Squid Game zu gucken, macht dich nicht weniger kapitalistisch

Foto: bereitgestellt von Netflix.
Achtung: Spoilers für Netflix’ Squid Game direkt voraus! 
Wenn du Squid Game nicht inzwischen längst selbst gesehen hast, hast du die Serie garantiert trotzdem von allen Seiten empfohlen bekommen. Das koreanische Drama wird gerade zu einer der meistgesehenen nicht-englischsprachigen Produktionen aller Zeit und war zeitweise in 90 Ländern die Nummer 1 der Netflix-Charts. Netflix’ CEO Ted Sarandos hat spekuliert, Squid Game könne ihre erfolgreichste Show überhaupt sein, und ein südkoreanischer Internetanbieter hat Netflix sogar wegen des durch die Serie verursachten enormen Datenaufkommens verklagt. 
Aber woran liegt es, dass diese blutig-brutale Serie – in der finanziell verzweifelte Teilnehmer:innen für Geld bei diversen Kinderspielen wortwörtlich um Leben und Tod kämpfen, während reiche VIPs ihnen dabei zusehen – ein gigantisches internationales Publikum so zu faszinieren scheint? Vielleicht an der Tatsache, dass das Ganze kaum fiktiv ist. Squid Game spiegelt unsere gesellschaftliche Realität perfekt wider, indem es Themen wie den Klassenkampf und wirtschaftliche Ängste in einen dramatischen Wettbewerb destilliert.
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Squid Game ist dabei kein Einzelphänomen, sondern folgt auf eine Reihe von Filmen und TV-Serien, die für ihre Kritik an unserer kapitalistischen Welt in den letzten Jahren gefeiert wurden. Dazu zählen unter anderem der koreanische Oscar-Preisträger Parasite (2019) sowie der amerikanische Sorry to Bother You (2018). Unser Appetit für antikapitalistisches Entertainment ist eindeutig noch immer nicht gestillt.

Die Überzeugung, die Teilnehmer:innen am Squid Game hätten tatsächlich die freie Wahl gehabt, zeigt, wie weit wir in Wahrheit davon entfernt sind, mit der Illusion des freien Willens in einer kapitalistischen Gesellschaft zu brechen. 

Das ist allerdings wenig überraschend, wenn wir uns mal ansehen, wie wir uns in den letzten Jahren immer weiter vom Kapitalismus distanziert haben, insbesondere während der finanziellen Strapazen einer globalen Pandemie. Genau deswegen werden Leute wie die US-Demokratin Alexandria Ocasio-Cortez zu politischen Superstars, und Sozialismus ein immer größerer Bestandteil vom aktuellen Zeitgeist. In einem Zeitalter, in dem es cool ist, den Kapitalismus zu verachten, ist auch kapitalismuskritisches Entertainment cooler denn je. Aber gilt das schon als politischer Fortschritt? Der:die anti-imperialistische Organisator:in Rhamier Balagoon von der Black Alliance for Peace findet: Nein. „Im Kapitalismus kann alles zur Konsumware und letztlich entradikalisiert werden“, sagt er:sie gegenüber Refinery29. „Im kommerziellen Amerika ermöglicht Hollywood performative Gesten, mit denen Menschen die Fantasie des Widerstands gegen ein brutales System romantisieren können.“
Balgoon hat Squid Game noch nicht gesehen, betrachtet die wachsende Beliebtheit von antikapitalistischem Entertainment aber als Möglichkeit für Liberale, vermeintlich radikalen Diskurs „auszuprobieren“, ohne sich wirklich aktiv daran beteiligen zu müssen. Das hat auch Milliardär Jeff Bezos gerade bewiesen, indem er twitterte, er könne „es nicht erwarten“, die Serie zu schauen. Die Ironie dabei entging kaum jemandem: Bezos’ eigene Angestellte arbeiten oft unter unsicheren, schlimmen Bedingungen
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Ein weiteres Anzeichen dafür, dass viele Zuschauer:innen die radikale antikapitalistische Message von Squid Game gar nicht richtig verstanden haben: Viele von ihnen sind selbst nach der Serie noch der Meinung, die Charaktere hätten ja „freiwillig“ bei dem Spiel mitgemacht, obwohl sie alle eigentlich unter Armut und lebensbedrohlichen Schulden litten. Eine der beliebtesten Figuren der Show, Ji-yeong, enthüllt sogar, sie sei gerade aus dem Gefängnis entlassen worden, nachdem sie ihren missbräuchlichen Vater getötet hat. Die Überzeugung, die Teilnehmer:innen am Squid Game hätten tatsächlich die freie Wahl gehabt, zeigt, wie weit wir in Wahrheit davon entfernt sind, mit der Illusion des freien Willens in einer kapitalistischen Gesellschaft zu brechen. 

