Wie Instagram-Influencer verändern, wie wir über Geburten sprechen

Ein paar Stunden nach der Geburt ihres zweiten Kindes postete die Fashion-Bloggerin DeDe Raad eine Instagram-Story aus dem Badezimmer im Krankenhaus, in der sie ihre selbstgebastelte, schmerzstillende Slipeinlage erklärte. „Das hier ist für alle neuen Mamis, die keine Ahnung haben, was auf sie zukommt“, schrieb sie dazu und beschrieb ihren 1,2 Millionen Followern, woraus die Einlage bestand – unter anderem aus einem Schmerzmittel-Spray, Kühl-Pads, einer Sprühflasche und einer Windeleinlage. Einiges davon hatte sie im Krankenhaus bekommen, anderes wiederum selbst gekauft. 
Die Einblicke, die Fashion- und Beauty-Influencer ihren Millionen von Followern auf Instagram in ihre Leben gewähren, sind meist sorgfältig geplant – inklusive ihrer Erlebnisse während der Schwangerschaft, Wehen, Geburt und postnatalen Erholung. Für andere wie Raad hingegen ist quasi nichts tabu; was Influencer wie sie mit ihren Followern teilen, unterscheidet sich oft dramatisch von dem fast schon unrealistisch idyllischen Bild des Mutterdaseins, das uns Promis so oft glaubhaft machen wollen. Denk nur mal an Hilaria Baldwins Lingerie-Selfie zwei Tage nach der Entbindung, oder Gisele Bündchens „komplett schmerzfreier“ Wasser-Hausgeburt. Influencer wie Raad räumen mit Geschichten wie diesen auf; in ihren Posts werden die schmerzhaften, oft verheimlichten Seiten der Schwangerschaft und Entbindung nicht nur offen diskutiert, sondern auch in ehrlichen Fotos präsentiert.
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Caitlin Covington, deren Fashion-IG-Account 1,3 Millionen Menschen folgen, erklärte vor Kurzem in einem Story-Tutorial, wie eine Brustpumpe funktioniert und beantwortete danach DM-Fragen. Als die Wissenschaftlerin und Fernsehmoderatorin Emily Calandrelli ihre Tochter zur Welt brachte, erklärte sie ihren Followern danach, was ein „Foley-Katheter“ ist, wie sich ihre ersten Wehen („ein bisschen wie Blähungen“) und ihre Epiduralanästhesie anfühlten. Die Fashion-Bloggerin Dani Austin Ramirez beschrieb in ihrer Insta-Story, wie sie sich von der Geburt erholte. 
In der Vergangenheit wurde oft erwartet, dass man die Geburt und darauffolgende Erholungszeit so schnell und still wie möglich hinter sich brachte. Das verändert sich allmählich, und Influencer sind die vielleicht überraschenden Vorreiter:innen im Kampf darum, Leute über die Realität einer Geburt aufzuklären – mit allem, was dazugehört: dem Schönen, dem nicht so Schönen… und dem Blutigen. 
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Eine der wichtigsten Folgen davon, dass immer mehr Influencer ganz offen ihre Erfahrungen mit der Entbindung teilen, ist, dass solche Geschichten der Geburt viel der damit verbundenen Scham nehmen. Die Lifestyle-Influencerin Krista Horton lässt ihre 1,3 Millionen Follower offen an ihrer Schwangerschaft und Geburt teilhaben, weil sie nicht findet, dass irgendetwas daran verheimlicht werden sollte. „Warum sollte das etwas sein, worüber wir nicht reden können? Warum sollte das ein Geheimnis sein? Ich finde einfach, dass es immer mehr zur Norm werden wird, je offener wir alle mit solchen Dingen umgehen“, sagt Horton. Sie dokumentierte die Geburt ihres dritten Kindes bis ins Detail – was sie vorher aß, wie weit ihre Wehen auseinander lagen, und wie schwer die Schmerzen in den ersten Stunden nach der Geburt waren. Ihre Follower schrieben Horton daraufhin, wie sehr sie diese Einblicke zu schätzen wussten, und teilten wiederum eigene Geschichten und Ratschläge mit ihr.
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Für viele Influencer ist das Teilen der eigenen Entbindungserfahrungen eine Möglichkeit, um nicht nur ihre eigenen Leben zu dokumentieren, sondern andere auch besser auf mögliche postpartale Nebenwirkungen vorzubereiten – wie Inkontinenz, Bauchschmerzen, Hämorrhoiden, Verstopfung und Brustschmerzen. „Ich hatte keine Ahnung, was auf mich zukam“, erzählt Raad heute über ihr Wissen vor der ersten Entbindung. Bevor ihr eine Freundin drei Wochen vor der Geburt sagte, dass sie nach der Entbindung Windeln würde tragen müssen, hatte Raad nicht geahnt, dass sowas nötig sein würde. Heute ist es ihr Ziel, andere mit ihrem Content zu bilden und ein Licht auf „das Wesentliche“ zu werfen, wie sie es nennt, das in den sozialen Medien meist nicht gezeigt wird. Viele Leute verlassen sich auf Social Media, um zu sehen, wie andere ihre Leben meistern; und während viele werdende Mütter und Eltern sich hilfesuchend an Schwestern, Tanten, Bekannte oder die eigenen Mütter wenden können, können Instagram und Co. für diejenigen die Lücke schließen, denen ein ähnliches Supportnetzwerk fehlt. „Wenn ich eine ältere Schwester hätte, die sowas schon mal durchgemacht hätte, hoffe ich, dass sie mir sowas alles erzählen würde“, meint Raad. „Das ist also für mich eine Möglichkeit, mein Wissen mit den Frauen zu teilen, die vor der Entbindung stehen – oder das irgendwann mal durchmachen werden.“
Nicht nur frischgebackene oder baldige Eltern profitieren von den Tipps, Tricks und Erfahrungen der Influencer. Raad erzählt, dass sie schon Feedback von Frauen bekommen hat, die gar nicht vorhaben, Kinder zu bekommen, ihre Geschichten aber trotzdem aufschlussreich und wichtig fanden. „Sogar Frauen, die keine Kinder möchten, haben mir geschrieben: ‚Wow, jetzt weiß ich, wie das wirklich ist, wenn man gerade ein Kind bekommen hat‘“, sagt Raad. Diese Erkenntnisse sind wichtig, erklärt sie, „um deine Freund:innen und Verwandten besser zu verstehen, die sowas vielleicht gerade erleben“. Abgesehen von ihren eigenen Empfehlungen postet Raad auch Nachrichten ihrer Follower darüber, „was wir alle gern vorher gewusst hätten“: dass es nach der Geburt zu starken Brustschmerzen, nächtlichen Schweißausbrüchen oder Schwellungen kommen kann, eventuell Stuhlweichmacher nötig sind und „die Sprühflasche, mit der sie dich nach Hause schicken, für ein paar Wochen zu deiner besten Freundin wird“. 
