Die Szene, mit der mich Stranger Things Staffel 4 zum Weinen brachte

Foto: bereitgestellt von Netflix.
Achtung: Spoiler zur vierten Episode von Stranger Things, Staffel 4 direkt voraus!
2016 landete Netflix mit einer Sci-Fi-Serie einen gigantischen Hit, die mit ihrem 80er-Vibe einen Nerv traf: Stranger Thingserweckte mit seinen Vokuhilas, engen Jeans und Retro-Geräten unsere Nostalgie und mischte dem ganzen noch eine ordentliche Portion Kleinstadt-Grusel à la Stephen King bei. Und dann war da natürlich noch die Besetzung: eine etwas schräge Truppe aus vorpubertären Teenies, Außenseiter:innen und einem quasi stummen, telekinetisch begabten Kind. In Stranger Thingserkannten wir uns alle irgendwie wieder, und in der neuesten Staffel – die dunkler, brutaler und psychologisch bedrückender ist als ihre Vorgänger – beschäftigt sich Stranger Things mit der Frage, was passiert, wenn diese jugendliche Unschuld angesichts von diversen Monstern und mehreren Quasi-Weltuntergängen langsam weicht.
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Während die Gang langsam in die Pubertät gekommen ist, hat die Schattenwelt – mit einem Portal im beschaulichen Hawkins – ein neues, imposantes Monster erschaffen, das die vorherigen Biester wie harmlose Mäuse aussehen lässt: Vecna. Dieses fühlende, menschenartige Tentakel-Wesen hat es auf die verletzlichsten Schüler:innen der Kleinstadt abgesehen. Nachdem es diese tagelang quält – mit Kopfschmerzen, Nasenbluten und Visionen ihrer traumatischsten Erinnerungen –, zerstört es die Kinder auf die brutalste Art: Die Schüler:innen fallen in eine Trance, aus der sie nicht aufwachen können, während sich Vecna in ihrer Psyche an sie heranschleicht. In der echten Welt sieht das aus, als würde eine unsichtbare Macht die Knochen und Kiefer der Kinder brechen und ihnen die Augen ausstechen.
Foto: bereitgestellt von Netflix.
Von den regelmäßigen Monsterbesuchen mal ganz abgesehen haben sich die Bewohner:innen von Hawkins und die Gang – Mike, Elf, Will, Dustin, Max, Steve, Nancy und Jonathan – noch immer nicht ganz von der Gewalt und den Traumata der letzten Staffeln erholt. Sie sind älter geworden, einige von ihnen sind weggezogen und haben neue Freund:innen gefunden, andere tun sich mit dem Schmerz und Trauma noch immer sehr schwer. Insbesondere Max hat sich sehr zurückgezogen. Seit dem Tod ihres Bruders Billy im dritten Staffelfinale ist ihr Vater abgehauen, während ihre Mutter eine Alkoholsucht entwickelt hat. Sie und Max sind gemeinsam in einen Wohnwagenpark gezogen, weil das Geld vorne und hinten nicht mehr reicht. Außerdem wird Max von wiederkehrenden Albträumen über den Tod ihres Bruders gequält, in denen sie immer wieder sieht, wie sein Brustkorb aufreißt. Noch dazu hat sie regelmäßig Nasenbluten und Kopfschmerzen.
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Max ist ein offensichtliches Opfer für das diesjährige Monster: Vecna lebt von furchtbaren Erinnerungen und Traumata. Zu seinen Opfern gehören ein Kind, das von seiner brutal kritischen Mutter niedergemacht wird; ein Kind, das oft mit blauem Auge zum Basketballtraining auftaucht und ein Teenager, der von Erinnerungen daran geplagt wird, wie er bei einem Autounfall versehentlich ein Kind tötete. Das Monster steht allegorisch für Depressionen und Suizid unter Teenagern – dafür, was passiert, wenn du von deinen eigenen Dämonen zerrissen wirst.
Max hat jedoch etwas, das die vorherigen Opfer nicht hatten: die bereits erwähnte schräge Truppe – Freund:innen, die sie lieben und sie nicht aufgeben, als sie sich zurückziehen will. Episode 4, „Lieber Billy“ – die wohl epischste bisher –, beginnt damit, dass sich Max damit abfindet, dass sie womöglich das nächste Opfer werden könnte. Also schreibt sie individuelle Abschiedsbriefe an ihre Freund:innen und bereitet sich auf ihr Schicksal vor.
Ihr letzter Brief geht an ihren verstorbenen Bruder Billy. Sie setzt sich an sein Grab und liest ihn ihm vor, während ihre Freund:innen im Auto auf sie warten, um ihr ein bisschen Privatsphäre zu schenken. Plötzlich wird ihre Psyche in die Schattenwelt gezogen – in eine Dalí-artige Version der Hölle –, in der sie das Monster mit seinen Tentakeln zu zerreißen versucht. In der echten Welt reagiert sie währenddessen gar nicht, während ihre Freund:innen sie verzweifelt anschreien, um sie zurückzuholen. In einem entscheidenden Moment wird ihnen bewusst, dass Musik zu ihr durchdringen könnte – dass einer ihrer Lieblingssongs sie womöglich erreichen könnte. Also drücken sie ihr ein Paar Kopfhörer auf; die ätherische Stimme von Kate Bush singt ihr „Running Up That Hill“ ins Ohr und fleht: „If I only could / I’d make a deal with God / And I’d get him to swap our places“ (z. Dt.: „Wenn ich nur könnte, würde ich mit Gott verhandeln und ihn dazu bringen, unsere Plätze zu vertauschen“). In der Schattenwelt hört Max den Song ganz leise, und ein kleines Fenster öffnet sich in ihrem Bewusstsein, durch das sie ihre Freund:innen schreien sieht.
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Plötzlich ziehen Szenen aus ihrem Leben vor ihrem inneren Auge vorbei, in denen sie lacht, an Halloween mit ihren Freund:innen um die Häuser zieht, sich schick macht, Lucas zum ersten Mal küsst. Max kann sich von den Tentakeln befreien und rennt auf das Fenster zu, während die Hölle um sie herum zu bröckeln beginnt. Sie wacht auf – am Leben, und umringt von ihren Freund:innen.
Ich hatte während dieser ganzen Szene Tränen in den Augen. Sie symbolisiert die Kraft der Freundschaft und Gemeinschaft – davon, was es bedeuten kann, dich anderen zu öffnen und zuzulassen, dass sie dir helfen. Ich bin mir sicher, dass die Szene eine der unvergesslichsten der Serie bleiben wird. Obwohl Max gerettet wird, haben andere Opfer nicht so viel Glück; nicht jede:r hat die Kraft oder Ressourcen, um die eigenen inneren Dämonen zu besiegen. Gleichzeitig zeigt uns diese Szene aber auch, wie widerstandsfähig der menschliche Geist sein kann. Tragödien passieren, Herzen brechen, und das Leben besteht nicht nur aus Friede, Freude, Eierkuchen. Wenn du allerdings Freund:innen hast, die dich selbst in deinen dunklen Momenten nicht einfach fallen lassen, kannst du all das überstehen.
Staffel 4 von Stranger Things ist zum Streamen auf Netflix verfügbar.

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