Wieso es dich gerade emotional so mitnimmt, geghostet zu werden

Foto: Eylul Aslan
Jacqueline hatte das Gefühl, mit ihrem Handy „Wer blinzelt zuerst?“ zu spielen – und zu verlieren. Sie wartete auf eine Antwort eines Typen, den sie in einer Dating-App kennengelernt hatte. Sie hatten sich schon zweimal getroffen, schrieben aber (durch Corona) schon viel länger miteinander, und Jacqueline hatte dadurch das Gefühl, ihn ganz gut zu kennen. Ihr letztes Date – ein Picknick im Park mit Tee und Tapas – war jetzt aber bereits vier Tage her, und seitdem hatte sie nichts von ihm gehört.
„Ich war total enttäuscht und mir ziemlich sicher, dass er mich ghostete“, erinnert sich die 26-Jährige. „Und durch Corona fragte ich mich die ganze Zeit: Was hast du denn sonst gerade zu tun? Ich weiß doch, dass du zu Hause bist. Außerdem postete er immer noch auf Instagram.“
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Jacquelines Story kommt dir vielleicht bekannt vor. Kein Wunder – schließlich gaben 80 Prozent der Befragten einer Cosmopolitan-Umfrage an, zu Corona-Zeiten häufiger geghostet zu werden als vor der Pandemie. Noch schlimmer ist, dass sich das Ghosting durch den Lockdown gerade noch brutaler anfühlt, sagt die Beziehungstherapeutin Moraya Seeger DeGeare, Mitbegründerin von BFF Therapy. Immerhin klagen rund 61 Prozent aller jungen Menschen aktuell über starke Einsamkeit, ergab eine Harvard-Studie im Oktober 2020. „Diese Einsamkeit wirkt sich auf unsere geistige Gesundheit aus und provoziert negative Selbstgespräche“, erklärt DeGeare. Während du also im Februar 2020 für einen Korb von einer neuen Tinder-Bekanntschaft nur ein Schulterzucken übrig hattest, nimmst du dir Ähnliches jetzt stärker zu Herzen und grübelst darüber nach, was du falsch gemacht haben könntest.
Dieselbe Einsamkeit, die das Ghosting umso schmerzhafter macht, sorgt aber gleichzeitig auch dafür, dass wir auch selbst eher zum Ghosting neigen, betont DeGeare. „Wenn du dich allein und generell deprimiert fühlst, drückst du dich wahrscheinlich lieber vor direkten Konfrontationen“, erklärt sie. Prinzipiell ist unsere Bereitschaft für schwierige soziale Interaktionen im vergangenen Jahr extrem gesunken. „Sagen wir es, wie es ist: Wir sind gerade einfach gesellschaftlich viel unbeholfener“, meint DeGeare. Dazu kommt, dass wir von der ganzen virtuellen Kommunikation ausgelaugt sind. „Vor einem Jahr, im März und April 2020, fühlte sich Online-Dating vielleicht noch unterhaltsam und locker an“, sagt sie. „Damit sind wir heute aber ein bisschen durch.“ Anstatt uns also die Zeit zu nehmen, eine kurze „Es hat nicht gefunkt, aber viel Glück dir!“-Nachricht abzuschicken, ziehen wir uns einfach komplett aus dem Gespräch zurück.
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Aus psychologischer Sicht liegt dem Ghosting übrigens oft eine Angst vor Konfrontation zugrunde, erklärt DeGeare. „Meistens versucht eine Person damit, ein schwieriges Gespräch zu vermeiden“, sagt sie. In vielen Beziehungen – auch kurzweiligen – gibt es nämlich eine:n „Verfolger:in“ und eine:n „Entferner:in“, fügt sie hinzu. „Die verfolgende Person stellt gern Fragen und ist neugieriger; die entfernende Person ist verschlossener und verarbeitet ihre Gefühle nur innerlich. Erst, wenn sie sich sicher fühlt, versucht sie, auf sanfte Art eine Bindung zu vertiefen.“ Wer eher dazu neigt, sich zu entfernen, tendiert demnach eher zum Ghosting – weil es Entferner:innen schwerer fällt, sich mit den eigenen Gefühlen auseinanderzusetzen.
Trotzdem: „Jemanden zu ghosten, ist nicht sonderlich anständig – es sei denn, diese Person verhält sich dir gegenüber wirklich beschissen. In dem Fall würde ich es aber auch nicht wirklich Ghosting nennen“, findet DeGeare. Stattdessen bezeichnet sie das als „Setzen von Grenzen“ (oder, wie ich gern sage, „ein emotional missbräuchliches Arschloch abservieren, das dich gar nicht verdient“). Prinzipiell gilt aber: Anstatt jemandem einfach nicht mehr zu antworten, ist es das Höflichste, der Person klar mitzuteilen, dass du für euch keine Zukunft siehst, und ihr nur das Beste zu wünschen. Vor allem während der Pandemie, betont DeGeare. Schließlich haben die meisten von uns kein leichtes Jahr hinter uns – und da sollten wir uns nicht noch zusätzlich gegenseitig wehtun.
Wenn du weißt, dass du dazu neigst, dich wortlos aus einem Gespräch zurückzuziehen, entwirf doch einfach eine Nachrichtenvorlage, die du Leuten schicken kannst, an denen du letztlich doch nicht interessiert bist. Diese Nachricht sollte kurz, aber freundlich formuliert sein und deine Absicht klar kommunizieren. Als ehemalige Ghosterin mit starker Tendenz zum plötzlichen Rückzug habe ich genau so einen Text in meiner Notizen-App gespeichert. Bei dem hat mir meine ehemalige Kollegin und Beziehungsexpertin Erika W. Smith geholfen. „Hey, entschuldige bitte, dass ich so lange nicht geantwortet habe, hatte auf der Arbeit viel zu tun! Ich will ganz ehrlich sein: Es war toll, dich zu treffen, aber ich hatte nicht das Gefühl, dass es gefunkt hat. Ich wünsche dir aber alles Gute!“ Wenn die andere Person daraufhin eine Erklärung fordert, dein „Nein“ nicht akzeptiert oder anderswie toxisch reagiert, kannst du sie immer noch ignorieren – oder sogar blockieren.
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Und wenn du selbst während der Pandemie geghostet wirst, nimm es nicht zu persönlich. Natürlich ist es gesund, dich immer selbst kritisch zu beobachten, und es ist auch legitim, dich zu fragen: „War ich bei unserem Date mein bestes Ich?“ Aber zerbrich dir bitte nicht darüber den Kopf – und denk dran: Höchstwahrscheinlich ging es bei diesem Ghosting nicht um dich, sondern um die andere Person.
Während immer mehr Menschen geimpft werden und wir uns an die Vorstellung einer Rückkehr zur Normalität gewöhnen, verschwinden viele der Gründe fürs Corona-Ghosting allmählich – die Einsamkeit oder die Zoom-Müdigkeit, zum Beispiel. Trotzdem werden wir einander vermutlich immer weiter ghosten. Darauf solltest du dich einstellen, indem du dir deinen eigenen Wert vor Augen hältst und anderen gegenüber fair bleibst. 
Jacqueline jedenfalls entschied sich dazu, ihrem Date nochmal zu schreiben, obwohl er ihr noch nicht geantwortet hatte. Seine Reaktion: Er habe bei der Arbeit viel zu tun gehabt und es tue ihm leid, dass er sich nicht gemeldet hatte. 
Jacqueline war damit nicht zufrieden. Und ghostete ihn.

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