Ich trat mit meinem Bully aus Schulzeiten in Kontakt. Das ist dabei rausgekommen.

Foto: Poppy Thorpe
Wir schrieben das Jahr 2010 und Rihannas Musik war der Soundtrack dazu. Ich war 16 und für mich begann gerade ein neues Kapitel in meinem Leben. Während dieser Sekundarschulzeit wurde ich gnadenlos gehänselt, weil ich der Meinung der anderen Kinder nach unnötig „lange Wörter“ benutzte. Rückblickend ist mir klar, dass es sich dabei um Mobbing handelte. Ich war nur deshalb von Büchern besessen, weil meine Lieblingsromane es mir ermöglichten, der Realität eine Zeit lang zu entkommen.
In den Sommerferien vor Beginn der sechsten Schulstufe machte ich es mir zur unglaublichen (und fast unmöglichen) Aufgabe, alle Klassiker zu lesen. So war ich als Kind nun mal eben. Das war auch der Sommer, in dem ich dazu eingeladen wurde, an Ferienunterricht für „begabte und talentierte Kinder aus sozial benachteiligten Verhältnissen“ teilzunehmen. Damals empfand ich diese Einladung als ein großes Privileg.
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Diese Sommerkurse fanden an der University of Cambridge statt, wo ich seit meinem zehnten Lebensjahr schon studieren wollte. Meine Eltern waren beide Flüchtlinge aus Somalia und hatten nicht die Chance, eine Universität zu besuchen. Ich kann gar nicht in Worte fassen, wie stolz ich ich mich fühlte, als ich einen Fuß in das Universitätsgebäude setzte. 
Als Erinnerungsgeschenk an unseren viertägigen Aufenthalt dort erhielten alle Teilnehmer:innen einen marineblauen Kapuzenpulli mit der Aufschrift „University of Cambridge“ in großen weißen Buchstaben auf der Vorderseite. Ich liebte und schätzte meinen Sweater ungemein. Ich nutzte jede Gelegenheit, ihn während der verbleibenden langen Sommertage zu tragen, sobald ich nach Hause kam. Er erinnerte mich daran, dass ich eines Tages vielleicht selbst dort studieren würde.
Dann find die Schule wieder an. Ich war überhaupt nicht nervös, sondern freute mich darauf, neue Freundschaften zu schließen und meinem Traum einen Schritt näher zu kommen: ein Studium in Cambridge.
Am ersten Schultag wurden alle Schüler:innen – also etwa 100 von uns – in einem Wald abgesetzt, wo wir dazu gezwungen – Verzeihung, ich meine natürlich ermutigt – wurden, eine Verbindung mit unseren neuen Klassenkameraden aufzubauen.
Es war ein regnerischer, bewölkter Herbsttag. Ich zog mir meine Kapuze über den Kopf, um mich vor dem Wind zu schützen. Gegen Mittag lernten wir, wie man eine provisorische Mauer erklimmt. Plötzlich warf ein Junge, den ich noch nicht richtig kannte – nennen wir ihn James –, einen Blick auf mich und drehte sich angewidert weg.
„Den solltest du lieber ausziehen“, schnauzte James mich an. Er hatte einen Akzent, der durchblicken ließ, dass er aus einem Haus kommt, wo dir früh beigebracht wird, „richtig zu sprechen“.
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„Warum?“, wollte ich wissen,weil ich nicht verstand, worauf er hinauswollte. Er herrklärte mir, seine Chancen auf einen Studienplatz in Oxford oder Cambridge wären größer, da seine Mutter in Oxford und sein Vater in Cambridge studiert hatten. Ich solle es doch „einfach seinlassen“. Ich finde es wichtig, hervorzuheben, dass es sich bei James um eine weiße, männliche und mittelständische Person handelte. Angesichts dessen hatte er statistisch gesehen tatsächlich größere Chancen – wie er richtig betont hatte –, einem Studium in Oxford oder Cambridge nachzugehen. Schließlich ist das ja schon seit langer Zeit das Geburtsrecht von Männern wie ihm gewesen.

Auf eine Entschuldigung zu hoffen oder den Dialog mit der Person zu suchen, die dich während deiner Kindheit mobbte, kann darauf hindeuten, dass du mit dieser schrecklichen Erfahrung abschließen willst.

