, um sexuell mit meinem Ex abzuschließen und mich auf etwas Neues einlassen zu können. Schließlich wartete der nächste Kerl, auf den ich so richtig stand, nicht gerade an der nächsten Ecke. Diese körperliche Anziehung fühlte sich einfach zu wertvoll an, um sie so schnell abzuhaken.
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Versteh mich nicht falsch: Ich erkenne heiße Typen, wenn sie mir gegenüberstehen, und ich habe auch einen ganz normalen Sexualtrieb. Das heißt aber nicht, dass ich deswegen genau mit diesen Kerlen ins Bett hüpfen will. Klingt frustrierend? Ist es auch. One-Night-Stands sind überhaupt nicht mein Ding, nicht mal dann, wenn ich wirklich Lust auf Sex habe. Und Tinder? Bloß nicht. Anhand von ein paar Fotos eine*n Partner*in auszuwählen – unmöglich. Und glaub mir, ich hab’s versucht.
Wenn ich anderen von meiner Demisexualität erzähle, höre ich oft, das sei doch „normal für eine Frau“, oder ich sei „halt ein bisschen prüde“. Diese Einstellung haben wir dem Glauben mancher Religionen und Kulturen zu verdanken, weibliche Lust und Sex vor der Ehe seien verwerflich, eine Sünde.

Können Männer demisexuell sein?

Na sicher – genau wie Lesben, Schwule und Bisexuelle. Demisexualität ist unabhängig von der sexuellen Orientierung und liegt irgendwo zwischen Asexualität und Sexualität. Daher auch das “demi“: Das ist Latein und bedeutet “halb“. Demisexualität fällt unter den LGBTQ+-Schirm und hat sogar eine eigene Flagge. Die ist zugegebenermaßen ziemlich cool; trotzdem identifiziere ich mich nicht als queer. Zwar hat meine sexuelle Identität verändert, wie ich Liebe und Beziehungen sehe, doch stellt sie mich nicht vor dieselben Probleme, unter denen die LGBTQ+-Community leider immer noch leidet. Aber natürlich steht die persönliche Identifikation jeder Demisexuelle und jedem Demisexuellen völlig frei. Sich dieser oder jener Gruppe zuzuordnen, kann für Geborgenheit und Zusammenhalt sorgen – also go for it, wenn du willst!
Wenn dich all das jetzt zum Nachdenken über dein eigenes Sex- und Liebesleben gebracht hat, versuch es doch mal mit diesem Demisexualitäts-Test (Hinweis: Er ist auf Englisch). Um als demisexuell zu gelten, brauchst du dabei mehr als 50 Punkte – ich erreichte letztlich 86. Ob dahinter eine wissenschaftliche Methode steckt, weiß ich nicht, aber die Fragen trafen bei mir auf jeden Fall einen Nerv. Bist du auf der Suche nach weiteren Informationen zur Demisexualität? Schau mal auf dieser Seite der Asexuellen-Organisation AktivistA nach. Ich habe allerdings über die Jahre hinweg auch einige persönliche Erfahrungen mit meiner Sexualität gemacht, die ich im Folgenden gern mit dir teilen möchte.
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Geduld, Geduld

Wenn du dich genauso häufig zu anderen Menschen sexuell hingezogen fühlst wie ich – also rund einmal alle fünf Jahre –, kann sich schnell eine gewisse Ungeduld breitmachen. Vielleicht suchst du dann sogar aktiv nach Leuten, die du eventuell irgendwann mal heiß finden könntest. Anstatt dich jetzt aber wie wild ins Nachtleben zu stürzen, Tinder abzugrasen und dann deinen Kalender mit Dates vollzustopfen (das habe ich alles durch), versuch es auf die entspanntere – und günstigere! – Art: Qualität statt Quantität. Auf einer Houseparty bei Freund*innen zum Beispiel kommt es viel natürlicher zu einem netten Gespräch. Es kann auf jeden Fall nicht schaden, wenn ihr euch akustisch verstehen könnt. Kurz gesagt: Demisexuelle Menschen brauchen eine emotionale Verbindung. Gib dir dafür Zeit und Ruhe.

Gib anderen eine Chance

Obwohl es dir vielleicht schwerer fällt, dich zu anderen hingezogen zu fühlen, heißt das nicht, dass es andersrum genauso aussieht: Wenn dich jemand anspricht oder auf einen Drink einlädt, lehne nicht direkt ab, bloß weil für dich noch keine Funken fliegen. Wie sollen sie denn auch, wenn du dich nicht auf ein persönliches Gespräch einlässt? Versuch’s doch einfach mit einem Date, lerne die Person in einem ruhigen Umfeld besser kennen (ich persönlich verabrede mich gerne in Kunstgalerien). Und wer weiß – vielleicht siehst du dein Gegenüber ja plötzlich in einem ganz anderen (sexy) Licht, wenn er oder sie sich als totaler Hundeliebhaber rausstellt.

Wenn’s nicht klappt, dann ist das eben so

Gehen wir mal davon aus, die Kunstgalerie war langweilig, gegen Hunde bist du allergisch und dein Date ist zwar superheiß, aber für dich weiterhin null attraktiv. Und jetzt? Betrinkst du dich bitte nicht (obwohl Alkohol deinem Gegenüber durchaus etwas mehr Sexappeal verleihen kann), um danach mit ihm oder ihr in die Kiste zu springen. Wenn dir Sex mit einer für dich unattraktiven Person nichts gibt – warum solltest du dann überhaupt mit ihr schlafen? Verabschiede dich nett und erspare dir die nachträgliche Reue. Denn wer denkt schon gern an Sex zurück, der nur so “naja“ war?
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Versau dir nicht der Romantik wegen deine Freundschaften

Als demisexueller Mensch freust du dich natürlich, wenn du endlich jemanden heiß findest. Das passiert am wahrscheinlichsten mit Freund*innen oder Kolleg*innen, da du mit ihnen viel Zeit verbringst, sie gut kennenlernst und eine emotionale Bindung zu ihnen entwickelst. Und trotzdem: Sex mit ihnen will wohl überlegt sein – schließlich kann Sex Freundschaften und Arbeitsbeziehungen ruinieren. Also denke vorher gut darüber nach, ob es dir das Risiko wirklich wert ist.
Ich identifiziere mich nun mittlerweile seit einem Jahr als demisexuell – und genieße mein Singledasein mehr denn je. Natürlich würde ich mich gern in einen Typen verlieben und jede Menge Sex mit ihm haben. Bis es allerdings so weit ist, habe ich gelernt, geduldig zu sein, auf meine Gefühle zu hören und mich vor allem nicht auf Kerle einzulassen, auf die ich eigentlich keine Lust habe. Ich habe aufgehört, mir meine Freundschaften mit Männern kaputtzumachen. Mein Handy freut sich dank der gelöschten Dating-Apps über mehr Speicherplatz. Und ich suche nicht mehr nach dem sofortigen Funken, sondern dem entspannten Gespräch.

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