Reizdarmsyndrom – wie ich damit meinen Frieden schloss

Foto: Polina Zimmerman.
Willkommen in der schönen neuen Welt der heißen Mädchen mit Magenproblemen. Wir haben uns von den Fesseln der „Mädchen kacken nicht“-Mentalität befreit und posten voller Stolz darüber auf TikTok. Diese verdaungspositive Bewegung könnte endlich dem schädlichen Einfluss der als Wellness getarnten Diät-Kultur die Stirn bieten.
Das Reizdarmsyndrom ist eine wenig erforschte Krankheit, obwohl es sich dabei um die häufigste Verdauungsstörung der Welt handelt und in Deutschland etwa 10 bis 15 Prozent der Bevölkerung davon betroffen sind. Jahrzehntelang galt das Reizdarmsyndrom als psychosomatische Krankheit. Dadurch wurde angenommen, dass die Symptome – von Magenkrämpfen über unregelmäßigen Stuhlgang und Blähungen bis hin zu Angstzuständen und Depressionen – bloß mit der Psyche zusammenhingen. Da Frauen doppelt so oft wie Männer darunter leiden, ist es nicht weit hergeholt, das mangelnde Fachwissen dazu als eine geschlechtsspezifische Angelegenheit zu betrachten.
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Heutzutage bedeutet eine Reizdarm-Diagnose im Wesentlichen, dass etwas mit deinem Darm nicht stimmt. Genauer gesagt bedeutet es, dass dein Verdauungstrakt nicht in der Lage ist, Nahrung so zu verdauen, wie er es sollte. Das kann zu schmerzhaften und manchmal kräftezehrenden Symptomen führen. Wie es so oft bei Erkrankungen der Fall ist, von denen marginalisierte Menschen betroffen sind, ist auch das Reizdarmsyndrom bisher kaum erforscht. Deshalb gibt es derzeit auch kein Heilmittel.
Da Frauen in ihren 20ern am häufigsten davon betroffen sind, ist es keine große Überraschung, dass diese Krankheit unter ihnen auch ein so heißdiskutiertes Thema ist. Studien deuten darauf hin, dass die Geschlechterrollen und die Wahrnehmung des eigenen Körpers eine wichtige Rolle spielen. Der Druck, „unsexySymptome wie Blähungen zu beseitigen, führt dazu, dass sich junge Frauen eher als andere Gruppen an Fachleute wenden. Eine Studie aus dem Jahr 2016 über die Schamgefühle, die mit dem Reizdarmsyndrom verbunden sind, legt nahe, dass Patientinnen das Gefühl haben, Körperfunktionen wie Furzen oder unangenehmen Gerüche auf der Toilette nicht „weglachen“ zu können. Meine eigene Körperwahrnehmung war ein wichtiger Grund dafür, dass ich mein Reizdarmsyndrom während meiner Teenagerzeit behandeln lassen wollte. Ich assoziierte Darmgesundheit mit konventionellen Schönheitsvorstellungen – vor allem mit Schlanksein –, und verbrachte Jahre damit, meinen Darm mit teuren Nahrungsergänzungsmitteln, zweifelhaften Ratschlägen aus Online-Foren und restriktiven Diäten zu „heilen“ (zum Beispiel verzichtete ich einmal zwei Jahre lang auf Feinzucker).

Nach Jahren voller Scham und Isolation sah ich Frauen, die öffentlich Witze über ihren Reizdarm machten und sogar behaupteten, dass er ihnen nicht mehr „peinlich“ sei, sondern sie ihn jetzt „heiß“ fänden.

