You: Staffel 3 ist die bisher problematischste

Foto: JOHN P. FLEENOR/NETFLIX.
Penn Badgley als Joe Goldberg und Victoria Pedretti als Love Quinn in Episode 302 von „You“.
Triggerwarnung: Im folgenden Artikel geht es um Stalking und Gewalt an Frauen.
Achtung: Spoiler zur dritten Staffel von Netflix’ You direkt voraus!
Es ist die Jahreszeit für den Winterschlaf: Je früher es abends dunkel geht, desto seltener haben wir im Feierabend Bock, das Haus überhaupt noch zu verlassen. Und genau deswegen haben wir auch überhaupt kein schlechtes Gewissen, uns in unsere Decken einzukuscheln und den ganzen Abend auf dem Sofa zu verbringen. Dankenswerterweise liefern uns Netflix & Co. dazu mit Squid Game, Maidund dergleichen auch gerade jede Menge Binge-Material. Dazu gehört definitiv auch die dritte Staffel von Netflix’ extrem beliebter Psycho-Thriller-Serie You – Du wirst mich lieben.
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Als die Show 2018 anlief, erweckte You unsere Aufmerksamkeit vor allem durch seinen attraktiven Star: Gossip-Girl-Veteran Penn Badgley. Später ging es in Gesprächen über die Serie vor allem um ihre problematische Darstellung des „sexy Soziopathen“; größtenteils einigten wir uns dabei aber schon damals alle mehr oder weniger auf Meinungen wie „Die Serie ist so schlecht, dass sie wieder gut ist!“, oder: „Das ist alles so unrealistisch, dass es schon wieder harmlos ist!“

Den inneren Monolog und die Rechtfertigungen eines Mörders präsentiert zu bekommen – ihm überhaupt eine Stimme zu geben, ihn so zu vermenschlichen –, während er seine Taten an einer Frau begeht, ist zutiefst verstörend.

In Staffel 1 lernten wir Badgley als Joe Goldberg kennen, den einzelgängerischen Leiter eines New Yorker Buchladens, der sich auf den ersten Blick in die nichtsahnende Dichterin und angehende Autorin Guinevere Beck verliebt, die (zu ihrem Pech) eines Nachmittags durch Joes Geschäft schlendert. Hals über Kopf entwickelt Joe eine Besessenheit für Beck, stalkt sie, infiltriert ihren Freundeskreis, gewinnt sie schließlich für sich, kidnappt sie und ermordet sie am Ende der ersten Staffel. Und Beck ist nicht Joes einziges Opfer; im Laufe der Serie wiederholt sich dieser Kreislauf mehrmals. Jedes Mal, wenn Joe eine neue Frau kennenlernt, die – ohne es zu wissen – zum Zentrum seines Lebens wird, schlüpft er ihn seine lachhaft minimalistische „Verkleidung“ (eine schwarze Baseball-Cap) und macht sich ans Stalken. Dieser Ausflug wird meist von einem inneren Monolog begleitet, in dem er uns, dem Publikum, versichert, er wolle diese Frau ja bloß „retten“ oder sie „beschützen“ – ob nun vor schrecklichen Freund:innen, Ex-Partnern oder sogar sich selbst. Durch diese einseitige Erzählung wird uns eingeredet, Liebe sei hier der einzige Antrieb. Das Ganze passiere zu ihrem eigenen Wohl, heißt es.
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Penn Badgley als Joe Goldberg in Episode 302 von „You“.
Dank seiner superattraktiven Besetzung, eleganten Settings und absurden Plottwists (eine gläserne Gefängniszelle im Keller eines altbackenen Buchladens war das Highlight) fühlte sich You für mich so realitätsfern an, dass ich die unangenehmeren Vibes der Serie beim ersten Gucken gar nicht direkt bemerkte. Wie viele andere auch hatte ich mir also den Starttermin von Staffel 3 geistig abgespeichert – und als der große Tag dann kam, setzte ich mich vor meinen Fernseher, bereit, weitere zehn Episoden durchzusuchten.

Niemand würde Serien veröffentlichen, die als rassistisch oder homophob gelten – aber frauenfeindliche Shows gibt es jede Menge. Der Missbrauch von Frauen scheint niemanden wirklich zu kümmern, und Männer profitieren finanziell und anderweitig davon, ihn aufrechtzuerhalten.

