Neuer Job gefällig? So klappt’s mit dem Karrierewechsel

Foto: Naohmi Monroe
In den USA kam es dieses Jahr zu einer enormen Kündigungswelle. 2,9 Prozent aller Arbeitskräfte kündigte dort im August, während die Zahl der offenen Stellen im Vereinigten Königreich zur gleichen Zeit einen neuen Rekord erreichte und damit zum ersten Mal die Marke von 1 Million überschritt. Was den deutschen Arbeitsmarkt betrifft, so erholt sich dieser gerade von den Folgen der Corona-Krise. Apropos Corona: Seit der Pandemie hatten wir alle viel Zeit, um nachzudenken und wichtige bisherige Entscheidungen kritisch unter die Lupe zu nehmen. Manchen von uns ist dabei klargeworden, wie unglücklich sie eigentlich in ihrem Job sind und sehnen sich jetzt deshalb nach einem kompletten Neuanfang in Sachen Karriere. Prinzipiell wechseln die Deutschen eher seltener den Beruf – wie viele Menschen es tatsächlich sind, ist schwer zu erfassen, da die Bundesagentur für Arbeit nur zählt, wer bei der Neuorientierung von ihr gefördert wird.
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Es gibt mehrere pandemiebedingte Gründe dafür, warum manche von uns gerade mit dem Gedanken spielen, sich beruflich neu zu orientieren: von der veränderten Lebensqualität durchs Arbeiten von zu Hause aus über Burn-outs bei der Arbeit, die vor allem unverzichtbare Arbeitskräfte im Kampf gegen Corona trifft, bis hin zu neuen Prioritäten in Hinsicht auf Finanzen.
Während einige von uns, die einen Berufswechsel anstreben, in ihrer bisherigen Branche bleiben wollen, haben andere die letzten 18 Monate damit verbracht, ihre berufliche Laufbahn zu überdenken und festgestellt, dass sie etwas völlig Neues machen wollen. Zu dieser Erkenntnis zu kommen, ist aufregend und beängstigend zugleich. Wie gelingt dir der Sprung? Was, wenn du dir einen Karrierewechsel nicht leisten kannst? Was ist, wenn du dich dafür entscheidest und es dann sechs Monate später bereust?
Um dich bei diesem Wechsel zu unterstützen, haben wir mit Melanie Pritchard gesprochen. Sie ist eine ehemalige Anwältin, die heute als Erfolgscoach und Wellness-Trainerin tätig ist und seit über sieben Jahren Menschen dabei hilft, ihren neuen beruflichen Weg zu finden. Sie teilte superhilfreiche Tipps rund ums Thema Karrierewechsel mit uns, die wir zu einem Leitfaden zusammengefasst haben, der Gold wert ist. Befolge die Ratschläge und dein Berufswechsel wird ganz problemlos vonstatten gehen und du wirst nie wieder zurückblicken wollen.

Überstürz nichts

Ganz gleich, ob du einen beruflichen Neustart in Erwägung ziehst oder bereits den Beruf gewechselt und jetzt das Gefühl hast, dass der neue Job doch nicht das Richtige für dich ist: Der erste Schritt auf dem Weg zu deinem zukünftigen Traumjob besteht darin, deine nächste Entscheidung nicht zu überstürzen.
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„Das Wichtigste während der Übergangszeit“, sagt Melanie, „ist es, einen kühlen Kopf zu bewahren und nichts zu überstürzen. Zuerst solltest du dir darüber klarwerden, was genau du brauchst, um glücklich zu sein, und was dich am meisten frustriert. Wenn du deiner Frustration nämlich auf den Grund gehst, wirst du merken, dass sie in der Regel ein Barometer für genau das ist, wovon du mehr in deinem Berufsleben benötigst.“
Melanie sagt, dass du dir vor einem Berufswechsel zuerst über folgende vier Dinge im Klaren sein musst, damit du auch ja die richtige Entscheidung triffst:
1. Führ dir vor Augen, was dich interessiert und begeistert.
2. Mach dir bewusst, was deine wichtigsten „Superkräfte“ und Stärken sind. Vielleicht hast du eine große Liebe zum Detail, arbeitest gut mit anderen zusammen oder bist sehr praktisch orientiert. Denk an alle Aspekte, die bei deiner täglichen Arbeit eine Rolle spielen könnten.
3. Frag dich selbst, welche Werte du hast und was dich antreibt: Wie wichtig ist dir eine gute Work-Life-Balance? Was soll deine Arbeit bewirken oder wie wichtig sind dir andere Faktoren wie Stabilität oder Kreativität?
4. Und die wichtigste Frage zu guter Letzt: Hast du ein Lebensziel? Wenn ja, welches?