Derzeit ist eine der einzigen bewährten Behandlungsmethoden für das Reizdarmsyndrom die sehr restriktive Low-FODMAP-Diät, bei der du auf gängige Zutaten wie Zwiebeln und Knoblauch verzichten musst und Essen so zu einer stressigen Erfahrung werden kann. Ich wurde letztes Jahr auf diese Diät gesetzt, um eine bakterielle Überwucherung meines Dünndarms zu behandeln. Ich hatte keine andere Wahl, als zum ersten Mal über meine Darmprobleme zu sprechen. Zuvor hatte ich die Krankheit vor den meisten Menschen in meinem Leben verborgen, obwohl ihre Symptome – darunter Akne, schweres PMS und soziale Ängste – mein Wohlbefinden stark beeinträchtigten. Ich schämte mich so sehr für die Unfähigkeit meines Körpers, „gesund“ und „begehrenswert“ zu sein, dass ich mir einredete, diese Anzeichen seien ein persönliches Versagen und nicht einfach die Auswirkungen einer Krankheit.
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Als ich anfing, über meine Darmprobleme zu sprechen, erzählten mir viele Frauen, dass auch sie jahrelang mit dem Reizdarmsyndrom zu kämpfen hatten – und auch nicht darüber sprachen. Menschen, die mir wichtig waren, dabei zuzuhören, wie sie von ihren eigenen Erfahrungen erzählten, half mir dabei, mich weniger allein zu fühlen. Ich verurteilte meine Freund:innen nicht für ihren Reizdarm. Ich betrachtete sie nicht mit demselben kritischen Blick, den ich auf mich selbst richtete. Obwohl ich mich für mein Verdauungssystem schämte, konnte ich ihnen versichern, dass eine Darmstörung nichts mit ihrem Wert als Mensch zu tun hat. Das war genau die Art von Mitgefühl, die ich nicht für mich selbst aufbringen konnte.
Ganz zufällig startete zu dieser Zeit ein Trend namens „heiße Mädchen haben einen Reizdarm“ (zu Englisch: hot girls have IBS) explosionsartig durch. Während ich mit einer unglaublich restriktiven Diät unglücklich war, sah ich auf der Plattform Mädchen, die ihre Symptome mit Humor nahmen. Nach Jahren voller Scham und Isolation sah ich Frauen, die öffentlich Witze über ihren Reizdarm machten und sogar behaupteten, dass er ihnen nicht mehr „peinlich“ sei, sondern sie ihn jetzt „heiß“ fänden. Plötzlich sah ich Kommentare von Jungs in Dating-Apps, die diese Meinung zu teilen schienen. Auf einmal war es nicht nur in Ordnung, diese Krankheit zu haben, sondern sogar begehrenswert.
Ich begann zu erkennen, dass mein Reizdarm schon immer mit meiner Beziehung zu mir selbst zu tun hatte. Meine Darmprobleme fielen mit einer nicht diagnostizierten Binge-Eating-Störung zusammen, die meine Symptome noch verschlimmerte. Unregelmäßige Essgewohnheiten können Darmprobleme verursachen und bei etwa 50 Prozent der Menschen, die an einer Essstörung leiden, wird angenommen, dass sie auch einen Reizdarm haben. Seit Kurzem sprechen Wissenschaftler:innen über eine mögliche Verbindung zwischen Geist und Darm: die Theorie, dass der Darm als ein „zweites Gehirn“ des Körpers fungiert. Die Forschung dazu ist aber noch sehr neu und es wurde noch kein schlüssiger Zusammenhang zwischen Darmstörungen und psychischer Gesundheit hergestellt. Einige Studien deuten aber darauf hin, dass der Darm Signale an das Gehirn sendet, die die Stimmung direkt beeinflussen können. Statistiken wie „95 Prozent des Serotonins wird im Darm produziert“ finden auch in den sozialen Medien Anklang. Der Account The Holistic Psychologist zum Beispiel hat sehr viele loyale Follower. Während wir auf weitere Untersuchungen warten, könnte die Verbindung zwischen Geist und Darm eine Erklärung dafür sein, warum viele Patient:innen mit Reizdarmsyndrom auch unter Angstzuständen und Depressionen leiden.
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Eine Behandlung, die nachweislich hilft, ist die kognitive Verhaltenstherapie, eine Gesprächstherapie. Diese ermöglicht es Reizdarmpatient:innen, ihre Geschichte zu teilen, ohne negative Reaktionen befürchten zu müssen. Über schmerzhafte Erfahrungen zu sprechen, selbst mit Freund:innen und nicht mit Fachkräften, kann uns auch helfen, in Zukunft besser mit ihnen umzugehen. Indem wir über ein erschütterndes Ereignis sprechen, beruhigt sich das körpereigene Kampf-oder-Flucht-System. Das bedeutet, dass wir beim nächsten Mal, wenn wir mit demselben Problem konfrontiert werden, nicht mehr so negativ reagieren. Traumata zu unterdrücken, kann dagegen zu stressbedingten Krankheiten führen. Bei Erkrankungen wie dem Reizdarmsyndrom, die bei erhöhtem Stress schlimmer werden, können Gespräche über die Erfahrungen mit der Krankheit der Schlüssel zur Bewältigung der Symptome sein – zumindest während wir auf bessere Behandlungsmöglichkeiten warten.
Über das Reizdarmsyndrom zu sprechen und zu akzeptieren, dass es vielleicht nie ganz verschwinden wird, hat mir geholfen, den jahrzehntelangen Kreislauf von Essstörungen und Angstzuständen zu durchbrechen, der mein Leben einst beherrschte. Ich weiß jetzt, dass mehr zu meinen Darmproblemen beiträgt als die Menge an Zucker, die ich esse. Mit meinem widerspenstigen Darm Frieden zu schließen, war ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu Körperneutralität und Selbstakzeptanz. Es ist aber ein fortlaufender Prozess. Es gibt immer noch Tage, an denen ich an nichts anderes als meine Blähungen denke. Meistens entscheide ich mich jetzt aber für das, wodurch ich mich in der Gegenwart am wohlsten fühle, und nicht dafür, mich zu bestrafen, um ein Gesundheitsideal zu erreichen. Wenn ich ein Dessert mit meinen Lieben teile, heißt das nicht, dass ich mich nicht um meine Gesundheit kümmere. Wenn ich mich selbst mit Einschränkungen bestrafe, ändert sich vielleicht die Form meines Körpers, aber mein Leben wird dadurch nicht glücklicher oder sinnvoller.
Lange Zeit stand ich mit meinem Bauch auf Kriegsfuß, um gesund und, wie ich fand, liebenswert zu sein. TikTok und meine Freund:innen haben mich gelehrt, dass es möglich ist, die Teile von mir zu zeigen und zu akzeptieren, die ich eklig oder unzulänglich finde. Und nicht nur möglich, sondern heiß!

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