Foto: Rachel Cabitt
Vor ein paar Monaten, noch bevor Corona zu wüten begann, war ich mit einem Mann verabredet. Er stellte mir die Frage, die typisch für zweite Dates ist und die ich am wenigsten ausstehen kann: „Wann war deine letzte ernsthafte Beziehung?“ Ich nahm einen ordentlichen Schluck Wein und antwortete, dass sie drei Jahre zurückliege. „Wow“, sagte er mit einem Kichern. „Das ist schon ganz schön lange her. Wie kommt's?“
Anstatt die Augen zu verdrehen und ihm zu sagen, wie unhöflich ich seine Antwort fand (was er eigentlich verdient hätte), lud ich ihn mit Erklärungen voll. „Ich hatte in der Zwischenzeit schon Beziehungen; sie waren aber nicht ernst und hielten deshalb auch nur ein paar Monate. Und auch, wenn sie nichts Ernstes waren, sehe ich sie irgendwie trotzdem ebenfalls als Beziehungen an. Verstehst du?“ Er sah mich an, als ob ich 16 Köpfe hätte.
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Ich bleibe oft beim Wort „ernst“ hängen, wenn ich über Liebesangelegenheiten aus der Vergangenheit spreche. Alles in allem hatte ich drei Beziehungen, die ich dieser Kategorie zuordnen würde: eine aus Schultagen, eine zu Unizeiten und eine nach meinem Abschluss. Wenn ich diese Monate zusammenzähle, stellt sich heraus, dass ich nur etwa zweieinhalb Jahre in ernsten Beziehungen verbracht habe. Die restliche Zeit datete ich mal mehr und mal weniger, fühlte mich aber immer als Single.
Wie ich dem Arschloch von vorhin aber erklärte, bedeutet das nicht, dass ich während dieser Phasen allein war – bei weitem nicht. Ich hatte ein dreijähriges On-Off-Verhältnis mit einem Typen namens Will*. Im letzten Frühjahr datete ich ausschließlich einen Kerl. Er hieß Jude und ist jetzt wieder mit seiner Ex-Freundin zusammen (typisch). Außerdem waren Rob und ich einen Monat lang zusammen, bevor ich ihn in einer Bar anschrie. Viele Leute würden sich in diesem Zusammenhang nicht unbedingt als „Single" bezeichnen, da ich ja schließlich in Beziehungen war. Das sehe ich aber anders, da ich sie nicht als ernst empfand.
Nach unserer Verabredung ging ich jedoch nach Hause, schenkte mir ein Glas Wein ein und begann, meine sogenannten „ernsten“ Beziehungen mit jenen zu vergleichen, die ich nicht als solche bezeichnen würde. Mein Schulfreund Nathan* war ein süßer Typ mit einem tollen Lächeln, der mich auf Facebook umworben hatte, bevor er mich schließlich um ein Date bat. Abgesehen vom Verlust meiner Jungfräulichkeit war diese Beziehung so bedeutungsvoll, wie eine Teenie-Beziehung eben sein kann. Alex*, aus Unizeiten, war ein totaler Narzisst, der mir am Ende die Schuld an unserer Trennung gab, obwohl er es doch gewesen war, der sich immer zurückhaltend und kalt verhalten hatte. Dieses Erlebnis hat mich gelehrt, wie wichtig es ist, getrennte Wege einzuschlagen, wenn die Beziehung beginnt, zusammenzubrechen – besonders, wenn eine:r der Partner:innen manipulativ kontrollierend ist. Mein letzter Freund, Reed*, war ein Typ, den ich schon als Teenie kannte, aber erst mit 23 Jahren so richtig kennenlernte. Meine Erfahrung mit ihm hat mich gelehrt, dass man nicht unbedingt für eine Beziehung bestimmt ist, nur weil ein Typ nett zu sein scheint.
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Weniger ernste Beziehungen ließen mich erkennen, dass ich auch ohne Liebe zurechtkommen könnte.

Alles in allem führten mir diese „ernsten“ Beziehungen vor Augen, wonach ich eigentlich auf der Suche war. Gleichzeitig wurde mir an diesem besagten Abend aber auch klar (nach dem zweiten Glas Wein), dass es nicht diese Männer waren, an die ich dachte, wann immer mich Leute nach vergangenen Beziehungen fragten, sondern viel eher Will, Jude, Rob und andere Typen, die ich im Laufe der Zeit zwanglos gedatet hatte. Bei dieser Frage kamen außerdem Erinnerungen an den Whiskey-Destillateur hoch, der auf einer Luftmatratze in einem Kriechkeller schlief, an den Anwalt, der mich immer von der U-Bahn-Station abgeholt hatte, und die Person, die ich auf Bumble angeschrieben hatte und schließlich neben mir in der Schlange im Supermarkt stand. Ach, und dann war da noch der Typ, mit dem ich eine leidenschaftliche zweiwöchige Affäre hatte.
Ich hatte noch weitere solcher weniger ernsten Beziehungen. Wenn ich so darüber nachdenke, sind das die Beziehungen, die mehr Gewicht in meinem Leben hatten als jene, die ich als „ernst“ bezeichnen würde. Sie zwangen mich nämlich in einem stärkeren Ausmaß dazu, mich unangenehmen Wahrheiten über mich selbst zu stellen. Sie waren wie Dating-Crashkurse. Außerdem kann ich wegen ihrer schieren Anzahl mit Sicherheit behaupten, dass ich dank ihnen eine ganze Menge gelernt habe.
Diese Beziehungen ließen mich auch erkennen, dass ich auch ohne Liebe zurechtkommen könnte. Davor war ich überzeugt davon gewesen, dass ich in einer Partnerschaft sein müsse. Typen wie Rob und Will haben mir aber gezeigt, dass Beziehungen, die rein sexueller Natur und kurzlebig sind, manchmal auch unglaublich aufregend sein und Spaß machen können. Durchs Daten habe ich die verschiedenen Beziehungstypen, die es nun mal so gibt, zu schätzen gelernt – und diese Erfahrung ist von unschätzbarem Wert für mich.
Nach den Maßstäben vieler Leute habe ich nicht viele „ernste“ Beziehungen auf meinem Konto. Die vielen wertvollen Erfahrungen, die ich durchs Daten gemacht habe, haben aber den Rest meines Lebens gewaltig beeinflusst, was ich nicht wirklich von meinen „ernsteren“ behaupten kann. Sogar Mr. „Wow, wie kommt's?“ hat mich etwas gelehrt, obwohl wir – große Überraschung – nur zwei Dates hatten: Er hat mir gezeigt, dass mein Mangel an Langzeitbeziehungen nichts mit mir als Partnerin zu tun hat. Und diese Lektion halte ich für ziemlich ernst.
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