7 Tricks, mit denen du dich vom Weinen abhältst

Foto: Thanaporn Sae-Lee.
Hi, ich bin Jess und eine Heulsuse.
Ich heule dauernd, und wegen allem. Ich heule, wenn ich eine Autowerbung mit einer süßen Familie sehe, wenn ich einen besonders emotionalen Song höre, wenn an Silvester der Countdown zu Mitternacht einsetzt.
Ich habe kein Problem damit, viel zu weinen – meistens jedenfalls. Ich finde es manchmal sogar ganz nett, dass mir bei der ersten weihnachtlichen Werbung die Tränen kommen, während alle anderen die Augen verdrehen und sich über die „Kapitalisierung heidnischer Feiertage“ aufregen.
Wegen allem weinen zu müssen, ist aber sehr wohl nervig, wenn ich gerade in einer ernsten Situation stecke. Ich weine nämlich nicht leider bloß wegen irgendwelcher Banalitäten – sondern auch, wenn ich mich streite, wenn ich um etwas bitte, wenn ich Angst habe oder krank bin. Manchmal hat das positive Auswirkungen (wem würdest du lieber Priority Boarding geben – dem seriösen Geschäftsmann oder dem armen Mädel, das sich wegen möglicher Turbulenzen die Augen ausheult?). Manchmal ist es aber auch einfach verdammt frustrierend.
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Nehmen wir als Beispiel meine Verhandlung um eine Gehaltserhöhung bei meinem ersten richtigen Job. Ich hatte mich vorher wochenlang mit „Du verdienst es!“-Selbstgesprächen und den wildesten Fantasien, wie das Gespräch wohl ablaufen könnte, darauf vorbereitet. „Wie kann ich Ihnen helfen?“, fragte mich meine Chefin, eine ebenfalls erwachsene, professionelle Frau, als wir uns schließlich gegenübersaßen. Ich bekam nicht mal das erste „Ich“ über die Lippen, bevor ich in Tränen ausbrach und irgendwas schluchzte, dass ja alle anderen mehr Gehalt bekamen als ich und mich das wirklich traurig machte. Ich beugte mich dabei auf dem Stuhl so weit nach vorne, dass ich umkippte und runterfiel. 
Konfrontationen und Streits aller Art versuche ich prinzipiell zu vermeiden – weil sie mich zum Heulen bringen. Würdest du lange nachdenken, bevor du eine gute Freundin dafür anmeckerst, dass sie deine Geburtstagsparty verpasst hat, weil sie „zu müde“ war? Vermutlich nicht. Ich hingegen würde sowas kommentarlos hinnehmen. Schließlich weiß ich genau, dass ich, sobald ich ihr (wirklich mieses) Verhalten kritisieren würde, direkt in Tränen ausbrechen würde – womit ich direkt von der lässigen, angepissten 30-Jährigen zum jaulenden, überreagierenden Kleinkind mutiert wäre. In Situationen, in denen du für dich selbst einstehen musst, kann ein Gespräch auf Augenhöhe durch Tränen prompt zur kompletten Unterwerfung werden.
Das gilt vor allem für Weinen am Arbeitsplatz. Wir empfinden Tränen im Job als Zeichen der Schwäche, weil der Arbeitsplatz lange Zeit als männliche Domäne galt. Frauen werden noch immer viel zu oft als „emotional“ abgestempelt (was idiotischerweise jahrelang als negative Eigenschaft empfunden wurde) – und Heulen im Job dient für viele Deppen weiterhin als Argument dafür, Frauen ihren wohlverdienten Platz am Tisch zu verwehren (insbesondere am Kopfende).
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Obwohl wir natürlich alle – unabhängig vom Gender – in unserem Privatleben auch frei weinen und unsere Emotionen nach außen tragen sollten, kann es leider doch zum Problem werden, am Arbeitsplatz oder in anderen ernsten Situationen in Tränen auszubrechen.
Cara Alwill Leyba, Autorin des Selbstbewusstseinsratgebers Like She Owns The Place, sieht das ähnlich. „Wenn wir uns im Job zu sehr von unseren Gefühlen mitreißen lassen, vernebelt das unser klares, lösungsorientiertes Denken. Es ist wichtig, genug Raum zwischen und selbst und unserer Arbeit zu erschaffen, damit wir nichts zu persönlich nehmen, sondern friedlich und positiv bleiben können.“
Der Lifecoach Ben Edwards geht noch einen Schritt weiter. Ihm zufolge kann das Weinen signalisieren, wir würden „die Waffen niederlegen“. Es kann so empfunden werden, als würden wir „innerhalb der Verhandlung quasi aufgeben“. 
Daher versuche ich jetzt, nicht zu weinen, wann immer ich die Fassung bewahren sollte – nämlich dann, wenn ich mich für das einsetze, was ich möchte und vor allem verdiene. (Keine Sorge: Ich werde garantiert nicht auf mein Recht verzichten, am Ende jedes dramatischen Films hemmungslos loszuschluchzen.)
Um zu lernen, nicht zu weinen, sollten wir aber erstmal verstehen, warum wir überhaupt weinen. Leider gibt es dazu aus wissenschaftlicher Sicht bisher nur wenige Erkenntnisse. Wir wissen zwar, dass es sich beim Weinen um eine physiologische Reaktion handelt, ähnlich wie beim Schwitzen (das heißt, wir können nichts dagegen machen – super!). Außerdem wird vermutet: Weil wir die einzige regelmäßig weinende Spezies sind, könnte es eine fortgeschrittene Form der Kommunikation sein, „die um Hilfe, Trost und soziale Unterstützung von anderen bittet“. Andere Studien spekulieren, Tränen seien unsere Möglichkeit, uns in schwierigen Zeiten selbst zu beruhigen. 
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„Wir weinen typischerweise in intensiven Situationen, weil wir dann besonders starke Gefühle empfinden: Trauer, Wut oder Frustration, zum Beispiel“, erklärt Cara. „Das Weinen kann signalisieren, dass wir unsere Belastungsgrenze erreicht haben. Unsere Tränen fühlen sich dann manchmal an wie eine Befreiung der angestauten Emotionen, die wir bis dahin nicht ausdrücken konnten.“
„Manchmal wissen wir nicht, wie wir in schwierigen Situationen unseren Gefühlen freien Lauf lassen sollen. Daher verlassen wir uns eher auf Taten als auf Worte“, stimmt Ben zu. „Weinen ersetzt dahingehend eine Form der Kommunikation, weil es oft leichter ist und dem Gegenüber die klare Nachricht übermittelt, dass es uns gerade schwerfällt, weiterzumachen.“
Okay, cool. Aber wenn meine Augen feucht werden und die Panik einsetzt – wie sage ich dann meinen Tränen, dass sie sich bitte verziehen sollen? Dazu habe ich mit weiteren Heulsusen, Schauspieler:innen und Selbstbewusstseins-Coaches gesprochen und mir einige wissenschaftliche Studien durchgelesen, um herauszufinden, wie ich die Tränen in einer schwierigen Situation am besten auf Abstand halte.

