Wenn ein:e Partner:in in einer gleichgeschlechtlichen Beziehung mehr verdient

Foto: Eylul Aslan
„Früher gab ich rund zwei Euro für eine Packung mit sechs Eiern aus, während die einzige Marke, die sie kaufte, etwa vier Euro kostete“, erzählt die 28-jährige Annie*. Sie ist Finanz-Managerin und verdient etwas weniger als zwei Drittel von dem, was ihre Partnerin Zara* einnimmt.
Das Einkommensgefälle zwischen diesem Paar hat während ihrer zweijährigen Beziehung zu Unbehagen und Gefühlen der Unzulänglichkeit geführt. Über die Probleme, die eine solche Kluft in heterosexuellen Beziehungen verursacht, ist bereits viel diskutiert worden, insbesondere weil sich die Dinge allmählich ändern und immer mehr Frauen das Gleiche wie gleichaltrige Männer verdienen – wenn nicht sogar mehr. Dadurch werden Geschlechternormen in Bezug auf die Rolle der Frau auf den Kopf gestellt. Wenn es jedoch um gleichgeschlechtliche Beziehungen geht, kann ein Lohngefälle zu ebenso viel Aufruhr, Unsicherheit und Unmut führen.
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Wenn es ums Essen geht, hat Zara einen teureren Geschmack. Annie erinnert sich daran, wie sie sich über dieses Thema stritten, als sie vor elf Monaten zusammenzogen.
„Ich kam mir geizig vor, und sie hatte das Gefühl, dass sie nicht das Essen kaufen konnte, das sie wollte, obwohl wir mehr als genug Geld hatten“, erklärt sie. „Wir lösten das Problem, indem wir über alle möglichen Geldfragen sprachen, die uns wichtig waren: Für sie war die Qualität der Lebensmittel wichtig, und wenn ich ehrlich bin, schmecken ihre Eier tatsächlich deutlich besser.“
Als Annie und Zara damit begannen, sich auf die Suche nach einem gemeinsamen Haus zu machen, wurde Geld wieder zu einem Problemthema. Annie hatte ein fixes Budget aus der Zeit, als sie noch allein nach einer Unterkunft gesucht hatte, und erwartete, dass das gemeinsam Budget dasselbe sein würde.
„Für Zara fühlte es sich an, als ob ich mir unserer Beziehung nicht sicher wäre. Für mich aber war alles, was mein Budget überstieg, zu viel.“ Schließlich einigten sie sich auf ein größeres Budget, unter folgenden Bedingungen: Beide leisten die gleiche Anzahlung und sind gleichberechtigte Partner:innen.
„Ich bin mir der Tatsache sehr bewusst, dass ich nur deshalb in meiner jetzigen Gegend wohnen kann, weil ich von Zaras Einkommen profitiere“, gibt Annie zu. „Damit habe ich mich abgefunden. Ich musste aber für mich selbst klären, ob ich mich unter diesen Umständen überhaupt noch unabhängig fühlen kann.“ Deshalb versucht Annie, sicherzustellen, dass sie ihre eigenen Ersparnisse hat. Außerdem teilen die zwei Rechnungen immer 50/50.
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„Obwohl es manchmal anstrengend ist, sich den Kopf über Geldfragen zu zerbrechen, hat es uns gezwungen, besser miteinander zu kommunizieren und unser Vertrauen ineinander und den Glauben an unsere Beziehung gestärkt“, sagt Annie.
Die zweiunddreißigjährige Josie* befindet sich in einer ähnlichen Lage wie Annie. Als Managerin eines Coffeeshops verdient sie weniger als die Hälfte von dem, was ihre Partnerin Dina*, die als Oberschwester in einem Krankenhaus tätig ist, einnimmt. „Es passt mir gar nicht in den Kram, dass ich so viel weniger Geld habe als sie, aber es gibt nicht viel, was ich dagegen tun kann. Ich bin zwar ständig auf Jobsuche, aber im Gastgewerbe gibt's das große Geld einfach nicht“, sagt Josie. Die beiden teilen Rechnungen 50/50 und zahlen zu gleichen Teilen auf zwei gemeinsame Konten ein. Dina zahlt aber die monatliche Hypothek, da Josie es sich nicht leisten kann, beizusteuern.