Neues antikapitalistisches Entertainment sollte aber nicht fälschlicherweise als Anzeichen eines gesellschaftlichen Fortschritts interpretiert werden, den wir noch nicht wirklich gemacht haben. 

„Der Glaube an den freien Willen wird höchst effektiv vom weißen Kapitalismus dazu genutzt, Leuten einzureden, sie seien selbst für die beschissenen Umstände verantwortlich, die ihnen der Kapitalismus aufzwingt“, meint Bobo Matjila, Online-Philosophin und Co-Moderatorin beim PodcastBobo and Flex. „Eine Gesellschaft, die an den freien Willen glaubt, glaubt gleichzeitig unterschwellig daran, jede:r sei selbst für die eigene Situation und die eigenen Finanzen verantwortlich – ganz egal, wie sehr er:sie von der Gesellschaft ausgestoßen oder unterdrückt wird.“
Balagoon sieht das ähnlich; er:sie findet, aktuell würde noch jeder Mensch dazu gezwungen, am Kapitalismus teilzunehmen. „Abgesehen von einer echten Revolution gibt es keine wirkliche Möglichkeit, sich dem Kapitalismus zu entziehen und das System auf den Kopf zu stellen“, sagt er:sie. „Du kannst so antikapitalistisch eingestellt sein, wie du willst; trotzdem musst du immer noch morgens aufstehen und zur Arbeit gehen.“
Um gegenüber dem Autor und Regisseur von Squid Game, Hwang Dong-hyuk (der die Show schon 2009 schrieb, daraufhin aber zehn Jahre lang von Filmstudios abgewiesen wurde und seinen Laptop verkaufen musste, um finanziell überhaupt über die Runden zu kommen), fair zu bleiben: Ein großer Teil der antikapitalistischen Message der Serie scheint in der Übersetzung verloren gegangen zu sein. In einem viralen TikTok erklärte Youngmi Mayer, Co-Moderatorin beim Podcast Feeling Asian, englischsprachigen Zuschauer:innen seien wichtige Nuancen in entscheidenden Szenen entgangen – wie zum Beispiel in der Murmel-Szene in Episode 6. In der aktuellen englischen Übersetzung sagt Oh Il-nam dort: „We share everything“ – also „Wir teilen alles“ –, im Koreanischen aber so viel wie: „Zwischen uns beiden gibt es keinen Besitz.“ Wichtig zu bedenken ist dabei aber, dass viele Übersetzer:innen chronisch unterbezahlt und überarbeitet sind. Deswegen betont Mayer auch: „Daran sind die Produzent:innen schuld.“
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Abgesehen von den Übersetzungsproblemen beweist die Beliebtheit von Squid Game, nur zwei Jahre nach Parasite, vor allem eins: Antikapitalistisches Entertainment wird uns noch eine Weile beschäftigen – und das sollte es auch. Neue Releases sollten aber nicht fälschlicherweise als Anzeichen eines gesellschaftlichen Fortschritts interpretiert werden, den wir noch nicht wirklich gemacht haben. 
„So gut diese Serien auch sind – ich finde nicht, dass sie es schaffen, wirklich unsere Blickwinkel zu verändern, weil sie eben darstellen, nicht vorschreiben“, meint Matjila. „Sie stellen den Horror des Daseins in der Spätphase des Kapitalismus super dar, bieten aber kaum eine Lösung für diese Albträume an.“ Die Konsequenz: Wir riskieren, uns nach dem Konsum dieser Serien politisch aktiver zu fühlen, als wir tatsächlich sind, findet Matjila. 
Kurz gesagt: Wir sollten Squid Game und ähnliche Serien und Filme genießen und feiern. Sie gefallen uns vor allem deswegen so gut, weil sie so nachvollziehbar sind. Trotzdem sollten wir uns dessen bewusst sein, dass uns ihr Antikapitalismus von den Milliardär:innen verkauft wird, die hinter Netflix stehen. Und sind wir durch das Anschauen von Squid Game am Ende überhaupt besser als die VIP-Zuschauer:innen in der Serie? 

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