Schau hoch

Das war bisher meine verlässlichste Methode; zwar ist sie nicht zu 100 Prozent effektiv, kann aber sehr wohl helfen, wenn ich nur einen sanften Drang zum Heulen verspüre. Natürlich ist es nicht gerade unauffällig, die Augen nach oben zu rollen – kann aber sehr wohl verhindern, dass die Tränen kullern, bis du einen Ort gefunden hast, an dem du das salzige Wasser in Ruhe wegtupfen kannst.

Blinzeln

Der Akt des Blinzelns dient dazu, das Auge quasi einmal „abzuwischen“, es in seinen Normalzustand zurückzuversetzen und die Tränenflüssigkeit „ablaufen“ zu lassen. Es ergibt also durchaus Sinn, dass übermäßiges Blinzeln die Tränen im Zaum halten können.
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Klopfe dir gegen die Stirn

Diesen Trick habe ich selbst noch nicht ausprobiert, aber zumindest das Model Jen Dawson schwört zufolge eines (mittlerweile gelöschten) YouTube-Videos darauf. Anhand der Kommentare unter dem Video scheint es für viele Leute zu funktionieren. Also: Klopf dir sanft mit den Fingern gegen die Stirn und atme tief ein und aus.

Kneif dich selbst (bitte nicht zu doll)

Sich selbst (leichte!) Schmerzen zuzufügen, ist bei Weitem die beliebteste Methode, um sich vom Weinen abzuhalten. Manche beißen sich dazu am liebsten auf die Zunge – oder kneifen sich in den Arm. Dadurch konzentriert sich dein Gehirn eher auf dieses Gefühl, anstatt weiter ans Weinen zu denken. Bevor du dich jetzt aber selbst mit blauen Flecken übersähst, bedenke, dass du nicht zwangsläufig Schmerzen nutzen musst, um dein Hirn abzulenken. „Das Entscheidende hierbei ist die Physiologie“, erklärt Ben Edwards. „Unsere Gedanken und Körperbewegungen beeinflussen unseren emotionalen Zustand – und können ihn auch verändern. Wenn du dich also auf die Gefühle des Gehirns konzentrierst, bringst du dich damit automatisch auf andere Gedanken und lenkst dich vom ursprünglichen Thema ab. Körperbewegungen – wie ein Heben des Kopfes, ein Zurückziehen der Schultern oder das Aufnehmen von Augenkontakt – sind eine simple Methode, dein Gehirn ‚zurückzusetzen‘ und nochmal von vorn anzufangen.“ Also schüttle doch mal stark den Kopf, schwinge mit den Armen, kitzle deine Handinnenfläche – alles, um dein Gehirn davon abzulenken, die Signale zum Weinen zu senden. Oder kneif dich eben – bloß nicht zu doll.

