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Ich habe Angst, vor meinem:meiner Partner:in zu furzen – ist das normal?

Foto: Karen Sofia Colon.
Die 25-jährige Lina fühlt sich zwar superwohl in ihrer Beziehung – und tut trotzdem absolut alles, um bloß nicht zu furzen, wenn ihr:e Partner:in es mitbekommen könnte. „Ich weiß, dass das zum Körper dazugehört. Trotzdem wäre es mir peinlich zu zeigen, dass ich (wie jeder andere Mensch auch) furze. Das geht schon neun Monate lang so, und ich habe das Gefühl, dass es zu spät ist, jetzt mit dem Furzen anzufangen. Es wäre einfach eine zu große Sache“, sagt sie.
Lina ist mit diesem „Problem“ nicht allein; viele von uns steckten wohl schon mal in derselben Zwickmühle. „Ist das normal? Sollte ich aus dem Zimmer rennen oder den Furz zurückhalten? Oder sollte ich mich einfach, wortwörtlich, locker machen?“ Dr. Sheri Jacobson, eine pensionierte Psychotherapeutin mit über 17 Jahren Berufserfahrung, kann hier weiterhelfen.
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Dr. Sheri Jacobson: Wir alle neigen dazu, anderen nur unsere beste Seite präsentieren zu wollen – vor allem in romantischen Beziehungen. Von unserem Aussehen über unseren Duft bis hin zu unserem Verhalten sind wir uns unserer selbst viel stärker bewusst, wenn wir jemanden gerade erst kennenlernen. Weil wir versuchen, diese Person zu beeindrucken, versuchen wir daher oft, peinliches oder „verpöntes“ Verhalten wie Rülpsen, Furzen, Fluchen, und so weiter, erstmal zu vermeiden.
Vielen Leuten geht das zum Beispiel im Zusammenhang mit Make-up so: Sie versuchen krampfhaft, von ihren Partner:innen nicht ungeschminkt gesehen zu werden. Ich hatte viele Patient:innen, die das monatelang angestrengt vermieden haben. Für viele ist es sehr wichtig, das „Gesicht zu wahren“, weil ihnen das schon früh so eingetrichtert wurde. 
Ob das auch für dich ein Problem darstellen könnte, hängt von deinen eigenen Werten ab. Wenn es dir selbst wichtig ist, immer die Fassung zu bewahren und keinerlei „anstößige“ Geräusche oder Gerüche von dir zu geben, ist das völlig in Ordnung! Vielleicht habt ihr ja beide das Gefühl, dies oder jenes nicht voreinander machen zu können. Du solltest dabei aber bedenken, dass die meisten Paare irgendwann bequemlicher werden und sich „fallen“ lassen. In den meisten Beziehungen ergibt sich das ganz von allein. Es ist zwar nicht unmöglich, diesen Schein auch langfristig zu bewahren, wenn ihr das so wollt; die meisten Paare fühlen sich aber irgendwann so wohl miteinander, dass sie sich durch und durch kennenlernen – mit Warzen, Fürzen und allem drumrum.
In diesem besonderen Fall solltest du dir zwei Fakten vor Augen halten. Nummer eins: Furzen ist völlig natürlich. Es kommt uns bloß so bedeutsam vor, weil wir ihm eine soziale Bedeutung beimessen; wir haben es als peinlich oder sogar eklig abgestempelt. Nummer zwei: Die meisten Menschen furzen im Schlaf. Es ist also möglich, dass du deine:n Partner:in nachts furzen hörst oder riechst – und er:sie dich. Ganz egal, wie sehr du dich tagsüber vielleicht zusammenreißt: Nachts bist du völlig entspannt und kannst es ohnehin nicht verhindern. Also hast du deine eigene Regel womöglich schon gebrochen, ohne es überhaupt zu bemerken.
Und dann wäre da noch die Frage, wie wohl du dich damit fühlst, dich deinem:deiner Partner:in auch ansonsten weiter zu öffnen. Was würdest du denn sonst nicht mit ihm:ihr teilen wollen? Sexuelle Fantasien? Langfristige Ziele? Deinen Kinderwunsch? Deine politischen Ansichten? Es könnte sein, dass das Furz-Problem nur eine Dimension eines ganzen Spektrums der Offenheit ist. Vielleicht hängt deine Verschlossenheit mit einem Vertrauensproblem oder vorherigen Erfahrungen zusammen. Wer sich mit so etwas schwertut, hat oft auch in anderen Bereichen Schwierigkeiten damit, sich anderen gegenüber zu öffnen – aber nicht immer.
Keine Panik: Meist lösen sich solche Probleme mit der Zeit von ganz allein in Luft auf. Sollte das aber nicht der Fall sein oder dir sogar weitere Schwierigkeiten bereiten, kann es sich lohnen, das Ganze mal therapeutisch zu beleuchten.

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