Trifft die Pandemie 25-Jährige besonders hart?

Foto: Leia Morrison
Als ich 15 war, dachte ich, dass ich mit 25 erfolgreich und selbstbewusst sein und die Welt bereisen würde. Außerdem stellte ich mir vor, dass ich in diesem Alter eine Menge Geld verdienen würde. Leider ist nichts davon eingetroffen. Im Gegenteil: In vielerlei Hinsicht kommt es mir so vor, als wüsste ich jetzt weniger, was ich tue, als noch mit 15.
Manche von uns bezeichnen dieses Phänomen als Quarter-Life-Crisis. Dabei handelt es sich um eine introspektive Zeit voller Existenzängste und unbeantwortbarer Fragen zum Sinn und Zweck des Lebens, die normalerweise in der Zeit zwischen Mitte und Ende 20 auftritt (scheinbar wird hier vorausgesetzt, dass wir 100 Jahre alt werden). Obwohl diese Krise zwar nicht so bekannt wie die Midlife-Crisis ist, wird darüber bereits schon seit Jahrzehnten gesprochen. Einige Expert:innen sagen aber, dass die gegenwärtige Pandemie diesen besonderen Lebensabschnitt noch stressiger gemacht hat.
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Im vergangenen Jahr mussten wir schreckliche Verluste erleiden – von Menschenleben über Arbeitsplätze bis hin zu Sicherheit, was laut Therapeutin Caitlin Arthur zu einer eigenen Art von Krise geführt hat. „Eine Quarter-Life-Crisis zeichnet sich durch Unsicherheit aus“, sagt sie gegenüber Refinery29 und fügt hinzu: „Die Pandemie ist per Definition auch eine unsichere Zeit.“ Während einer solchen Krise stellen Menschen ihren bisherigen beruflichen Werdegang oft infrage, haben Beziehungsprobleme – egal, ob mit Partner:innen, Familienmitgliedern oder Freund:innen –, und sind finanziell gestresst, sagt sie. COVID-19 hat all diese Lebensbereiche ebenfalls in den Vordergrund gerückt und uns das Gefühl von Kontrolle über unser Leben genommen. Mit diesem Hintergrund stellt sich die Frage: Durchleben wir gerade nicht alle eine Art Quarter-Life-Crisis?
Angela Mastrogiacomo denkt, dass das tatsächlich der Fall ist. „Mit Mitte bis Ende 20 hatte ich diesen Drang, mir über alles klar werden zu müssen – und das sehr schnell“, erzählt uns die Gründerin von The Blossom Agency und Muddy Paw PR. „Jetzt mit 32, fast 33, erlebe ich das alles noch einmal auf eine ganz andere Art und Weise.“
Anstatt sich mit dem Gedanken auseinanderzusetzen, was sie mit ihrem Studienabschluss machen oder in welche Stadt sie ziehen soll, fragt Mastrogiacomo sich jetzt, ob ihre jahrzehntelange Berufswahl überhaupt noch die Richtige für sie ist und wie ihre Zukunft aussehen könnte. „15 Jahre lang war ich davon überzeugt, dass ich nie Kinder haben würde“, sagt sie. Im vergangenen Jahr habe sich ihre Meinung aber geändert. „Ich habe versucht, zurückzuverfolgen, zu welchem genauen Zeitpunkt während der Pandemie sich dieser Schalter bei mir umgelegt hat, und ich bin mir nicht sicher. Ich denke, dass ich durch meine Ängste, das Eingesperrtsein zu Hause und das Neubewerten von allem in meinem Leben angefangen habe, meine Entscheidung in Hinblick aufs Muttersein zu überdenken“, sagt sie. „Das fühlte sich sehr seltsam und wirklich beunruhigend an. Immerhin war bis dato meine ganze Identität – zumindest wirklich ein großer Teil davon – damit verbunden, [keine Kinder zu haben]. Doch dann stellte die Pandemie alles auf den Kopf und ich fragte mich plötzlich, wer ich denn überhaupt sei. Das alles brachte mich zum Ausflippen.“
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Arthur erklärt, dass die Gefühle, die durch die Pandemie hervorgerufen werden, der Quarter-Life-Crisis sehr ähnlich sind. Diese ähnelt zwar der Krise in der Lebensmitte, unterscheidet sich aber in vielerlei Hinsicht von ihr. Während Erstere eher gegenwarts- und zukunftsorientiert ist (Angst davor, hinter dem Zeitplan zurückzubleiben oder Ziele nicht erreichen zu können), hat Letztere eher mit der Vergangenheit zu tun und zeichnet sich durch eine Phase des Nachdenkens über vergangene Errungenschaften und Traurigkeit oder Unsicherheit mit Hinblick aufs Altern aus. Viele Menschen fühlten sich im vergangenen Jahr so, als würden sie Zeit verlieren oder als würde diese ihnen davonlaufen, was „typisch für eine Quarter-Life-Crisis ist“, sagt Arthur. „Da unser Leben momentan auf Eis liegt, haben wir das Gefühl, festzustecken. Das verschlimmert das Problem nur noch weiter.“
