Parcopresis: Warum haben Frauen Angst vor dem Kacken?

Foto: Erika Bowes
Während des Lockdowns im Frühjahr zog eine junge Frau Ende 20 mit einem Mann zusammen, den sie seit Dezember immer wieder mal gedatet hatte. Das Coronavirus beschleunigte die Entwicklung ihrer Beziehung enorm: Alles begann zur Weihnachtszeit mit Drinks in Begleitung ihrer Arbeitskollegen und führte dazu, dass beide bald unzertrennlich waren und sich wochenlang ununterbrochen eine winzige Wohnung teilten. Ist das nicht genau das, wovon alle User einer Dating-App nur so träumen? An sich vielleicht schon, hätte diese Frau nicht das riesige (und sehr unangenehme) Problem, „plötzlich nicht mehr kacken zu können“.

Diese knifflige Situation ist sicherlichvielen vertraut. Ich selbst habe einmal auf meinem ersten gemeinsamen Reise mitmeinem neuen Freund die Toilette in der Hotellobby anstatt das gemeinsame WCbenutzt. Ich kenne auch mehr als eine Frau, die noch nie bei der Arbeit gekackthat oder vorhat, es zu tun.

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Kacken ist aber etwas ganz Normales und eine Notwendigkeit für unseren Körper. Der gesamte Dickdarm ist etwa 150 cm lang und ein röhrenförmiges Organ, das sich um den Dünndarm schlängelt. Der Dickdarm entzieht der zum Teil verdauten Nahrung das, was wir benötigen – Nährstoffe und Elektrolyte – und transportiert den Rest - Abfallstoffe, also der Kot – zum Enddarm, bevor er den Körper durch den After verlässt. 
Der Darmtrakt ist so effizient und funktioniert so präzise, dass wir ihn oft nicht wahrzunehmen, bis etwas schiefgeht. „Unser Körper könnte nicht optimaler konstruiert sein“, meint Gastroenterologin und Endoskopikerin Dr. Lisa Das. „Der Körper ist ein erstaunlicher Organismus“, sagt sie. Anstatt aber von unserem Inneren beeindruckt zu sein, schämen sich zu viele von uns für diese Körperfunktion. Vor allem wir Frauen genieren uns so sehr dafür, dass wir das Kacken so lange wie möglich hinauszögern.

Für diese Scham gibt es einen Fachausdruck: „Parcopresis“, ein Syndrom, das auch als„schüchterner Darm“ bekannt ist. Professor Nick Haslam, Autor von Psychology In The Bathroom, erklärt,dass dieses Problem dann auftreten kann, wenn es an Privatsphäre mangelt. DerStuhlgang kann zur Qual werden, wenn jemand das Gefühl hat, dass sich andereMenschen in der Nähe befinden könnten. Das kann bei der Arbeit der Fall seinoder wenn Mitbewohner:innen oder Partner:innen zu Hause sind. „Menschen miteinem schüchternen Darm haben immer dann Angst davor, ihr großes Geschäft zuerledigen, wenn eine andere Person dabei zufällig mithören oder etwas riechenkönnte. Diese Befürchtung erzeugt eine solche Hemmung, die es unmöglich macht,öffentliche Toiletten zu benutzen. Im Extremfall bleiben Menschen zu Hause“,fügt er hinzu.

