Warum mir bei einem Song in Bridgerton Staffel 2 die Tränen kamen

Foto: bereitgestellt von Netflix.
Achtung: Spoiler zur zweiten Staffel von Netflix’ Bridgerton direkt voraus!
Die zweite Staffel der Netflix-Hit-Serie Bridgerton hat viele Schock-Momente. Da wären zum Beispiel das Ende von Penelopes und Eloises bis dahin so fester Freundschaft, eine superheiße Sexszene zwischen Kate und Anthony, und, na klar, die Tatsache, dass Kate überhaupt erst was mit dem Verlobten ihrer Schwester Edwina anfängt. Die Szene, die mich aber wirklich nach Luft schnappen ließ, war deutlich weniger dramatisch. Vielleicht hast du sie nicht mal so richtig mitbekommen.
Am Vorabend der Hochzeit von Edwina Sharma (Charithra Chandran) und Anthony Bridgerton (Jonathan Bailey) begehen die Sharma-Frauen eine Haldi-Zeremonie, eine voreheliche Tradition aus der indischen Kultur, die das Paar segnen soll. Es ist ein wunderschöner Moment in der Serie, in dem Edwina von ihrer Schwester Kate (Simone Ashley) und ihrer Mutter Mary (Shelley Conn) liebevoll mit Kurkuma beschmiert wird. Während sich die Frauen unterhalten und miteinander lachen, setzt einer der inzwischen ikonischen Instrumental-Cover-Songs von Kris Bowers ein. Dieses Cover ist aber kein Top-40-Hit von Taylor Swift, Ariana Grande oder dergleichen – sondern eine Instrumental-Version eines Bollywood-Songs, „Kabhi Khushi Kabhie Gham“. 
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Allein in meinem Zimmer schnappte ich laut nach Luft, bevor ich auf Pause drückte und zurückspulte – und mir die Szene noch einmal, noch zweimal, noch dreimal anschaute. Und da waren sie, die einzigartigen ersten Noten des Songs. Klar, meine Reaktion war vielleicht übertrieben; ich war damit aber längst nicht allein. „Ich habe den Song sofort erkannt“, erzählt Charithra Chandran gegenüber Refinery29 im Zoom-Interview. „Ich drückte sofort auf Pause und schrieb Chris [Van Dusen, dem Showrunner] eine Nachricht.“ Für sie, wie für mich, kam der Song total überraschend. „Und was für eine schöne Überraschung!“, sagt sie. „Ich wurde superemotional. Es war, als würden zwei Teile meines Lebens ineinanderfließen.“
So ging es mir auch. Während meiner Jugend in einer hauptsächlich weißen Gegend schaute ich mir zwei Filme besonders oft an: Cinderella Story und Khabi Khushi Kabhie Gham. Ersterer war unter meinen größtenteils weißen Freund:innen bekannt und fester Bestandteil jeder Pyjamaparty. Zweiteren kannten nur meine Schwester und ich. Am Wochenende schlüpften wir in unsere vererbten Salwar-Kameez-Outfits und schauten uns im Keller den dreistündigen Bollywood-Klassiker an, in dem es um eine wohlhabende Familie geht, die durch Probleme des gesellschaftlichen Klassensystems auseinandergerissen wird. Bei jedem Musical-Song sprangen wir auf, tanzten vorm TV zur Stimme von Lata Mangeshkar und schwärmten von Shah Rukh Khan, dem Leonardo DiCaprio von Bollywood (aber besser, ehrlich gesagt).
Trotz der Tatsache, dass wir nicht als Kinder schon Hindi oder Punjabi zu sprechen lernten und deswegen größtenteils gar nicht verstehen konnten, was auf dem Bildschirm gesagt wurde (dafür gibt’s Untertitel), bedeuteten uns diese Filme trotzdem so viel. Sie erinnerten uns immer an unsere Besuche bei Oma und Opa, bei denen wir uns in deren riesiges Bett kuschelten und Kuch Kuch Hota Hai und Kabhi Khushi Kabhi Gham auf Videokassette guckten.
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Auch Chandran verbindet mit dem Song schöne Erinnerungen. „Kabhi Khushi Kabhie Gham ist einer der Lieblingsfilme meiner Mum“, sagt sie. „Wenn ihr langweilig ist, schaut sie ihn sich an.“ „Ich finde es so cool, dass sie [den Song] in die Serie aufgenommen haben“, meint auch Simone Ashley (Kate). „Ich bin einfach so froh, dass sie verschiedene Kulturen repräsentieren und sich die Leute in dieser Serie selbst hören können. Das bringt sicher viele zum Lächeln.“
Und obwohl diese Erlebnisse mit unseren Großeltern auf ihre ganz eigene Art etwas Besonderes waren – wie generell jede Stunde, die du mit deinen Großeltern verbringst –, waren sie auch auf kultureller Ebene so wichtig. Das waren einige der wenigen Momente, in denen wir uns unserer südasiatischen Wurzeln besonders bewusst waren.