Rachel Horman, Vorsitzende von PALADIN
Zu Beginn von Staffel 3 zieht der frischverheiratete Joe Goldberg in einen niedlichen Vorort von San Francisco, diesmal mit Frau und Baby im Gepäck. Seine besessenen Zwänge sind aber weiterhin unersättlich, und so erleben wir schon in der ersten Viertelstunde der neuen Staffel mit, wie er sich auf eine neue Frau fixiert: seine arme, nichtsahnende Nachbarin. Zuerst sichtet er sie durch den Gartenzaun und folgt ihr dann in die örtliche Bibliothek, gehüllt in die vermeintlich unschuldige Verkleidung, die ein vor den Bauch geschnalltes Baby mit sich bringt. Schließlich wartet er im Dunkeln auf dem Parkplatz eines Supermarkts darauf, dass seine neue Angebetete den Laden verlässt – und während sein innerer Monolog die Fantasie heraufbeschwört, sie „fühle dasselbe“ wie er, masturbiert er bei der Vorstellung vom Sex mit ihr. Ich hielt ganze 22 Minuten durch, bevor ich die Serie ausschaltete. Mein Magen hatte sich ordentlich umgedreht.
Zugegeben: Die Serie hat seit ihrer ersten Staffel kaum etwas an ihrem Format geändert. You ist noch immer so dreist und schockierend wie eh und je und hat auch nie behauptet, ein Aushängeschild für eine gesunde Moral zu sein. Doch verändert sich unsere echte Welt kontinuierlich weiter, und ich kann diese Beispiele für „Gewalt gegen Frauen als Entertainment“ nicht mehr so leicht verdauen. Noch dazu werde ich das Gefühl nicht los, dass sie eine sehr große Rolle darin spielen, gefährliche Narrative und ungesunde romantische Ideologien aufrechtzuerhalten. Schon allein die Entscheidung, einen objektiv attraktiven Schauspieler wie Penn Badgley einen Soziopathen spielen zu lassen, ist schädlich. 
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Penn Badgley als Joe Goldberg und Victoria Pedretti als Love Quinn in Episode 301 von „You“.
„Shows wie You festigen Probleme wie Stalking und männliche Gewalt gegen Frauen, indem sie sie normalisieren oder sogar als aufregend oder attraktiv darstellen“, betont die Anwältin Rachel Horman, Vorsitzende der britischen Organisation Paladin, die sich für Opfer von Stalking einsetzt. „Dadurch fühlen sich Täter:innen bestärkt und in dem Glauben bestätigt, Frauen würden diesen Missbrauch verdienen. Gleichzeitig melden dann womöglich manche Frauen solche Vorfälle nicht, weil sie dieses Verhalten von Männern im romantischen Kontext als ‚normal‘ empfinden. Männer und Jungs wiederum entwickeln eventuell den Glauben, diese Form der Verfolgung würde von Frauen nicht nur erwartet, sondern sogar begrüßt.“
Eine der verstörendsten Szenen aus You stammt aus der ersten Staffel, als Joe seine gewalttätigen Tendenzen gegen Becks Freundin Peach richtet. Völlig incognito unter seiner Baseball-Cap unterwegs, stalkt Joe Peach, während sie alleine joggt – und schlägt ihr dann in einer einsamen Ecke des Parks mit einem Stein auf den Hinterkopf. Die Worte, die ihm durch den Kopf gehen, während er Peach hinterhersprintet, dürften den meisten Leuten einen kalten Schauer den Rücken hinabjagen: „Sie hat mir keine andere Wahl gelassen. Was ich für dich tue, ist mutig. Es ist schwer – manchmal fühle ich mich dabei richtig übel. Wie viele Männer würden wirklich alles für die Liebe tun?“ Den inneren Monolog und die Rechtfertigungen eines Mörders präsentiert zu bekommen – ihm überhaupt eine Stimme zu geben, ihn so zu vermenschlichen –, während er seine Taten an einer Frau begeht, ist zutiefst verstörend.

Das einzig Positive an Serien wie [You] ist, dass sie manchmal Debatten wie diese hier lostreten, in denen es darum geht, wie falsch das alles ist – und trotzdem werden die Serien immer wieder verlängert, weil sich der Missbrauch von Frauen eben gut verkauft.