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Forschern zufolge handelt es sich bei Parcopresis um ein psychologisches Problem, das in die Kategorie der sozialen Angststörungen fällt. Es wird vermutet, dass Frauen häufiger als Männer davon betroffen sind. Diese hingegen leiden dafür öfter an „Paruresis“, was auch als „schüchternen Blase bezeichnet wird. Warum aber ist dieses Syndrom gerade bei Frauen so stark verbreitet?
Laut Nick gibt es zwei Gründe dafür: „Erstens wird Parcopresis hauptsächlich durch starke Ängste ausgelöst. Frauen sind aus Gründen, die noch eher unklar sind, aber wahrscheinlich soziale, psychologische und biologische Komponenten haben, anfälliger für alle Angststörungen. Dieses Syndrom fällt also keineswegs aus der Reihe. Zweitens existiert im Bereich der Hygiene eine klare geschlechtsspezifische Doppelmoral, mit der Parcopresis zusammenhängt. Frauen werden von der Gesellschaft dazu sozialisiert, sich vor Ausscheidungen und Exkrementen zu ekeln und sich mehr um die Reinheit ihres Körpers und die Beseitigung von Körpergerüchen zu kümmern.“
Ah, natürlich doch, da sind sie wieder: patriarchalische Normen. Das wird wohl kaum jemanden überraschen. Die meisten von uns müssen bestimmt nicht allzu tief in ihren Erinnerungen wühlen, um einen Vorfall in diese Richtung auszugraben. Klar, es gibt Ausnahmen. Im Großen und Ganzen aber furzen Jungs untereinander um die Wette, während Mädchen nicht zugeben sollen, dass sie kacken oder pupsen. Junge Männer werden für lautes Furzen gelobt. Junge Frauen lernen hingegen, ihre Körperfunktionen vor der Welt zu verstecken. Ich kann mich noch gut an einen Moment zu Schulzeiten erinnern, als einer meiner Mitschüler während des Unterrichts lauthals durch das Klassenzimmer schrie: „Stell dir vor, du machst mit einem Mädchen rum und dann FURZT sie.“ Mein 32-jähriges Ich findet diese Geschichte lustig. Mein 13-jähriges Ich schämte sich aber in Grund und Boden fremd.“
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Wie Nick anmerkt, sind wir gesellschaftlich dazu sozialisiert worden, Weiblichkeit und Körperausscheidungen als unvereinbar zu betrachten. „Folglich“, fügt er hinzu, „ist die Vorstellung, Zeugen beim Stuhlgang zu haben, für Frauen im Durchschnitt belastender als für Männer. Deshalb leiden sie auch häufiger an Parcopresis.“

So wachsen Jungs zu Männern heran, die sichauf der Toilette alle Zeit der Welt nehmen, während der Klogang für vieleMädchen eine echte Herausforderung darstellt: Sie müssen sich beeilen und stopfendie Toilettenschüssel mit Toilettenpapier voll, um mögliche Geräusche zudämpfen. Sie versuchen, ihr großes Geschäft so schnell wie möglich zuverrichten, um den Schein zu erwecken, dass sie nur pinkeln waren.

Parcopresis mag ein psychologisches Problem sein, hat aber physische Auswirkungen,die außerdem mit hohen Kosten verbunden sind. Dieses Syndrom führt zuVerstopfung, ungeplanten, vermeidbaren Notfallaufnahmen undverschreibungspflichtigen Abführ- und Schmerzmitteln.

Lisa zufolge sollten wir dieses Thema ernst nehmen. „Für Frauen ist der Gang zur Toilette ein Tabuthema, da sie das Ganze als ekelhaft oder unsauber ansehen. Immer mehr Menschen lernen aber, über ihre Körperfunktionen zu sprechen, da der Stuhlgang eine solch große Rolle für unsere Gesundheit spielt.“
Sie fügt hinzu: „Der Darm hat einen Tagesrhythmus. Morgens und nach dem Essen zieht er sich am meisten zusammen. Das ist völlig normal. Wenn man seine Signale ignoriert oder versucht, diese zu unterdrücken, bringt man den Rhythmus ernsthaft durcheinander. Bei einem Experiment wurden Medizinstudierenden dazu gebeten, den Toilettengang sieben Tage lang hinauszuzögern. Bei einigen der Teilnehmer:innen dauerte es tatsächlich sechs bis acht Monate, bis sich ihre Darmmotilität wieder normalisierte.“
Außerdem gibt es medizinische Komplikationen, die mit dem Unterdrücken oder Hinauszögern des Stuhlgangs verbunden sind. Lisa erklärt: „Je mehr du dich weigerst, auf die Toilette zu gehen, desto mehr Flüssigkeit nimmt dein Darm vom Kot auf. Dieser wird dann als Folge immer härter und härter und härter. Letztendlich wird der Gang auf die Toilette zu einem solch schmerzhaft Erlebnis, dass du noch weniger aufs WC willst. So entsteht ein Teufelskreis.“ Das kann zu Überlastungen führen, die „das Gewebe im Anus einreißen können, wodurch sich auch Hämorrhoiden vermehren können.“ 
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Lisa betont jedoch, es aber keine besorgniserregenden,permanenten Probleme verursacht, den Klobesuch hinauszuzögern. Es erhöht zumBeispiel nicht das Darmkrebsrisiko. Man sollte es aber dennoch nicht auf dieleichte Schulter nehmen, da es zu einer Fehlregulation des Darms führen kannund du dir so selbst ernsthafte Beschwerden zufügen kannst.  