Dr Victoria Khromova
Genauso wie seine Hänseleien und Sticheleien in den nächsten zwei Jahren nicht nachließen, konnte ich das, was er an diesem bestimmten Tag gesagt hatte, nicht aus meinem Gedächtnis streichen. Seine Worte spornten mich aber dazu an, noch härter für meine Leistungen zu kämpfen. Zum Glück trennten sich unsere Wege, als ich mein Geschichtsstudium begann – in Cambridge!
Spulen wir ein paar Jahre zu meinen frühen 20ern vor. Ich bin mit einem Typen in einer trendigen Bar in Oxford verabredet (Spoiler-Alarm: Es ist nichts daraus geworden). Als er herausfindet, wo ich studiert habe, fragt er mich: „Sag mal, kennst du vielleicht einen James?“ Es stellte sich heraus, dass der Mann, der mir in dem Moment den Hof machte, mit keinem Geringeren als dem Tyrannen aus meiner Schulzeit zusammenwohnte. Ich fühlte das gleiche Schamgefühl wie an jenem verregneten Tag, als James mich vor unseren Klassenkamerad:innen bloßgestellt und gedemütigt hatte, bevor ich sie überhaupt richtig kannte.
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Ich konnte nicht aufhören, an diesen Vorfall zu denken und das Gesagte im Laufe der nächsten Tage immer wieder in meinem Kopf durchzuspielen. Deshalb beschloss ich, James eine Nachricht auf Facebook zu schreiben. Ich teilte ihm mit, dass er mich unterschätzt hatte, ich es tatsächlich nach Cambridge geschafft und dort ein Geschichtsstudium abgeschlossen habe.
Es kommt vor, dass sich Bullies nach Jahren bei ihren Opfern für ihr Verhalten entschuldigen, um sich so von ihren Schuldgefühlen zu befreien und einen emotionalen Schlussstrich ziehen zu können. Bei mir war das aber nicht der Fall. Wenn ich jetzt darüber nachdenke, weiß ich nicht, was ich damals von James, einem Mann, der mich absichtlich kleingemacht hatte, erwartete. Jedenfalls zeigte er keinerlei Anzeichen von Reue. Die einzige Reaktion seinerseits war ein sarkastisches „Oh, gut gemacht“.
Ich konnte nicht locker lassen und war auf der Suche nach einer Erklärung. Deshalb sprach ich mit Kinder- und Jugendpsychiaterin Dr. Victoria Khromova. Sie erklärt, dass die Fähigkeit einer Person, ihre vergangenen Handlungen zu bereuen, davon abhängt, wo diese Person gerade in ihrem Leben steht. Sie fügt hinzu, dass ich nur dann eine Entschuldigung erhalten hätte, wenn James seine Handlungen als untragbar angesehen hätte. Dazu hätter er sich aber zuerst Gedanken über sein Verhalten machen müssen. Dr. Khromova sagt: „Auf eine Entschuldigung zu hoffen oder den Dialog mit der Person zu suchen, die dich während deiner Kindheit mobbte, kann darauf hindeuten, dass du mit dieser schrecklichen Erfahrung abschließen willst.“
Anders als in meinem Fall begegnete die 32-jährige Claudia ihrem Schul-Bully Colvin rein zufällig später im Leben. Claudia ist teils Britin und teils Italienerin und hat einen Teil ihrer Ausbildung in Italien absolviert. Zu der Zeit war das Land, wie sie selbst sagt, „nicht sehr vielfältig“. Mit ihrer blassen Haut und den rötlich braunen Haaren lenkte sie viel unerwünschte Aufmerksamkeit auf sich. Ein bestimmter Junge machte sie und ihre schulischen Leistungen ständig nieder, bis sie seine Kommentare schließlich irgendwann verinnerlicht hatte und ihren eigenen Wert nicht mehr erkennen konnte. Eines Tages stahl er ihr Essensgeld – fünf Euro. Aufgrund dieser Erfahrungen habe sie einen Großteil ihrer Teenagerjahre damit verbracht, sich als „Außenseiterin“ und „anders“ zu fühlen.
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Das alles veränderte sich, als sie erwachsen wurde, an Selbstvertrauen gewann und lernte, die Eigenschaften anzunehmen, die sie einzigartig machen. Claudia sagt zufrieden: „Ich bin wirklich stolz darauf, wie weit ich es im Leben gebracht habe. Schikaniert zu werden, war furchtbar. Diese Erfahrung hat aber mir die nötige Inspiration und Motivation verliehen, meine eigene Silent-Disco-Firma zu gründen. Jetzt kann ich andere durch Tanz dazu inspirieren, unmissverständlich und ohne jegliche Scham sie selbst zu sein. Das würde ich um nichts auf der Welt ändern.“
2017, als sie gerade dieses Unternehmen neben ihrem regulären Job gegründet hatte, saß sie eines Tages mit ihrer Mutter in einem Café und trank Kaffee. Sie warf einen Blick auf den Kellner und bemerkte, dass es dabei um dieselbe Person handelte, die sie als Teenie gemobbt hatte. Er erkannte sie wieder. Claudia begrüßte ihn herzlich und erwähnte nichts von ihrer angespannten Beziehung zu Schulzeiten. Claudia erklärt, dass sie ihre Mobbing-Erfahrung zu diesem Zeitpunkt bereits verarbeitet hatte und glücklich mit ihrem Leben war. Sie hatte keinerlei Bedürfnis nach einer Entschuldigung. Stattdessen gab sie dem Kellner beim Verlassen des Lokals fünf Euro als Trinkgeld, um ihm damit zu vermitteln, dass sie quitt sind.

