Ist „Rausziehen“ eine sichere Verhütungsmethode?

Foto: Natalia Mantini.
Die „Rauszieh-Methode“ oder Koitus interruptus ist die Art von Empfängnisverhütung, vor der dich deine Sexualkunde-Lehrer:innen damals in der Schule vermutlich gewarnt haben. In der Theorie klingt sie ziemlich simpel: Die Partner:innen achten beim Sex darauf, dass jeder kleine Tropfen Sperma außerhalb der Vagina bzw. Vulva bleibt. Die Praxis ist allerdings komplizierter, und verglichen mit anderen Verhütungsmethoden eher schwierig – und eindeutig keine sichere Taktik, um eine Schwangerschaft zu verhindern. Noch dazu schützt sie nicht vor der Übertragung einer Geschlechtskrankheit. Kein Wunder also, dass die Rauszieh-Methode einen ziemlich schlechten Ruf hat.
Aber wieso setzen dann trotzdem so viele Leute darauf? „Für viele ist das Rausziehen einfach sehr praktisch“, meint die Sexualpädagogin Nicole Cushman. „Darüber muss man nicht lange nachdenken oder im Voraus planen – die Methode ist immer verfügbar.“ Noch dazu ist sie umsonst, hat (abgesehen von der Schwangerschaft oder eventuellen Infektionsübertragungen) keine Nebenwirkungen und verlangt keinen Besuch in einer Praxis oder Klinik. Und schließlich beklagen sich noch immer viele Leute darüber, ein Kondom würde dem Sex seine Intensität nehmen. „Zahlreiche Menschen entscheiden sich deswegen lieber für Koitus interruptus, weil er sich ‚besser‘ oder ‚natürlicher‘ anfühlt“, sagt Cushman.
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Aber wie zuverlässig ist das Rausziehen denn wirklich? Tatsächlich hat die Methode einen Pearl-Index von 4 bis 18. Das heißt, dass pro Jahr durchschnittlich 4 bis 18 von 100 Leuten beim Sex mit dieser Verhütungsmethode trotzdem schwanger werden. „Das ist nicht schlecht, aber eben auch nicht sehr gut“, meint Cushman. (Zum Vergleich: Die Pille hat einen Pearl-Index von 0,1 bis 0,9, und die Hormonspirale sogar einen von nur 0,16.)  
Diese Zahlen überraschen dich? Damit dürftest du nicht allein sein, und das aus gutem Grund: Lange Zeit kursierten rund um den Koitus interruptus jede Menge panikschürender Übertreibungen, erklärt Cushman. „Wir hören oft von Teenagern, denen eingeredet wurde, das Rausziehen sei ineffektiv und die Mühe demnach gar nicht erst wert“, sagt sie. Weil viele bis heute davon überzeugt sind, die Methode funktioniere nicht, versuchen sie es damit gar nicht erst – und haben völlig ungeschützten Sex. Fakt ist aber: Die Rauszieh-Methode ist deutlich besser als gar nichts, betont Cushman.
Um das mal klarzustellen: „Dabei ist das Schwangerschaftrisiko immer noch hoch“, ergänzt sie. Wer sich mit seinem:ihrem Körper nicht gut auskennt oder sexuell unerfahren ist, kann die Zeichen einer bevorstehenden Ejakulation vielleicht nicht richtig deuten. Und außerdem schützt dich das Rausziehen natürlich auch nicht vor der Übertragung einer Geschlechtskrankheit durch den Austausch von Körperflüssigkeiten.
Wenn du jetzt neugierig auf die Rauszieh-Methode bist (oder sie schon längst praktizierst!), kannst du einiges unternehmen, um die Verhütungssicherheit zu steigern. „Das Wichtigste ist, dass du und dein:e Partner:in über die potenziellen Risiken Bescheid wisst und euch damit wohl fühlt“, meint Cushman. Wenn ihr Sex ohne Kondom haben wollt, solltet ihr euch außerdem unbedingt vorher auf Geschlechtskrankheiten testen lassen. Und schließlich kannst du durch Masturbation „üben“, die Ejakulation beim Sex „besser vorauszusagen“, empfiehlt Cushman.
Wie bei anderen Verhütungsmethoden gilt letztlich auch hier: Mach dir Gedanken, sieh dir verschiedene Optionen an und triff die Entscheidung, mit der du dich am wohlsten fühlst. „Hierbei geht es vor allem darum, Pro und Kontra abzuwägen und herauszufinden, mit welchem Risiko du leben kannst“, sagt Cushman. Und auch, wenn das Rausziehen vielleicht wie die einfachste Verhütungsform wirkt, kannst du dich beim Sex mit einer effektiveren Methode womöglich besser fallen lassen. 

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