Diese Fotos sind eine Ode an die jungen Frauen der Ukraine

Foto: Yelena Yemchuk.
Ukrainische Frauen sind so widerstandsfähig und stark. Das merke ich jetzt durch den Krieg umso mehr. Die Stärke, solche Gräueltaten zu durchstehen und immer noch positiv zu bleiben, ist eine Eigenschaft, die ich mit den Frauen der Ukraine verbinde“, erzählt die 52-jährige Fotografin Yelena Yemchuk. Sie spricht über die Ideen und Gefühle hinter ihrem umfangreichen Projekt und Fotobuch Odesa, ein virtueller Liebesbrief an die ukrainische Stadt Odessa und deren Bewohner:innen – in Form der zahlreichen Porträts, die die Künstlerin seit 2015 geknipst hat.
Yemchuk ist selbst Ukrainerin. Sie ist in Kiew geboren und aufgewachsen, noch bevor die Sowjetunion zusammenbrach. „Wenn ich mich an meine Kindheit erinnere, denke ich an wunderschöne Natur, Felder und Wälder, an meine Großmutter und meine Cousine, an verschneite Spaziergänge im Schewtschenko-Park und Ballettaufführungen in der Oper mit meiner Tante. Ich war ein sehr glückliches Kind“, sagt sie. Die Frauen, die sie damals umgaben, waren sehr stark, erzählt sie. „Meine Großmutter, meine Tante, meine Cousine… Sie beeinflussten mich in meinen jungen Jahren enorm und ich bin davon überzeugt, dass ich ihretwegen zu der Person wurde, die ich heute bin.“ Als Yemchuk elf Jahre alt war, kündigten ihre Eltern an, mit ihr nach Amerika auswandern zu wollen. „Sie sagten, wir würden nie wieder in die Ukraine zurückkehren. Das war das Ende meiner Kindheit.“
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Foto: Yelena Yemchuk.
„Wegen der Struktur der Sowjetunion konntest du nicht einfach zurückkommen, wenn du einmal ausgereist warst. Das war mir damals sehr klar“, erklärt sie. „Ich glaube, der Schock, von allem weggerissen zu werden, was ich als Kind gekannt und geliebt hatte, begleitet mich bis heute. Niemand hätte damals vorhersehen können, dass die Sowjetunion einige Jahre später zerfallen würde und wir uns alle wiedersehen könnten.“

In einer Minute sitzt du noch bei einem Kaffee mit Freund:innen zusammen, und in der nächsten fallen die Bomben um dich herum. Für die meisten von uns ist das unvorstellbar.

