Wie meine Depression meine Zähne zerstört hat

Foto: Jon Tyson
Ich schaue in den Spiegel und schneide Gesichter. Ich war immer schon unsicher – mal mehr, mal weniger. Das hat mit den Kommentaren über mein Aussehen, die ich im Laufe der Jahre erhalten habe, zu tun. Diese haben emotionale Wunden hinterlassen, die noch Jahrzehnte später nicht verheilt sind. Meine Unsicherheiten sind wohl ein Symptom unserer kollektiven, kommodifizierten Unzufriedenheit mit unserem Aussehen.
Tagein, tagaus macht mir seit den letzten paar Jahren eine Sache besonders zu schaffen: meine Zähne.
Meine Zähne lösen bei mir die schlimmsten Schamgefühle aus, wann immer ich mich selbst ansehe. An der Vorderseite sind sie abgesplittert und abgebrochen, mit rauen Kanten, die an meinen Lippen und meiner Zunge hängen bleiben. Ich übe, zu lächeln, ohne sie zu zeigen.
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Später werde ich eine Verabredung absagen – und das nicht zum ersten Mal –, weil ich Angst habe, dass ich es nicht schaffe werde, meine Zähne die ganze Zeit über zu verstecken.
Meine Zähne sahen nicht immer so aus. Früher waren sie in Ordnung. Bis Ende 20 spielte es also keine Rolle, wie sie aussahen oder sich anfühlten, denn sie waren okay. Sie beherrschten weder meine Gedanken noch hinderten sie mich daran, so zu leben, wie ich wollte. Nachdem ich als Teenager eine Zahnspange bekommen hatte, waren sie fast gerade, mehr oder weniger gleichmäßig, nicht weiß (vom jahrelangen Rauchen), aber gut genug.
Im Alter von 29 Jahren wurde ich dann depressiv.
Oft lag ich wochenlang auf dem Sofa und schlief dort – wenn auch sehr wenig. Und dann fing es an: das Zähneknirschen.
Meine beste Freundin, bei der ich wohnte, sagte, dass sie mein Knirschen oft aus der Küche hören konnte, die sich zwei Zimmer weiter weg befand. Im Laufe der Monate wurde mein Zähneknirschen immer schlimmer, sodass ich mit Kopfschmerzen und einem unaufhörlich schmerzenden Kiefer aufwachte (wann immer es mir gelungen war, zu schlafen). Meine Zahnärztin verschrieb mir eine Zahnschiene, die ich nachts tragen sollte.
Dann musste ich ein Antidepressivum nehmen. Dieses Medikament ermöglichte es mir schließlich, wieder zu arbeiten, aber es gab einen Haken: Mein Zähneknirschen wurde doppelt so schlimm. Als ich wieder ins Büro zurückkehrte, war mein Knirschproblem so ernst, dass ich meine verschriebene Zahnschiene tagsüber und im Schlaf trug, also eigentlich, wann immer ich konnte.
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Mithilfe verschiedener Medikamente und einiger Therapeut:innen konnte ich meine Depression schließlich überwinden. Sie hat aber ihre Spuren hinterlassen, vor allem in meinem Mund.
Obwohl nicht wirklich über die schädlichen Auswirkungen von Depressionen und Angstzuständen auf unsere Zahngesundheit gesprochen wird, sind sie eine Tatsache. Untersuchungen haben gezeigt, dass Menschen, die unter Depressionen leiden, eher zu Zahnverlust und -schmerzen neigen.
Unsere Mund- und psychische Gesundheit sind sehr eng miteinander verbunden. Wenn wir uns nicht um uns selbst kümmern, ist ein Besuch beim Zahnarzt oder bei der Zahnärztin fast undenkbar; unter der schweren Last einer Depression kann es sich sogar als zu viel anfühlen, sich zweimal am Tag die Zähne zu putzen. Stress kann auch das Syndrom des brennenden Mundes auslösen. Psychopharmaka wie Antidepressiva können zu Mundtrockenheit führen, was sich negativ auf das Zahnfleisch auswirkt. Essstörungen und Angstzustände können zu Zahnerosion führen.