Kacken sorgt für endlose Verwirrung. Einerseits stellt es eine notwendige Körperfunktion dar. Andererseits löst es Ekel aus. Obwohl es tabu ist, über den Toilettengang zu sprechen, wird das Thema historisch in der Literatur oft mit Humor behandelt (Shakespeare ist ein gutes Beispiel). Davon könnten wir uns eine Scheibe abschneiden. Oft machen wir uns über Dinge lustig, vor denen wir Angst haben und für die wir uns schämen. Deshalb spiegelt die Comedy-Welt auch so viele soziale Ängste wider.
„Fäkalien sind eine Quelle für Kontaminierung und Krankheiten. Durch Fäkalien übertragene Krankheiten töten immer noch eine große Zahl von Kindern weltweit“, stellt Nick fest. „Daher ist es eine logische Reaktion, dem Thema abgeneigt zu sein, es abzulehnen und zu tabuisieren. Ekel und Scham gehen oft Hand in Hand. Für die meisten von uns ist der Stuhlgang immer noch schambehaftet und mit einer gewissen Zurückhaltung verbunden. Im Falle von Parcopresis ist diese Scham einfach stärker und hemmender.“ Wir müssen jedoch eine Lösung finden, diese Schamgefühle zu überwinden, den Stuhlgang als eine von vielen Körperfunktionen anzusehen und ihn zu normalisieren. Vielleicht können wir sogar lernen, unseren Stuhl wertzuschätzen und ihn als ein Zeichen für einen funktionierenden Körper anerkennen. Jeder, der an einer Krankheit wie Morbus Crohn, Colitis ulcerosa oder einem Reizdarmsyndrom leidet und sich nach einem regelmäßigen, gesunden Gang auf die Toilette sehnt, könnte dir davon ein Lied singen.
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Nick erklärt, dass „bei schweren Fällen eineVerhaltensintervention vonnöten sein kann, in deren Rahmen Parcopresis wie eine Angststörung behandelt wird“. Während dieserSitzungen wird der Patient befragt. Verzerrte Überzeugungen werden ins Lichtgerückt und durch Fragen angezweifelt. Eine mögliche davon könnte sein, wieschlimm es zum Beispiel für dich wäre, wenn dich jemand beim Kacken zufällighören könnte? Würde diese Person wirklich einen negativen Eindruck von dirhaben? Außerdem lernt man mittels dieser Intervention, sich immer häufiger auföffentliche WCs zu trauen und Entspannungsübungen einzusetzen, um auf dem WC wenigerverkrampft zu sein.

Auf zu vielen Toiletten ist alles andere alsPrivatsphäre vorhanden. Liegt dann nicht eine gewisse Verantwortung für dieLösung dieses Problems in den Händen der Gesellschaft? „Wir können dafürsorgen, dass sich öffentliche Einrichtungen sicher anfühlen“, sagt Nick, fügtaber hinzu, dass „wir auch sachlicher mit dem Thema Stuhlgang umgehen können, umes sozial akzeptabler zu machen (z. B. weniger Euphemismen verwenden). Außerdemkönnen wir die geschlechtsspezifische Doppelmoral infrage stellen und anfechten,die für die Tabuisierung verantwortlich ist und Frauen dazu ermutigt, so zutun, als hätten sie keinen Verdauungstrakt.“

Für Frauen ist das Leben auch so schon hart genug, ohne sich für ihren Verdauungssystem schämen zu müssen, um ja nicht als unattraktiv wahrgenommen zu werden. Es führt also kein Weg daran vorbei: Wir müssen Enttabuisierungsarbeit leisten. Wir brauchen öffentliche Toiletten, die für ausreichend Privatsphäre sorgen. Und vor allem müssen wir jungen Frauen beibringen, dass der Gang zur Toilette etwas ganz Normales ist. Mit dem Unterdrücken und Hinauszögern riskiert du es, ernsthafte gesundheitliche Probleme für dich zu verursachen.

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