Lasst uns bitte endlich mit dem Mythos der „verrückten“ Ex aufräumen

Foto: Jessica Garcia
Stell dir einen Moment lang vor, dass du eine heterosexuelle Frau bist, die Beziehungen zu heterosexuellen Männern hat. Einer dieser Männer erzählt dir, dass seine Ex-Freundin „verrückt“ sei, dass „sie nicht alle Tassen im Schrank“ habe. Was tust du? Ich hoffe, dass du mit Skepsis reagierst. Dann fragst du ihn vielleicht, ob er damit meint, dass sie ihm gegenüber ihre Wut, Frustration oder Enttäuschung über etwas zum Ausdruck gebracht hat, das er möglicherweise gesagt oder getan hat.
Ich kannte zum Beispiel einmal einen Mann, der mit zwei Frauen aus demselben Freundeskreis schlief. Er warnte beide, dass die jeweils andere „verrückt“ sei und dass sie „durchdrehen“ würde, wenn sie von ihrem Techtelmechtel erfahren würde. Als die beiden Frauen zufällig einen Abend mit gemeinsamen Freund:innen in der Kneipe verbrachten, wurde ihnen schnell klar, dass keine der beiden „irre“ war. Tatsächlich waren beide von jemandem, der ein Interesse daran hatte, ihre Intuition und Legitimität zu untergraben, belogen, manipuliert, pathologisiert und in einem komplizierten Netz aus Unehrlichkeit und Unaufrichtigkeit gefangen gehalten worden.
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Dieser Mann konnte seine Machtposition stärken, indem er diese zwei Frauen zum Schweigen brachte und sie davon abhielt, miteinander zu sprechen. Meines Wissens gibt es keine genauen Studien zu diesem Thema, aber wenn jemals eine Umfrage durchgeführt werden würde, würde die Mehrheit der Frauen mit Sicherheit antworten, dass sie irgendwann einmal in einer Beziehung mit einem Mann gewesen seien, der seine Ex als „gaga“ bezeichnete. Bei näherer Betrachtung stellt sich fast immer heraus, dass die Frau in Frage geistig völlig gesund war, sich aber geweigert hatte, sich auf eine minderwertige Weise behandeln zu lassen, und es sogar gewagt hatte, das laut auszusprechen.
Der Mythos der „verrückten Ex“ ist so allgegenwärtig, dass eine ganze Netflix-Serie darauf basiert. Der Titel der Serie – Crazy Ex-Girlfriend – wurde kritisiert, weil er das Stigma rund um psychische Erkrankungen und geschlechtsspezifische Stereotypen über irrationale und realitätsfremde Frauen verfestigt. Das Verhalten vom Gaslighter Nummer eins – Donald Trump – zeigte, dass Frauen nicht nur in romantischen Beziehungen fälschlicherweise als psychisch krank abgetan werden, wenn sie Dinge sagen, die Männern nicht gefallen, sondern auch auf der politischen Bühne.
In einer Tirade bezeichnete Trump Kamala Harris als „irre Frau“ und bezeichnete sie als „so wütend“. Auch Nancy Pelosi, die Sprecherin des US-Repräsentantenhauses, bezeichnete er als „völlig verrückt“. Der damalige Präsident bediente sich häufig sexistischer Sprache, ähnlich, wie er sich oft auf rassistische Stereotypen berief. Die Absicht war klar: die Intelligenz und Glaubwürdigkeit seiner weiblichen Gegner:innen und Kritiker:innen zu untergraben, ihre Macht zu schmälern und das zu schwächen, was er als Bedrohung für seine eigene Position ansah.
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Untersuchungen deuten darauf hin, dass es für Frauen schwieriger ist, Autorität mit Sympathie zu verbinden. Wenn sie bei einem gut abschneiden, schneiden sie bei dem anderen schlecht ab.

