Ich liebe es, Fremde aus Spaß anzulügen

Foto: Renell Medrano.
„Also, mein Freund würde mir vermutlich sagen, ich soll euch das nicht erzählen, aber: Ich stehe momentan total drauf, zu lügen.“
So beginnt Hollys TikTok über ihre „lying era“, ihre „Lügen-Ära“. In dem Video läuft sie schnell durch London und berichtet dabei von ihren neuesten Lügen. In einem Boxen-Kurs schwindelte sie zum Beispiel, sie sei richtig gut im Boxen, obwohl sie es noch nie gemacht hatte; und gegenüber Fremden in einem Pub behauptete sie, sie sei medizinische Fußpflegerin.
Irgendwas an diesem Konzept löste was in mir aus. Aus gutem Grund empfinden wir es als moralisch verwerflich, zu lügen. Das ist natürlich völlig gerechtfertigt: Wenn wir die Wahrheit verschleiern, können wir uns vor Verantwortung und Schuldzuweisungen drücken, das Vertrauen anderer Leute missbrauchen oder sie täuschen. Niemand würde wohl leugnen, dass Lügen mit einer bösen Absicht moralisch falsch sind.
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Aber Lügen aus Spaß, ohne daraus irgendwelche Vorteile zu ziehen? Das ist aufregend. Das ist irgendwie empörend. So, als würdest du den ganzen Quatsch in deinem Kopf in einer Bar auskippen, um zu schauen, was passiert.
Ich beschloss, mit Holly zu telefonieren (und natürlich lief sie währenddessen auch wieder hektisch durch London). Sie erklärt, dass sie zwar den meisten Spaß daran hat, Fremde anzuschwindeln; das Ganze ging aber anders los.
„Es fing in meinem Freundeskreis an. Irgendwann laberte ich einfach Quatsch, weil ich es lustig fand. Ich dachte mir irgendwas über meine Vergangenheit aus, so nach dem Motto: ‚Oh mein Gott, wisst ihr noch, als ich Kim Kardashian in der U-Bahn getroffen habe?‘ Alle waren natürlich total entsetzt und meinten: ‚Nein?!‘ Manchmal holte ich mir dann auch andere Freund:innen ins Boot, die meine Lüge stützten. Irgendwann musste ich dann aber zugeben, dass das gelogen gewesen war. Ansonsten würden sie wohl immer wieder danach fragen.“
Im Gespräch mit Freund:innen gibt es natürlich Grenzen darin, wie viel du dir wirklich ausdenken kannst. Schließlich kennen dich diese Leute wirklich. Klar kannst du die Grenzen dessen abtasten, wie viel sie dir wirklich glauben würden (wer würde jemals wem abkaufen, Kim Kardashian würde mit der U-Bahn fahren?), dir aber nicht einfach eine komplett neue Persönlichkeit zusammendichten. Das geht beim Smalltalk mit Fremden aber sehr wohl.
„Fremde anzulügen, war einfach cooler, weil ich bei denen ein völlig neuer Mensch sein konnte“, erklärt Holly. „Wenn du mit einer fremden Person sprichst und die dich total volllabert, denkst du vielleicht: Mir ist egal, was du erzählst. Dir ist egal, was ich erzähle. Dann kann ich mein Leben auch einfach ein bisschen interessanter gestalten. Das ist quasi, als sei ich Drehbuchautorin. Ich schreibe sozusagen meine Episode in Echtzeit. Das macht wirklich Spaß.“
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Wann sie sich diese Art von Geschichten ausdenkt, entscheidet sie spontan. Gegenüber Freund:innen lässt sie die Lüge aber immer auffliegen. 
„Solange du damit niemandem schadest, kannst du die Lüge auch so lange durchziehen, wie du willst. Es ist einfach lustiger, wenn die Person selbst irgendwann rafft, dass du Mist gelabert hast. Ich finde es herrlich, dass es da draußen jetzt irgendwo ein paar Typen gibt, die glauben, ich sei Fußpflegerin. Ich finde aber, bei Freund:innen sollten das nur total absurde Lügen sein.“
Holly ergänzt, dass sie diese Lügen aber nur als kleinen Spaß sieht, nicht als regelmäßige Gewohnheit. „Ich lüge natürlich nicht die ganze Zeit. Das wäre sehr anstrengend und auch nicht mehr lustig.“

Ich finde, Lügen sind okay, wenn sie schlichtweg der Unterhaltung dienen und du vielleicht jemandem was vorflunkern willst, der oder die dir in einer Kneipe das Ohr abkaut.