Untersuchungen haben gezeigt, dass Menschen, die unter Depressionen leiden, eher zu Zahnverlust und Zahnschmerzen neigen.

Meine Zahnärztin fragte mich sogar, ob ich Bulimie hätte, weil meine Zähne an Zahnschmelz verloren hatten und abgenutzt waren. Ich habe keine Essstörung, muss mich aber tatsächlich fast sofort übergeben, wenn ich in Panik gerate. Das war die Ursache für meine Zahnprobleme.
Der Zustand meiner Zähne war in meinem Fall also untrennbar mit dem meiner geistigen Gesundheit verbunden, oder besser gesagt: Er war eine ständige Erinnerung daran. Der unwiderrufliche Schaden an meinen Zähnen fühlte sich wie eine Art Narbe an. Meine Zähne erinnerten mich an etwas – meine Depression –, das mich beinahe umgebracht hätte.
Ich schämte mich dafür, dass ich es zugelassen hatte, auf so öffentliche Weise auseinanderzufallen, was sich schließlich auf meine Zähne auswirkte. Ich fing an, vor Bewerbungsgesprächen zurückzuschrecken und mir die Hand vor den Mund zu halten, wann immer ich lachte. Ich fürchtete mich davor, neue Leute zu treffen.
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Vielleicht ergibt das ja auch Sinn. Intimität hat viel mit unserem Mund und allem, was sich darin abspielt, zu tun. Es gibt nichts Besseres oder Aufregenderes als Küsse, nichts, das den ganzen Körper so erfüllt wie die Worte, die aus unseren Mündern kommen. Wenn du dich also für deine Zähne schämst, leidet oft auch dein Selbstempfinden darunter.
Es gibt einen Grund dafür, dass sich der Spruch „Du bist nicht hässlich, du bist bloß arm“ oft auf unsere Zähne bezieht.
Menschen mit geringem Einkommen sind häufiger gestresst und haben deshalb auch öfter Zahnprobleme. Außerdem können sie sich seltener Behandlungen leisten, die nicht von der Krankenkasse übernommen werden. Da nicht alle das nötige Geld für private Leistungen haben, besteht eine Ungleichheit, wenn es um Zahngesundheit geht.
Jetzt geht es mir finanziell besser als noch vor einigen Jahren. Deshalb kann ich mir nun auch Behandlungen kosmetischer Natur leisten, die ich früher niemals hätte bezahlen können.
Wie viele andere Menschen mit Depressionen hörte ich damit auf, zum:zur Zahnarzt:Zahnärztin zu gehen, als es mir nicht gut ging, und redete mir ein, dass er:sie mir ohnehin bloß sagen würde, nichts für mich tun zu können.
Zum Glück lag ich mit dieser Annahme falsch. Meine Zahnärztin konnte mir viel mehr helfen, als ich je für möglich gehalten hatte.
Im vergangenen Februar stattete ich ihr einen Besuch ab. Wie immer fing ich reflexartig an, zu weinen, sobald ich auf ihrem Stuhl saß – so sehr schämte ich mich für meine Zähne.
„Ich werde dich an die Abteilung für restaurative Zahnmedizin und Traumatologie eines Krankenhauses in der Nähe überweisen“, sagte sie. Sie erklärte mir, dass mein Zähneknirschen schwerwiegend sei und eine weitere Behandlung erfordere. In der Zwischenzeit war ich sechsmal dort und ließ mich behandeln. Meine Zähne sind jetzt fast wieder da, wo sie vor meiner Depression waren.
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Mir wurden Kieferübungen empfohlen (durch Zähneknirschen ist die Kaumuskulatur überlastet und vergrößert), meine Zähne wurden gebleicht und die oberen vier Zähne wurden mit Komposit-Füllungen behandelt, wodurch sie wieder glatt und fest erscheinen. Ich habe noch weitere Termine vor mir. Die unteren Zähne sollen ebenfalls glatter gemacht werden. Außerdem brauche ich noch einer widerstandsfähigere Zahnschiene für nachts, um dafür zu sorgen, dass alles so bleibt, wie es jetzt ist.
Da ästhetische Maßnahmen (bis auf wenige Ausnahmefälle) privat bezahlt werden müssen, sind schöne Zähne ein Privileg. Damit sind Eingriffe kosmetischer Natur wie ein Teufelskreis für weniger wohlhabende Menschen, in dem Armut und psychische Erkrankungen in einer Rückkopplungsschleife gefangen sind. Es ist erwiesen, dass Kinder und Erwachsene aus ärmeren Verhältnissen häufiger psychische Probleme entwickeln als bessergestellte Menschen. Und da sie weniger Geld verdienen, ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie sich private Leistungen leisten können, auch geringer.