Wir machen im Moment alle viel durch. Gerade jetzt Mitte 20 zu sein, kann aber eine einzigartige Herausforderung darstellen. Eine beträchtliche Anzahl junger Erwachsener ist aufgrund der Pandemie zurück in ihr Elternhaus gezogen. Sie sind nicht in der Lage, Freund:innen unter normalen Umständen zu treffen, neue Leute kennenzulernen oder ein Berufsnetzwerk aufzubauen – und das während einer Lebensphase, die normalerweise besonders gesellig ist. Dadurch, dass wir nicht reisen dürfen oder nicht mehr ins Büro fahren zu brauchen, hat dazu geführt, dass wir uns festgefahren und unbeweglich fühlen. Wir sind an den Computerbildschirm gebunden, während wir arbeiten oder nach Arbeit suchen. Das hängt mit einer der Hauptursachen der Quarter-Life-Crisis zusammen: Jobsicherheit. Die Überzeugung, dass harte Arbeit gleichbedeutend mit beruflicher Sicherheit sei, hat sich als falsch herausgestellt. Stattdessen hat die Pandemie uns klar gemacht, dass es den Traumjob nicht mehr gibt und wir besser dran sind, wenn wir unser Leben statt unsere Arbeit priorisieren.
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Das mag düster klingen, aber in gewisser Weise ist es das auch. Die Ungewissheit, die wir gerade alle spüren, kann unsere Aufmerksamkeit aber auf etwas Wertvolles lenken: Weiterentwicklung. „Die Pandemie hat uns in solch eine Angst versetzt, dass wir uns in vielerlei Hinsicht bewegungsunfähig fühlen“, sagt Mastrogiacomo. „Ich denke, dass sie aber auch ein Auslöser dafür gewesen ist, alles Mögliche in unserem Leben zu überdenken.“
Wenn du mit den gleichen Herausforderungen, die eine Quarterlife-Crisis auszeichnen, zu kämpfen hast – egal, wie alt du bist –, gibt es Wege, diese Krise zu überwinden. Eine Therapie kann hier sehr hilfreich sein, sagt Arthur. „Therapeut:innen können dir dabei helfen, deine Lebensumstände aus einer neuen Perspektive zu sehen“, sagt sie. Sie hält es aber auch für sehr wichtig, weniger Zeit in sozialen Medien zu verbringen. „Dir die Highlights anderer Leute anzuschauen, wenn du dich ohnehin schon so fühlst, als wärst du im Rückstand oder das Gefühl hast, du solltest mehr erreicht haben, als du tatsächlich hast, tut dir nicht gut“, sagt Arthur. Aus dem gleichen Grund schlägt sie vor, lieber öfter einmal eine Bestandsaufnahme deiner Leistungen zu machen. So kannst du deine übertrieben kritische innere Stimme leiser werden lassen. Schließlich solltest du dich ebenfalls mit anderen Menschen austauschen, denen es gerade so ergeht wie dir. Probier es außerdem mal mit neuen Hobbys oder ehrenamtlichen Tätigkeiten, empfiehlt Arthur. „Viele Menschen arbeiten acht Stunden am Tag, essen zu Abend, gehen ins Bett und wiederholen das Gleiche am nächsten Tag“, sagt Arthur. Ihr zufolge kann es „sehr hilfreich sein, für einen gut strukturierten Alltag zu sorgen.“
Egal, ob du diese Zeit voller Unsicherheit und Existenzfragen nun als kollektive Quarter-Life-, als frühe Mid-Life-Crisis oder einfach als Krise im Allgemeinen bezeichnen möchtest – die eine Sache, die du dir vor Augen halten solltest und dir vielleicht Trost spendet, ist, dass wir mit diesem Gefühl des Verlorenseins nicht allein sind. „Wir alle bemühen uns, diese schwierigen Zeiten zu überstehen und wünschen uns, [die Pandemie] wäre nie passiert“, sagt Mastrogiacomo. „Wir mussten in den letzten paar Monaten viel Schlimmes durchmachen. Es gibt aber einen Lichtblick: Dadurch, dass ich die Möglichkeit hatte, mein bisheriges Leben zu überdenken und neuzubewerten, werden meine Zukunftsentscheidungen anders ausfallen, als vor der Pandemie geplant war. Damit werde ich, sobald alles zu seinem Normalzustand zurückkehrt, besser dran sein als davor.“

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