Deborah Cameron, Professorin für englische Sprache und Kommunikation in Oxford
Wir hören immer wieder, dass Frauen „verrückt“ seien, aber wie viel Aufmerksamkeit sollten wir dieser Sprache schenken? Das sind doch „nur Worte“, oder? Stock und Stein und so weiter.
Wenn uns die letzten paar Jahre in der Politik etwas gelehrt haben – vom Ergebnis des EU-Referendums bis zum Wahlsieg von Donald Trump über Hillary Clinton, von der Wahl Boris Johnsons, um den Brexit zu managen, und der schwer verständlichen Sprache, mit der die Regeln für das Coronavirus während der Pandemie erklärt wurden –, dann, dass Sprache das mächtigste Werkzeug ist, das uns zur Verfügung steht.
Und wenn wir uns die Art und Weise ansehen, durch die Frauen mithilfe von geschlechtsspezifischer Sprache untergraben werden, wird klar, dass es nicht nur darum geht, was wir sagen, sondern auch, wie wir es sagen. Deborah Cameron ist Professorin für englische Sprache und Kommunikation in Oxford. Sie schreibt seit Langem über die schädlichen Auswirkungen von geschlechtsspezifischer Sprache. Sie erklärt, dass Frauen dafür bestraft werden, wenn sie Gefühle ausdrücken. Sie hat geschrieben, dass „Untersuchungen darauf hindeuten, dass es für Frauen schwieriger ist, Autorität mit Sympathie zu verbinden. Wenn sie bei einem gut abschneiden, schneiden sie bei dem anderen schlecht ab“. Das haben wir bei den US-Wahlen gesehen, als Hillary Clinton als „schrill“ bezeichnet wurde, als sie eine nachdrückliche Erklärung abgab, während ihr demokratischer Rivale Bernie Sanders als „leidenschaftlich“ wahrgenommen wurde. Die Stimme einer Frau als „schrill“ zu bezeichnen, fügt Cameron hinzu, „ist eine Umschreibung für ‚sie hat sich nicht unter Kontrolle‘“.
Weder Trump noch die zahllosen anderen Männer, die eine Frau mit einer stark geschlechtsspezifischen Sprache abgetan haben, um ihre Glaubwürdigkeit zu untergraben, haben den „Frauen sind verrückt“-Mythos ins Leben gerufen. Dieser Irrglaube ist ein uraltes, erprobtes Skript, dessen sie sich bedienen. Helen Sauntson, Professorin für englische Sprache und Linguistik an der York St. John University, sagt, dass dieses beabsichtigte Gendern der Sprache, um Frauen als geistig unzureichend darzustellen, wenn sie für sich oder etwas eintreten, woran sie glauben, etymologisch auf die Verknüpfung von „Hysterie“ mit dem Besitz einer Gebärmutter zurückgeführt werden kann.
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„Im Laufe der Geschichte", erklärt sie, „wurde Hysterie als geschlechtsselektive Störung dargestellt.“ Im alten Griechenland glaubte man, dass die Gebärmutter durch den weiblichen Körper wandern und jeden Aspekt der Physiologie und Psyche einer Frau beeinflussen könne. Das Kategorisieren von Frauen als „hysterisch“ lässt sich auf diese inzwischen widerlegte Vorstellung zurückführen. Das Wort an sich stammt jedoch von dem griechischen Wort für Gebärmutter, „hystera“, ab, und die Vorstellung, dass die Emotionen von Frauen nicht legitim seien, weil sie durch eine „umherlaufende Gebärmutter“ verursacht würden, ist immer noch impliziert. Sprachlich lässt sich im Laufe der Geschichte nachverfolgen, dass das Verhalten von Frauen auf ihre Hormone und ihren Körper zurückgeführt wird, und wir können sehen, wie diese Einstellung immer noch dazu verwendet wird, um sie sowohl in der Öffentlichkeit als auch als jenseits davon zu untergraben.
Helen fügt hinzu: „Wenn wir uns anschauen, wie die Wörter ‚verrückt‘ und ‚irre‘ heutzutage verwendet werden, dann wird klar, dass sie immer noch eher mit Frauen in Verbindung gebracht werden als mit Männern.“ Der Gebrauch solcher Sprache ist „in der uralten Vorstellung eingebettet, dass Frauen nur dazu da seien, Nachkommen zu produzieren, und dass sie ‚unzuverlässig‘ und Sklavinnen ihres eigenen Körpers seien. Solange sie das tun, ist alles in Ordnung. Wenn sie diese Rolle aber nicht erfüllen, gibt es ein Problem. Sie werden als irrational abgetan, und wenn das passiert, verstärkt das die Vorstellung, dass Logik eine reine Männer-Domäne sei.“

Sprache ist immer mit Handlungen und Verhaltensweisen verbunden. Deshalb sollten wir ihr Beachtung schenken.

