Summer Of Love

Als ich mit Autismus diagnostiziert wurde, ließ ich das Daten sein… bis jetzt

Illustration: Sarah Cliff
Diese Woche warten vier Dates auf mich. Das kommt jetzt wahrscheinlich so rüber, als würde ich angeben wollen, aber ich bin eigentlich ein bisschen gestresst deswegen. Aufgrund dieser Verabredungen muss ich nämlich auf Treffen mit Freund:innen verzichten, um sicherzugehen, dass ich es nicht mit dem Socializing übertreibe, und so mein Energieniveau in Schach halten kann. Und warum all das? Weil ich Autistin bin.
Das letzte Mal, also ich so viele Dates hatte, war während meines selbsterklärten Hot-Girl-Sommers 2019. In jenem September hatte ich drei Dates an drei aufeinanderfolgenden Tagen, aber ich hatte auch einen Vollzeit-Bürojob, ging viel unter Leute und traf nicht immer die besten Entscheidungen. Außerdem steuerte ich gerade direkt auf ein Burnout zu.
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Zwei Wochen später wurde ich mit einer Autismus-Spektrum-Störung (ASS) diagnostiziert, was mich wie ein Hammerschlag traf. Aus unterschiedlichen Gründen fühlte ich mich überwältigt und alles andere als gut und hörte auf, zu daten.
Ich fühlte mich immer noch mies, als dann die Pandemie ausbrach. Mit dem Sommer und der Katze, die ich adoptierte, ging es mir aber wieder besser. Deshalb wagte ich mich langsam auch wieder in die Welt der Dating-Apps. Ich nahm das Ganze aber nicht sehr ernst, da ich wusste, dass der nächste Lockdown bevorstand und wir bald wieder in unseren eigenen vier Wänden eingesperrt sein würden. Über den Winter wurde mir klar, dass Zoom-Dates und kalte, unangenehme Spaziergänge einfach nichts für mich sind. Aus diesem Grund habe ich erst seit einigen Monaten, als der letzte Lockdown aufgehoben wurde und sich die Lage für uns alle zu entspannen begann, wieder Dates.
Meine Autismus-Diagnose ermöglichte es mir, viel über mich selbst zu lernen. So viele Dinge machten auf einmal Sinn: warum ich keinen Blickkontakt mochte, warum bestimmte Geräusche bei mir körperliches Unbehagen auslösten und warum ich in manchen sozialen Situationen immer Schwierigkeiten hatte.
Als Teenie und mit Anfang 20 wurden bei mir verschiedene psychische Probleme diagnostiziert – darunter Depressionen, Angstzustände und Magersucht. Nichtsdestotrotz hatte ich aber immer das Gefühl, dass da noch etwas anderes im Spiel ist. Ich stolperte über einige Artikel darüber, wie sich Autismus bei erwachsenen Frauen äußert und war sprachlos: Es war, als drehten sie sich alle um mich.
In Sachen Autismus werden Frauen leider nicht oft genug richtig diagnostiziert. Die diagnostischen Kriterien orientieren sich sehr an Männern, weil ursprünglich gedacht wurde, dass die Krankheit nur das männliche Geschlecht betreffe. Daher schlüpfen die meisten autistischen Mädchen und Frauen durch die Maschen. Niemand hat mir oder meinen Eltern gegenüber jemals angedeutet, dass ich Autistin sein könnte. Ich wurde nur deshalb mit ASS diagnostiziert, weil ich mich darüber informiert hatte, wie sich Autismus bei Frauen bemerkbar macht, und dann selbst auf die Diagnose gedrängt hatte.