Sei realistisch

Sobald du die Antworten auf diese Fragen hast, kannst du deinen nächsten Karriereschritt machen. In dieser Phase ist es besonders wichtig, realistisch zu bleiben, besonders beim Thema Finanzen. Wie Melanie betont, ist es nicht (immer) möglich, alles zu haben; manchmal sind Einräumungen notwendig.
„Oft“, sagt sie, „kommen Kund:innen zu mir und sagen: ‚Ich bin wirklich unzufrieden mit meinem Job und möchte eigentlich etwas ganz anderes machen. Ich möchte aber genau die gleiche Summe verdienen wie bisher.‘ Diesen Wunsch kann ich gut nachvollziehen, du musst aber realistisch sein.“ Wenn du in eine andere Branche hinüberwechselst, musst du dir darüber im Klaren sein, dass es einige Zeit dauern kann, bis du wieder das gleiche Gehalt erhältst. In manchen Branchen wirst du vielleicht nie wieder das Gleiche einnehmen können. Auch hier kommen die vier oben erwähnten Schlüsselfaktoren ins Spiel, die dir dabei helfen können, zu beantworten, was für eine Rolle Geld für dich spielt, um dich verwirklichen zu können. „Am Anfang sagen meine Klient:innen oft: ‚Ein geringeres Einkommen kommt nicht in Frage.‘ Wenn ihnen dann aber klar wird, dass sie sich in ihrer jetzigen Position vielleicht nie erfüllt fühlen werden, oder andere, miteinander verbundene Karriereoptionen zu entdecken beginnen, die es ermöglichen, die gleiche Summe zu verdienen wie bisher, desto weniger beängstigend erscheinen potenzielle finanziellen Probleme am Ende tatsächlich.“
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Sei kreativ

Wenn deine bisherige und deine Wunsch-Branche scheinbar nichts miteinander zu tun haben, ist es empfehlenswert, deine Fähigkeiten nicht aus einer branchenspezifischen Perspektive zu betrachten, sondern sie als Hinweise auf deine eigenen Interessen und Fachkenntnisse anzusehen. Hier ist also Kreativität gefragt. Melanie erzählt zu diesem Zweck von einer Klient:in, mit der sie kürzlich zusammenarbeitete. Diese hatte 15 Jahre Berufserfahrung als Hebamme und wollte jetzt in den Bereich des Projektmanagements hinüberwechseln.
„Manchmal sitzen wir auf einer Goldmine, ohne uns dessen bewusst zu wissen. Diese Frau machte sich Sorgen, weil die beiden Berufe so grundverschieden waren. Während unserer Zusammenarbeit erkannten wir aber, dass eine ihrer Superkräfte darin bestand, dass sie 15 Jahre Berufserfahrung im klinischen Bereich aufweisen konnte. Also stimmte sie ihre Arbeitssuche auf Projektmanagement-Jobs ab, für die erhebliche klinische Erfahrung erforderlich war. So gelang es ihr, ihren Traumjob in einer ganz anderen Funktion zu finden.“

Sei proaktiv

Mit all diesen Informationen kannst du dich nun daran machen, die von dir ausgewählte neue Branche und potenzielle Karrierelaufbahnen darin zu erkunden. Melanie rät dazu, proaktiv zu sein und Unternehmen oder Menschen zu finden, die dich inspirieren, anstatt nur nach bestimmten Berufsbezeichnungen zu suchen.
„Wenn du dich traust, solltest du versuchen, Möglichkeiten für dich selbst zu schaffen.“ Sprich Menschen an, die in dem Bereich arbeiten, in dem du tätig sein möchtest, und stell ihnen Fragen, die dir auf dem Herzen brennen, sagt sie. Solche Unterhaltungen bringen „die größten Resultate. Du kannst dir drei Jahre ersparen, die du durch eine (weitere) ‚falsche Entscheidung‘ vergeuden würdest, indem du mit einer Person sprichst, die dich aus irgendeinem Grund begeistert, und ihr sehr ehrliche Fragen stellst.“ Sie schlägt vor, dabei drei Punkte zu erwähnen, die dir bisher an deiner nicht Arbeit gefallen haben und die du in der Zukunft vermeiden möchtest. Außerdem solltest du ein paar Gründe dafür nennen, warum du dich in diesem neuen Bereich umschaust, und dann nach der Meinung deines Gegenübers fragen. „Wenn du diese Leute wie Mentor:innen behandelst, können sie oft sehr gut dabei helfen, zu erkennen, wo du hinpasst. Wenn du wirklich ehrlich bist und das fragst, worüber du dir den Kopf zerbrichst, wirst du viel aus diesen Gesprächen mitnehmen können und sehr schnell herausfinden, welches Angebot mit deinen Wünschen und Erwartungen übereinstimmt. Das Ganze erfordert zwar ein wenig Mut, ist aber wirklich das Beste, was du tun kannst.“
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Sei ehrlich

Wenn du in Vorstellungsgesprächen oder mit potenziellen Arbeitgeber:innen darüber sprichst, was du an deiner bisherigen beruflichen Laufbahn bereust, rät Melanie dazu, immer ehrlich zu sein, aber auf eine positive Art und Weise.
„Anstatt davon zu erzählen, wie sehr du alle Aufgaben gehasst hast, die mit Buchhaltung zu tun hatten, solltest du die positiven Aspekte deiner bisherigen Jobs hervorheben, z. B.: ‚Obwohl ich es toll finde, dass Buchhaltung wirklich starke analytische Fähigkeiten und Problemlösungskompetenzen erfordert, merkte ich irgendwann, dass ich eine kreativere Atmosphäre brauche, in der ich meine Leidenschaft fürs Schreiben ausleben kann.‘“ Es ist immer hilfreich, ein konkretes Beispiel anzugeben, wie z.B. frühere Erfahrungen mit Schreiben oder sogar kreative Hobbys. Die Wahrheit darüber, warum dich ein bestimmter Beruf interessiert, wird für die richtigen Arbeitgeber:innen immer von größerer Bedeutung sein als komplizierte Ausreden darüber, warum du dich nun einmal so entschieden hast, wie du es hast. Wenn du ehrlich bist, lässt sich herausfinden, warum dein bisheriger Karriereweg in Bezug auf die neue Position von Vorteil ist.

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