Helen Sauntson, Professorin für englische Sprache und Linguistik an der York St. John University
Prinzessin Diana ist ein besonders bemerkenswertes Beispiel für den Mythos der „verrückten Frau“ oder „verrückten Ex“. Wie die Journalistin Sophie Heawood feststellte, wurde sie regelmäßig als „irre“ abgetan, wenn sie Dinge tat – wie die königliche Familie oder ihren Ex-Mann (den zukünftigen König von England) im nationalen Fernsehen zu kritisieren, weil er eine Affäre hatte. Aber wie wir heute wissen, befand sie sich in einer wenig beneidenswerten öffentlichen Position, stand ständig auf dem Prüfstand und war mit einem Mann verheiratet, der eine Affäre mit einer anderen Frau hatte. „Je älter ich werde“, schrieb Sophie über sie, „desto mehr erkenne ich, dass Frauen als verrückt beschrieben werden, obwohl sie in Wirklichkeit klug und mächtig sind und einen verdammt guten Grund für ihre Wut haben.“
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Wenn eine Frau durch herablassende Worte auf diese Weise abgelehnt wird, liegt das oft daran, dass Leute nicht hören wollen, was sie zu sagen hat; es ist unangenehm und sorgt für Anspannung. Das Narrativ vom weiblichen „Wahnsinn“ ist tief verwurzelt. Worte sind aber nie „nur Worte“. Die Sprache, die wir (und vor allem diejenigen in Machtpositionen) verwenden, verstärkt negative, schädliche und überholte kulturelle Stereotypen über Ethnizitäten, Sexualität und Gender und verleiht ihnen Glaubwürdigkeit.
Die Forschung hat gezeigt, dass Menschen mit diskriminierenden Einstellungen durch das Hören von Sprache, die diese Einstellungen verstärkt, in ihren Überzeugungen bestärkt werden können. Helen verweist auf eine Studie, in der festgestellt wurde, dass Männer, die sexistische Überzeugungen haben, durch sexistischen Humor bestärkt werden, weil dieser ihre Vorurteile gegenüber Frauen glaubhaft macht. Sie fügt hinzu, dass es sehr wohl eine Rolle spielt, wenn Männer – ob sie nun der Präsident der Vereinigten Staaten sind oder jemand, den man gerade erst kennengelernt hat – Frauen, die ihnen gegenüber kritisch sind, als „verrückt“ abtun. Damit bekräftigen sie nämlich die Vorstellung, dass eine Frau, die ihre Meinung oder ein Gefühl äußert, nicht ernst genommen werden sollte. „Sprache“, sagt Helen abschließend, „ist immer mit Handlungen und Verhaltensweisen verbunden. Deshalb sollten wir ihr Beachtung schenken.“
Als Reaktion auf das jahrhundertealte Dogma, dass Männer von Natur aus rationaler und glaubwürdiger seien als Frauen, sollten wir nicht blindlings das sexistische Blatt wenden und die Vorstellung verstärken, dass Frauen nie etwas falsch machen. Nein. Wir wissen, dass das nicht wahr ist. Frauen sind weder in der Politik noch in ihrem Privatleben über jeden Vorwurf erhaben. Denn auch sie sind fähig, zu lügen, betrügen, fremdzugehen und manipulativ zu sein. Wir sollten jedoch unsere Sinne auf abgedroschene Stereotypen schärfen und sie hinterfragen, wann immer wir damit konfrontiert sind. Die Art und Weise, wie wir sprechen, wirkt sich nämlich darauf aus, wie wir unsere Realität wahrnehmen. Ist eine Frau wirklich „verrückt“ – oder hat sie einfach Durchsetzungsvermögen? Ist sie „irre“ – oder ärgert sie sich bloß möglicherweise über etwas und bringt das zum Ausdruck?
Wie Bell Hooks in All About Love – New Visions schreibt, lügen Männer, um ihre Macht über Frauen aufrechtzuerhalten, und indem sie das tun, „präsentieren sie ein falsches Selbst“. Der Preis, den sie dafür zahlen, ist aber letztlich „der Verlust ihrer Fähigkeit, Liebe auf authentische oder sinnvolle Weise zu geben und zu empfangen“. Der Ausdruck einer Emotion, eines leidenschaftlichen Gedankens oder Gefühls macht eine Person – unabhängig von ihrer Sexualität oder ihrem Geschlecht – nicht „verrückt“ oder „irre“. Es macht sie menschlich. Wenn jemand also eine Ex-Partnerin mit diesen Worten beschreibt, solltest du dir den Gefallen tun und fragen, warum.

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