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In den letzten Jahrzehnten hat sich die öffentliche Debatte rund ums Thema Schwangerschaft und Geburt deutlich verändert. Die Fortpflanzungspsychiaterin Dr. Ruta Nonacs erwähnt, dass in der Vergangenheit meist Bücher die Informationsquelle Nummer 1 waren; heute ist es das Internet. „Sehr intime Themen, die du sonst mit deiner Schwester oder deiner Mutter besprochen hättest, haben sich jetzt auf diese öffentliche Plattform verlagert“, sagt sie. Frauen können sich ihr Wissen zu peinlichen, unangenehmen oder mit Scham verbundenen Themen jetzt von Influencern oder anderen Menschen mit öffentlicher Plattform einholen.
Dabei ist es so wichtig, dieses Wissen zu teilen – meint auch die Geburtsbegleiterin Chanel Porchia-Albert, Gründerin und CEO von Ancient Song Doula Services. Vor der Entbindung machen sich viele Leute Sorgen um die Schmerzen und eventuelle Scheidenrisse. Porchia-Albert zufolge kann es schwangeren Frauen enorm dabei helfen, einige dieser Ängste zu besänftigen, wenn sie sich über die medizinischen Aspekte und eventuell damit verbundenen Entscheidungen gründlich informieren. Der leichte Zugang zu diesem Wissen – zum Beispiel zu den möglichen Nebenwirkungen einer Betäubung – ist wichtig, um den Frauen eine informierte Entscheidung über den eigenen Körper zu ermöglichen. „Diese Informationen werden oft nicht klar dargestellt. Und wenn doch, geschieht das meist in einem angstbelasteten Zusammenhang, um jemanden dazu zu bringen, einem Eingriff zuzustimmen – nicht, um der Person etwas gründlich zu erklären und ihr eine informierte Entscheidung zu gewährleisten“, meint Porchia-Albert.
Eine offene Konversation zur Entbindung und körperlichen Veränderungen nach der Geburt hat noch einen weiteren Vorteil: Sie bekämpft das alte, gegenderte Klischee des „Oversharing“, des Teilens „zu vieler“ persönlicher Informationen. Davon entwickeln wir uns zum Glück immer weiter weg. Schon 2014 betonte die Schauspielerin Lena Dunham in einem Radio-Interview mit NPR, sie sei strikt gegen das Konzept von „too much information (TMI)“, weil sie der Meinung sei, die Gesellschaft würde die Erfahrungen von Frauen damit banalisieren. In einem Essay in Slateschrieb die Autorin Rachel Kramer Bussel, das offene Gespräch über den Körper sei absolut feministisch: „… das Beharren auf Privatsphäre sorgt für Verheimlichung, Scham, fehlendes Verständnis und Ungerechtigkeit.“ 
Genau dagegen wollen Influencer wie Raad und Horton mit ihrem brutal ehrlichen Content angehen. Und obwohl dieses Teilen von Wissen auf Instagram daher etwas Tolles, Positives sein kann, warnt Dr. Nonacs doch davor, dich und deine Erfahrungen dabei mit den Influencern zu vergleichen – ein Problem, das viele neue Mütter kennen. „Ich sage den Leuten immer: Wenn du dich [durch diesen Content] nicht besser fühlst, ist er nicht das Beste für dich“, sagt sie. Das Ziel vieler Influencer ist es, die realistischeren Momente des Mutterdaseins darzustellen – aber oft sind eben auch Bilder von Nackt-Fotoshootings und durchtrainierten After-Baby-Bodys dabei. Die können diejenigen verunsichern, die noch Kinder haben möchten, oder Selbstzweifel in denen auslösen, die schon welche haben und eben nicht so aussehen wie die Menschen auf diesen Fotos.
Genau deswegen ist es Horton unheimlich wichtig, neben der schönen Seiten der Geburt auch ihre schmutzigen Aspekte zu teilen. „Ich wünsche mir, dass mehr Leute das Echte, Unverfälschte daran zu schätzen lernen und nicht mehr das Gefühl haben, immer perfekt sein zu müssen. Es ist okay, dabei ein totales Desaster zu sein“, betont sie. „Ich finde, es ist so viel besser, das alles durchzumachen, das alles zu fühlen, und nichts davon verstecken zu müssen.“

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