Meine frische Dreierbeziehung im Lockdown hat mein Bild von Liebe verändert

Illustration: Naomi Blundell Meyer
An einem kalten, windigen Februarabend betreten mein Freund und ich die Cocktailbar Original Sin. Wir sind seit acht Jahren zusammen – und hier, um unsere Beziehung um einen Menschen zu erweitern. Dieser Mensch ist Andrea.
Andrea haben wir auf Feeld kennengelernt. Feeld ist eine Dating-App, auf der du explizit nach Partner:innen für Dreier oder polyamouröse Beziehungen suchen kannst. Mit Andrea chatten wir zu diesem Zeitpunkt schon seit einigen Wochen, aber das hier ist unser erstes Treffen. Nur einen Monat später wird uns Corona wieder zur Online-Beziehung zwingen – aber das wissen wir zu diesem Zeitpunkt natürlich noch nicht.
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Aus einem werden zwei Cocktails, dann drei. Wir quatschen, wir lachen, und uns allen ist klar: Hey, da ist was zwischen uns – dieser Funke. Und das ist zu dritt gar nicht so leicht. Schon auf einem Date zu zweit kann es schwer sein, dieselbe Wellenlänge zu finden; füg noch einen Menschen hinzu, und die Chance, dass das Date floppt, ist umso größer. Aber nicht hier: Nach den Cocktails gingen wir alle getrennte Wege, vereinbarten aber, dass Andrea am nächsten Wochenende zum Abendessen bei uns vorbeikommen würde.
Paul und ich hatten schon vorher mal lockere Dreier gehabt, waren uns aber einig, dass anonyme One-Night-Stands für uns einfach nicht das Wahre waren. Wir finden beide, dass die Persönlichkeit einen großen Teil der Attraktivität eines Menschen ausmacht, und machten also vor unserer Anmeldung bei Feeld aus, dass wir die Person erstmal ein bisschen kennenlernen wollten, bevor wir mit ihr schliefen. Mit Andrea war das echt easy: Wir merkten schnell, dass wir viele Meinungen teilten, einen ähnlichen Sinn für Humor und zahlreiche gemeinsame Interessen hatten. Auch unser Dinner-Date lief dann super, und ehe wir uns versahen, war schon Montag. Wir hatten das ganze Wochenende zusammen verbracht – und schnell ging es in dieser Beziehung um viel mehr als nur Sex.
Es folgten einige weitere gemeinsame Wochenenden, und wir chatteten weiterhin die ganze Zeit und sahen uns zusätzlich via Zoom. An einem Sonntagabend, nachdem Andrea gerade von uns nach Hause gegangen war, verkündete unser britischer Premierminister: Großbritannien würde in den kompletten Lockdown gehen. „Es war schön, euch kennengelernt zu haben :(“, schrieb uns Andrea. Wir wussten zwar, dass wir das zwischen uns nicht so einfach aufgeben wollten, weil uns unsere Beziehung schon sehr wichtig geworden war – aber Andrea hatte auch irgendwo Recht. Wir waren ja gerade erst zusammengekommen. Würden wir den Funken zwischen uns überhaupt aufrechterhalten können, wenn wir uns jetzt nicht mehr treffen konnten?
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Die nächsten Monate waren hart: Wir alle hatten mit Unsicherheiten und Ängsten zu kämpfen und zweifelten alle zwischendurch daran, dass unsere Beziehung überhaupt eine Zukunft haben könnte. Und obwohl Polyamorie immer gesellschaftsfähiger wird, ist es schwierig, so eine Beziehung überhaupt zu managen – weil es einfach kaum „Anleitungen“ gibt. Leute in Zweierbeziehungen können sich an Filmen, Büchern, sogar Online-Ratgebern orientieren und sich darüber mit Freund:innen austauschen, die vielleicht ähnliche Erfahrungen gemacht haben. Wenn du aber Teil einer Dreierbeziehung bist, musst du quasi improvisieren und sehen, wo du bleibst. Und genau das machten wir.
Wir sprachen unsere Sorgen offen an und halfen einander dabei, mit dem Stress der Pandemie klarzukommen. Und während sich der Lockdown immer weiter in die Länge zog, gaben wir uns viel Mühe, ehrlich und direkt miteinander umzugehen. Dabei hatten wir aber auch immer wieder viel Spaß miteinander, und über versaute WhatsApp-Chats schafften wir es auch, den Funken am Leben zu erhalten. Wir vermissten es alle, zu dritt auf dem Sofa zu kuscheln, guckten dann aber eben über Zoom „zusammen“ TV. Es war definitiv ein merkwürdiger Beginn für eine Beziehung – aber irgendwie hielten wir durch.
Als dann die Lockdown-Regelungen gelockert wurden, verabredeten wir uns zu dritt im Park. Danach gestanden wir alle, dass wir vorher echt nervös gewesen waren – weil wir Angst davor hatten, dass es zwischen uns irgendwie komisch sein könnte, nach so vielen Monaten der Trennung. War es aber nicht. Wir schlürften Roséwein aus Plastikbechern und saßen gemeinsam in der Sonne; es war, als hätten wir uns bloß ein paar Tage nicht gesehen. Als die Regelungen allmählich immer lockerer wurden, nutzten wir unsere gemeinsame Zeit, so gut es eben ging, und machten Wochenendausflüge ins Umland. Wir kamen uns immer näher – und sprachen irgendwann darüber, wie wir unsere Beziehung eigentlich anderen gegenüber erklären sollten. Inzwischen haben wir auch die Freund:innen der jeweils anderen kennengelernt, die wahnsinnig offen und tolerant reagierten. Wir waren seitdem sogar nochmal in der Cocktailbar, in der wir uns im Februar trafen, saßen zusammen in derselben Ecke von damals und lachten darüber, wie verrückt die letzten Monate doch waren – und wie weit wir seitdem gekommen sind. 
Als sich Großbritannien dann in einen zweiten Lockdown verabschiedete, mussten wir kaum drüber sprechen, wie wir diesmal damit umgehen würden. Es war keine Option, noch einmal wochen- oder sogar monatelang voneinander getrennt zu sein, und Paul und ich wurden sofort zu Andreas kleiner Support-Gruppe. Unsere Wochenenden verbringen wir mit faulen Stunden im Bett, gemeinsamem Kochen und kuscheligen Filmabenden. Manchmal macht uns der Lockdown doch ein bisschen verrückt (letztes Wochenende hatten Andrea und ich vom TV die Schnauze voll und brachten meiner Katze stattdessen bei, einen Ball zu apportieren), aber gemeinsam fühlt er sich so viel erträglicher an als der erste.
Wir sind alle enorm dankbar dafür, uns kennengelernt zu haben, und sind uns sicher: Unsere Beziehung war die harte Arbeit wert – und so schnell kann uns nichts mehr auseinanderbringen.

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