Viele Kinder zugezogener Einwanderer:innen kennen dieses Gefühl nur zu gut. Zwischen zwei Kulturen aufzuwachsen, kann manchmal ein bisschen peinlich sein (ich weiß noch, wie ich rausfand, dass nicht alle Familien ihre Verwandten auf den Mund küssten, und mich dafür schämte); es kann sich aber auch wie ein Verlust der und eine Distanz zur eigenen Kultur und Identität anfühlen. Meine Familie väterlicherseits stammt aus Französisch-Guyana – einem karibischen Land mit vielschichtiger Vergangenheit, in dem zahlreiche Menschen aus Indien, Afrika, China und Europa nebeneinander leben –, ist aber aus ethnischer Sicht südasiatisch (die Familie meiner Mutter hingegen kommt aus England und Schottland). Meine Vorfahren kamen vermutlich als Leiharbeiter:innen aus Indien. Generationen aus Immigrant:innen haben die indo-guyanische Kultur zwar wunderschön gestaltet, doch ist sie in sich fragmentiert und kulturell sowohl karibisch als auch indisch beeinflusst. Meine Familie spricht selbst kein Wort Hindi oder Punjabi; sie lieben Soca- und Bollywood-Musik gleichermaßen, und manchmal ziehen wir zu Familienhochzeiten Saris an (obwohl wir keine Ahnung haben, wie die gebunden werden).
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Obwohl ich als Erwachsene begreife, dass auch diese schöne Mischung eine eigene kulturelle Identität ausmacht, wünschte ich mir während meiner Jugend immer, ich würde ganz klar in eine Schublade passen. Ich hatte nie den Eindruck, so richtig dazuzugehören – zu keiner meiner diversen Kulturen. Auch dieses Gefühl kennen viele Kinder von Immigrant:innen sehr gut: den Wunsch, zu den westlicheren (sprich: weißen) Freund:innen dazuzugehören, gleichzeitig aber an der anderen kulturellen Identität festzuhalten und sich dabei immer zu fühlen, als gäbe man sich einfach nicht genug Mühe.
Gefangen zwischen all diesen komplizierten Gedanken rund um meine Identität gaben mir Bollywood-Filme und -Songs das Gefühl, zumindest irgendeinen Teil meiner Identität gefunden zu haben. Diese Filme und Lieder waren etwas Greifbares, das ich als meine Repräsentation betrachten konnte – zumindest teilweise. Das ist auch ein Grund dafür, warum ich drei Jahre lang Bollywood-Tanzstunden nahm.
Die ersten Töne von „Kabhi Khushi Kabhie Gham“ in einer beliebten Netflix-Serie zu hören, neben anderen ikonischen westlichen Hits wie Madonnas Material Girl, war so aufregend – eine seltene Situation, in der zwei meiner Identitäten perfekt aufeinandertrafen und auf authentische Weise nebeneinander existieren konnten.
Und das gab mir ein Gefühl der Bestätigung. Obwohl wir zum Glück inzwischen wissen, dass auch nicht-westliche Serien und Filme absolut sehenswert sind (siehe: Parasite, Squid Game, und so weiter), ist es doch unglaublich wertvoll, dich selbst und deine Kultur auf einfühlsame Art in einer Blockbuster-Serie wiederzuerkennen. Das Einbeziehen eines beliebten indischen Songs in einer Serie, die sich selbst einem zeitgemäßen, bedeutsamen Soundtrack verschrieben hat, ist eine Anerkennung dessen, dass dieser Song – und Bollywood-Songs generell – auch über die Grenzen seines Ursprungslands hinweg seinen Wert hat.
Und obwohl Bridgertons zweite Staffel auch über die restlichen Episoden hinweg über die Sharma-Familie immer wieder oberflächlichere Momente der südasiatischen Repräsentation einstreut – wie der Schnitt und die Perlendetails ihrer Kleider, die Kommentare zu indischem vs. britischem Tee, der Kosename „Didi“ der Schwestern und Edwinas Jhumka-Ohrringe –, ist die Verwendung von Bollywood-Musik doch nochmal etwas ganz Besonderes. Die Tatsache, dass das Ganze so subtil geschieht und vermutlich nur von denen bemerkt wird, die die Films und Songs des Genres kennen, wirkt wie ein absichtliches Zuzwinkern, das uns sagen will: Ja, diese Szene einer Serie über und in England richtet sich an ein bestimmtes Publikum. Mir kam das wie ein besonderer Moment vor, der gezielt für südasiatische Zuschauer:innen geschrieben worden war, um ihre Kultur zu würdigen.
Es sind genau solche Szenen, die uns alle einander näher bringen – über Kulturen hinweg.

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