YELENA YEMCHUK
Als sie endlich in die Ukraine zurückkehrte, war Yemchuk bereits in ihren Zwanzigern – und wahnsinnig glücklich, wieder dort sein zu können. „Viele befreundete Immigrant:innen, die etwa im selben Alter wie ich in die USA gezogen waren, lebten sich da sehr schnell ein. Mir fiel das aus irgendwelchen Gründen sehr schwer. Ich habe mich immer ausschließlich als Ukrainerin gefühlt. Meine Heimat hatte für mich immer diese Anziehungskraft – und meine Heimat war immer die Ukraine.“
Foto: Yelena Yemchuk.
Foto: Yelena Yemchuk.
Nachdem sie ihre Karriere in der Fotografie begonnen hatte – und sich damit gegen ihre Eltern aufgelehnt hatte, die das nicht als würdigen Job für eine Frau ansahen –, reiste Yemchuk regelmäßig zurück in die Ukraine, um nach ihrer langen Abwesenheit erneut eine Beziehung zum Land aufzubauen. „Ich glaube, meine ersten ernsthaften Fotos entstanden dort 1997. Ich kam jedes Jahr vorbei, um meine Großmutter zu besuchen und Bilder zu machen“, erinnert sie sich. „Zwischen 2015 und 2018 arbeitete ich dann an einem Projekt, aus dem schließlich mein erstes Projekt wurde: Gidropark. Danach wollte ich ein neues anfangen. Nachdem ich 2003 Odessa bereiste, verliebte ich mich in die Stadt. Ich wollte immer wieder dorthin zurück, also machte ich das auch. 2015 entstanden dort die ersten Fotos.“
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Foto: Yelena Yemchuk.
Die Fotos in Odesa zeigen eine ganze Reihe an Charakteren, die diese komplexe, wunderschöne Stadt ausmachen. Während sie herumreiste und neue Leute kennenlernte, drückte Yemchuk auf den Auslöser, wann immer sich der Moment richtig anfühlte. Die Subjekte ihrer Porträts traf sie auf ganz verschiedene Art. „Viele von ihnen kannte ich gar nicht, als ich sie fotografierte“, erzählt sie. „Im Laufe mehrerer Trips nach Odessa baute ich zu einigen von ihnen aber eine enge Freundschaft auf. Heute habe ich mit allen von ihnen Kontakt. Uns verbindet einfach diese tiefe Liebe füreinander – und für das Leben. Ich fühle mich geehrt, die wunderschöne Seele der Menschen von Odessa vor dem Krieg eingefangen zu haben und jetzt teilen zu können.“
Foto: Yelena Yemchuk.
Foto: Yelena Yemchuk.
Yemchuk verweist auf einige bestimmte Bilder, weil sie gern die Geschichten der dargestellten Frauen erzählt. „Das hier ist Anna Domashyna. Sie lebt derzeit in der Ukraine“, sagt sie über ein Foto einer jungen Frau, gekleidet in einen dunklen Pelzmantel und -hut, mit Hochhäusern aus Beton im Hintergrund. Auf dem Bild sieht es aus, als sei es an diesem Tag sehr kalt gewesen. „Nachdem ich Ana für Odesa fotografiert hatte, wurden wir Freundinnen. Seitdem haben wir gemeinsam in der Ukraine an zwei Filmen gearbeitet, in denen sie die Hauptrolle spielte.“
Dann ist da noch ein verträumtes, sonnendurchflutetes Foto von zwei jungen Frauen im hohen Gras. Eine der beiden lächelt, die andere scheint in Gedanken zu sein. „Das auf diesem Bild sind Polina Matskevich und Hanna Brizhata. Sie sind Musikerinnen und leben gerade in Berlin. Ich hatte ein Bild von ihnen gesehen und wollte sie dann unbedingt für Odesa fotografieren.“ Sie erinnert sich: „Wir hatten so ein tolles Licht am frühen Abend. Ich hatte mir diesen Ort ausgesucht, an dem ich schon oft vorbeigelaufen war, weil er mir einfach perfekt für die beiden vorkam. Ich finde, dieses Foto hält ihre gemeinsame Energie sehr gut fest. Sie strahlen so viel Freiheit und Seele aus.“ Jedes von Yemchuks Bildern hat eine ganz eigene Geschichte wie diese; jede erzählt von einem kurzen, aber wunderschönen Moment zwischen Fotografin und Subjekt.
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Foto: Yelena Yemchuk.

Heute lebt Yemchuk in Brooklyn, New York, und freut sich schon auf die Veröffentlichung ihrer zweiten Auflage des Odesa-Fotobuchs, nachdem die erste in Rekordzeit ausverkauft war. Das ist wenig überraschend, wenn man bedenkt, wie beeindruckend und emotional ihre visuellen Geschichten sind. Wer sich durch diese Fotos blättert, fühlt sich dabei, als lese man persönliche Briefe. Ihre Fotos gehen ans Herz. Sie sind einfühlsam, aber unaufdringlich, und gewähren uns einen kleinen, doch bedeutsamen Einblick in die zahlreichen menschlichen Erfahrungen, die sich vor dem Hintergrund des Kriegs in der Ukraine abspielen. Beim Anschauen der Bilder kann man gar nicht anders, als sich zu fragen: Wo sind diese Menschen heute? Sind sie in Sicherheit? Sind sie glücklich?

Foto: Yelena Yemchuk.
Foto: Yelena Yemchuk.
Vor allem erhofft sich Yemchuk durch dieses Buch ein besseres Verständnis dafür, „wie furchtbar ein Krieg ist, und wie friedlich die Leute in der Ukraine davor lebten, in diesem wunderschönen Land, das endlich seine eigene, starke Identität gefunden hatte“. Ukraine sei in den letzten zehn Jahren „erblüht“, sagt sie – und nun brutal abgebremst worden. „In einer Minute sitzt du noch bei einem Kaffee mit Freund:innen zusammen, und in der nächsten fallen die Bomben um dich herum. Für die meisten von uns ist das unvorstellbar. Wie kann so etwas im Jahr 2022 passieren?“
Es ist jetzt sechs Monate her, seit die ersten russischen Panzer in die Ukraine rollten, und bis heute kämpfen die Ukrainer:innen um ihre Freiheit. „Viele von ihnen verlieren dabei ihr Leben oder werden von ihrem Zuhause oder ihren Liebsten getrennt. Es ist so schlimm. Wenn ich aber mit ihnen spreche – mit denen, die heute noch in der Ukraine leben, oder mit denen, die jetzt als Geflüchtete in Europa verstreut sind –, sagen sie alle dasselbe: ‚Wir werden gewinnen! Wir werden das überstehen‘“, erzählt Yemchuk. „Das ist so toll, so mutig, so positiv. So sind Ukrainer:innen.“
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Yelena Yemchuks Odesa gibt es unter anderem bei Hugendubel
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