Lass dich drauf ein

Reddit-User VR46 rät: „Nimm dieses ‚Heul-Gefühl‘, wenn es in dir aufkocht, und stell dir vor, wie du es in deiner Handfläche hältst – wie ein Knäuel an Emotionen. Analysiere es, akzeptiere es, und lass es dann widerstandslos durch dich hindurchziehen. Wehre dich nicht dagegen, renn nicht davor weg – sondern lebe damit. Lass es rein und schmeiß es dann raus, sobald es dir nichts mehr bringt.“
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Atme

Oh mein Gott, wie langweilig ist es, wenn dir jemand „Atmen“ als Lösung für deine Probleme empfiehlt? Nervig! Aber mal Spaß beiseite – hier kann es wirklich helfen. Tiefes Ein- und Ausatmen sorgt dafür, dass sich dein Körper beruhigt; schließlich steckt er gerade inmitten einer intensiven physiologischen Reaktion. Stress triggert einen verstärkten Fluss von Sauerstoff und Zucker in die Muskeln, damit sie einsatzbereit sind. Das äußert sich folgendermaßen: „Indem das Herz stärker und schneller schlägt, fließt mehr Blut in die Muskeln – und die Organe bekommen weniger ab. Die Lunge atmet schneller, um mehr Sauerstoff ins Blut zu holen. Dadurch schnappst du automatisch mit dem Hals und Mund nach Luft.“ Weil der Hals dabei „offen“ steht, kann es sich beim Schlucken so anfühlen, als hättest du einen Kloß im Hals. Wenn du tief ein- und ausatmest, lassen diese Symptome nach.
Die Schauspielerin Grace erzählt mir, das Überwinden von Gefühlen sei ein großer Teil ihrer Ausbildung gewesen. „Wir haben uns viel aufs Atmen konzentriert“, sagt sie. „Um dich vom Weinen abzuhalten, ist es entscheidend, dein Gehirn abzulenken. Wenn du das Gefühl hast, gleich weinen zu müssen, solltest du sofort deinen Atem ändern. Nutze ihn, um den Drang zum Weinen zu verdrängen. Wenn du dich dann auf deinen Atem konzentrierst, kann das verhindern, dass deine Gefühle mit dir durchgehen.“
Sie hat aber auch noch einen weiteren Trick parat: „In besonders intensiven Situationen kneife ich mir in den Oberschenkel, um mich vom Weinen abzuhalten.“

Mach dich nicht fertig

Mal ehrlich: Wir alle weinen mal. Manchmal auch in Situationen, in denen wir lieber nicht weinen würden. Das kann frustrierend und nervig sein und dir das Gefühl geben, du hättest dich selbst enttäuscht. Das kennen aber die meisten Leute – und werden dich daher nicht gleich dafür verurteilen, bloß weil du ein paar Tränen vergossen hast. Niemand hat sich selbst rund um die Uhr unter Kontrolle, und alles andere wäre auch furchtbar. Emotionen sind ein Teil des tollen Menschen, der du bist – und wenn das Weinen zu dir gehört, ist das eben so. Wenn du deswegen aber zum Beispiel Angst vor Meetings mit deinen Vorgesetzten hast, kannst du sicher auch in vielen Fällen eine E-Mail schreiben, oder dich vielleicht vorher bei einer vertrauten Person „ausheulen“. Und wenn du dann doch mal vor jemand Wichtigem losheulst, solltest du dir bewusst machen, dass das sicher nicht das erste Mal ist, dass diese Person jemanden in Tränen ausbrechen sieht. Er oder sie hat sicher auch ein Herz und lässt dir das durchgehen. Also löse dich aus der Situation, mach einen Spaziergang um den Block und klopfe dir ruhig auch selbst mal anerkennend dafür auf die Schulter, dass du dich überhaupt erst zu diesem schwierigen Gespräch getraut hast. Du wirst sicher noch weitere Gelegenheiten dazu bekommen!
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