Warum ich in Krankenhäusern putzen gehe, obwohl ich zur Risikogruppe gehöre

Photo: Courtesy of Ezzie Dominguez.
Reinigungskräfte, Kinderbetreuer*innen und Pfleger*innen – sie alle arbeiten während der Corona-Pandemie und setzen ihr Leben aufs Spiel, damit wir gesund und wohl behütet zu Hause bleiben können. Ihre Arbeit ist entscheidend – aber leider scheinen sie im normalen Leben oft unsichtbar zu sein. Und auch wenn wir gerade jetzt unsere Alltagsheld*innen mehr denn je wertschätzen, sind sie doch immer noch unterbezahlt. Wenn dazu – wie in den USA zum Beispiel – der Staat sich bei diesen Menschen nicht um eine essenzielle Gesundheitsfürsorge kümmert, steht schnell mehr als nur ihr eigenes Leben während dieser Krise auf dem Spiel. Wir haben uns mit der National Domestic Domestic Workers Alliance (einer amerikanischen Organisation, die landesweit für mehr Respekt gegenüber Hausangestellten eintritt) zusammengetan, um das Leben dieser Angestellten nahbarer zu machen. Ai-jen Poo, die Leiterin des der Organisation, hat sie interviewt. Eine ihrer Interviewpartner*innen ist die 38-jährige Ezzie Dominguez aus Denver.
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Refinery29: Was machst du beruflich und arbeitest du immer noch?
Ezzie Dominguez: Ich habe einen – so wie man es zurzeit gerne bezeichnet – “systemrelevanten Beruf“. Da kann ich meinen Job nicht einfach so an den Nagel hängen – obwohl ich viermal Krebs hatte und somit ein geschwächtes Immunsystem habe. Ich habe sehr große Angst davor, mich zu infizieren oder das Virus nach Hause zu meinen zwei Kindern und meinem Mann zu bringen. Aber ich muss nun einmal arbeiten, damit wir uns Lebensmittel und die Miete leisten können. Und Rechnungen müssen ja auch weiterhin bezahlt werden.
Tagsüber arbeite ich von 9 bis 13 Uhr als Gebäudeverwalterin in einem Coworking Space. Ich bin so dankbar für diesen Job, denn es ist mein einzig stabiles Einkommen zurzeit. Sie zahlen die Krankenversicherungen für mich und meine Kinder; ohne das, hätte ich nichts. Die meisten Mieter*innen arbeiten zwar jetzt von zu Hause aus, aber ich muss trotzdem jeden Tag hineingehen und das Gebäude instand halten, die Post desinfizieren und sicherstellen, dass alles noch funktioniert.
Abends arbeite ich dann als Reinigungskraft für eine große Firma, die mich an andere Unternehmen und Einrichtungen weitervermittelt. Wir bekommen eine Nachricht am Abend, in der uns gesagt wird, wie viele Gebäude wir in der Nacht reinigen sollen und wo sie sind. Meistens wissen wir vorher aber nicht, was für Einrichtungen es im Endeffekt sein werden.
Der Bedarf nach Reinigungskräften ist in letzter Zeit stark angestiegen. Wir haben immer mehr Aufträge. Vor der Krise habe ich nachmittags als Kindermädchen und am Wochenende als Haushälterin gearbeitet. Doch seitdem viele sowieso im Home Office sind, brauchen die Leute mich in ihrem Zuhause nicht mehr. Mein Mann hat seine beiden Jobs verloren. Er wurde aus dem Restaurant entlassen, in dem er seit 20 Jahren angestellt war, und ihm wurde vorübergehend auch sein Hausmeisterjob gekündigt. Jetzt bin ich also die Alleinverdienerin in unserem Haushalt. Deshalb gehe ich nachts hinaus, um Gebäude zu reinigen.
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Warum gibt es eine solche Zunahme der Reinigungsaufträge während der Corona-Krise?
So viele Unternehmen haben als Folge der Krise ihre Mitarbeiter*innen entlassen. Jetzt haben sie keine Hausmeister*innen und Putzkräfte mehr, also wenden sie sich an Auftragsfirmen. Das hat eine Art Schwarzmarkt für Reinigungsdienste geschaffen. Sie bekommen Putzaufträge von Schulkantinen, Lebensmittelgeschäften, Krankenhäusern und Gerichtsgebäuden. Dann stellen sie Teams zusammen und zahlen uns 10 Dollar pro Stunde in bar. Ich wohne in Denver, Colorado – das ist nicht einmal der Mindestlohn hier. Wenn du andere Arbeiter*innen abholst und mitbringst, bekommst du 2 Dollar pro Stunde extra bezahlt. Aber Fremde in deinem privaten Auto mitzunehmen erhöht das Risiko, dass du dich mit dem Virus ansteckst. Sie beuten die Reinigungskräfte aus, aber was können wir sagen oder tun? Wir brauchen das Geld, um für unsere Familien zu sorgen und sie zu ernähren. Deshalb ist die Arbeit der National Domestic Workers Alliance (NDWA) und meiner örtlichen Mitgliedsorganisation Centro Humanitario meiner Meinung nach so wichtig. Sie helfen uns dabei, auch fair für unsere Arbeit entlohnt zu werden.