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Trotzdem war es ein Schock, als mir schließlich mitgeteilt wurde, dass ich Autistin bin. Es hat eine Weile gedauert, bis ich mich daran gewöhnen konnte, und ich musste in meinem Leben einige große Veränderungen aufgrund meiner Bedürfnisse vornehmen. Die Zeit allein während der Pandemie hat mir dabei geholfen, herauszufinden, was diese Bedürfnisse tatsächlich sind. Zudem habe ich erkannt, dass das Alleinleben (mit einer Katze) die perfekte Lebenssituation für mich ist.
Den diagnostischen Prozess durchlief ich zwar während des bereits erwähnten Hot-Girl-Sommers, aber ich verleugnete ihn damals. Ich traf eine Menge schlechter Entscheidungen und übertrieb es mit dem Daten und allem anderen (ich glaube, ich war auf etwa vier Reisen). Wenn ich jetzt aus meiner „autistischen“ Perspektive auf diese Zeit zurückblicke, wird mir klar, dass ich damals vor mir selbst und meinem Leben weglief und versuchte, mich auf jede erdenkliche Weise erfüllt zu fühlen.
Jetzt achte ich so sehr auf mich und meine Bedürfnisse wie nie zuvor. Mich zu verabreden, fällt mir jetzt aber schwerer, weil ich mir ständig all der gesellschaftlichen Normen und ungeschriebenen Regeln bewusst bin. Das wird durch das COVID-19-Risiko noch verstärkt, denn auch wenn ich mich an alle Regeln halte, habe ich keine Ahnung, ob die andere Person ihnen auch bisher gefolgt ist.
Es gibt so viel Subtext in jedem Gespräch, den ich nur mit Mühe entschlüsseln kann. Außerdem sprechen die meisten Leute nicht immer das aus, was sie tatsächlich denken. Mein Post-Diagnose-Ich ist sich dessen extrem bewusst, sodass ich jede kleine Interaktion überanalysiere. Das führt dazu, dass ich selbst bei Verabredungen ziemlich offen bin, was nicht immer gut ausgeht.
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Jetzt bin ich mir meiner sensorischen Probleme auch viel mehr bewusst. Es fällt mir schwer, ein Gespräch an einem belebten, lauten Ort zu führen, da ich die Hintergrundgeräusche nicht herausfiltern kann (ich wusste vorher nicht, dass das mit meiner ASS zusammenhängt). Außerdem ist mir jetzt klarer, wie unangenehm ich Blickkontakt finde. Das macht es schwieriger, auf Dates zu gehen.
Ich gebe in meinen Dating-Profilen nicht an, dass ich Autistin bin. Ich bringe es aber ziemlich schnell zur Sprache – ob in Nachrichten oder persönlich. Diese Störung definiert so viel von dem, was mich ausmacht – ich kann meinen Autismus nicht einfach abschütteln –, weshalb ich  „Autist:in sein“ im Gegensatz zu „Autismus haben“ vorziehe. Deshalb spreche ich meine ASS oft eher früher als später an.
Einer der Gründe dafür, warum ich das nicht in Profilen erwähne, hat mit dem Stigma zu tun, das in Zusammenhang mit Autismus noch existiert. Die meisten Leute haben eine sehr fixe, veraltete Vorstellung davon, wie diese Störung aussieht, und diese spiegelt nicht wider, wie ich bin. Wenn sie ASS hören, denken sie oft an Sheldon Cooper oder Dustin Hoffmans Rolle in Rain Man. Es gibt so viele Stereotypen, denen zufolge Autist:innen keine sozialen Fähigkeiten hätten, keine Beziehungen führen und kaum kommunizieren könnten. Doch keines davon trifft auf mich zu.
Autismus kann sehr unterschiedlich aussehen – unter anderem wie eine 24-jährige Frau mit rosa Haaren, die auf vier Dates hintereinander geht und es genießt, sich wieder zu verabreden. Wir werden sehen, wie diese Verabredungen laufen werden, aber zwei Dinge stehen fest: Ich werde nicht damit aufhören, darüber zu reden, dass ich Autistin bin, und ich werde deswegen nicht damit aufhören, zu daten.

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