Obwohl es manchmal anstrengend ist, sich den Kopf über Geldfragen zu zerbrechen, hat es uns gezwungen, besser miteinander zu kommunizieren und unser Vertrauen ineinander und den Glauben an unsere Beziehung gestärkt.

annie*
Die 48-jährige Dina, die in einer früheren Beziehung in der gleichen Lage war wie Josie, hat Verständnis dafür, wie sich diese fühlt. Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass sich Josie dafür verachtet, weil sie nicht zum Abbezahlen der Hypothek beitragen kann. „Ich hasse es, dass ich nichts beisteuern kann. Wenn ich es nämlich täte, hätte ich kein Geld für Benzin, um zur Arbeit zu fahren. Damit habe ich also keine andere Wahl, als sie zahlen zu lassen“, sagt Josie.
Wenn zwei Frauen eine romantische Partnerschaft eingehen, ist das Verhältnis – zumindest in der Theorie – gleichberechtigter als jenes zwischen einem Mann und einer Frau in einer heteronormativen Cis-Beziehung. Für Josie war das ungleiche Verhältnis zwischen ihr und Dina in Sachen Geld eine Herausforderung. Ihr langfristiges Ziel ist es, einen besser bezahlten Job an Land zu ziehen und entweder zur Hypothek oder zu etwas anderem beizutragen, z. B. zu ihrer gemeinsamen Urlaubskasse.
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„Fairness ist einer der wichtigsten Werte für mich – egal ob es darum geht, eine Tafel Schokolade oder Ausgaben zu teilen“, sagt sie. „Ich wollte immer, dass alles fair ist, und ich mag es nicht, dass es in dieser Hinsicht nicht so ist zwischen uns.“
Charlotte Lidstone ist ein qualifizierter Finanz-Coach. Sie hilft Paaren mit ihren Finanzfragen. Paare mit großen Einkommensunterschieden machen 80 Prozent ihrer Kund:innen aus. Sie weist darauf hin, dass Gehaltsklüfte zwischen Paaren oft übersehen werden, bis sie z.B. ein gemeinsames Haus kaufen oder Kinder bekommen wollen. Der Grund dafür? Viele Paare verwalten ihre Finanzen getrennt voneinander und arbeiten jeweils Vollzeit.
„Das bedeutet, dass jede Diskrepanz dann spürbar wird, sobald es um verfügbares Einkommen wie Urlaub, Restaurantbesuche, Einkäufe, etc. geht. Viele Menschen finden es einfacher, mit dieser Ungleichheit umzugehen, indem sie ihre Erwartungen über den Haufen werfen, indem sie zum Beispiel nicht an den gleichen gesellschaftlichen Veranstaltungen teilnehmen oder gemeinsam in den Urlaub fahren“, erklärt Charlotte.
„Manchmal führt eine sehr große Gehaltskluft zu Problemen, wenn es um Dinge wie Hypotheken oder größere Anschaffungen geht. Gespräche über diese Fragen sind für Paare oft der Anlass dazu, professionelle Hilfe in Form von Coaching in Anspruch zu nehmen“.
Manchmal gibt es Unterschiede in der Art und Weise, wie sich Einkommensunterschiede bei Paaren in Abhängigkeit von ihrer Sexualität manifestieren, sagt Charlotte. Die überwiegende Mehrheit unserer Vorstellungen und Gewohnheiten in Bezug auf Geld haben aber mit unserer Erziehung zu tun und spiegeln die unserer Eltern und Bezugspersonen wider. „Dieses Thema kann nicht so einfach mit alten Phrasen à la ‚Männer verdienen eben mehr‘ abgetan werden. Unsere Einstellungen zum Thema Geld werden nicht durch unsere Sexualität geprägt, sondern durch unsere frühen Erfahrungen bis zum siebten Lebensjahr“.
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„Wenn du also in einem Haushalt aufgewachsen bist, in dem sich ein Elternteil nie um das Geld kümmerte, könntest du diese Überzeugungen auf deine Beziehungen im Erwachsenenalter übertragen und das Gefühl haben, dass nur eine:r von euch ‚das Geld verwalten‘ sollte.“
Charlotte sagt, dass Menschen in heterosexuellen Beziehungen eher dazu neigen, das zu übernehmen, was sie bei ihren Eltern sehen, weil es ihnen vertraut und in gewisser Weise beruhigend vorkommt, selbst wenn es nicht hilfreich für die Beziehung oder sogar destruktiv ist. „In gleichgeschlechtlichen Beziehungen oder in solchen, in denen die Dynamik ‚nicht traditionell‘ ist, wie bei Transgender-Paaren oder in Beziehungen, die aus mehr als zwei Personen bestehen, ist es unwahrscheinlicher, dass eine Person ihre Eltern auf unbewusste Weise nachahmt. Das liegt daran, dass sie bereits vieles anders macht als ihre Eltern.“