Fühlst du dich bei der Arbeit überhaupt noch sicher? Trifft die Firma, für die du arbeitest, irgendwelche Schutzvorkehrungen?
Ich fühle mich bei meinem Tagesjob sehr sicher, aber nicht bei der nächtlichen Reinigungsarbeit. Ehrlich gesagt habe ich sogar Angst davor, hinzugehen. Diese Woche musste ich zum Beispiel in einem Krankenhaus putzen gehen. Dort angekommen, gaben sie mir Stiefelschoner, die wir über unsere Schuhe zogen, ein Paar Handschuhe und eine kleine Schürze – das war alles. Als ich nach Mundschutzmasken fragte, sagten sie mir, ich hätte ein Halstuch und bräuchte ja nichts anderes. Sie gaben uns die Chemikalien, einen Wischmopp und eine Karte der Stockwerke und sagten uns, in welche Räume wir gehen sollten. Uns wurde nicht mitgeteilt, ob auf den Stockwerken, die wir betreten sollten, Corona-Patient*innen waren. Sie sagten nur: „Wir holen Sie in ein paar Stunden ab“. Das war's.
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Wie versuchst du dich und deine Familie vor dem Virus zu schützen?
Immer, wenn ich draußen arbeite, habe ich Angst, mich zu infizieren. Da ich Vorerkrankungen habe, könnte das Virus tödlich für mich sein. Deshalb bringe ich meine eigenen Handschuhe und Desinfektionsmittel mit und benutze ein Tuch, um mein Gesicht zu bedecken. Am meisten Angst habe ich davor, möglicherweise das Virus auf meinen Mann und meine Kinder zu übertragen. Sobald ich zur Tür hereinkomme, ziehe ich alle meine Kleider aus, wasche alles und dusche dann fast eine Stunde lang mit heißem Wasser und desinfizierender Seife. Ich schrubbe meine Hände, bis sie bluten. Meine Haut tut von den Chemikalien und Bleichmitteln, mit denen ich sie reinigen muss, einfach nur noch weh. Was kann ich denn sonst noch tun? Ich muss arbeiten, um meine Rechnungen zu bezahlen und für meine Familie zu sorgen. Ich riskiere mein Leben, indem ich jede Nacht putzen gehe. Wenn ich es aber nicht mehr tue, dann riskiere ich unser aller Leben. Auf diese Weise sorge ich dafür, dass meine Familie in dieser Zeit ein Dach über dem Kopf hat.
Was willst du anderen Menschen über deine Erfahrungen in dieser Krise mitteilen?
Es gibt viele Arbeiter*innen, die in dieser Zeit nicht gesehen werden. Sie riskieren ihr Leben, damit du sicher bist. Sie desinfizieren deine Post und kümmern sich um andere. Wenn du ins Krankenhaus gehst, ist nachts bereits jemand gekommen und hat die Geräte gereinigt und die Tische desinfiziert, damit du dich nicht infizieren kannst. Wir sehen das medizinische Personal dort arbeiten, einige sind müde und schlafen, wo immer sie können. Aber ich glaube, dass Mitarbeiter*innen wie Reinigungskräfte, die nachts kommen und gehen, bevor sie jemand sieht, bei alledem an vorderster Front stehen. Wir säubern alle Räume, zu denen die Menschen immer noch Zugang haben müssen, auch wenn wir uns dabei in Gefahr bringen. Dabei riskieren wir unser Leben und das unserer Familien. Vom Home Office aus zu arbeiten, ist ein Luxus, den wir uns nicht leisten können. Und obwohl wir Menschen mit Stimmen und Familien sind, scheinen wir in den Augen vieler unsichtbar oder sogar entbehrlich zu sein.
Wenn du zu Hause bleiben kannst, dann bleib zu Hause. Wenn ich mit meinen Kindern zu Hause bleiben könnte, würde ich es tun, aber ich habe diese Möglichkeit nicht. Viele von uns haben diese Möglichkeit nicht.

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