RACHEL HORMAN, Vorsitzende von PALADIN
Auch in dieser neuen Staffel bekommen wir zwischendurch Flashbacks aus Joes Kindheit zu sehen, aus denen klar wird, dass er heftig missbraucht wurde. In der ersten Folge wird er uns als verängstigter, gemobbter Schüler präsentiert, der erleichtert aufatmet, als es ihm gelingt, sich vor einer Gruppe brutaler Jungs in einen Schrank zu retten. Diese kleine Story soll uns, das Publikum, zum Mitgefühl für Joe ermutigen, vielleicht sogar seine soziopathischen Neigungen rechtfertigen. Leider spiegelt dieser Plot wider, wie wir in der Presse viel zu oft dazu angehalten werden, Mitleid für gewalttätige Männer zu entwickeln; immer wieder heißt es, „viel Stress“, „Trennungen“ oder „traumatische Kindheitserfahrungen“ seien die Auslöser ihrer Verbrechen gewesen.
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Jack Fisher als Joe in Episode 309 von „You“.
„Das ist bloß eine Ausrede dafür, wenn gewalttätige oder missbräuchliche Männer erwischt werden“, meint Horman. „Eine eigene schlimme Vergangenheit sollte eigentlich bedeuten, dass man ein Gefühl dafür hat, wie viel Schaden so etwas anrichten kann. Man sollte dadurch selbst mit geringerer Wahrscheinlichkeit zum Täter oder zur Täterin werden. Und tatsächlich scheint dieses Phänomen fast nur Männer zu betreffen; Frauen, die als Mädchen missbraucht wurden (und das kommt deutlich häufiger vor als bei Jungs), haben meist keine unaufhaltsamen Tendenzen zum sexuellen Missbrauch oder sogar Mord an anderen. Die Menge an Ausreden, die sich Männer für ihr Verhalten einfallen lassen, ist entsetzlich. England verliert im Fußball, also lassen Männer ihren Frust an ihren Partner:innen aus. Heißes Wetter, Jobverlust, Corona, Weihnachten, Alkohol, Drogen, Kindheit, meckernde Frauen, ein fehlendes sexuelles Selbstbewusstsein – all das sind Ausreden für männliche Gewalt an Frauen. Diese Leute müssen Verantwortung für ihr Verhalten übernehmen und damit aufhören, Frauen zu missbrauchen. Darum geht es hier.“
Gerade erst hat sich Netflix’ Co-CEO Ted Sarandos nach der Kontroverse rund um die transphobischen Kommentare des Comedians Dave Chapelle in dessen aktuellem Netflix-Special folgendermaßen verteidigt: „Wir sind davon überzeugt, dass sich Content auf dem Bildschirm nicht direkt schädlich auf die echte Welt überträgt.“ Als allerdings Netflix’ Teen-Serie Tote Mädchen lügen nichtmit einem Zuwachs in Selbstverletzungen und Suiziden unter Jugendlichen in Verbindung gebracht wurde, wurde die Show nachträglich mit Triggerwarnungen versehen sowie um mehrere Szenen gekürzt. 
Foto: JOHN P. FLEENOR/NETFLIX.
Staffel 1 von „You“.
„Ich finde, dass die Medien eine große Verantwortung dafür tragen, welchen Content sie produzieren“, ergänzt Horman. „TV-Sender oder Streaming-Anbieter würden niemals Serien veröffentlichen, die als rassistisch oder homophob gelten – aber frauenfeindliche Shows gibt es jede Menge. Der Missbrauch von Frauen scheint niemanden wirklich zu kümmern, und Männer profitieren finanziell und anderweitig davon, ihn aufrechtzuerhalten. Das einzig Positive an Serien wie [You] ist, dass sie manchmal Debatten wie diese hier lostreten, in denen es darum geht, wie falsch das alles ist – und trotzdem werden die Serien immer wieder verlängert, weil sich der Missbrauch von Frauen eben gut verkauft.“
Die dritte Staffel von You ist gerade erst angelaufen, und schon jetzt steht fest: Es wird eine vierte Staffel geben. Wir wissen schon ewig, dass das, was wir auf unseren Bildschirmen gezeigt bekommen, unsere reale Welt beeinflusst, und selbst der Titel der Serie – You, „du“ – steht für die homogene Masse an Frauen, die jeden Tag Männern wie Joe zum Opfer fallen. Ja, You ist eine trashige, amerikanische Show, die uns schockieren und unterhalten soll, sich dabei aber nie als moralische Kritik an missbräuchlichen Täter:innen ausgegeben hat. So weit verbreitet, wie Gewalt an Frauen aber in unserem Alltag noch immer ist, sollten Filme und Serien doch allmählich mehr Verantwortung für diese verstörenden, verherrlichenden Narrative übernehmen. Und genau deswegen erkläre ich meine Beziehung mit You hiermit offiziell für beendet. 

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