Rosenwasser: Das natürliche Wundermittel für glänzende Haare

Wer schon einmal in Marrakesch war, weiß, wie belebt die Hauptstadt von Marokko wirklich ist. Links und rechts rasen Mopeds mit einer gefährlichen Zahl an Passagieren an dir vorbei. Marktschreier rufen dir aus jeder Ecke zu. Und wenn du nicht aufpasst, könntest du plötzlich in einen Esel laufen. Entlang der alten Gassen reihen sich Geschäfte, die ihren kunterbunten Schnickschnack faszinierten Tourist*innen präsentieren. In vielen dieser Läden sieht man vor allem kleine, mit Rosen verzierte Plastikflaschen, hübsch nebeneinander aufgereiht.
Auf den ersten Blick sieht die Flüssigkeit darin aus wie stink normales Wasser. Doch schraubst du eine der Flaschen auf und schnupperst rein, wirst du merken, dass das Wasser einen rosigen Duft versprüht. Das liegt daran, dass es sich eben auch um genau das handelt: Rosenwasser. „Rosenwasser ist eines der beliebtesten Zutaten in Marokko“, meint Siham Lahmine, Operation Manager von Plan-It Morocco, einem marokkanischen Reisebüro. „Die persische Rose wurde vor Jahrhunderten in Marokko angebaut und wurde anfangs von den Einheimischen sehr gern verzehrt.“ Im Laufe der Geschichte wurde es dann als Heilmittel gegen Insektenstiche und Verbrennungen, als Aromastoff in Lebensmitteln und Tees und als Kosmetikprodukt – vor allem in der Haar- und Hautpflege – verwendet.
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Während meiner Zeit in Marrakesch nahm Lahmines Team mich und eine Gruppe anderer Redakteur*innen mit auf eine Beauty-Tour. Marokkanische Frauen zeigten uns, wie sie das Rosenwasser und andere lokal angebaute Naturmittel wie Arganöl verwenden. Gleichzeitig lernten wir mehr über die kulturelle Bedeutung dieser Zutaten. In fast allen ihren altbewährten Rezepten, die über Generationen weitergegeben und verfeinert wurden, diente Rosenwasser beispielsweise als Verdünnungsmittel. Obwohl normales Wasser günstiger war, bevorzugte man zur Herstellung der alten Beauty-Produkte oft lieber die duftenden Flüssigkeit. „Um ein paar Liter Rosenwasser zu produzieren, braucht man Tonnen von Rosenblüten“, so Lahmine. „Die marokkanischen Frauen geben das Geld dafür aber gern aus, denn es kann für verschiedene Dinge angewendet werden und ist sehr wirksam.“
Auch für Salma Ekambi, Gründerin der Netzwerkplattform Blk History Project ist Rosenwasser ein Must-have in Sachen Beauty. Sie ist zur Hälfte Marokkanerin. In ihrer Kindheit gab es immer Rosenwasser. „Wir hatten es immer Zuhause“, sagt sie. „Wenn ich Migräne hatte, packte meine Mutter in ein Tuch ein paar zerdrückte Nelken, Knoblauch und Rosenwasser und band es mir dann um den Kopf.“ Auch nach dem Duschen pflegte sie Gesicht und Körper mit dem Wasser.
Die kulturelle Bedeutung des Rosenwassers ist tiefgreifend: Aufgrund ihrer persischen Wurzeln, brachten Shiva Tavakolis und ihr Bruder Keyvan Joon heraus. Die Haarpflegelinie, kombiniert moderne Rezepturen mit der traditionellen Verwendung von Rosenwasser. „Ich benutze Rosenwasser seit Jahren. Es spendet meiner Haut und meinen Haaren Feuchtigkeit und macht sie weich“, sagt sie. „Im Iran trinken wir es sogar, damit sich unser Hautbild verbessert – Rosenwasser hat nämlich entzündungshemmende Eigenschaften.“
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Die Vorteile für das Haar kann auch Erica Bibb, eine Kosmetikchemikerin aus Chicago bestätigen. Sie sagt, Rosenwasser sei dank seines leicht sauren pH-Wertes besonders effektiv in Haarpflegeprodukten. „Rosenwasser ist ein natürliches antibakterielles Mittel, das extrem feuchtigkeitsspendend ist und zudem einen angenehmen Duft hat. Wenn das Haar einer sauren Umgebung ausgesetzt ist, verursacht es eine Verengung der Schuppenschicht, was zu einer besseren Speicherung der Feuchtigkeit führt.“
Laut der Dermatologin Dr. Angela Kyei gibt es heute noch nicht genug solide Forschung, um die Wirkung von Rosenwasser wissenschaftlich nachzuweisen. Trotzdem glaubt würde sie jeder Person raten, es in die Beauty-Routine mit einzubauen. „Es gibt nicht viele Studien, die die Vorteile von Rosenwasser für das Haar belegen“, sagt Dr. Kyei. „Die starken antioxidativen und antiviralen Eigenschaften sprechen aber für sich. Deshalb wird es in vielen Kulturen für medizinische Zwecke verwendet.“
Auch große Haarpflege-Brands wie Pantene experimentierten mit dem Wasser. Bei der Entwicklung der neuen Moisture Boost-Linie testete das Unternehmen die genaue Zusammensetzung des Rosenwassers, um herauszufinden, warum der Inhaltsstoff in der Haarpflege so vorteilhaft zu sein scheint. „Mit der Hilfe eines Schweizer Vitamininstituts konnten wir ermitteln, dass Rosenwasserproben signifikante Konzentrationen der Vitamine B5 und B3 aufwiesen“, sagt Jeni Thomas, Global Science Communications Leader für Pantene. „Beide sind bekanntermaßen wunderbar zur Stärkung der Feuchtigkeitsbarriere von Haut und Haar.“
Die gute Nachricht ist: Du musst jetzt nicht gleich einen Flug nach Marrakesch buchen, um die Vorzüge des Rosenwassers zu erleben (wäre in Zeiten von Corona ja sowieso nicht wirklich möglich). Viele Haarpflege-Produkte führen das Wundermittel schon in ihren Inhaltsstoffen auf. Und in Reformhäusern und Bio-Märkten gibt’s das Wasser auch pur in kleinen Fläschchen zu kaufen – so kannst du deine Shampoos und Conditioner damit anreichern.
Jedes Jahr im Mai findet in der marokkanischen Stadt Kalaat M'gouna, was übersetzt “Tal der Rosen“ bedeutet, ein Rosenfestival statt. Dort versammeln sich tausende Einheimische und Touristen und singen und tanzen durch die Straßen. Gefeiert wird die Ernte der Blume – und wenn man schon einmal da ist, kann man sich gleich in der Schönheit der Blüten sonnen. Es ist ein lebhaftes, süßlich duftendes Zeugnis dafür, wie wichtig die Rose für die Kultur der Marokkaner*innen ist. Vielleicht ist es also an der Zeit, dass auch wir sie in unsere Beauty-Routine einbinden.

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