Warum Kompromisse nicht immer eine gute Idee sind

Photographed by Savana Ogburn.
In Unterhaltungen zum Thema romantische Beziehungen fällt oft ein ganz bestimmter Begriff: Kompromissbereitschaft. So sagen beispielsweise viele Beziehungsexpert*innen, der Schlüssel zu einer erfolgreichen Partnerschaft sei, einen Schritt auf den anderen zugehen zu können. Doch in manchen Fällen ist dieser Ratschlag gar nicht mal so hilfreich. 
Ein Beispiel: Für dich steht zu 100 Prozent fest, du willst irgendwann Kinder haben, dein*e Partner*in aber nicht. Was wäre hier denn bitte der Mittelweg? Ein halbes Kind? Aber Spaß beiseite: In dieser speziellen Situation ist es keine Option, die eigenen Bedürfnisse einfach über Bord zu werfen. Warum? Weil eine*r von euch beiden am Ende alles andere als glücklich mit der Situation sein wird. 
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Es gibt also Situationen, in denen Kompromisse der Beziehung sogar schaden können. Aber manchmal sind sie auch hilfreich. Die Frage ist: Wo verläuft die Grenze zwischen diesen “gesunden“ und “ungesunden“ Kompromissen? Wie viel solltest du der Beziehung zu Liebe aufgeben, damit die Harmonie nicht in Gefahr gebracht wird? Und wann solltest du keine Abstriche machen, um dich und deine Überzeugungen nicht zu verraten und auf lange Sicht dadurch die Beziehung zu gefährden?
Die Basis gesunder Kompromisse ist das Selbstwertgefühl. Frag dich selbst, was du von dieser Beziehung erwartest und was dein*e Partner*in tun muss, damit dies eintritt. Dazu zählen große Themen, wie Willst du Kinder? Möchtest du heiraten? Wo willst du leben?, aber auch kleine Dinge wie Wer übernimmt welche Aufgaben im Haushalt?. Es klingt selbsterklärend, aber trotzdem vergessen wir es oft: Bevor du überhaupt das Gespräch mit deiner Freundin oder deinem Freund suchst, musst du dir selbst überlegen, wie deine Antworten auf diese Fragen lauten. Durch diese Vorüberlegungen kannst du deine Wünsche und No-gos später klarer formulieren, effektiver kommunizieren und einen Streit vermeiden.
Jetzt bist du also bereit, die Themen mit deiner Partnerin oder deinem Partner zu besprechen. Dabei solltest du möglichst ehrlich, offen und konkret sein, rät die Sexualwisschenaftlerin Dr. Jess O'Reilly. Wenn du dir beispielsweise mehr Sex wünschst, empfiehlt sie folgendermaßen vorzugehen: Beginne mit einem Kompliment, wie: „Ich liebe es, mich dir beim Sex so nahe zu fühlen. Ich fühle mich dann so geborgen, entspannt und begehrenswert“. Als nächstes stellst du eine Frage, um die Unterhaltung einzuleiten, wie „Was denkst du über unser Sexleben? Gibt es etwas, das ich tun kann, damit es für dich noch erfüllender ist?“. Und im letzten Schritt kannst du dann deine Idee oder dein Bedürfnis äußern: „Ich weiß in der Woche sind wir beide super busy, aber können wir an den Wochenenden mehr Zeit für Sex einplanen? Wäre das okay für dich?“.
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Diese dreiteilige Herangehensweise klingt vielleicht erst mal etwas umständlich, aber sie ist effektiv! Was du dagegen auf keinen Fall machen solltest, ist dich direkt über euer Sexleben (oder was auch immer dein Problem ist) zu beschweren. Es geht ja nicht darum, den andern runterzumachen oder Schuld zuzuweisen, sondern gemeinsam an der Beziehung zu arbeiten. Du willst schließlich, dass er oder sie deine Seite versteht damit ihr anschließend zusammen eine Lösung finden könnt, mit der ihr beide glücklich seid.
Sollte die Situation andersrum sein und dein*e Partner*in kommt auf dich zu, versucht, beide offen zu bleiben und den oder die andere*n ausreden zu lassen, so Dr. O'Reilly. Viele Menschen denken, ein Kompromiss würde bedeuten, sie müssten ein Opfer bringen. Als würden nicht das bekommen, was sie wollen. Und deshalb sind sie prinzipiell direkt dagegen. Doch laut Dr. O'Reilly ist dem nicht so. „Etwas für den Partner oder die Partnerin zu tun, muss sich nicht wie ein Verlustgeschäft anfühlen. Tatsächlich kann es euch beiden mehr Freude, Liebe und Erfüllung bringen.“
Gleichzeitig ist aber auch wichtig, zu bemerken, wenn sich eine Bitte deiner Freundin oder deines Freundes für dich nicht richtig anfühlt. „Überleg, ob es sich um etwas handelt, für das du offen bist und ob es mit deinen Werten vereinbar ist“, so Dr. O'Reilly. Frag dich selbst, ob es eine Veränderung ist, an der du (oder eure Beziehung) wachsen könntest. Vielleicht könntest du oder ihr dadurch eine wichtige Lektion lernen. „Anschließend solltest du nach den Details fragen: Was genau wünscht sich dein*e Partner*in? Sprecht gemeinsam darüber, was das konkret bedeuten würde – für euch, eure Beziehung und euren Alltag.“ Wenn du nach all diesen Überlegungen und dem gemeinsamen Gespräch ein gutes Bauchgefühl hast, ist der Kompromiss wahrscheinlich eine gute Idee. Sollte dir das Ganze dagegen Bauchschmerzen bereiten und vielleicht sogar dein Selbstwertgefühl negativ beeinflussen, ist das ein schlechtes Zeichen. Eventuell ist es dann nötig, nicht nur über den Kompromiss an sich zu sprechen, sondern auf Ursachensuche zu gehen. Vielleicht gibt es tiefgreifende Beziehungsthemen, die hinter der ganzen Sache liegen und die ihr dringend bereden solltet.
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