Unsere Erinnerungen haben nur so viel Macht über uns, wie wir ihnen einräumen. Auf ausgleichende Gerechtigkeit oder eine Entschuldigung zu warten, hilft dir nur oberflächlich und vorübergehend. Um dein Trauma vollständig zu verarbeiten, führt kein Weg daran vorbei, als dich einem tieferen Heilungsprozess zu unterziehen. 

Dr. Khromova erklärt: „Eine Möglichkeit, die Vergangenheit hinter sich zu lassen, ist es, selbst einen Schlussstrich zu ziehen, anstatt sich von anderen und ihrem Handeln abhängig zu machen.“
Und das hat Claudia getan. Das ist eine Möglichkeit, sich mit unverarbeiteten Traumata auseinanderzusetzen, die wir seit damals mit uns herumtragen. Weil Claudia ihre Erfahrung mit dem Mobbing erfolgreich verarbeitet hatte, war sie nicht mehr auf eine Entschuldigung von ihrem ehemaligen Peiniger angewiesen. Er hatte keinen Einfluss mehr auf sie, da sie nichts mehr von ihm brauchte. Dr. Khromova weist auch darauf hin, dass jene Kommentare, die uns am meisten verletzt haben, diejenigen sind, denen wir insgeheim aber bis heute noch selbst größten Glauben schenken.
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Während meiner gesamten Kindheit wurde ich ständig niedergemacht und unterschätzt. Als der Arbeiterklasse zugehörige Immigrantin und Frau of color dachten viele Leute, ich würde es nicht weit bringen. Ich glaube, dass ich das bis zu einem gewissen Ausmaß verinnerlicht hatte. Den Großteil meines Lebens war ich von der Idee besessen, mich beweisen zu müssen. Mit dem Älterwerden wurde mir aber klar, dass ich die einzige Person war, der ich noch etwas zu beweisen hatte.
Um das Geschehene hinter dich lassen und vollständig heilen zu können, musst du laut Dr. Khromova jedoch zuerst „dein Glaubenssystem auf den neuesten Stand bringen und deine Selbstwahrnehmung ändern. Diese Angelegenheit kann beängstigend sein, weil es dir vielleicht so vorkommen könnte, als würdest du einen Teil von dir verlieren.“
Mein persönlicher Bully aus Schulzeiten hat sich bis heute nicht bei mir entschuldigt. Ich habe ihm gerade mal etwas Anerkennung entlocken können. Was ich aber unterdessen gelernt habe, ist, dass unsere Erinnerungen nur so viel Macht über uns haben, wie wir ihnen einräumen. Auf ausgleichende Gerechtigkeit oder eine Entschuldigung zu warten, hilft dir nur oberflächlich und vorübergehend. Um ungelöste traumatische Erfahrungen vollständig verarbeiten zu können, gibt es keinen anderen Ausweg, als dich einem tieferen Heilungsprozess zu unterziehen.   

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