HOLLY
Irgendwas daran, auf diese Art zu lügen, wirkt gleichzeitig albern und unanständig. Es zeigt uns von einer schelmischen Seite, die wir sonst nur selten ausleben. 
Ich war davon ausgegangen, dass Psychotherapeut:innen dieses Verhalten als Symptom von etwas Tiefgründigem deuten würden. Ali Ross, Psychotherapeut und Sprecher vom UK Council for Psychotherapy (UKCP), bestätigt mir aber, dass es sogar etwas Gutes haben kann, ein bisschen zu schwindeln. 
„Wir nehmen die mentale Gesundheit und moralische Fragen so ernst, dass es manchmal sogar gesund sein kann, ein bisschen mit deiner Identität zu spielen“, sagt er und ergänzt, es könne sogar von Nutzen sein, sich solche Geschichten über sich selbst ausdenken zu können. „Das zeugt davon, dass du die künstlerische Ader hast, die es braucht, eine Story überzeugend rüberzubringen. Das ist ein Teil deines Charmes und sollte nicht zwangsläufig verurteilt werden, bloß weil du nicht immer die Wahrheit sprichst.“
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Trotzdem betont er, dass es dahingehend natürlich auch Grenzen gibt. „Es wird problematisch, wenn es zur Gewohnheit wird und du diese Geschichten erzählst, weil du in irgendeiner Hinsicht das Gefühl hast, nicht ‚genug‘ zu sein und deine Persönlichkeit aufbauschen zu müssen, um toleriert oder, noch schlimmer, geliebt werden zu können.“
Daher rät Ali dazu, den Kontext zu bedenken – wenn du zum Beispiel gerade in einer Bar neben einem Krankenhaus sitzt, solltest du nicht behaupten, du seist Chirurg:in –, und dich selbst hinter der Story nicht aus den Augen zu verlieren.
„Die Moral ist hier dieselbe wie auch überall sonst: Schade weder dir noch anderen. Manchmal fügen wir unabsichtlich Schäden zu. Das Verantwortungsbewusste, Menschliche, was du dann tun kannst, ist, diese Schäden anzuerkennen, dafür Verantwortung zu übernehmen und mit dem schädlichen Verhalten aufzuhören.“
Holly sieht das ähnlich. Sie findet, wir sollten unsere Wortwahl dahingehend anpassen. „Ich finde, wenn es eine sinnlose Lüge ist, ist das okay. Wir bräuchten dafür einen neuen Begriff. Das ist ja mehr eine Schwindelei als eine Lüge. Eine sinnlose Lüge ist auch nicht in derselben Kategorie wie eine Notlüge. Um das mal klarzustellen: Ich befürworte keine Form von Lügen, die Konsequenzen haben. Ich finde aber, Lügen sind okay, wenn sie schlichtweg der Unterhaltung dienen und du vielleicht jemandem was vorflunkern willst, der oder die dir in einer Kneipe das Ohr abkaut. Ich ziehe daraus ja keinen Nutzen. Niemand lobt mich dafür oder so. Ich vertreibe mir bloß die Zeit.“
In den letzten Jahren war das Leben stressig und überwältigend. Warum also nicht mal auf harmlose Art mit den eigenen Grenzen spielen? Die Welt ist düster genug. Da müssen wir uns unseren Spaß holen, wo wir ihn kriegen. Holly jedenfalls sieht das so: „Es ist ja bloß ein bisschen Unfug!“
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