Es ist wichtig, dich daran zu erinnern, dass du dich in einen Menschen verliebt hast – und nicht in eine Zahl auf einem Gehaltszettel.

Charlotte Lidstone, Finanz-COACH
Es klingt vielleicht selbstverständlich, aber ehrliche Kommunikation in Hinsicht aufs Thema Geld ist für den Umgang mit Gehaltsunterschieden innerhalb einer Beziehung unerlässlich, meint Charlotte. Da die meisten von uns ein gewisses Maß an Selbstwertgefühl mit ihrem Gehaltsscheck verbinden, kann das Sprechen über Zahlen dazu führen, dass wir uns verletzlich fühlen und das Gefühl haben, dass über unsere Lebensentscheidungen und unseren „Erfolg“ geurteilt wird.
„Es ist wichtig, dich daran zu erinnern, dass du dich in einen Menschen verliebt hast – und nicht in eine Zahl auf einem Gehaltszettel“. Charlotte rät dazu, dich darauf zu konzentrieren, was euch zusammengeführt hat, und das als Grundlage für Gespräche über Finanzen zu nutzen. Um ein Leben aufzubauen, das zu euch beiden passt, sind Kompromisse notwendig.
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„Das bedeutet, dass du vielleicht etwas länger sparen musst, um dir einen unvergesslich schönen Urlaub mit deiner besseren Hälfte leisten zu können. Möglicherweise heißt das auch, dass du dir keine Hochzeit im Kardashian-Stil erlauben kannst. Wenn wir aber ehrlich sind, brauchst du diese Dinge ja auch nicht unbedingt. Was aber tatsächlich unverzichtbar ist, ist eine Person, die dich so liebt und dafür respektiert, wie du bist und sein wirst und das hat eben nichts damit zu tun, wie viel eine Person verdient.“
Setzt euch gemeinsame Ziele. Wenn ihre einen Urlaub plant, solltet ihr einen Mittelweg finden, rät Charlotte. „Vielleicht wünscht sich ja eine:r von euch einen zweiwöchigen All-inclusive-Urlaub, während der bzw. die andere gerne zelten gehen möchte. Eine gute Lösung könnten zwei Kurzurlaube mit jeweils drei Übernachtungen sein – ein eher rustikaler, der andere mit allem inklusive –, die mit einem gemeinsamen Budget erschwinglicher sind.“
Außerdem solltet ihr sicherstellen, dass ihr beide in der Lage seid, unabhängig voneinander Geld für euch selbst auszugeben und etwas davon beiseitezulegen, fügt sie hinzu. Auf diese Weise vermeidet ihr Frustration darüber, dass du dein Geld so ausgeben musst, wie es deinem Partner oder deiner Partnerin passt. Im Gegenzug kann er oder sie dich nicht darüber urteilen, auf welche Weise du dein eigenes Geld ausgibst.
*Namen wurden von der Redaktion geändert.

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