Wenn du dich für deine Zähne schämst, leidet auch oft dein Selbstempfinden darunter.

Diese Behandlungen sorgen nicht nur für gesunde und schöne Zähne, sondern steigern auch das Selbstvertrauen und damit wahrscheinlich auch deine Chancen auf Erfolg.
Zähne und ihr Gesundheitszustand sind symptomatisch für psychische Erkrankungen, aber es kann auch andersherum laufen. Der Schaden, den beschädigte Zähne in Hinblick auf das Selbstwertgefühl anrichten können, ist genauso Grund zur Sorge, vor allem, weil wir ständig Bildern mit perfekten Zähnen ausgesetzt sind, zum Beispiel auf Instagram. Während der gesundheitliche Aspekt eine Rolle spielt, sollte das Aussehen eigentlich unwichtig sein – und trotzdem werden schöne Zähne zunehmend wichtiger.
Im Zeitalter der sozialen Medien, wo ein Hollywood-Lächeln als das Nonplusultra gilt, reisen manche Menschen auch ins Ausland, um sich dort behandeln zu lassen. Der Grund? Die Behandlungen sind in manchen anderen Ländern günstiger. Schwierig wird es, wenn eine Nachbehandlung vonnöten ist, denn Praxen kooperieren nur teilweise bei der Nachsorge. Falls du mit dem Gedanken spielst, eine Zahnbehandlung im Ausland durchführen zu lassen, solltest du dich gründlich informieren, bevor du dich dafür entscheidest und herausfinden, wie viel von der Krankenkasse übernommen wird. Günstiger, okay. Was ist aber mit der Qualität? Im Allgemeinen können Betroffene bei einer Zahnbehandlung im Ausland Geld sparen, ohne dabei unbedingt qualitative Abstriche in Kauf nehmen zu müssen. Aber auch hier ist gründliche Recherche bei der Entscheidungsfindung zu empfehlen. Was besorgniserregende Zahnaufhellungstrends auf TikTok betrifft, so will ich erst gar nicht mit dem Thema anfangen.
Meine Zähne sind jetzt nicht perfekt. Das werden sie auch nie sein, und das ist in Ordnung. Das waren sie auch nicht, bevor ich depressiv wurde. Es geht nicht um Perfektion, sondern darum, den Gesundheitszustand vor meiner Depression und ihr ursprüngliches Aussehen wiederherzustellen. Meine Zähne sehen jetzt so aus wie vor meiner Krankheit – und das reicht mir.
Als ich kürzlich meine Familie besuchte, verglichen sie mich mit alten Fotos und sagten, es sei, als wären die letzten fünf Jahre in Bezug auf meine Zähne nie passiert. Als ich vor ein paar Wochen die Praxis meiner Zahnärztin verließ, fühlte ich mich wieder einmal sehr unsicher, was meine Zähne betrifft. Der Grund war dieses Mal aber ein anderer: Sie sahen aus wie neu. Zu Hause schaute ich in den Spiegel und schnitt Gesichter. Ich lächelte, und zum ersten Mal seit Jahren dachte ich: „Vielleicht ist jetzt wirklich alles in Ordnung.“

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